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The Humongous Fungus Among Us Issue

Die Pest kehrt zurück nach Madagaskar

Wir waren in Madagaskar, weil Beranimbo im Herbst 2013 zum Epizentrum eines Pestausbruchs geworden war, der landesweit zu fast 600 Erkrankungen und 90 Todesfällen geführt hatte.

von Benjamin Shapiro
05 September 2014, 2:00pm

Madagassische Pestexperten sektieren eine möglicherweise infizierte Ratte. Fotos von Lucian Read

Der Hubschrauber, in dem ich saß, drehte bei und begann sich langsam in Richtung einer Lichtung im Zentrum von Beranimbo herabzusenken, einem Dorf mit vielleicht 80 palmgedeckten Hütten, tief im Inneren des nördlichen Hochlands Madagaskars. Mein Pilot, ein stämmiger deutscher Auswanderer namens Gerd, hatte schon einen ersten Versuch unternommen, den schwankenden einmotorigen Helikopter zu Boden zu bringen, die Landung aber abgebrochen, nach dem die Rotoren so heftig Staub aufgewirbelt hatten, dass nichts mehr zu sehen gewesen war.

Als wir ein paar Stunden zuvor die dreistündige Reise von Madagaskars Hauptstadt Antananarivo nach Beranimbo angetreten hatten, schien Gerd euphorisch. Der Job war ungewöhnlich für ihn, da er sein Geld normalerweise eher damit verdiente, Filmteams in ländliche Gegenden zu fliegen, die dort Naturaufnahmen/B-Roll-Material für Ökotourismus-Dokumentationen filmen, für gewöhnlich über Lemuren. „Soll ich mal in den Senkflug gehen?“, fragte er und bevor ich ihn fragen konnte, was er damit meinte, stürzten wir schon nach unten und dicht über die Kuppen der Hügellandschaft hinweg.

Wir waren hier, weil Beranimbo im Herbst 2013 zum Epizentrum eines Pestausbruchs geworden war, der landesweit zu fast 600 Erkrankungen und 90 Todesfällen geführt hatte. Aus Madagaskar sind weltweit die meisten neuen Erkrankungen bekannt. Bekannt ist die Krankheit wohl am ehesten als der Schwarze Tod—eine Plage, die im Allgemeinen mit dem Mittelalter in Verbindung gebracht wird, als sie, ausgelöst durch Ratten, Flöhe und schlechte Hygiene, für den Tod von zwischen 75 und 200 Millionen Menschen verantwortlich war. In den Entwicklungsländern ist die Krankheit nach wie vor eine ernstzunehmende Gefahr; Beobachter der globalen Gesundheitsentwicklung zählen bis zu 2.000 Erkrankungen pro Jahr, die große Mehrheit davon in Madagaskar.

In den 1930ern dämpfte die Ausbreitung von Antibiotika die klinische Gefahr der Krankheit entscheidend und merzte sie schließlich fast völlig aus, zumindest in der westlichen Welt. Epidemiologen warnen aber seit Jahren, dass die Gefahr einer schnellen Ausbreitung der Krankheit im ländlichen und urbanen Raum in Madagaskar besonders hoch sei. Ich wollte herausfinden, wie gefährlich diese mittelalterliche Krankheit im 21. Jahrhundert tatsächlich ist und warum sie in dieser Ecke der Welt überleben konnte.

Hubschrauber sind in Beranimbo eine Seltenheit und ziehen immer große Aufmerksamkeit auf sich, da sie normalerweise Helfer des Roten Kreuzes in den Ort bringen. Als wir endlich einen geeigneten Platz für die Landung gefunden hatten, kamen die Dorfbewohner von der staubigen Ansammlung der Hütten zu uns herübergerannt, um uns zu begrüßen.

Nachdem wir ausgestiegen waren, wurde ich dem Dorfältesten vorgestellt, einem dünnen älteren Mann in einer leichten Jacke und mit einem Safarihut. Um unsere Ankunft zu feiern, hatte er die Schlachtung eines Zebus organsiert, einer Art Hausrind mit einem großen kamelähnlichen Höcker, das es nun zum Mittagessen geben sollte. Dem Tier wurde die Kehle durchschnitten und ich wurde zu Rasoa Marozafy begleitet, einem 59 Jahre alten Vater von sieben Kindern. Rasoa war ein Überlebender der Pest und einer der Gründe, warum ich an diesen Ort gekommen war.

Wie alle anderen Dorfbewohner ist Rasoa ein schmächtiger Typ und eindeutig chronisch unterernährt. Er musterte mich scharf von oben bis unten, bevor er mir die Hand zu dem traditionellen madagassischen Handschlag entgegenstreckte, bei dem die linke Hand das rechte Handgelenkt umfasst hält, während man die Handfläche seines Gegenüber für einen kurzen Augenblick umgreift und die Hand dann wieder sinken lässt.

Das entlegene Dorf Beranimbo, das Epizentrum der Pest, die das nördliche Hochland Madagaskars im Herbst 2013 heimsuchte. Foto des Autors.

Im September 2013, zu Beginn der heißen Regensaison, wurde Beranimbo von einer rätselhaften Pestilenz ereilt.

