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Wie es ist, als Mann auf Junggesellinnenabschieden zu strippen

Freddy-Krüger-Fetische und die Abgründe der weiblichen Seele—zwei Stripper haben uns von den verrücktesten Momenten ihrer Karriere erzählt.

von Lisa Möller
23 Juni 2015, 11:30am

Alle Fotos: Berlin Dreamboys

Junggesellinnenabschiede sind für die meisten eine ziemlich nervige Sache. Ob selbst daran teilnehmen oder sich in der Fußgängerzone Penis-Flaschenöffner für zehn Euro andrehen lassen: große Frauengruppen mit Partnershirts oder zusammen passenden Haarreifen werden am liebsten großräumig umgangen. Und auch in Clubs sind Mädelsgruppen mit VIP-Tisch inklusive einer Flasche Schampus nicht gerade die beliebtesten Gäste.

Wenn man schon als Unbeteiligter nicht so richtig Bock auf Junggesellinnenabschiede hat, wie steht es dann erst um die Leute, die beruflich mehrmals die Woche mit solchen Feiern zu tun haben? Wie fühlt man sich als Mann, der als Polizist verkleidet Wohnzimmerpartys sprengt und dafür sorgt, dass erwachsene Frauen wie hysterische Schulmädchen kreischen? Wir haben uns mit David und Bastian von der Berliner Agentur Berlin Dreamboys zusammengesetzt und sie gebeten, mal ein bisschen aus dem Nähkästchen zu plaudern. In sieben beziehungsweise zehn Jahren Strip-Erfahrung sind schließlich einige Geschichten zusammengekommen, die die Bräute in Spe ihren Lebenspartnern wahrscheinlich lieber vorenthalten haben.

Mit uns haben sie über die Abgründe der weiblichen Seele, Freddy-Krüger-Fetische und peinliche Auftrittspannen gesprochen. Und darüber, dass Junggesellinnenabschiede gar nicht so schlimm sind. Zumindest nicht, wenn man das Ganze mit Humor nimmt.

VICE: Wir alle kennen diese betrunkenen Grüppchen in der Fußgängerzone, mit Leuchtschmuck und Bauchladen. Ist es nicht anstrengend, mehrmals die Woche mit Menschen in einem solchen Zustand zutun zu haben?
David: Es ist okay, ich liebe den Job und wenn man sich darauf ein- und nicht aus der Ruhe bringen lässt, macht er auch wirklich Spaß. Berlin ist ein perfekter Ort dafür, weil hier alle feiern wollen, deshalb kann man das gut umsetzen. Keiner ist böse, wenn du auf den Putz haust. Wir machen ja nicht nur Wohnzimmershows, sondern auch einiges draußen. Es muss halt von Anfang an klar sein, dass ich mir nicht auf der Nase rumtanzen lasse. Oder dass ich jetzt für so und solange den Mädels „gehöre". Ich bin zwar zur allgemeinen Erheiterung da, aber mache nicht alles mit. Das schafft man durch selbstbewusstes Auftreten, ein bisschen Schlagfertigkeit, Charme und vielleicht ein dickes Fell. Außerdem werden die Leute ja im Vorfeld bei der Planung und Organisation schon darauf vorbereitet, was okay ist und wo die Grenzen sind.

Wo wir gerade bei im Vorhinein sind: Habt ihr schon mal Anfragen bekommen, die ihr aus irgendwelchen Gründen (moralisch, persönlich, juristisch) nicht angenommen habt?
Bastian: Ja, das gab es tatsächlich schon. Also generell machen sich die Leute im Vorhinein einfach nicht so wirklich viele Gedanken. Zum Beispiel wollte eine Gruppe mal, dass ich in einer Karaoke-Bar eine Feuershow mache. Auf die Frage, ob das denn von der Bar aus in Ordnung gehen würde, meinte meine Ansprechpartnerin: „Ja, naja, ich denke schon." Es war aber natürlich nicht in Ordnung, also haben wir das mit dem Feuer gelassen. Oder die Sache mit dem Freddy-Krüger-Kostüm. Dieses Kostüm ist echt ziemlich beliebt, aber die Show passt halt überhaupt nicht in ein Wohnzimmer, weil man viel Platz braucht. Es ist eine Bühnenshow. In solchen Fällen erkläre ich das den Kundinnen im Vorhinein, damit sie am Ende nicht traurig sind, wenn die Show nicht so ist, wie sie sich das vorgestellt haben.

