Ich war undercover im härtesten Gefängnis der USA

Ich habe Strafvollzugsbehörden auf der ganzen Welt angeschrieben und um Zugang gebeten. Ein maßlos überfülltes Gefängnis, das von seinem eigenen Direktor „Konzentrationslager“ genannt wird, hat mich aufgenommen.

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19 August 2014, 2:15pm

Jeder weiß, dass in den USA mehr Menschen im Gefängnis landen als in irgendeinem anderen Land der Welt. Nicht so bekannt sind vielleicht folgende Tatsachen: Die Wahrscheinlichkeit einer Inhaftierung ist für amerikanische Bürger höher als für Chinesen, Russen oder Nordkoreaner; die Anzahl der Inhaftierten (2,3 Millionen) ist genau so hoch wie die Einwohnerzahlen von Estland und Zypern zusammen; wenn ein Amerikaner einmal im Gefängnis landet, dann ist es sehr wahrscheinlich, dass das nicht das einzige Mal ist. 

Laut einer aktuellen Studien des Bureaus of Justice Statistics, einer Abteilung des US-Justizministeriums, werden 28 Prozent der Insassen innerhalb von sechs Monaten nach ihrer Entlassung wieder verhaftet. Nach drei Jahren sind es schon 68 Prozent und nach fünf Jahren sogar erschreckende 77 Prozent. Aber schreckliche Rückfallquoten waren im Land der unbegrenzten Möglichkeiten schon immer präsent. Das Pew Research Center erstellte 2011 einen eigenen Bericht über das Problem—das Fazit war niederschmetternd. Zu viele Straftäter kommen aus dem Gefängnis und wollen wieder das Gesetz brechen. Mehr als 4 von 10 erwachsenen Kriminellen landen in den USA innerhalb von drei Jahren nach ihrer Freilassung wieder im Knast. Zu wenige US-Bürger können aus diesem Kreis ausbrechen. 

Wie können wir das ändern, was jemanden in Konflikt mit dem Gesetz bringt? Und falls das unmöglich ist, wie kann sich die Gesellschaft am besten schützen? Das wollte ich herausfinden. Ich wollte ebenfalls sehen, ob das, was ich über Gefängnisse wusste, auch wirklich der Wahrheit entsprach. Also schrieb ich Strafvollzugsbehörden auf der ganzen Welt an und bat um Zugang. 

Russland, China, Hong Kong, Laos, Thailand, Malaysia, Japan, Jamaika, Schweden, Norwegen, Frankreich, das Vereinigte Königreich und die Isle of Man erteilten mir alle eine Absage, da sie „nicht für meine persönliche Sicherheit garantieren könnten“. Ein Gefängnis in Simbabwe überdachte meine Anfrage, aber ich wurde schließlich doch abgewiesen. Ich hab sogar eine Mail nach Guantanamo Bay geschickt, erhielt jedoch nie eine Antwort. 

Ich wollte schon aufgeben, aber da fand ich heraus, dass ich in den Vereinigten Staaten als „Undercover Voluntary Detainee“ ins Gefängnis gehen konnte. Wenn ich alles richtig mache, dann würde man mitr Zutritt zu „Aufbewahrungseinrichtungen“ in Arizona, Kansas, Nebraska oder North Dakota gewähren. Meine Kontakte in der Strafvollzugsbehörde schusterten mir eine plausible Hintergrundgeschichte zusammen: Ich wurde verhaftet, weil ich ein gestohlenes Auto im Gegenverkehr fuhr und dabei auch noch im Besitz von Methamphetamin war. Das war eigentlich ziemlich witzig, denn zum Einen habe ich keinen Führerschein und zum Anderen hatte ich keine Ahnung, was Methamphetamin ist. 

Der Autor beim Haarschneiden

Ich dachte nicht, dass in Amerika ein „Konzentrationslager“, wie es der Gefängnisdirektor Arpaio selbst nennt, existieren könnte, bis ich in Phoenix, Arizona, eins mit meinen eigenen Augen gesehen habe. Maricopa County ist eine Gegend, in der das Gesetz nicht wirklich für voll genommen wird und in der verurteilte und nicht verurteilte Häftlinge zusammen eine harte Zeit im Gefängnis verbringen. Phoenix liegt in Maricopa und ist eine der konservativsten und gewalttätigsten Städte des Staates Arizona. In jedem Artikel über die Gefängnisse der USA wird die große Schande der sechs Haftanstalten des Maricopa County Sheriff’s Office (MCSO) erwähnt. Eine dieser Haftanstalten—das Maricopa County Jail—war 1993 so überfüllt, dass der Sheriff überschüssige Zelte aus der Zeit des Koreakriegs in der glühend heißen Wüste aufstellen lassen musste, um dem entgegenzuwirken. 