Der erste Fall war der von Rasoas Cousin, einem Maisfarmer, der plötzlich erkrankte und starb. Der Tradition folgend wurde seine Leiche ins Dorf getragen, wo er noch eine Woche liegen blieb, während man die Bestattung vorbereitete.

Rasoas Beschwerden begannen ein paar Tage später. Der Horror begann mit einem hohen Fieber und schneidenden Schmerzen in der Brust, die ihm in glühenden Blitzen durch den Oberkörper schossen. Einen Tag später litt er unter heftigen Hustenanfällen, bei denen er schwarze Blutklumpen ausspuckte. Schmerzhafte Blasen bildeten sich in seinen Armbeugen und an seinen Leisten, und binnen 24 Stunden traten dieselben Symptome bei seiner Frau Veloraza auf. Als dann auch noch der örtliche Heiler erkrankte, verfiel Beranimbo in offene Panik. Kranke und sterbende Dorfbewohner schleppten sich durch den Dschungel in Richtung anderer Siedlungen, von denen sie hofften, dass sie noch nicht kontaminiert seien, und verschleppten die unbekannte Krankheit so quer durch die Hochebene. Bis Mitte Oktober brach die Krankheit so in vollem Umfang aus. Rasoa und Veloraza, die Angst hatten, andere mit der unbekannten Krankheit anzustecken, wanderten in den Dschungel, um zu sterben.

Die Krankheit verbreitete sich weiter unkontrolliert quer durch das Hochland, bis nach einigen Wochen schließlich eine Handvoll Dorfbewohner in das nahegelegene Städtchen Mandritsara humpelten. Die ersten Untersuchungen der örtlichen Ärzte stießen auf die für das Leben auf dem Land typischen Risikofaktoren: geringes Körpergewicht, chronische Unterernährung, fehlende Hygiene. Aber dann wies man bei den Erkrankten schließlich auch das Bakterium Yersinia Pestis nach, das für das Auftreten der Pest verantwortlich ist.

Regionale Verantwortliche des Roten Kreuzes wurden be­nachrichtigt und machten sich am 5. Oktober auf den Weg. Als die Helfer den Ort erreichten, warteten Rasoa und Veloraza noch immer im Dschungel auf den Tod, und die Freiwilligen schickten die Dorfbewohner los, nach ihnen zu suchen. Es dauerte einen ganzen Tag, bis man sie fand und in den Ort zurücktragen konnte, wo man ihnen zwei starke Antibiotika, Tetrazyklin und Streptomycin, spritzte. Nach wenigen Tagen war die mysteriöse Krankheit verschwunden.

Nach ein paar Wochen waren Rasoa und Veloraza komplett genesen. „Jetzt werden wir uns nie trennen“, sagte Veloraza, die mit Tränen in den Augen neben ihrem Ehemann saß. Bis zu ihrer Behandlung hatte sie noch nie etwas von der Pest gehört. Ich nahm einen tiefen Atemzug trockener Luft und fragte sie, was für Folgen die Krankheit für das Dorf gehabt habe.

„Folgen?“, sagte sie verächtlich in traditionellem Madagassisch. Ihre Wut brauchte keinen Übersetzer. „Sie hat die Leute umgebracht“, sagte sie. „Das waren die Folgen. Sie hat getötet. Wir dachten, wir würden sterben.“

Die Dorfbewohner bereiten ein Zebu zum Mittagessen vor.

Ich bin im Jahr der Ratte geboren. Wenn ich als kleiner Junge die bedruckten Matten unter den Serviertellern mit den Wan Tans oder den Lo-Mein-Nudeln durchlas, war ich immer stolz auf mein chinesisches Sternzeichen gewesen. Es ist das erste Zeichen des chinesischen Tierkreises, genau wie Widder, mein Aszendent in der westlichen Astrologie. Ich interpretierte die Ratte weniger als einen aufdringlichen, dreckigen Schädling, sondern eher als einen fleißigen, instinktiven Lebenskünstler. Dennoch teilen die meisten Leute dieses Bild der Ratte nicht. Und obwohl sie in der menschlichen Beliebtheitsskala für das Tierreich vielleicht noch ein Stück über Kakerlaken rangieren, haben die Ratten ganz sicher eine der niedrigsten Stellungen, weit hinter Krähen, Fledermäusen und sogar Tauben. Die Musophobie, die Angst vor Mäusen und Ratten, geht bis zur Entstehungszeit der frühesten Zivilisationen zurück, als die Ratten in die ersten Getreidesilos kletterten und die Nahrungsvorräte kontaminierten.

Seit jeher werden die Tiere wegen ihrer Fähigkeit, eine absurd lange Liste von Krankheiten übertragen zu können, gefürchtet—darunter Rattenbißfieber, Kryptosporidiose, Leptospirose und natürlich die Beulenpest, die mit Abstand gruseligste der großen Seuchen. Im Laufe der Geschichte sind der Pest eine ganze Reihe von Spitznamen angehängt worden, die die Größe der ihr innewohnenden destruktiven Kraft versinnbildlichen sollen: der Schwarze Tod, die Große Pest, das Große Sterben, die Große Pestilenz, der Rote Tod—gemeinhin ist sie heute aber als die Beulenpest bekannt.

