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Thump

Du bist pleite und willst trotzdem Musik produzieren? Kein Problem

"Kauf D'n'B-Platten, die niemand will, und spiel sie auf 33 statt 45 RPM ab"
22.11.16
Header: Ist das Becken erst ruiniert, produziert es sich ganz ungeniert. Screenshot aus "TORTURED CYMBALS" von Vimeo/tim prebble. Dieser Artikel ist zuerst bei THUMP erschienen.

"Du, da ist eine Promo von Edeka in meinem Postfach." "Gott, schon wieder Weihnachten? Direkt in den SPAM!" "Nein, es ist Musik. Der Produzent heißt anscheinend so – und die Platte Preissenkung, haha." "Gekauft!"

Nachdem wir die Promo des mysteriösen, aber genial betitelten Acts namens Edeka in letzter Nanosekunde vor dem Löschen bewahrten, hat uns der Stream der beim Berliner Label SPE:C erschienen EP umgehauen. Der launige Dubtechno von Tracks wie "Preisreduzierung" und "Karton Gespart" erweist sich als erstklassige Ware. Hier versteht jemand was von Ressourceneinsatz. Und da uns die zuständige Promoagentur glaubhaft versichern konnte, dass die sich hinter Edeka versteckende Person sich bestens mit Musik-Hardware und -Produktion auskennt, wussten wir, was wir brauchen:

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eine Liste echter Schnäppchen bei der Musikproduktion. Präsentiert von Edeka.

1. Kauf dir keine Analog-Hardware

Edeka: Ich weiß, dass es bescheuert klingt, sich Ratschläge von jemandem zu holen, der sich nach einer Supermarktkette benannt hat. In der Welt der elektronischen Musik im Allgemeinen und im Techno im Besonderen ist man allerdings von Analog-Hardware besessen. Dort hält sich hartnäckig die Vorstellung, dass ein Sound mehr wert, ja "authentischer" ist, wenn du ihn komplett selbst erzeugst – mit einem Modular-Synthesizer zum Beispiel. Natürlich haben diese Produkte durchaus ihre Vorzüge, aber der Analogfetisch wird schnell zu einer beliebten Ablenkung für Menschen, die eigentlich nur mit ihrer Musik unzufrieden sind. Instrumentenhersteller und Websites manipulieren diese Schwäche von Menschen gerne, indem sie die Idee beständig vorantreiben, dass sie unbedingt analog brauchen. Es ist schwieriger – aber Millionen Mal wichtiger – der Tatsache ins Gesicht zu blicken, dass du bereits alles hast, was du brauchst, um die Musik zu machen, die du möchtest. Und wenn du wirklich unbedingt diesen alten Drum-Machine-Sound haben willst, findest du hier Samples von so ziemlich jeder Drum-Machine, die es jemals gegeben hat.

2. Alles, was du brauchst, ist ein Handy und eine Internetverbindung

Das Internet ist eine Audio-Quelle, die ihresgleichen sucht. Der einzige Ort, an dem du noch mehr Klänge findest, ist wahrscheinlich die Erde selbst. Benutz ein Programm wie Soundflower, um alles aufzunehmen, was dir zu Ohren kommt, wenn du im Netz unterwegs bist. Wenn du unbedingt die "Wärme analoger Instrumente" haben willst, dann sample halt ein paar HD-Videos von Nerds, die auf ihren teuren Synthesizern rumspielen. Du kannst auch einfach ganz viele unterschiedliche Klänge aufnehmen – von Avantgarde-Musik, Klassik, Pop über Dokumentationen, Filme, Nachrichtensendungen bis hin zu Volksmusik oder was auch immer – und alles zusammen in das gleiche Projekt packen. Natürlich wird Manches davon überhaupt nicht zusammenpassen, aber dann schmeißt du einfach wieder fleißig Sachen raus, bis dir ein paar Sounds bleiben, die miteinander funktionieren.

Benutz außerdem dein Handy, um Geräusche aus deinem Alltag aufzunehmen. Erinnerst du dich an die Szene in Berlin Calling, in der Paul Kalkbrenner die U-Bahn-Türen aufnimmt? Erinnerst du dich an Zac Efron in We Are Your Friends, der die Nagelpistole aufnimmt? Beides sind richtige Visionäre. Du solltest dir beide zum Vorbild nehmen und deine individuellen Aufnahmen mit den ganzen Dingen vermischen, die du aus dem Internet gesamplet hast.

