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Ohrfeige der Gefühle—16 Stunden Rosamunde Pilcher am Stück

Rosamunde Pilcher wird heute 90. Natürlich lassen wir es uns nicht nehmen, der großen alten Dame des Kitschs alles Gute zu wünschen. Anna Basener hat das für uns übernommen, die möglicherweise beste Heftromanautorin Deutschlands.

von Anna Basener
22 September 2014, 2:30pm

Illustrationen: Maya Badouk Epstein

Anna ist wirklich, wirklich produktiv. Sie hat in den letzten fünf Jahren 25 Romane veröffentlicht. Sie schreibt über Grafen und Prinzessinnen, verfasst aber auch mal einen Sex-Western und sprengt in ihren Texten inzwischen mit Vorliebe Genregrenzen. Ihr E-Book-Bestseller Fürstenschund ist wie ein Sissi-Film. Den Tarantino gedreht hat. Als Buch.

Rosamunde Pilcher wird 90, und ich bin top vorbereitet. Ich las zum einen 703 Seiten ihrer berühmten Muschelsucher. Zum anderen war ich mal die jüngste Groschenromanautorin Deutschlands—die ZEIT nannte mich die erfolgreichste—und meine Kenntnis adlig romantischer Trivialliteratur führt gern zu Fragen wie: „Rosamunde Pilcher im ZDF ist Pflichtprogramm für dich, oder?“ Es gibt offensichtlich Gemeinsamkeiten zwischen meinem Kitsch und ihrem. Ich habe dennoch keinen einzigen dieser Filme gesehen. Bis jetzt. Jetzt geht das hier von Null auf Hundert. Einen Tag lang werde ich das ZDF Herzkino behandeln wie Downton Abbey oder Game of Thrones. Ich werde Rosamunde Pilcher bingewatchen, als gäb’s kein Morgen mehr. Weil YOLO.

Happy Birthday.

Um 8.15 Uhr beginne ich also mit Tee, Porridge und Herzen im Wind. Der ist von 2008 und wartet sogleich mit Andreas Elsholz als englischem Lord auf. Erinnerungen an GZSZ. Mensch, der Andi. Außerdem Erinnerungen an mein altes, rosa Nokia in sogenanntem Kunstlederimtitat. Kunst. Leder. Imitat. Damit telefoniert dort im Film nämlich gerade eine Braut. Sie heißt Sophie.

Sie fährt sich selbst zur Hochzeit, weil ihr Bruder sie nicht abholen kommt und mit dem Kunstlederimitatnokia nicht zu erreichen ist. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass das eher nicht am Handy liegt. Die Braut baut jetzt einen Unfall mit einem Mopedfahrer, der nicht weiter verletzt ist, seinen Helm abzieht und aussieht, wie Andi mit 22 hätte aussehen sollen. In Blond. Heißt Justin. Sophie bläst daraufhin die Hochzeit ab, offiziell wegen des Unfalls. Ha. Also ob. Mir kann sie nichts vormachen, ich bin top vorbereitet. Ich weiß Bescheid.

Andi ist alt geworden. Er nimmt seine abgeblasene Hochzeit locker, seine Mutter eher nicht: „Außer Schönheit und der Tatsache, dass Sophie dem englischen Hochadel angehört, hat sie dir nichts zu bieten.“

Allen anderen Schwiegermutter-Archetypen hätte das mehr als gereicht. Und wenn nicht, dann wären die über eine abgeblasene Hochzeit doch froh, oder nicht? Bin jetzt doch etwas verwundert.

Sophie ist ein Pferdemädchen. Lord Andi (der eigentlich Douglas heißt, was uns aber scheißegal ist, weil wir Elsholz aus den 90ern kennen) trägt Krawatte, die farblich irgendwo zwischen Lachs und Pink ist. Er ist noch keine 30. Sagt seine Mutter, als müsste sie es wissen. Unter 30. Der Andi. Ich lache, bis ich mich verschlucke und Porridge auf meinen Bildschirm spucke. Wisch ich weg.

Idyllische Drehorte, das muss man dem Film lassen. Dialoge hölzern, aber sie sparen nicht an Locations. Im Übrigen wage ich die steile These, dass das kranke Pferd ein Leitmotiv ist.

Sophie geht mit Justin tanzen – was ich rein visuell nur schwer ertrage ­– und wacht mit ihm auf. Da müssen wir jetzt eins und eins zusammenzählen. Kommt Sex raus, genau.