Natürlich gäbe es sehr viel mehr über die Krankheit zu sagen, als die meisten Leute wirklich wissen wollen—es kommt ein wenig darauf an, wie neugierig man ist. Wie viele fantasy-begeisterte Mittelschüler begann ich mich irgendwann für das Mittelalter zu interessieren. Und daraus entstand dann ein spezielles Interesse an der Pest. Seit der Zeit der Philister, wo sie um 1320 vor unserer Zeitrechnung zum ersten Mal erwähnt wird, hat sie zum Tode von geschätzten 300 Millionen Menschen geführt, und nach wie vor gibt es keinen sicheren Impfstoff gegen sie. Das Bakterium Y. Pestis hat sich als unausrottbar erwiesen.

„Es ist eine Krankheit für einen bestimmten Ort und eine bestimmte Zeit“, sagte mir Dr. Tim Brooks vor meiner Abreise am Telefon. Dr. Brooks ist ein britischer Epidemiologe, der sich bei der vom britischen Gesundheitsministerium betriebenen Agentur Public Health England in der Abteilung für seltene und importierte Pathogene auf die Pest spezialisiert hat. „Und heute ist eigentlich nicht mehr ihre Zeit.“ Aber auch, wenn es heute vielleicht nicht wirklich ihre Stunde ist, heißt das noch lange nicht, dass sie sich derweil brav die Zeit im Wartezimmer vertreibt. Genau genommen gab es bisher drei große Pandemien der Krankheit. Die erste war im 6. Jahrhundert, dann kam der sogenannte Schwarze Tod von 1347 und schließlich die sogenannte Dritte Pandemie, deren Ausbreitung im 19. Jahrhundert begann, und von der man, je nach Grad des Zynismus deines Epidemiologen, sagen kann, dass sie in kleinerem Maßstab bis heute auf allen Kontinenten fortdauert. Sie taucht gelegentlich sogar in den USA auf, wo jährlich durchschnittlich sieben Fälle registriert werden, die meisten im Westen des Landes. Die Zahl der Fälle ist im 21. Jahrhundert zugegebenermaßen sehr niedrig. Billige Antibiotika wie Doxycyclin—dasselbe Zeug, dass dir dein Hausarzt für eine Blasenentzündung verschreibt—heilen die Pest in fast 100 Prozent der Fälle. Mein Arzt erklärte mir, was ich tun sollte, falls ich davon ausging, mich mit der Pest angesteckt zu haben, und versicherte mir, dass ich so gut wie sicher nicht sterben würde, wenn ich sofort die nötigen Schritte unternähme.

Das „so gut wie“ setzte mir etwas zu. Ich kam nicht umhin mir auszumalen, wie die letzten Tage meines Lebens ablaufen würden, wenn ich mich irgendwie in einem entlegenen Dorf Madagaskars mit der Pest infizieren und zu schnell zu krank werden würde, um mich um Hilfe zu kümmern. Das läuft dann so: Bei unbehandelten Fällen wird eine Inkubationsphase von zwei bis sechs Tagen von einem heftigen Ausbruch von grippeähnlichen Symptomen gefolgt. Schmerzhafte Beulen bilden sich dann häufig in der Leistengegend, den Achselhöhlen oder am Hals. Wundbrand färbt die Extremitäten schwarz und man hustet oder erbricht Blut.

Die Beulenpest ist die häufigste Form und trägt ihren Namen aufgrund der entzündeten Schwellungen—sie wird gelegentlich auch nach dem altgriechischen Wort „bubon“ für Leiste Bubonenpest genannt. Die Lungenpest kann als eine direkte Folge der Beulenpest auftreten, wenn die Krankheit die Lungen erreicht und sich wie eine Grippe auszubreiten beginnt. Die dritte und seltenste Form der Krankheit, die Pestsepsis, tritt auf, wenn die Bakterien direkt in die Blutbahn gelangen.

Bei allen drei Formen der Pest werden die Erkrankten von wiederholten Schwindelanfällen und alzheimerähnlichen Bewusstseinsstörungen heimgesucht, sie verfallen ins Koma und verbluten innerlich. Die Todesrate unbehandelter Pesterkrankungen liegt bei 40-60 Prozent, wobei der Tod nach circa vier Tagen eintritt. Die Lungenpest, die sich wie die Grippe verbreitet, hat eine noch höhere Sterblichkeitsrate (von fast 100 Prozent) und schreitet zudem schneller voran als ihr bubonischer Cousin—ihr menschlicher Wirt ist unbehandelt meist nach wenigen Tagen tot.