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Am einfachsten – und billigsten – ist es, das Zeug mit kostenlosen Samplern zu verarbeiten. Die findest du hier.

Pitch die Geräusche hoch und runter, spiel sie langsamer oder schneller ab. Hau ein paar Effekte drauf. Es ist wirklich nicht so schwer – oder teuer – ein paar sehr interessante Sounds zu kreieren. Und wenn du jetzt diese Zeilen ließt und dir dabei denkst "aber diese ganzen Soundquellen sind Low-Fi. Dann hört sich meine Musik am Ende doch mega beschissen an", dann sei dir gesagt, dass viele deiner Lieblingsproduzenten auf diese Art und Weise Musik machen. Wenn die Musik gut genug ist, spielt die Fidelity keine große Rolle.

3. Wenn du dir ein Instrument kaufen willst, dann verschwende kein Geld für ein "Instrument"

Diese Feder kostet weniger als 60 Euro. Allein mit diesem Ding und einem Computer könntest du jeden einzelnen Industrial-Techno-Track nachbauen, der jemals produziert worden ist. Oder noch besser: Bau dir für etwa fünf Euro deine eigenen Kontaktmikrofone und befestige sie an Dingen.

Kombiniert mit deinen Handy-Aufnahmen, dem YouTube-Sampling, kostenlosen Drum-Machine-Samples ist es gar nicht so abwegig, dass du etwas erschaffst, das spannender ist als der Großteil von dem, was tagtäglich auf Vinyl erscheint.

4. Kauf Drum'n'Bass-Platten, die niemand will, und spiel sie auf 33 statt 45 RPM ab

Manchmal geht es bei der Schnäppchensuche darum, sich selbst ein Schnäppchen zu machen. Dir gefällt der Sound dieser Drum'n'Bass-Produktion von 2001 vielleicht nicht. Eigentlich ist sie wertlos. Aber wenn du sie auf deinem Plattenspieler auf 33 abspielst, hast du plötzlich einen komplexen Breakbeat-Techno-Track vor dir, den sonst niemand spielt. Schüler von Walter Benjamin werden dich dazu beglückwünschen, einem verfallenen Kunstwerk neues Leben eingehaucht zu haben. Techno DJs, die sich nach der Track ID erkundigen, werden voller Ehrfurcht einen Schritt zurück machen, wenn sie erkannt haben, dass sie niemals so einfallsreich oder kreativ sein werden wie du. Du lehnst dich in der Zwischenzeit zurück und zählst die neun Euro, die du gespart hast. Aber gut, Spaß beiseite. Es gibt wirklich tausende grauenvoller Drum'n'Bass-Platten, die für einen Euro weggehen und sich obendrein auch noch toll auf 33 anhören. Du brauchst nur darauf zu achten, dass sie tatsächlich für 45 RPM ausgelegt sind.

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5. Sei dein eigener Meister

Es ist noch nie so leicht gewesen, Musikproduktion zu erlernen. In der Vergangenheit waren die Hürden für den Einstieg noch erheblich höher. Jetzt kannst du zu jedem Problem, mit dem du dich vielleicht rumschlagen musst, das passende Listicle lesen – wie dieses hier. "Wie du deine Kick und deinen Sub balancierst", "Wie du parallele Kompression verwendest" und so weiter. Das ist einfach großartig. Aber ich würde auch davor warnen, sich zu sehr darin zu verlieren. Auch wenn die Information wertvoll sein kann, denkt man zu schnell in Kategorien wie richtig und falsch. OK, aber warum genau ist das jetzt schlecht?

Nun, schau dir die ganzen Stile an, die unsere Art Musik zu machen, revolutioniert haben: Dub, Rock'n'Roll, Punk und frühe Club-Musik zum Beispiel. Sie waren revolutionär, weil sie auf eine Art und Weise produziert worden waren, die den gängigen Methoden widersprach. Ein professioneller Musiker hätte niemals einen Gitarrenverstärker maßlos übersteuert, ein Tape-Echo in eine kreischende Feedbackschleife geschickt oder einen Haufen Spielzeug verwendet, um ein neues Genre zu erfinden. Allzu oft, müht sich ein Produzent mit dem EQ oder Kompression ab, wenn er sich eigentlich gar nicht um solche kleinen Details bemühen sollte. Lass technisches Wissen kein Krückstock werden, der dich davon abhält, wirklich etwas zu machen.

Edeka Preissenkung EP ist auf SPE:C erschienen.

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