Ich lerne, dass blonde Männer vor allem blonde Strähnen haben und böse Schwiegermütter harten Alkohol trinken. Wie die so viele Sonnendrehtage in Cornwall zusammenkriegen, das hingegen ist noch ungeklärt.

Andi hat sehr teigige Finger. Sehr teigig. Sophie will ihn nicht heiraten. Es ist angeblich wegen Justin und ihren Gefühlen zu ihm, aber ich halte die Teigigkeit von Andis Fingern für den eigentlichen Grund.

Dann sieht Sophie Justin mit einer anderen Frau sprechen. Und da die beiden sich offensichtlich nicht total fremd sind, ist für Sophie hier alles klar und alles vorbei. Wenn ein Mann mit einer anderen Frau spricht, hat er nämlich gerade vorher mit ihr geschlafen. Dann verdient er die Liebe der Heldin nicht und auch kein klärendes Gespräch. Ist so.

Meine Zähne mahlen. Ich starre meinen Laptop an. Ich habe ein ganzes Buch darüber geschrieben, wie sehr mich so was ankotzt. Ich hol ein Belegexemplar, stopf es in einen Umschlag und schick es Heike Hempel. Als Unterhaltungschefin von ZDF Fiction ist sie verantwortlich. Und sie soll jetzt mal was über Konflikte lernen.

Andis Krawatte ist inzwischen creme, dafür ist das Hemd rosa. Das kranke Pferd wird gesund und gewinnt ein Rennen. Sophie kommt zu Sinnen. Die andere Frau war keine Bedrohung, sondern Justins Schwester. Gähn.

Oh, der Versöhnungskuss war eklig. Justin macht dabei einen Entenarsch. Kann weder küssen noch tanzen. Die Frau kriegt er trotzdem.

Ich geh duschen, sprüh mir Salzspray in die Haare und öffne das Fenster über der Couch. Jetzt hat die Zugluft was von Meeresbrise, und ich denke triumphierend: Cornwall kann ich auch. 10.20 Uhr. Nun zu Eine Liebe im Herbst. Das ist nicht so leicht. Ich muss an sieben—ja sieben!—Fick-Ads mit Titten vorbei, bevor ich den Player starten kann. Also, wenn Pilcher das wüsste … Mit der Darstellung von Sex hat sie es nicht so. Und schon gar nicht mit Silikonmördertitten. Bei ihr gibt’s manchmal milchweiße Brüste, die sind dann aber eher klein. Ich hab gelesen. Ich weiß Bescheid.

Ich schließe das Fenster wieder, weil ich die laut stöhnenden Pop-ups nicht so schnell wegklicken kann, wie sie sich öffnen. Und weil ich Nachbarn habe.

Wir haben nun Jochen Schropp als Helden. Lustig. Schon wieder so’n TV-Gesicht von früher. Denn der Jochen war ja mal ein „Sternenfänger“, bevor er in drei Pilcherfilmen mitspielte, acht Kilo abnahm und Promi Big Brother moderierte. Dass der jetzt so Trash-TV macht, sagen wir der Heldin aber nicht, die kriegt in ihrem Mercedes sonst einen Herzinfarkt und fährt ebenfalls einen Mopedfahrer platt. Bei so Filmen weiß man ja nie, ob die Drehbuchautoren nicht einfach das gleiche wie letzten Monat in die Romanze schreiben. Klingt gehässig, ist aber nicht so gemeint. Passiert nämlich den besten von uns.

Wir feiern daher auch schon im zweiten Film ein Wiedersehen mit dem Typen „falscher Mann“, der kein echter Antagonist, sondern Verlobter der Heldin ist – obwohl sie ihn offensichtlich nicht wirklich liebt. Wir erkennen ihn an der rosa Krawatte.

Ein weiteres Wiedersehen gibt es mit dem Entenarsch. Ob das Rausschieben des Hinterns beim Knutschen ein geschickt gewähltes Wiedererkennungsmerkmal für den Helden ist, weiß ich allerdings nicht. Nein, das weiß ich wirklich nicht. Jochen, das geht doch nicht.

Ansonsten haben wir Barbara Wussow als Mutter in Strickjacke. Strickjacken-Wussow, Strickjacken-Tochter und immer noch keinen Regen. Weniger Sonne als im ersten Film, aber Kinder Kinder, Cornwall hat Wetter.