Diese Hölle bekam den Spitznamen „Tent City“ (Zeltstadt) und unterliegt der persönlichen Aufsicht von Sheriff Joe Arpaio, dem selbsternannten „härtesten Sheriff Amerikas“. Arpaio wurde 1992 aus einer populistischen Kandidatenliste gewählt, hat inzwischen sechs weitere Wahlen gewonnen und wurde schon öfters verklagt. Er diente in der US-Armee und war 33 Jahre lang bei der Drogenvollzugsbehörde angestellt. Mitte der 90er Jahre führte Arpaio weibliche und männliche Chain Gangs wieder ein, um die wachsende Verbrechensrate zu bekämpfe. Diese einzigartige Persönlichkeit kommt mit Chain Gangs, „Tent City“ und anderen Häftlings-Misshandlungen durch, weil er vom Volk gewählt wurde. Arpaio ist ein politischer Boss und 80 Prozent der älteren Bevölkerung sind mit seinen Handlungen einverstanden und wählen ihn immer wieder ins Amt. 

Über die Jahre habe ich viel über Arpaio und das MCSO gelesen—wahrscheinlich ist nicht alles davon wirklich wahrheitsgetreu: Den Insassen wird Essen vorgesetzt, das schon weit über dem Verfallsdatum ist, die Gefängnisverpflegung wird zu Preisen über der Inflationsrate verkauft, unechte Strafhandlungen werden inszeniert, um die Aufmerksamkeit der Medien zu erhaschen, und es wird damit angegeben, dass die Wachhunde besser ernährt werden als die Häftlinge. „Die Medien sind hier immer willkommen“, behauptet Arpaio. „Ich habe nichts zu verbergen.“ Letztendlich waren jahrelange, hartnäckige Verhandlungen (und ein wenig Arschkriecherei) nötig, um grünes Licht zu bekommen und ein Insasse in Arpaios Haftanstalt zu werden. 

Ich verbrachte ein paar Tage im Towers Jail, einer der trostlosen und zweckmäßigen Unterbringungskomplexe des MCSO. Wie auch der Rest des Gefängnisses war dieser Teil hoffnungslos überfüllt. Er wurde 1982 für 360 Insassen gebaut, jetzt befanden sich darin 800. 

Als ich ankam, musterte mich eine der Wachen—ein riesiger, schmieriger Typ—und meinte: „Ich glaube, der braucht einen Haarschnitt.“ Es stellte sich heraus, dass allen „Kriminellen“ bei der Ankunft eine Glatze geschoren wird—Frauen müssen diese erniedrigende Behandlung allerdings nicht über sich ergehen lassen. 

Eine Wache führte mich an meinem Arm in einen „Block“—diesen absichtlich nichtssagenden Namen tragen hier die Schlafsäle. Mir fiel ein Spruch auf, der in die Wand gekratzt wurde: „Doing time in this hole is a bloody kiss from a steel cunt.“

Zwei Männer tauschten durch das Plexiglas heimlich Blicke aus. „Aufhören, ihr ekelhaften Schwuchteln“, rief daraufhin die Wache. „Ihr seid eine Schande für die Menschheit!“ Tragik und Comedy gehen in Maricopa County Hand in Hand mit Terror und Farce.

Ein anderer Wärter marschierte im Stechschritt den Flur entlang und schnauzte eine Gruppe von kaputt aussehenden Knackis in pinken Handschellen und schwarz-weiß-gestreiften Uniformen an, bevor er sich mir zuwandte. „Reynolds, ich glaube, die stehen auf dich“, sagte er lächelnd. „Ich glaube, die wollen dich schön in den Arsch ficken. Was hältst du davon? Ihr Engländer steht doch auf den ganzen Schwuchtel-Scheiß, stimmt’s?“

Ich sah mir die Gefangenen in den Schlafsälen genauer an. Ein paar schliefen auf den Stockbetten, ein paar spielten an den Tischen Karten und ein paar Faulenzer warteten bei der Tür begierig darauf, vorzeitig entlassen zu werden. Andere kauerten wiederum in den Ecken dieses trübseligen Ortes—verschwörerisch, dummes Zeug redend und mit leerem Blick vor sich hin starrend. Sie sahen unglücklich aus. 

In „Tent City“ leben bis zu 2000 Insassen und im Sommer kann es dort bis zu 50 Grad Celsius heiß werden. Innerhalb des Gefängnisses sind die Unterbringungskomplexe genau so überfüllt und genau so brutal. In so einer Umgebung ist Resozialisierung ein Fremdwort. Häftlinge werden regelmäßig bedroht und attackiert—ihre Sicherheit, ihr Wohlbefinden und ihre Gesundheit sind direkt und indirekt immer in Gefahr. 

