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Vice Blog

Ein Gabalier macht noch keinen Graben

Es ist verlockend, einen Bruch zwischen dem Conchita Wurst- und dem Gabalier-Österreich zu inszenieren. Aber bringt das den Diskurs weiter?
9.4.15

Offizielles Pressefoto von Andreas Gabalier

„Nach Conchita Wurst hätte man fast den Eindruck bekommen können, Österreich sei weltoffen. Andreas Gabalier hat das gerade noch verhindern können." Solche und ähnliche Meldungen hat man in der österreichischen Sektion des weltweiten Netzes in den letzten Tagen öfter lesen können. Von außen betrachtet erscheint es fast so, als hätten wir es auf der einen Seite mit einem toleranten Austria und auf der anderen mit einem reaktionären Österreich zu tun.

Zum falschen Toleranzbegriff haben in den letzten Tagen schon einige andere Gutes geschrieben, weshalb ich das hier gar nicht ausführlich behandeln möchte. Viel interessanter als die Diskussion um Toleranz ist aber etwas anderes. Wenn gerade alle ein Endmatch zwischen dem weltoffenen, strahlenden gender-bending Teil und dem Lederhosen-Teil dieses Landes konstruieren, lohnt es sich, mal einen Blick auf diesen postulierten Bruch zu werfen.

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In der Politikwissenschaft werden tief gehende gesellschaftliche Brüche Cleavages genannt. Nach einer gängigen Theorie entstehen entlang dieser Brüche auch neue Parteien: Konflikte wie Kapital vs. Arbeit, Stadt vs. Land, Kirche vs. Staat und so weiter brachten und bringen Dinge wie die Sozialdemokratie, die Liberalen und andere hervor. Diese Theorie ist nicht unproblematisch, aber mit ihr lässt sich immer wieder die Entstehung neuer Bewegungen erklären. Zum Beispiel die der Piratenpartei, quasi als Antwort auf den Bruch zwischen einer durch und durch digitalisierten Wirklichkeit und dem Teil der Gesellschaft, dem das nicht geheuer ist. Natürlich führt nicht jeder Bruch zu neuen, relevanten Parteien: Cleavages müssen stark genug und dauerhaft relevant sein.

Natürlich hat das bestehende politische System die Möglichkeit, auf neu entstehende Bruchlinien zu reagieren: Wenn sie klug sind, integrieren sie die Konflikte in ihr Programm. Wenn sie dumm sind, ziehen sie den Kopf ein und hoffen darauf, dass der Sturm vorbei zieht—wie es die Sozialdemokratie mit der aufkommenden Öko-Bewegung getan hat. Das Ergebnis sitzt heute mit den Grünen fast überall in Europa in den Parlamenten.

Ein tief sitzender Ärger über so vieles, wogegen man irgendwie machtlos ist

Was könnte also jetzt der Bruch, der gesellschaftliche Graben sein, an dessen Rändern sich die „Toleranten" und „Reaktionären" dieses Landes sammeln? Da wird es halt leider schon eher diffus. Feminismus ist keine neue Bruchlinie. Auch die Anerkennung homosexueller Partnerschaften ist ein Konflikt, der sich seit Jahrzehnten hinzieht. Man könnte das bröckelnde Ideal der heterosexuellen Kleinfamilie in den Mittelpunkt des Konflikts stellen, aber auch das überzeugt nur so halb—die bröckelt ja auch nicht erst seit gestern.

Wenn wir uns aber die Milieus anschauen, aus dem sich Phänomene wie Pegida, die FPÖ oder Gabalier (Achtung: Ich will Gabalier hier NICHT unterstellen persönlich rechtslastig zu sein, sondern nur darauf hinweisen, dass sich seine Fans aus bestimmten Teilen der Gesellschaft rekrutieren) speisen, dann bieten diese zwar eine gewisse Breite vom Professor bis zum Hackler, aber sie haben dabei trotzdem immer eine Sache gemeinsam: ein Unbehagen gegenüber einer Welt, die sich verändert.

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Ein tief sitzender Ärger über so vieles, was im Jahr 2015 Realität ist, wogegen man aber einfach irgendwie machtlos ist. Der „Genderwahn". Die „Asyindustrie". Die schwindende Heteronormativität. Die „Minderheiten-Lobby". Der vermeintliche Untergang des Abendlandes. Aus diesem Gefühl der Ohnmacht entsteht die Opferpose, in die sich die FPÖ seit jeher, Pegida in ihrer kurzen Blütephase und Gabalier in den Nachwehen des Amadeus begeben hat. Der zentrale Satz dabei ist das altbekannte „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen!" Ja, darf man eh.