Nur die Antagonisten trinken harten Alkohol. Meistens Whiskey. Die Muschelsucher haben’s mehr mit Gin, und den trinken auch die Protagonisten. Und wenn ich so drüber nachdenke, sind die Figuren in Pilchers Text auch nicht ganz so schwarz-weiß wie die in den Filmen. Und wenn ich noch länger drüber nachdenke, möchte ich in die Küche gehen und den Gin-Vorrat überprüfen.

Der falsche Mann rennt mit wehender, pinker Krawatte über knirschenden Kies. In diesem Augenblick ist alles genau so, wie ich es mir immer vorgestellt habe. Außerdem mag ich die Wussow. Sie ist schön und sie rollt das R. Sie backt Ingwertorte und trinkt Tee mit ihrem Ex. Denn auch die Elterngeneration kriegt hier „Eine Liebe im Herbst“. Ich krieg Cupcakes. Das beschließe ich in diesem Augenblick. Ich hol sie zum Auftauen aus der Gefriertruhe, finde Gin in der Küche und freu mich.

Außerdem erfreut mich die Wussow. Sie reißt auch den hölzernsten Text raus. Und wenn sie rot trägt, ist sie Bombe. Ich bin Fan. Ich hab auch noch Hoffnung auf einen romantischen Augenblick, der mich berührt. Auch der abgegriffenste Kitsch kann zu Herzen gehen, Dinge, die wir reaktionär und unrealistisch finden, können zu Herzen gehen. Kann mir ja keiner erzählen, dass er die fünfte Staffel Gossip Girl noch gut findet. Dass er sie trotzdem guckt hingegen schon. Glaub ich sofort.

Merke außerdem: Wer im Sitzen knutscht, kann keinen Entenarsch machen.

Jochen ist Schmuckdesigner und in die Heldin verliebt. Aber er hat schon eine Freundin. Ich finde, wenn man schon heteronormativen Mainstream lebt, sollte man sich jetzt von dieser Freundin trennen, weil man ja die andere und Monogamie und überhaupt. Findet der Jochen nicht, was ich nicht verstehe und was mich wütend macht. Und dann kriegt seine Freundin ein Fax.

Dann spielt ein Handyfoto noch eine tragende Rolle, und jemand weint Tränen in einem Peugeot. Geht dennoch gut aus.

Um kurz nach 12 Uhr kommen die Gezeiten der Liebe dran. Die Location wird hier von den Figuren selbst kokett kommentiert: „Und ich dachte, über Cornwall sei schon alles geschrieben.“

Das dachte ich auch. Aber wir haben alle mal Unrecht. Denn Heike beauftragt ja ständig neue, von meinen Rundfunkgebühren bezahlte Drehbuchautoren, noch mehr über Cornwall zu schreiben, und zwar in Pilchers Namen. Pilcher selbst hat ja immer nur Prosa verfasst und schreibt seit drei Jahren überhaupt nicht mehr.

Der Held füttert die Heldin mit Erdbeeren. Er. Füttert. Sie. Ich will den Entenarsch zurück. Lieber den Entenarsch als das. Dann liegen die beiden wie tot auf einem Felsen am Meer und sagen, dass sie sich noch nie so lebendig gefühlt haben. Außerdem planen sie irgendwas für „sobald das Wetter besser ist“.

Ich hebe eine Augenbraue. Es hat in drei Filmen kein einziges Mal geregnet. Besseres Wetter muss begrifflich noch einmal definiert werden. Ich leg mich wieder auf die Couch. Die Liebenden legen sich ins Bett. Dann wird abgeblendet. Außerdem bietet dieser Film noch einen weißen Pfau und eine Porzellanmalerin, die ihre Teller nach Ausbruch des Konflikts mit Tränen bemalt. Dann geht auch das vorbei. Happy End.

Es ist 13.44 Uhr, ich bin etwas erschöpft. Es gibt Nudeln mit Pesto und Herzenssehnsucht. Theoretisch. Praktisch lädt der Player ewig nicht, und die Nudeln werden kalt. Dann läuft’s endlich: wieder ein Mercedes. Ist das der Held? Der hat zu wenig Haare, das geht nicht. Bitte nicht.

Es ist der Held. Diese Filme sind wirklich alt gecastet. Außnahme: die Großelterngeneration, die ist jung gecastet, sodass man immer nicht recht weiß, ob das jetzt Vater oder Großvater der Heldin sein soll. Aber so Leerstellen können ja auch spannend sein. Theoretisch.

Ein Mann mit Haupthaarheldenpotential stirbt in der vierten Filmminute, und die Heldin hat Ombrésträhnen, was 2009 schlicht „rausgewachsen“ hieß und deshalb nicht zu entschuldigen ist.