Das Symptom, das natürlich als Erstes mit der Pest assoziiert wird, sind die Beulen: geschwollene Lymphknoten, die im Laufe der Geschichte als Kern, Pickel, Quaddel, böse Flecken, Koge, Kohl oder Kohle bezeichnet worden sind. Giovanni Boccaccio beschreibt das Pestleiden in seinem Dekameron von 1353 auf sehr präzise Weise:

„Bei Männern und Frauen zugleich erschienen zu Beginn der Krankheit gewisse Schwellungen, entweder an den Leisten oder in den Armbeugen, von denen einige die Größe eines gemeinen Apfels hatten, andere einem Ei glichen, manche mehr manche weniger. Von diesen zwei Körperteilen sprangen die todesbringenden Pestbeulen hervor, in einem kurzen Zeitraum, um zu erscheinen und dann in jedem Teil des Körpers hervorzutreten; von wo, nach kurzer Zeit, die Gestalt des Contagio sich in seiner Farbe zu schwarzen oder grellen Flecken zu wandeln begann, welche sich in großer Zahl [zuerst] an den Armen und um die Schenkel zeigten und sodann auf jeden anderen Teil des Körpers [auszubreiten begannen], bei manchen groß und weit verteilt, bei anderen klein und eng gesät.“

1894, während der Dritten Pandemie, entdeckte der französische Arzt und Bakteriologe Alexandre Yersin den bis dahin unbekannten Erreger bacillus pestis als Auslöser der Krankheit. Das Bakterium bekam später den Namen seines Entdeckers: Yersinia Pestis.

In den Städten Madagaskars weiß jeder über die Krankheit Bescheid. Sie wissen, dass sie eine ständige Bedrohung der sozialen Ordnung in den Städten und Dörfern des Landes darstellt. Sie wissen, dass es nur der richtigen Zusammensetzung des gepfefferten Cocktails aus Dreck, Flöhen, Müll, Ratten und schwachen Immunsystemen bedarf, um eine Epidemie loszutreten, die sich über die Grenzen des Landes bis auf das afrikanische Festland ausbreiten könnte. Wie die Geschichte uns gelehrt hat, ist es zu dem Zeitpunkt, an dem genug Menschen mit der Pest infiziert sind, um von einem „Ausbruch“ zu sprechen, schon zu spät.

Rasoa Marozafy und seine Frau Veloraza, die sich beide im Herbst 2013 mit der Krankheit ansteckten. Foto des Autors

Als ich am Ivato International Airport in Antananarivo ankam, fiel mir als Erstes der Geruch auf. Es war vielleicht weniger ein Geruch, als eher eine allgemeine Schlammigkeit, die in der Luft lag und mir die ganze Reise über durch das Land folgte.

Manchmal wurde es von metalleneren Gerüchen übertönt—dem süßlich vergorenen Müll oder dem nach Furzen oder gebratenen Eiern riechenden menschlichen Schweiß—aber es lag dennoch als Bassnote unter jedem Geruchsakkord.

Madagaskar ist halb so groß wie Kalifornien, 1.600 km lang und 560 km breit, mit einem tropischen Klima entlang der Küsten, warmen, feuchten Sommern und trockenen kühlen Wintern. Vor circa 88 Millionen Jahren löste sich die Insel vom Rand des Großkontinents Gondwana ab und verschob sich im Laufe der Zeit auf eine Entfernung von 400 km vor die Küste Mosambiks. Es ist einer der wenigen Orte der Erde, an dem sich ein ganz eigenes einzigartiges Ökosystem erhalten hat. Über 75 Prozent der Flora und Fauna des Landes kommen nur auf der Insel vor.

Die Bevölkerung des Landes besteht aus dunkelhäutigen Nachkommen der alten Indonesier, die im 9. Jahrhundert auf der Insel ankamen, nachdem sie die 8.000 km über den Indischen Ozean in eleganten Auslegerkanus zurückgelegt hatten. Sie betrachten sich nicht als Afrikaner und sprechen eine traditionelle madagassische Sprache sowie Französisch—ein Überbleibsel aus der Kolonialzeit. Die Franzosen machten das Land zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu einem einzigen, übergreifenden Herrschaftsbereich. Die ersten bekannten Pestfälle traten wenig später auf, nachdem sich der Erreger über Handelsschiffe in die Hafenstadt Toamasina eingeschlichen hatte. Bis 1921 hatte sich die Krankheit unter den Nagetieren und anderen kleinen Säugetieren des Hochlands verbreitet. Seitdem flammt die Krankheit immer wieder auf, vor allem im ländlichen Raum, aber auch in Form von gelegentlichen Epidemien in den Städten.

Die Pest lässt sich in Madagaskar, dank eines komplexen Zusammenspiels natürlicher und soziokultureller Faktoren, im Prinzip unmöglich ausrotten. Laut eines Berichts der amerikanischen National Library of Medicine erleichtern der hohe Anteil infizierter Tiere, der den Grundstein für die Ausbreitung legt, und die sozialen und ökonomischen Bedingungen das gelegentliche Übergreifen auf Menschen.

Ausbrüche kommen in Madagaskar für gewöhnlich in den Dörfern von über einer Höhe von 800 m vor und erklären sich aus den Aktivitäten der Bauern. Die landwirtschaftliche Infrastruktur des Hochlands bietet gleich drei verschiedene, das Gedeihen der Pest begünstigende Lebensräume: auf den Hügeln gelegene Häuser, um Viehgehege gepflanzte Hecken und die bewässerten Felder der tiefer gelegenen Gebiete. Nahrungsengpässe und Feldwirtschaft können dazu führen, dass die Stärke der Rattenpopulationen stark absinkt, während sich die Flöhe gleichzeitig rasant vermehren. Ohne ihre primären Wirtstiere, die Ratten, sind die Flöhe gezwungen, sich nach anderen Säugetieren als potenzielle Nahrungsquellen umzusehen.