Einige Insassen wurden in Chain Gangs entsendet, um den Müll in den Vorstädten aufzusammeln oder die armen, obdachlosen, enteigneten und unbekannten Toten Amerikas in anonymen Gräbern zu beerdigen. Alle Häftlinge tragen schwarz-weiß-gestreifte Uniformen—die dazugehörige pinke Unterwäsche soll beruhigend wirken. Pinke Boxershorts, pinke Socken und pinke Funktionsunterhemden wurde 1995 eingeführt, nachdem die Angestellten fehlende Boxershorts im Wert von 48.000 Dollar beklagt hatten. Es stellte sich heraus, dass ehemalige Insassen diese in den Bars von Phoenix verkauft hatten. Die neue pinke Farbe sollte eine abschreckende Wirkung haben. Als Bonus-Demütigung werden alle Häftlinge nur noch in pinken Fesseln transportiert.

Unbarmherzig entkleiden dich die Wächter von Tower Jail und bearbeiten dann dein Ego mit einer Zange und einem Schweißbrenner. Einer sagte: „Für mich sind das alles nur Mistkerle. Kriminelle. Sie haben etwas Schlimmes angestellt, sonst wären sie nicht hier.“

Ich erinnere mich an einen dürren und blassen Insassen, der am Eingang der Dusche des Blocks stand. Außer einem kleinen pinken Handtuch über seinem Schritt und einem Paar orangener Flip-Flops war er nackt. „Genießt euren Ausflug“, rief er der Chain Gang zu. „Besser als der rote Tod und Kakerlaken-Tatar.“ Der rote Tod („Red Death“) ist das furchtbare Hackfleisch, das den Häftlingen als Belohnung vorgesetzt wird. Die Männer sprachen auch darüber, wie weit manche Gefangene gehen, um sich zumindest etwas wohler zu fühlen: Insassen, die zur Arbeit raus dürfen, schmuggelten routinemäßig verbotene Waren in ihrem Hintern ins Gefängnis.

„Viele Zigaretten schmecken nach Scheiße“, sagte ein Häftling. „Auf diesem Weg sind sie ja auch reingekommen—im Arsch.“

Neben Zigaretten sind auch noch viele andere Sachen nicht erlaubt: Kaffee, Pfeffer, Ketchup, Schimpfwörter und Pornos. Den Insassen werden täglich zwei fleischlose Mahlzeiten serviert. Hier erwarten dich nur eine harte Zeit, erniedrigende Arbeit, schlimme Frisuren, verschimmeltes Essen, Notlager und willkürliche Drogentests, die mitten in der Nacht von schwer bewaffneten, hochaggressiven Vollzugsbeamten durchgeführt werden. 

Wenn ein Insasse medizinische Versorgung in Anspruch nehmen will, dann muss er dafür zahlen. Wenn man nach Hause schreiben will, dann bekommt man kein Papier und keinen Umschlag, sondern eine Postkarte, auf der Sheriff Joe Arpaio abgebildet ist (anscheinend soll so dem Regime etwas Menschliches gegeben werden). Laut dem langjährigen Sheriff sollen diese ganzen Bestrafungen abschreckend wirken, damit in seinem Gebiet keine Verbrechen mehr begangen werden. 

Aber zeigt das alles auch die gewünschte Wirkung? Nicht wirklich. Die Verbrechensrate von Phoenix (414,8 pro 100.000 Menschen) liegt immer noch über dem US-Durchschnitt (2012 waren es 301,1 pro 100.000 Menschen). Amerikas überfüllte Gefängnisse sind Lagerhallen für Arme, in denen Trinker und Drogenabhängige ein- und ausgehen. Wurde schon einmal daran gedacht, dass das Lösen der Alkohol- und Drogenprobleme vielleicht dabei hilft, die Rückfallquoten und damit auch die Zahl der Insassen in den Vollzugsanstalten zu senken? Soweit ich weiß, hat man das noch nicht. Es ist schon blanke Ironie, dass ein Aufenthalt in der Betty-Ford-Rehaklinik weniger kostet als eine Haftstrafe in einem dieser Gefängnisse.

Veränderung kommt nur langsam. Ein Reform des Strafvollzugssystems gewinnt keine Wahlen, nicht mal in einer angeblich so aufgeklärten Demokratie wie den USA. Trotzdem war man dort bereit, mich für ein paar Tage in einem Gefängnis wohnen zu lassen, um die Vorgänge dort hautnah mitzuerleben. Ich habe viel über die Auswirkungen von Haftstrafen, über Wiederholungstäter und über den Profit, den man mit beidem macht, gelernt. In County-Haftanstalten ist der örtliche Sheriff ein durch und durch amerikanischer Unternehmer. Er bekommt für jeden Häftling und für jeden Tag Geld—wenn die Betten also nicht belegt sind, kommt auch weniger Geld rein. Es ist ebenso ganz im Sinne der Konzerne, wenn die privatisierten Gefängnisse voll sind—oder wie im Falle von „Tent City“ gar überfüllt. Die Gefängnisindustrie ist in den USA immerhin ein 80 Milliarden Dollar schweres Geschäft.

Beschäftigt sich diese Industrie mit der Resozialisierung oder dem Drehtür-Effekt? Nachdem ich einige von Amerikas härtesten Gefängnissen von innen gesehen habe, glaube ich das nicht.