Held und Heldin sind zusammen zur Schule gegangen!? War der ihr Lehrer, oder was!? Ich google. Die Schauspieler trennen vierzehn Jahre Altersunterschied. Vierzehn. Jedes einzelne dieser Jahre ist zu sehen. Zusammen zur Schule gegangen. Ich will lachen, aber dann seh ich die erste Sexszene des Tages. Das muss gefeiert werden. Ich pausiere, ich hole einen Cupcake, ich schenke mir Rosenlikör ein. Play. Zwei nackte Körper wälzen sich im Bett.

Die Heldin mag lieber Sonnenblumen als Rosen. Die Heldin ist in ihrem Charakter sehr individuell gezeichnet (nicht). Ist mein Likör schon alle? Wo war die Flasche?

Außerdem gibt es ein Kind, sehr viele Strickjacken und irgendjemand hat psychogenes Fieber. Der falsche Mann trägt eine rote Krawatte, deshalb erkenne ich ihn erst sehr spät als solchen. Ich schreibe eine Beschwerdenotiz an Heike. Das geht so nicht.

Warum am Anfang alle gegen den Helden waren, hab ich jetzt immer noch nicht verstanden. Vielleicht der Haare wegen. Also der Haare, die nicht mehr auf seinem Kopf sind.

Noch ein Gläschen Likör, noch ein Cupcake (ich schieb die Buttercreme zur Seite, zu süß), noch ein Happy End.

Aber wer rastet, der rostet. Ich wähle Pfeile der Liebe aus. Auch von 2008. So geht das nicht. Am Ende des Tages will ich eine Vielfalt von Pilcherfilmen gesehen haben. Und überhaupt, warum macht das Herzkino beim ZDF Sommerpause? Ich kann nicht mal einen neuen Pilcherfilm ganz normal im Fernsehen schauen. Es kommt keiner.

Dafür kommt jetzt Tom Beck, und machen wir uns nichts vor, Haare kann der. Der Player kackt ab, ich wechsle ihn und lerne Sexy96 und Blowwhite kennen. Also, dass ich heute keine Fleischeslust gesehen hätte, darf ich später aber nicht sagen.

Rosen sind ein Motiv, Tauben auch. Ich ess die Buttercreme. Ohne Kuchen. Ist ja jetzt keiner mehr da. Und der Rosenlikör ist auch alle.

Wenn sie einfach wiederholt, was er sagt, dann ist das auch ein Dialog. Nicht.

Sonnenuntergang.

Es geht ihr jetzt schlecht, das sieht man daran, dass sie sich mit den Händen ständig ins Gesicht fasst. Tom hingegen muss immer alle am Arm anpacken.

„Meine Seele ist im Nebel, und ich habe keinen Kompass.“

Das ändert sich schnell. Nebel lichtet sich. Happy End. Ich wechsle zu YouTube. Ich entscheide mich um 18.04 Uhr für Segel der Liebe. Dieser Film hat über 40.000 Klicks. Respekt.

Der falsche Mann hat blonde Strähnchen, ist wieder furchtbar alt gecastet und schenkt der Heldin unaufhörlich Rosen (ist das immer der gleiche Strauß, liebe Requisite?), obwohl sie lieber Sonnenblumen mag. Weil Rosen sind so drüber. Wie eins zu eins sind eigentlich Rosen? Voll eins zu eins. Da ist es nur recht und billig, jede Heldin dieser Filmreihe mit einer individuellen Vorliebe für Sonnenblumen auszustatten.

Der Held hat sich beruflich zu einem Teehändler entwickelt, der auch Kaffee verkauft. Da sind wir jetzt alle genauso baff wie sein Vater, der das nie, nie, niemals für vereinbar gehalten hätte. Tee und Kaffee. Ein Pilcherheld macht das Unmögliche möglich.

Oh, ein romantischer Spaziergang in einer Schafherde.

Ich wünschte wirklich, das würde mich berühren. Die Muschelsucher haben mich berührt. Pilcher ist aufs Brutalste am Leben ihrer Figuren interessiert. Sie beschreibt jede Alltagsmahlzeit und jedes Haare bürsten, aber wenn man einfach vierhundert Seiten Muschelsucher streicht, geht der Roman voll in Ordnung. Und manchmal auch zu Herzen. Aber das da?