Im Norden Madagaskars tritt die Krankheit besonders häufig zwischen Oktober und April auf, wenn die warme Regenzeit dafür sorgt, dass die Temperaturen selten unter 20 Grad absinken. Die andauernde Feuchtigkeit dient dem Hauptüberträger der Krankheit Xenopsylla cheopis, besser bekannt als Indischer Rattenfloh, als perfekter Inkubator.

Was zu der Schwierigkeit der Kontrolle der Flohpopulationen während der Regenzeit noch hinzukommt, ist, wie neue Forschungen der National Library of Medicine gezeigt haben, dass das Pestbakterium die Phase zwischen zwei Ausbrüchen im wahrsten Sinne des Wortes im Untergrund überleben und dann über Ratten, die sich durch das Wühlen in infiziertem Boden anstecken, wieder aktiviert werden kann. Obwohl diese Untersuchungen noch in den Kinderschuhen stecken, konnte bereits nachgewiesen werden, dass das Y. pestis bacilli im Boden unter optimalen Bedingungen bis zu 24 Tage überleben kann.

Obwohl tierische Schädlinge oft die Schuld für die Pest zugeschoben bekommen, sind in Wahrheit die Menschen die Schuldigen. In Dörfern wird die Ernte oft in Wohnhäusern aufbewahrt, damit sie nicht gestohlen wird, und zieht Ratten und Flöhe an. Illegale Abholzung, ein zeitloses, aber stetig zunehmendes Problem auf Madagaskar, vertreibt die Ratten aus den Wäldern in die Dörfer.

Was das Ganze noch gruseliger macht, ist, dass die madagassischen Bestattungsbräuche dafür sorgen, dass sich die Pest sogar noch verbreiten kann, wenn die Opfer bereits begraben worden sind. Die meisten Toten werden in Madagaskar in Totenkammern bestattet und von Zeit zu Zeit für die sogenannten Famadihana-Zeremonien wieder herausgeholt, deren Name so viel bedeutet wie „die Knochen wenden“. Nach den Umbettungszeremonien wird oft von erneuten Pestausbrüchen berichtet, und das Problem ist inzwischen groß genug, dass das Gesundheitsministerium einen Abstand von sieben Jahren zwischen dem Tod und der Umbettung von Pestopfern empfiehlt.

Trotz dieser Vorkehrungen und trotz der Anzeichen, dass das Vorkommen der Pest immer häufiger wird, hat die madagassische Regierung 2006 aus finanziellen Gründen mit der Datenerfassung zur Verbreitung der Pest aufgehört. Heute gibt es nur noch eine verlässliche Quelle medizinischer und biologischer Daten zur Verbreitung der Pest auf Madagaskar: die Unité Peste oder Pestabteilung des Institut Pasteur de Madagascar in Antananarivo.

Hervorgegangen aus dem bakteriologischen Institut, das von der französischen Kolonialregierung zu Beginn des 20. Jahrhunderts eingerichtet wurde, hat das Institut im Lauf seiner institutionellen Geschichte in seinen diversen Varianten eine zentrale Rolle bei der Nachverfolgung übertragbarer Krankheiten in dem Land gespielt. Ein Besuch am Institut war unerlässlich, wenn ich verstehen wollte, wie schlimm die Dinge lagen.

Andavamam­ba, ein Slum in Antananarivo. Der Name der Stadt bedeutet so viel wie „­Krokodilmaul“.

„Dort ist ein Floh!“, rief Michel Ranjalahy, ein junger Labortechniker der Unité Peste, von der unter freiem Himmel befindlichen Plattform eines Autopsietischs. Er hatte gerade einer Ratte mit einer glänzenden silbernen Zange das Genick gebrochen. Dann schnitt er den Kadaver mit Schere und Skalpell auf und benutzte eine Pinzette, um die Leber aus den verschlungenen Innereien zu ziehen.

Der Floh war in den kleinen Auffangbehälter gefallen, während er mit einer Handbürste über das Fell der sezierten Ratte strich. Ich fragte Michael, ob es denn wahrscheinlich sei, dass genau dieser Indische Floh den Pesterreger in sich trug. „Ja“, sagte er, „denn er trinkt das Blut der Ratte, das das Pestbakterium enthalten kann.“

Im Prinzip ist die Unité Peste ein versprengtes Team von unbelehrbaren Rattenfängern, die ihrer Arbeit mit tödlichem Ernst nachgehen. Als die einzige offizielle Gruppe, die sich in Madagaskar der Bekämpfung der Pest widmet, haben sie auf gewisse Weise den schlimmsten Job im ganzen Land. Sie verbringen ihre Tage damit, in entlegene und von der Krankheit bedrohte Gegenden zu reisen, wo ihre Hauptaufgabe darin besteht, potenziell infizierte Ratten zu fangen und zu sektieren.

