Ich war beim Erich-von-Däniken-Kongress und wurde nicht von Außerirdischen entführt

Ach, die guten alten Zeiten, als Verschwörungstheoretiker noch nicht zwingend rechts sein mussten.

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Apr. 14 2015, 10:02am

Erich von Däniken hat in seinem Leben viel Häme einstecken müssen—von der anerkannten Wissenschaft, der Öffentlichkeit und auch von der Presse. Doch den Mann mit dem blauen Sakko, der seit fast 50 Jahren behauptet, Außerirdische seien vor Urzeiten auf der Erde gelandet, juckt das wohl überhaupt nicht. Denn fast genauso viele Leute scheinen seinen Theorien zu glauben. Am Dienstag, 14. April, wird EvD, wie seine Fans ihn liebevoll nennen, 80 Jahre alt. Gefeiert hat er das am vergangenen Wochenende mit einem zweitägigen Kongress in der Messe Sindelfingen bei Stuttgart. Grund genug, sich das Spektakel einen Tag lang mal anzuschauen.

Ich muss zugeben, ich hatte ein freakigeres Publikum erwartet. Aber der Großteil der Besucher sah eher aus wie vermutlich die meisten eurer Eltern. Da waren Paare mittleren Alters, ein paar Familien und eine Menge grimmig schauender Rentner. Sicherlich waren darunter viele EvD-Fans der ersten Stunde, hat der wohl bekannteste Prä-Astronautiker schließlich seinen Durchbruch mit dem 1968 erschienenen Erstlingswerk Erinnerungen an die Zukunft gehabt. Darin schildert er unter anderem, wie vor Jahrtausenden Außerirdische auf die Erde gekommen waren, und den steinzeitlichen Menschen Wissen vermittelt haben. Sein eigenes Wissen hat sich der gelernte Hotelfachmann und verurteilte Betrüger Däniken übrigens selbst angeeignet. Seinem ersten Werk folgten mehr als 30 weitere, meist Sachbücher. Nach Dänikens jüngsten Angaben zählt er 67 Millionen verkaufte Bücher.

Bevor EvD am späten Sonntagnachmittag die Bühne betrat, durften neun weitere Referenten ran. Um die ganze Veranstaltung ins rechte Licht zu rücken, hatten die Veranstalter die Halle in eine sphärisch-blaue, um nicht zu sagen spacige, Beleuchtung getaucht. Und in dieser Atmosphäre schienen sich die UFO-Fans und Verschwörungstheoretiker sichtlich wohl zu fühlen. Mit mehr als 2.500 Teilnehmern war der Kongress ausverkauft, die Leute aus aller Welt angereist. Für den Rottenburger Kopp Verlag, der das Ganze veranstaltet hat, dürfte das ein ziemlicher Erfolg gewesen sein. Kopp, der Däniken seit Langem publiziert, präsentiert sich selbst als ein Verlag mit „Informationen, die Ihnen die Augen öffnen", wie der Slogan lautet. Man nehme sich eben Themen an, die woanders tabuisiert werden. Wer nachschaut, entdeckt darunter auch Rechtspopulismus. Denn zwischen kritischer, esoterischer und weltverschwörerischer Literatur finden sich auch Bücher mit Titeln wie SOS Abendland – Die schleichende Islamisierung Europas. Online erscheinen Artikel, die gerne Mal thematisieren, wie junge Mitbürger mit Migrationshintergrund bundesweit ein Problem seien. Die mittlerweile eingestellten Online-Nachrichten verlas Eva Herman, deren Bücher Kopp zudem verlegt.

Erich von Däniken signiert sein Werk

Das alles scheint gut zu laufen. Und so zahlten am Wochenende alle Besucher bereitwillig 120 Euro für den Eintritt, Vergünstigungen gab es nicht. Aber es galt ja auch „hochkarätige Referenten aus aller Welt", wie der Kopp-Verlag im Vorfeld angekündigt hatte, zu bezahlen. Dazu gehörten am Sonntag unter anderem Chandra Wickramasinghe, Astrophysiker und Experte für interstellaren Staub, aber auch ein Verfechter der Theorie der Panspermie. Etwas abstrus erschien vor allem der Vortrag von Robert Salas. Er war in den 60er Jahren stellvertretender Kommandeur der Malmstrom Air Force Base in Montana und sagt, er habe 1967 ein UFO über dem Stützpunkt schweben sehen. Währenddessen seien die Atomraketen wie von Geisterhand deaktiviert worden. Lange habe niemand darüber sprechen dürfen da vom Militär als geheim eingestuft. Später hörte er von weiteren ähnlichen Zwischenfällen, erzählte er. Salas zieht aus den Erscheinungen ein Fazit: „Aliens wollen uns darauf hinweisen, dass wir unsere Atomwaffen beseitigen sollen. Ich glaube, sie senden uns eine Botschaft."

Doch das sollen nicht seine einzigen Kontakte mit Außerirdischen gewesen sein. 1985 sei er eines Nachts auch entführt worden. „Meine Frau war bewusstlos und ich schwebte im Zimmer zum Fenster hinaus", erinnert er sich. Danach habe er sich auf einer Stahlbahre wiedergefunden und es seien Experimente an ihm durchgeführt worden. An dieser Stelle mache ich bei Salas einen Punkt. Nur noch soviel: Salas ist der Überzeugung, dass geheime Kräfte weltweit seit jeher verschwörerisch zusammenarbeiten und die Beweise für die Existenz Außerirdischer vor den Menschen verbergen.