Bei so etwas stößt die altgediente Theorie der Cleavages an ihre Grenzen. Wir haben es eben nicht mehr mit einem singulären, zentralen Thema zu tun, wegen dem sich die Gesellschaft die Köpfe einschlägt. Sondern mit einer diffusen Gemenge-Lage, die zwar irgendwie schon ökonomisch und gesellschaftlich ist, vor allem aber gefühlt. Und die sich durch (fast) sämtliche Schichten der Gesellschaft zieht. Die vermutlich überzeugendste Erklärung für dieses Ohmachtsgefühl ist der Machtverfall des weißen, heterosexuellen Mannes. Man muss da vorsichtig sein: Seit 20 Jahren redet man vom Machtverlust der weißen Männer—sie haben sich aber in den wichtigen Positionen eigentlich bislang ganz gut gehalten. Trotzdem schwindet die Macht des „Average Joes" (der amerikanische Begriff trifft es ein bisschen besser als der deutschsprachige Max Mustermann) seit Jahren zweifellos. Die Schrecken kommen von überall: Das wirtschaftliche Erwachen der Schwellenländer bedroht ihn ökonomisch im Großen; der (langsame) Aufstieg der Frauen und Minderheiten bedroht seine wirtschaftliche Stellung im ganz Persönlichen. Neue Lebensmodelle stellen seine Entscheidungen in Frage. Der Angry White Male, wie er im angelsächsischen Raum genannt wird, sieht sich als Opfer der Modernisierung. Er hat Angst. Und das macht ihn wütend.

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Das Problem an der Sache ist, dass manche dieser Ängste tatsächlich real sind, andere aber völlig aus der Luft gegriffen. Die Chance, aus der Mittelschicht abzurutschen, ist heute tatsächlich höher als noch vor 20 Jahren—während die Annahme, die Homo-Ehe würde Ehen zwischen Heteros entwerten, natürlich völliger Blödsinn ist. Die Vermischung von vielleicht nicht richtigen, aber zumindest legitimen Anliegen mit komplettem Schmafu macht es so schwierig, darauf angemessen zu reagieren. Überhaupt läuft seit jeher eine Diskussion darüber ab, wie man am besten auf solche Ängste reagiert. Eine der Kernfragen wäre zum Beispiel: Stärke ich nicht die Angst vor Einwanderung, wenn ich sie ernst nehme? Aber eine genauso richtige Gegenfrage ist: Züchte ich mir nicht eine Milieu, das nur noch von Lügenpresse und „denen da oben" redet, wenn ich das ignoriere? Gerade in Österreich, dem Land der FPÖ, ist das eine zentrale Problemstellung mit sehr vielen Antworten, die irgendwie alle richtig sind. Leute ernst zu nehmen ist richtig, genauso wie es richtig ist, Arschlöcher Arschlöcher zu nennen. Wer sich hier eine abschließende Antwort erwartet—sorry. Ich wünschte, ich hätte sie.

Um auf die Anfangsfrage zurückzukommen: Nein, es gibt nicht das „Wurst-Österreich" und auch nicht das „Gabalier-Österreich". Es geht kein neuer Bruch durch dieses Land. Stattdessen gibt es zahlreiche Risse an verschiedenen Stellen, die durch die gesellschaftliche Öffnung immer sichtbarer werden und über die in der Folge natürlich geredet wird. Es gibt zahlreiche Kräfte hüben wie drüben, die daraus ein „Wir vs. Die" machen und den Konflikt dadurch auf die gefühlte Ebene holen, auf der er eben möglichst nicht geführt werden sollte: Die FPÖ ist ein blöder Haufen, der Rechtschreibfehler macht und „Je suis Gabalier" sagt. Und auf der anderen Seite: Die Linkslinken sind alles ignorante Gutmenschen, die wie der Frosch in den Multikulti-Mixer springen, ohne etwas davon zu merken.

Ja, eh. Dieses Verhalten ist verständlich. Auch ich tappe oft genug in die Falle. Das hier ist auch keineswegs ein Plädoyer für Konsens—ganz im Gegenteil. Jede schlechte, dumme und diskriminierende Forderung muss und soll bekämpft werden. Jeder diskriminierende „Manderl/Weiberl"-Sager darf und soll kritisiert werden.

Diskurs, Debatte, auch für Streit, ist wichtig. Es hat mir nur bislang noch niemand überzeugend erklären können, wie das Bilden von neuen Lagern dem Diskurs helfen soll.

Wer bis hierhin gekommen ist, kann Jonas eigentlich auch gleich auf Twitter folgen: @L4ndvogt