Nach einer Begehung der Forschungsanlage wurde ich eingeladen, an einer ihrer Such- und Bergungsaktionen teilzunehmen. Schon wenige Stunden später fand ich mich auf Händen und Füßen kriechend im Unterholz der Gegend um Antananarivo wieder, um nach Ratten zu suchen, die eventuell von einer der schrecklichsten bekannten Seuchen befallen waren. Unsere Ausrüstung bestand aus Stift und Papier für Notizen, kleinen Stücken Buntbarsch als Köder und ein paar zweitürigen, aus rostfreien Drahtgitterkäfigen gefertigten Rattenfallen, die das Team über Nacht im Unterholz versteckte. Mit etwas Glück würden wir am nächsten Morgen ein paar lebende Ratten darin wiederfinden.

„Wir benötigen dringend mehr finanzielle Mittel für die Kontrolle dieser vernachlässigten Krankheit“, sagte mir Dr. Christophe Rogier, der Direktor des Institut Pasteur, als ich ihn in seinem Büro in Antananarivo besuchte. „Weil sie in vernachlässigten Gegenden vorkommt, wo kein Politiker je hingeht und wo auch kein Arzt hingehen will, weil die Reise dorthin so weit ist. Die Krankheit ist eine Gefahr für die Bevölkerung. Und weil die Leute sich von einem Ort zum anderen bewegen, ist sie für alle eine Gefahr. In der Stadt gibt es mehr Ratten als auf dem Land. Die Ratten leben hier in engerem Kontakt mit der Bevölkerung und die Häuser sind überfüllt, also kann man sich vorstellen, dass die Verbreitung der Krankheit von Mensch zu Mensch in den Städten sehr viel schneller fortschreiten würde als auf dem Land.“

Die Slums von Antananarivo haben vieles mit den dicht besiedelten Städten des Mittelalters gemein, die in der Mitte des 14. Jahrhunderts fast komplett entvölkert wurden. Von den insgesamt zwei Millionen Einwohnern leben Zehntausende der ärmsten Familien in baufälligen, aus Planen und Bambusstäben gebauten Hütten und haben so gut wie keinen Zugang zu sauberem Wasser und sanitären Anlagen.

„Wenn die Pest die Slums erreichen würde“, erklärte mir Rogier, „könnte es Dutzende, Hunderte oder Tausende Erkrankungen geben.“

Michel Ranjalahy, von der Unité Peste, hält vor dem Institut Pasteur eine potentiell mit Pest infizierte Ratte in der Hand. Foto des Autors.

Antananarivos früheste bekannte Siedler ließen sich auf den höchsten Anhöhen der heutigen Stadt nieder, die in drei Bergzügen die Form eine Y bilden. Diese Wahl der Lage fiel nicht aus Gründen der schönen Aussicht, sondern weil sie gegenüber feindlichen Eindringlingen den Vorteil der uneingeschränkten Sicht in alle Richtungen bot. Als die Stadt größer wurde, begann sie die Berge hinunter und in die tiefer gelegenen Täler zu kriechen. Und als das Land auf den Bergen knapper zu werden begann, wurden die an den Hängen gelegenen Viertel zu Slums, die seither stetig anwachsen. Ein Ausbruch der Pest in diesen Vierteln hätte für die Bevölkerung katastrophale Folgen. Die Einwohner Antananarivos laufen, wie schon seit Jahrhunderten, barfüßig durch die Gassen, die kaum mehr als matschige Fahrrinnen sind, daneben die offene Kanalisation, verstopft von Abfällen und menschlichen Fäkalien. Auch das Netz aus Kanälen, die die Stadt durchziehen, ist mit Müll verstopft.

Am Tag nach meiner Rückkehr aus dem Hochland gab mir der 28-jährige Vater dreier Kinder und Security Guard Andriambeloson Solofo Pierre, genannt Billo, eine private Führung durch einen der schlimmsten Slums der Stadt. Wir trafen uns an einem verfallenen Café in dem Stadtviertel Andavamamba—was übersetzt so viel wie „Krokodilloch“ heißt. (Die Siedlung ist auf ein Sumpfgebiet gebaut worden, und laut der lokalen Legende rutschten die ersten Anwohner der Gegend oft aus und fielen in die tiefen Gruben, in denen die Krokodile ihre Eier legten.)

Billo verdient zwischen drei und fünf Dollar am Tag. Wie die meisten Menschen in Madagaskar können er und seine Familie sich keine wirkliche Form der Gesundheitsvorsorge leisten. „Ich mache mir Sorgen um meine Familie“, sagte er mir, während wir zusahen, wie die Sonne über einem mit Müll gefüllten Kanal unterging.