Nach Salas langatmigem Vortrag musste ich erstmal an die frische Luft. Ehrlich gesagt bin ich zwischendrin fast eingenickt. Andere Kongressbesucher waren schon während seinem Vortrag rausgegangen. Man kann den Kram eigentlich auch bei YouTube anschauen.

Vor der Tür treffe ich auf Marlene, eine charmante und mondäne Luxemburgerin.

Mit ihrem perfekten Make-up, der zitronengelben Jacke und dem breiten Stirnband sticht die Frau, der man ihre 75 Jahre nicht anmerkt, heraus aus der grauen Menge. Sie glaubt an frühere Leben, Atlantis und die hier vertretenen Pseudowissenschaften. „Die Veranstaltung ist gut. Hier trifft man auf Gleichgesinnte", sagt Marlene, die mit ihren Ansichten ganz offen umgeht. Sie sagt Dinge wie: „Ich möchte nicht mehr in diesem Spiel sein", oder: „Sie müssen keine Realität akzeptieren, die ihnen nicht gefällt."

Obwohl die Veranstaltung sehr professionell organisiert war und der Zeitplan fast immer eingehalten wurde, ging es nach einem kleinen, aber unschönen Zwischenfall doch etwas früher in die Mittagspause. Norbert Reichart, Chef von Media Invest Entertainment, dem Unternehmen, das die Rechte für die Lizenz von Chariots of the Gods (wie der englische Titel von Erinnerungen an die Zukunft lautet) hält, hat Großes vor. Er will aus Dänikens Lebenswerk einen neuen Film, Fernsehserien, Videospiele, eine Welttournee, ein Vergnügungspark, interaktive Bücher und Musik produzieren. Bei der bis dahin so begeisterten und friedlichen Menge hatte sich bei der Vorstellung des Projekt-Trailers, der durchaus einen Hauch Hollywood versprühte, doch etwas Wut angestaut und sich schließlich in ungestümen Buh-Rufen entladen. So verließ Reichart die Bühne, noch bevor sein Vortrag beendet war, und weder Moderator noch sonst wer verlor auch nur einen Ton über den Zwischenfall.

André (27)

Ich nahm die Mittagspause zum Anlass, mich etwas umzuhören—vor allem woher diese Ablehnung kam. „Das ist totaler Kommerz", sagte André (27) und sein Vater Roland (47) stimmte zu. „Ich finde, das sollte wie ein Selbstläufer funktionieren. Das ist nicht für die breite Masse", findet André. Vater und Sohn waren aus Köln angereist, um sich die „sehr informativen und interessanten" Vorträge anzuhören. „Im Freundeskreis erntet man öfter Skepsis und wird als Spinner hingestellt. Aber auch hier muss man natürlich kritisch sein, denn die wollen auch ihre Bücher verkaufen", sagte Roland.

Gegen 15.30 Uhr betritt endlich der lang erwartete Jubilar die Bühne. Wie seit Jahrzehnten trägt er sein königsblaues Sakko und wie seit eben so langer Zeit spult er seine Thesen ab. Verglichen mit dem nüchternen Vortragsstil seiner Vorgänger an diesem Tag wirkte er wie der Science-Fiction-Geschichten erzählende Onkel. Lediglich sein Raucherhusten bremste die euphorische Erzählmelodie alle paar Sätze. Däniken Total war der Titel seines Vortrags und EvD schien gar nicht aufhören zu wollen, weil Total in diesem Fall, so schwante mir, die geballte Breitseite all seiner Erkenntnisse der letzten 50 Jahre war. Man könnte aber auch sagen: Nichts Neues an der Indizien-Front.

Doch das scheint den EvD-Anhängern egal. Die lachten herzlich und applaudierten frenetisch, als er zur Neuinterpretation biblischer Beschreibungen von himmlischen Erscheinungen aufrief: „Wir müssen die alten Texte begreifen und den religiösen Schmarrn wegschmeißen!" Das seien alles Außerirdische, die da beschrieben werden. Wer's nicht glaubt, kann das, wenn nicht in Dänikens Büchern, bei Hesekiel nachlesen, dessen Schilderungen nichts anderes als der Erfahrungsbericht der Begegnung mit Außerirdischen sei. Auch hält er an der These fest, dass Menschen Stonehenge oder die Pyramiden von Gizeh nie hätten alleine bauen können. Das Wissen um Astronomie und Baukunst müssen ihnen die Außerirdischen gebracht haben. Woher die es wiederum hatten, darauf liefert er keine Antwort. Auch wird er seit jeher dafür kritisiert, früheren Kulturen Fähigkeiten abzusprechen.

Christopher

Spätestens als ganz final noch die übliche Klatsche auf die Lügenpresse kam, hätte ich auch auf einer AfD-Veranstaltung sein können, wahlweise aber auch bei einem Sektentreffen, so ungefiltert wie alles Gesagte hier angenommen wurde, befand Christopher aus Augsburg, ein kritischerer Besucher, mit dem ich mich noch unterhielt.

Was kann man aber tun? Woher den Beweis nehmen, wenn Regierungen ihre Infos verheimlichen und die „vernünftige Wissenschaft" und erst recht die Presse sich vor mutigen Interpretationen fürchten? Vielleicht müssen wir einfach auf die von Däniken prophezeite Rückkehr der Außerirdischen warten und hoffen, dass sie auch mal am helllichten Tage in einem Ballungsraum auftauchen, damit auch ganz viele Leute sie dann sehen.

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