Ich bin affektlabil und sehr nah am Wasser gebaut, und wenn ein todkrank geglaubtes Pferd plötzlich ein Rennen gewinnt, bin ich den Tränen nah. Aber die Romanzen lassen mich halt alle kalt. Selbst mich.

Ich vermisse die Wussow. Sehr.

Pilcher hat mal gesagt, sie habe in ihrem Leben mehr gebügelt als geliebt. Vielleicht auch, weil sie Die Muschelsucher erst mit sechzig schrieb und vorher kein Geld für eine bügelnde Putzhilfe gehabt hat. So oder so scheint sie nicht besonders romantisch zu sein. Diese Filme sind es auch nicht, was also auf überraschende Art zu ihr passt. Aber warum halten sieben Millionen Zuschauer diese Filme für HERZkino? Ich habe dreißig Liebesromane geschrieben und hunderte lektoriert, und ich sage, dass das da kein Stück berührend ist. So.

Ich mache mir einem Pink Gin, das kam bei den Muschelsuchern öfter auf den Tisch. Dafür schüttet man Gin in ein mit Magenbitteer ausgespültes Glas, dann wird es pink. Mehr oder weniger. Ich schaue „Sternschnuppen im August“, über 41.000 Klicks. Übrigens der erste Film, in dem die Sonne wirklich kein einziges Mal scheint. Es sieht überhaupt nicht nach August aus, eher nach März. Sternschnuppen gibt es auch keine. Dafür reitende Protagonisten und schlechte Schauspieler. Ich halte meine eigenen darstellerischen Fähigkeiten für besser als die des halben Casts und war auch mal ein Pferdemädchen. Ich kann reiten. Und Cornwall ist wirklich hübsch. Grund genug für eine weitere Nachricht an Heike. Besetzen Sie mich, Frau Hempel.

Mir ist jetzt ein bisschen schlecht. Ich brauch den Magenbitter pur.

Eine Freundin bringt Shortbread vorbei und beschwert sich über meinen billigen Gin. Ich sage ihr, dass wir den brauchen werden und misch ihn mit Tonic Water. Pink Gin klingt besser, als es ist. Das wissen wir jetzt und denken nie wieder daran.

Jip, eine ganze Packung Shortbread pro Person ist auch Abendbrot. Ich bin ja, wie gesagt, top vorbereitet und schiebe eine DVD in die Playstation. Stürmische Begegnungen um 21.20 Uhr. Der ist von 1993. Ich habe ihn mir für den Mädels-DVD-Abend aufgespart. Drei Gin Tonic später ist der Film vorbei und wir können uns nicht an den Gedanken gewöhnen, dass Held und Heldin Cousin und Cousine ersten Grades sind.

„Wechselspiel der Liebe“ ist von 1994 und figurenpsychologisch etwas nachvollziehbarer. Aber es gibt halt diese eine Szene: Die Heldin sagt dem Helden, er sei übertrieben eifersüchtig, weil seine Ex ihn betrogen hat. Das entspricht der Wahrheit, ist ihm aber dennoch Grund genug, ihr eine runterzuhauen. Wir starren fassungslos auf den Fernseher. Die Ohrfeige hallt in unseren Ohren nach, bis die Heldin sich bei dem Helden dafür entschuldigt, dass SIE so gemein zu IHM war. Er verzeiht ihr. Happy End.

Der Gin ist alle.

Es ist jetzt kurz nach Mitternacht. Meine Freundin ist sehr enttäuscht von Pilcher, und ich erwische mich dabei, wie ich sie verteidige. Ich erzähle von putzigen Entenärschen und immerwährendem Sonnenschein. Diese Filme seien ja auch gar nicht wirklich Pilcher, sie basierten nur lose auf Kurzgeschichten von ihr. Den Ohrfeigenscheiß müssten wir Heike in die Schuhe schieben (oder ihrem Vorgänger). Oder den 90ern? Da war ja nicht mal Vergewaltigung in der Ehe eine Straftat. Andererseits: Was weiß ich schon? Ich las ja nur Die Muschelsucher. Vielleicht würde auch ein originaler Pilcherheld die Heldin schlagen und ihr die Schuld dafür geben. Ich werde es nicht herausfinden, ich werde nie wieder etwas von ihr lesen, geschweige denn anschauen. Weil YOLO.

Der Tag ist um. Ich bin angewidert. Ekel ist auch ein Gefühl, und ich bin am Ende doch berührt von diesem Herzkino. Und zwar ganz tief drin.

Mehr von Anna gibt es hier und hier.