Er zeigte auf eine Gruppe Kinder, die in dem dickflüssigen Wasser spielten. „Wir sind hier in einem innerstädtischen Slum, und daher kümmert sich keiner darum“, sagte Billo. „Die Straßen werden nicht repariert und die Vorhaben, die Wege und die Wasserversorgung zu verbessern, wurden mit dem Coup zu den Akten gelegt. Ich weiß, dass die Politiker nicht viel an den Zuständen hier ändern werden.“

Der Coup, den Billo erwähnte, fand 2009 statt und war, wie viele der entscheidenden Momente der Geschichte Madagaskars, ein Desaster für das Land. Als die Franzosen die Region 1885 kolonialisierten, begannen sie umgehend, die Ressourcen des Landes zu dezimieren und mehr als 100.000 Madagassen abzuschlachten, die sich gegen die Ausbeutung des Landes zur Wehr gesetzt hatten. Nachdem 1960 ein international überwachter Unabhängigkeitsprozess in die Wege geleitet wurde, verwandelte sich die Hoffnung auf eine autonome Demokratie rasch in totale Anarchie und wenig später in eine gescheiterte marxistische Utopie. Das alles änderte sich, als Marc Ravalomanana 2001 zum Präsidenten des Landes gewählt wurde. Zum ersten Mal in der modernen Geschichte des Landes schien eine gewisse Stabilisierung greifbar zu sein. Die Wirtschaft des Landes erlebte einen ungeahnten Aufschwung—dank des mineralischen Rohstoffreichtums des Landes, der große Mengen an Edelsteinen, Nickel und Eisen umfasst—aber auch, weil große Ländereien an Investoren wie den koreanischen Industriegiganten Daewoo verpachtet wurden.

Aber der politische und ökonomische Optimismus hielt nicht lange vor. 2009 wurde die Regierung Ravalomananas in einem blutigen (und wie viele glauben, von den Franzosen unterstützten) Putsch gestürzt, an dessen Spitze der frühere DJ und Medienunternehmer Andry Rajoelina stand, der zu diesem Zeitpunkt der Bürgermeister Antananarivos war. Er begann sogleich mit der Errichtung der sogenannten Vierten Republik und ernannte sich zum Präsidenten der frei erfundenen „Obersten Behörde für den Übergang“.

Infolge von Rajoelinas Putsch und der Auflösung der gewählten Regierung wurde die ausländische Entwicklungshilfe, die bis dahin 70 Prozent des Staatshaushalts ausgemacht hatte, ausgesetzt. Einen Monat später lag die madagassische Wirtschaft am Boden. Die Mitgliedschaft des Landes in der Afrikanischen Union wurde suspendiert und laut eines Berichts der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung war es damit das Land der Welt mit den niedrigsten Entwicklungshilfezahlungen.

Rajoelinas Junta reagierte darauf mit der radikalen Kürzung aller öffentlichen Ausgaben, besonders auf den Gebieten der Bewässerung, der öffentlichen Verkehrsmittel, der Kommunikation und des Gesundheitswesens. Diese Kürzungen beeinträchtigten so gut wie jeden Aspekt der madagassischen Ökonomie und stießen die schon zuvor fragile Mittelschicht vollends in den Abgrund. Die Kosten von Rajoelinas Coup werden die Durchschnittsbürger des Landes noch viele Jahre, wenn nicht Jahrzehnte belasten.

Das Verhältnis zwischen der Pest und der verworrenen politischen Situation des Landes wurde mir klar, nachdem ich mit Dr. Jean-Louis Robinson gesprochen hatte, dem früheren Gesundheitsminister, der durch den Coup von seinem Posten vertrieben worden war. Wir trafen uns auf seinem Grundstück, einem luxuriös ausgestatteten Haus inmitten einer Ansammlung städtischer Landgüter. Robinson, ein stämmiger Mann mit umherhuschenden Augen und einem Toupet, erzählte mir, dass nach Rajoelinas Machtübernahme über 400 Gesundheitszentren im ganzen Land schließen mussten.

Seine größte Sorge, wie auch die des Institut Pasteur, war, dass die städtische Bevölkerung Madagaskars den Nährboden einer Pestepidemie bilden könnte, wie sie das Land noch nicht gesehen hat. „Es gab früher etablierte Strukturen und Kontrollprogramme“, sagte er. „In den Slums in den Innenstädten gibt es keine Kanalisation. Die öffentlichen Toiletten reichen nicht aus; der Müll wird nicht regelmäßig abgeholt.“ Jeder, mit dem ich sprach und der den nötigen Einblick hatte, benannte dieselben Probleme mit der sanitären Versorgung als potenziellem Auslöser einer möglichen, sich rasant ausbreitenden Katastrophe, aber es tun sich dennoch wenige tragbare Lösungen für dieses Problem auf, wenn schlichtweg kein Geld für die Beseitigung der stetig anwachsenden Müllberge zur Verfügung steht.

Am 20. Dezember 2013 verloren Rajoelina und seine Oberste Behörde für den Übergang nach einer Reihe politischer Debakel im Umfeld der Präsidentschaftswahlen ihre Vormachtstellung an den ehemaligen Finanzminister Hery Rajaonarimampianina.