David: Was natürlich auch gar nicht geht, sind Minderjährige. Außer wir treten beispielsweise auf einem Geburtstag auf, bei dem die Eltern oder teilweise sogar Oma und Opa dabei sind. Dann geht das klar. Allerdings auch nur über 16. Ich würde jetzt nicht auf einem 15. Geburtstag strippen oder so.

Wie alt ist denn so das durchschnittliche Klientel?
David: Bei Junggesellinnenabschieden so zwischen Mitte 20 und 30. Aber erst kürzlich hatten wir eine Kundin, so Mitte 50, die schon das dritte Mal geheiratet hat. Es war allerdings ihr erster Junggesellenabschied.

Was nervt euch bei Shows?
Bastian: Eine Sache passiert öfters mal, das ist jetzt auch kein Beinbruch, aber nervt einfach: Du sagst der Dame während der Show, dass sie dein Hemd aufknüpfen soll und plötzlich reißt sie es auf. Aus Aufregung oder ich weiß nicht. Dann muss ich ein neues kaufen oder es nähen. Aber insgesamt sind die meisten während der Show zu verschüchtert, um irgendwie aus der Reihe zu tanzen.

Im Publikum gibt es öfters mal einen Störenfried. Eine besonders kesse Freundin, die denkt, sie wäre die Coolste und würde sagen, wo es lang geht und dann blöde Kommentare rein ruft. Aber auch da gibt es Tricks, sie charmant ruhig zu stellen. Zum Beispiel zu ihr hingehen. Meistens hält der Schreck, überhaupt angesprochen worden zu sein, so lange an, bis ich mit meiner Show durch bin. Da läuft viel über Erfahrung. Irgendwann schockt dich nichts mehr und du verfügst über einen Ideenpool, aus dem du schöpfen kannst, was in dieser oder jener Situation passt und angemessen ist.

Musstet ihr schon mal eine Show abbrechen? Weil die Braut sich nicht benommen hat oder ähnliches?
Bastian: Nein, so schlimm war es noch nie. Einmal war ein asiatischer Geburtstag und die Braut war sehr betrunken. Ich glaube, es hat ihr gefallen und das hat ihrem Freund oder Mann nicht gefallen, sodass er sie irgendwann einfach von der Bühne runtergeholt hat und mit ihr weggegangen ist. Ich habe dann eine ihrer Freundinnen auf die Bühne geholt, damit die anderen Mädels trotzdem ihren Spaß haben. Schließlich hatten sich ja alle auf die Show gefreut.

Hast du schon mal unmoralische Angebote bekommen?
David: Ja, na klar. Das passiert sogar ziemlich oft. Sei es, dass ich gefragt werde, ob ich noch mit in den Club kommen möchte oder auch ganz direkt, ob ich nicht Lust hätte, mit ins Hotel zu gehen. Ich verweise dann immer freundlich an Agenturen, die so etwas anbieten. Nein ehrlich, mein Job ist es, dass alle Spaß haben und nicht dafür zu sorgen, dass die Braut am nächsten Tag aufwacht und ihrem Zukünftigen nicht mehr in die Augen schauen kann. Außerdem spricht sich so was immer rum und dann bist du dein professionelles Image los. Das ist nicht nur Mist, weil man unter Umständen rausfliegt oder weniger gebucht wird. Frauen denken sonst auch, dass ich so was immer mache und haben keinen Respekt mehr—beziehungsweise glauben mir nicht mehr, wenn ich sage: Hier ist Schluss.

Was ist dir schon so peinliches passiert bei Auftritten?
David: Oh da gibt es eine Menge. Lass mich überlegen. Einmal hatte ich einen Auftritt auf einem Boot. Ich weiß gar nicht mehr, was das für eine Veranstaltung war. Ich hatte auf jeden Fall ein Tuch bei mir, das ich beim Tanzen als Accessoire benutzt habe und womit ich dann später die pikanten Stellen bedecken wollte. Ich habe es aber wohl ein bisschen zu euphorisch in die Luft geworfen, denn plötzlich kam der Fahrtwind und das Tuch ist im Wasser gelandet.

