Dieser Mann hütet über 40.000 Partyflyer

Natürlich in einem klimatisierten Raum, nach Regionen und alphabetisch geordnet. Uns hat er die schönsten Designs gezeigt.

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01 Dezember 2016, 3:24pm

Von einer armen Seele irgendwo auf der Straße mit einem Flyer behelligt zu werden, ist nervig. Sehr nervig. In etwa so nervig, wie mit dem Finger in den Bauch gezwickt zu werden, nervig ist. Aber dann doch bei Weitem nicht so nervig wie der Typ, der morgens neben dir im Zug die Käsleberkäsesemmel auspackt. Und auch nicht so nervig, wie mit einer Gruppe Vlogger in einer Bar festzuhängen. Das Nervige an Flyern ist diese vermeintliche Nebensächlichkeit. Jedes Faltblatt, jeder Flyer und jeder miserabel formulierter Wisch, den du in die Klumpatschublade deiner Küche packst, ist, wie sich den metaphorischen Zeh immer wieder an der metaphorischen Bettkante anzustoßen. Flyer sind Spam in seiner realen, seiner physischen Manifestation.

Partyflyer hingegen sind ziemlich cool. Im Gegensatz zum zerknüllten Angebot des Pizza-Burger-Indisch-Chinesisch-Kebap-Lieferanten gehören Partyflyer in die Kategorie der Dinge, die Menschen gerne aufbewahren. Sie sind Erinnerungen an Nächte, an die es sonst keine Erinnerungen mehr gibt. Vor ein paar Wochen erst haben unsere britischen Kollegen einen idiotensicheren Guide zusammengestellt, damit auch deine Party-Promo nicht scheiße aussieht. Seitdem sind wir in Kontakt mit einem gewissen Matthew Johnson. Matthew leitet das Rave Preservation Project und ist in dieser Funktion Herr über 40.000 Flyer, die er alle sorgsam und wohltemperiert aufbewahrt. Natürlich haben wir uns die Gelegenheit nicht entgehen lassen und den guten Mann zu seinem beeindruckenden Flyer-Archiv befragt.

Noisey: Matthew, wann hast du damit begonnen, Flyer zu archivieren?
Matthew Johnson: Als ich anfing, auszugehen. In den späten 80ern lief alles über Hörensagen. Für den Underground-Kram gab es nicht allzu viele Flyer. Ich hatte eine Schachtel voll damit und vor etwa 20 Jahren kam ich auf die Idee, sie aufzubereiten und mit meinen Freunden zu teilen. Vor ein paar Jahren bekam ich auch endlich die Gelegenheit dazu. Ich hatte gerade bei der Arbeit nicht viel zu tun und ging meine Schachtel durch. Ich habe es nur für mich selbst und meine Freunde als eine Art Erinnerung gemacht. Sobald die Seite online ging, wollten mir auch meine Freunde ihre Sammlungen geben und von da ging es dann so weiter.

Wie lagerst du die Sammlung? 
Sie befindet sich in unserem Haus in Oregon, USA, in den Bergen. Der Raum ist klimatisiert und alles ist sehr organisiert und geographisch und alphabetisch sortiert. Ich weiß also genau, wo alles ist. Die Flyer sind jedenfalls gut aufgehoben. Wenn ich etwas Neues bekomme, entferne ich als erstes den Kleber von den Postern und reinige alles. Die Sammlung ist sehr gut kuratiert.

Was für Menschen hast du durch das Projekt kennengelernt?
Ganz verschiedene; auch Veranstalter und DJs. Die meisten Menschen, die mir Sachen zusenden sind alte Raver, die während der Goldenen Ära in der Szene unterwegs waren. Manche sind Ladenbesitzer und haben Rave-Shops oder Plattenläden gehabt. Andere sind Sammler, die selbst nie ausgegangen sind, aber das Zeug gesammelt haben. Je weiter sich die Nachricht über meine Sammlung verbreitet, desto mehr Zeug kommt aus aller Welt bei mir an.

Was macht Flyer für dich so interessant?
Dass sie sich regional so sehr unterscheiden. In den USA waren sie computergeneriert und grafisch, in Westeuropa hingegen gemalt und illustriert. Viele Menschen, die hier mit dem Undergroundding angefangen haben, waren Musik- und Techniknerds. Das hat sich auch in der Werbung für die Partys widergespiegelt. Sie verwendeten E-Mail-Listen, als kaum jemand Internet hatte, und Telefonketten. Es war nicht so groß und mainstream wie heute. Daraus sind dann später buntere und abgefahrenere Dinge entstanden

Wie sieht die Zukunft deines Projekts aus?
Ich werde es einfach ständig ausbauen. Leute fragen immer mal wieder, ob ich einen Ort bauen will, in dem sich Menschen die Sammlung anschauen können, oder damit auf eine Ausstellungstournee gehe. Ich sehe das allerdings nicht kommen, weil ich den Kram schließlich bewahren möchte und darüber hinaus die Nachfrage wahrscheinlich nicht groß genug ist. Ich nehme also weiter Spenden an und lasse die Seite wachsen. Irgendwann möchte ich eine Reihe von Bildbänden machen. Geld will ich damit nicht groß machen. Es ist bloß meine Art, der Gemeinschaft etwas zurückzugeben, die mir so viel gegeben hat.

Wir haben Matthew natürlich auch noch darum gebeten, uns seine fünf Lieblingsdesigns auszusuchen. Hier ist seine Auswahl:

1. Citrusonic

"Citrusonic war eine Partyreihe in Los Angeles. Die DJs waren immer gut. Ich mag die Farbkombination und das Design. Der Flyer ist aus dickem Papier—keine Pappe aber fast so dick."

2. Curious George

"Ich war selbst nicht bei der Veranstaltung, aber mir gefällt das Freche an dem Flyer!"

3. Toon Town

"Toon Town war eine der ersten 'Massives' in der Bay Area. Tolle Partys, tolle Flyer und tolle Poster. Das Design dieses Flyers ist so simpel, dass du ihn einfach lieben musst. Die farbige Teil hebt sich vom Papier ab, was dem Flyer eine schöne haptische Note gibt."

4. UFOs are Real

"Das ist ein Flyer für eine weitere Toon Town-Veranstaltung. Ich habe aus diversen Gründen eine Schwäche für alles, was irgendwie mit UFOs zu tun hat. Die Party selbst war auch super!"

5. Wicked

"Wicked ist eine Crew aus England, die in den frühen 90ern Partys in der Bay Area veranstaltet hat—darunter ein paar meiner Lieblingspartys überhaupt. Die Flyer waren auch immer sehr clever."

Dieser Artikel ist zuerst bei THUMP erschienen.

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