Das US State Department beendete daraufhin mit fast sofortiger Wirkung alle Beschränkungen auf Hilfslieferungen nach Madagaskar. Aber obwohl das mit Sicherheit die Türen für eine Verbesserung der finanziellen Situation des Landes und seines Gesundheitswesens geöffnet hat, heißt es in einer Studie der Bertelsmann Stiftung, dass man nicht erwarten dürfe, dass diese demokratischen Wahlen „die grundlegenden Schwächen der Institutionen und insbesondere der stark eingeschränkten Kapazität des Staates ausgleichen werden, in den kritischen Sektoren zu regieren, regulieren und Gesetze durchzusetzen“, darunter auch im Gesundheitswesen.

Alles, was er für seinen Teil tun könne, sagte mir Billo, sei die nächste Pestsaison im Oktober abzuwarten. Während wir durch die Menschenansammlungen auf den Straßen Andavamambas wanderten, dachte er laut darüber nach, wie groß die Wahrscheinlichkeit war, dass die Pest die Hauptstadt erreichen könnte—und wie viele Menschen umkommen könnten, wenn sie es täte.

Zwei Mädchen in Beranimbo, die den Pestausbruch selbst miterlebt haben.

An einem meiner letzten Tage in Madagaskar traf ich einen traditionellen Heiler namens Dadafara, der in einer kleinen Hütte auf einer staubigen Nebenstraße Antananarivos eine private Praxis betreibt. Die Außenwände waren mit gehörnten Zebuschädeln behängt und im Inneren standen Gläser mit den unterschiedlichsten Pflanzen und Kräutern und auf den zwölf heiligen Hügeln von Imerina—einer Hügellandschaft in der Nähe der Hauptstadt—gesammeltem Regenwasser. In Madagaskar gehen die Leute, wenn sie krank werden, in der Regel zu Leuten wie Dadafara, obwohl die Wohlhabenderen sie als Hexendoktoren beschimpfen und sich von ihnen fernhalten.

Ich wollte von ihm wissen, was für eine Art Behandlung ein traditioneller Heiler anwenden würde, wenn ein Pestkranker zu ihm käme, und Dadafara war einverstanden, mir eine Sitzung zu geben und mich zu behandeln, als wäre ich krank. Er erklärte mir, wie die Sitzung ablaufen würde. Erst würde ich ihm meine Symptome beschreiben. Dann würden wir gemeinsam singen und die Ahnen anrufen, um sie um Rat zu fragen. Dadafara hielt einen kleinen Spiegel ins Licht. „Das ist meine Kamera“, sagte er. „Ich sehe mir alles durch diese Kamera an, und indem ich mit den Ahnen kommuniziere.“ Nachdem wir mit den Geistern gesprochen hätten, würden sie Dadafara sagen, was für eine Behandlung ich bräuchte, und er würde mir etwas von dem heiligen Wasser verschreiben, oder Kräuter aufgießen, um mich zu heilen.

Als wir soweit waren mit der Zeremonie anzufangen, bat Dadafara mich, ihm die Symptome aufzulisten und ich tat ihm den Gefallen und spielte mit: „Ich habe über 40 Grad Fieber“, sagte ich, „und meine Leisten und meine Armbeugen sind voll mit glatten offenen Geschwüren in der Größe von Hühnereiern. Ich erbreche Blut und ich habe Kopfschmerzen und starke Muskelschmerzen und habe wiederholte heftige Schwindelanfälle. Und“, fügte ich hinzu, „ich wohne in einer Gegend ohne fließend Wasser, in der es viele Ratten gibt.“

Meine Fixerin übersetzte Dadafara, was ich gesagt hatte, und als er antwortete, fing sie an zu lachen. „Was?“, fragte ich. „Was hat er gesagt?“

Dadafara überkreuzte die Arme während mir die Übersetzerin einen bierernsten Blick zuwarf: „Er hat gesagt: ‚Du hast die Pest. Du must sofort einen Arzt aufsuchen.‘“

Der frisch abgeschlagene Kopf eines Zebus

Letzten Monat wurde in einer Szene, die an Albert Camus’ Meisterwerk von 1947, Die Pest, erinnerte, die nordwestchinesische Stadt Yumen mit 30.000 Einwohnern abgeriegelt, nachdem ein Mann an der Beulenpest gestorben war. Die Polizei errichtete rund um die Stadt Straßensperren und forderte Autofahrer auf, die Stadt zu umfahren. Am Ende von Camus Roman schaut sein Protagonist, Dr. Bernard Rieux, über die algerische Stadt Oran, in der die Menschen das Ende der tödlichen Pest feiern. „Denn er wusste, was dieser Menge im Freudentaumel unbekannt war und was man in Büchern lesen kann, dass nämlich der Pestbazillus nie stirbt und nie verschwindet, dass er jahrzehntelang in den Möbeln und in der Wäsche schlummern kann, dass er in Zimmern, Kellern, Koffern, Taschentüchern und Papieren geduldig wartet und dass vielleicht der Tag kommen würde, an dem die Pest zum Unglück und zur Belehrung der Menschen ihre Ratten wecken und zum Sterben in eine glückliche Stadt schicken würde.“

Haltet nach unserer bald erscheinenden Dokumentation über die Hartnäckigkeit der Pest in Madagaskar Ausschau.

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The Humungus Fungus Among Us Issue
Jahrgang 10 Ausgabe 8