Bastian: Ich war auch schon mal ein bisschen übermotiviert. Früher als ich noch im Dollhouse gearbeitet habe. Da habe ich auf dem Tisch einen Handstand gemacht, konnte mich plötzlich nicht mehr ausbalancieren und bin umgefallen. Direkt auf die Gäste. Dabei habe ich noch eine Flasche Whiskey und eine Flasche Champagner mitgenommen. Das war mir sehr unangenehm. Aber man darf sich einfach selbst nicht zu ernst nehmen bei dem Job, sonst kann man ihn nicht machen.

Auch witzig: Einmal, als ich als Polizist verkleidet auf der Straße stand, um die Limo mit den Junggesellinnen anzuhalten, kam plötzlich ein echtes Polizeiauto. Ich hatte total Sorge, dass genau in dem Moment der Wagen kommt und ich meinen Auftritt nicht durchziehen kann, deshalb habe ich die echten Polizisten gebeten, auf der anderen Straßenseite zu warten. Die waren zum Glück super entspannt und haben das auch gemacht. Als die Mädels weg waren, kamen sie wieder rüber und der Mann meinte ganz trocken, dass es der Kollegin gut gefallen hat und alles okay ist. Nur würde er mich bitten, nicht in diesem Kostüm nach Hause zu fahren.

Ist das Polizistenkostüm am beliebtesten?
Bastian: Definitiv ja! Verrückterweise merken die Kundinnen oft intuitiv, was zu uns passt und was nicht. Ich mache beispielsweise nicht gern den Pizzaboten, aber er steht trotzdem auf meiner Liste. Glücklicherweise wird er aber so gut wie nie angefragt. Andere Jungs kriegen nur Anfragen, in denen sie als Rapper auftreten sollen oder Handwerker.

Wie läuft ein typischer Polizistenauftritt ab?
David: Ganz unterschiedlich. Entweder machen wir Wohnzimmerauftritte, oder wir halten die Limousine der Junggesellinnen auf der Straße an, steigen ein und machen die Show drinnen. Was wichtig ist: Ich überleg mir immer eine Story außen rum. Ziel ist es ja, dass die Braut möglichst lange denkt, ich wäre ein echter Polizist. Dafür besorge ich mir vorher ihr KFZ-Kennzeichen oder die Adresse, damit ich sagen kann, bei ihr wurde eingebrochen. Oder der Wagen aufgebrochen. Ihre Freundinnen werden dann vorher gebrieft, damit sie erst mal nichts verraten.

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Also so richtig Magic-Mike-mäßig! Hört ihr das oft: Es soll genau so sein wie in dem Film?
Bastian: Ja, aber ist nicht schlimm! Magic Mike hat uns gute Dienste geleistet, weil das verruchte Image seit dem Film ein bisschen weg ist. Wir wollen ja eigentlich genau das, was die Jungs im Film machen: Entertainen. Der Film hat vielen die Berührungsängste genommen und das ist gut für unsere Branche.

Macht Sinn. Bekommt ihr auch Anfragen von Männern, die einen Stripper buchen möchten?
Bastian: Na klar, wir leben im Jahr 2015 und in Berlin. Ich würde sagen, dass bei ungefähr fünf Prozent aller Anfragen ein Stripper für einen Mann gesucht wird. Oder auch eine Stripperin für Frauen. Das passiert vor allem dann, wenn der Freund sehr eifersüchtig ist. Er will lieber eine Stripperin für sie und dann hält eben eine Polizistin die Limousine an. Das ist auch ziemlich cool.

Neulich habe ich mitbekommen, dass ein Kollege aus Bayern die doppelte Gage wollte, weil er für einen Mann strippen sollte. Das wurde dann aber abgelehnt. Das ist auch richtig so. Ich meine, wieso sollte er für denselben Auftritt so viel mehr Geld bekommen, nur weil der Kunde dasselbe Geschlecht hat? Wer nicht damit klarkommt, für dasselbe Geschlecht zu tanzen, sollte es lassen.

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