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Wie englische Nationalisten von einem Missbrauchs-Skandal profitieren

1400 Kinder wurden in Rotherham von britisch-pakistanischen Gangs missbraucht. Rechte Organisationen nutzen das für islamfeindliche Propaganda.
9.9.14

Die britische Stadt Rotherham steckt in einer Identitätskrise. Die Kohlebergwerke wurden geschlossen, die Arbeitslosenquote ist hoch, Investitionen sind niedrig. Ich arbeite jetzt schon seit Jahren als Journalist hier und bin zu dem Schluss gekommen, dass Rotherham das Selbstbewusstsein fehlt, dass die Stadt nicht weiß, welchen Platz sie in Großbritannien einnimmt. Leider kann Rotherham jetzt von sich sagen, die schändlichste Stadt Großbritanniens, vielleicht der ganzen Welt zu sein. 1400 Kinder wurden hier von britisch-pakistanischen Gangs missbraucht, während Polizei, Gemeinderat und Sozialarbeiter daneben standen.

Als ob es nicht schlimm genug wäre, die europäische Hauptstadt der Schande zu sein, ist Rotherham jetzt außerdem zur Pilgerstätte für englische Nationalisten geworden. Kritiker haben behauptet, dass „Multikulturalismus“ und Political Correctness Amtspersonen davon abgehalten hätten zu handeln. Deshalb versuchen Rechtspopulisten jetzt, die Situation auszunutzen. Letzte Woche haben Demonstranten der Englischen Verteidigungsliga (English Defence League, kurz EDL) ihr Lager an der Main Street, Sitz von Kreisverwaltung und Polizei, aufgeschlagen. Die Organisation scheint mit jedem Leitartikel über Muslime zu neuem Leben zu erwachen und hat bereits angekündigt, solange zu bleiben, bis der Hauptkommissar von Polizei und Kriminalpolizei in South Yorkshire, Shaun Wright, zurücktritt.

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Wright war Kabinettsmitglied und verantwortlich für Kinder- und Jugendhilfe in Rotherham. Zwar wurde er über Fälle von Kindesmissbrauch informiert, er unternahm jedoch nichts. Die Forderungen aus allen politischen Lagern, dass Wright zurücktreten sollte, sind also durchaus verständlich. Bei der EDL handelt es sich allerdings um eine Organisation, die gern dadurch von sich reden macht, dass ihre Mitglieder betrunken durch die Straßen marschieren und dabei rassistische Beleidigungen brüllen. Deswegen sind die Leute offensichtlich besorgt, dass die EDL die Situation dazu missbraucht, rassistische Tendenzen zu schüren.

Andrew Edge, EDL-Mitglied aus Stockport, war einer der ersten vor Ort. Er sagte, es ginge ihm nur um die Kinder, widersprach sich aber selbst, als er hinzufügte, dass das Problem, das der Islam für die Gesellschaft darstellen würde, nicht unter den Tisch gekehrt werden dürfe. „Wir gehen, sobald Shaun Wright geht, aber ich denke, erst müssen Köpfe rollen.” Er erzählte mir, sie hätten die Ansammlung von Zelten Camp Sangin getauft. „Wie das Lager in Afghanistan?”, fragte ich. „Nein, wie dieses Flüchtlingslager in Frankreich”, das Sangatte heißt. Außerdem fügte er hinzu, es mache ihm nichts aus, als Rassist bezeichnet zu werden, wenn er dadurch verhindern kann, dass weitere Kinder von Pakistanis aufgelesen und vergewaltigt würden. Wäre er auch hier, wenn die Täter Weiße wären? Auf jeden Fall.

„Wir bleiben so lange, wie es nötig ist. Wir haben alles, was wir brauchen, von den Anwohnern bekommen. Die Menschen freuen sich, dass wir hier sind. Wir haben Vorräte für ein, zwei Monate”, sagte Edge und zeichnete damit das Bild einer noch deprimierenderen Version eines Occupy-Lagers.

Die Reaktionen der Passanten auf das Zeltlager waren gemischt. Einige Autos bekundeten durch Hupen und erhobene Daumen ihre Unterstützung für das „SHAUN WRIGHT out BEEP TO SUPPORT”-Plakat („Shaun Wright aus dem Amt. Hupen Sie, um Ihre Zustimmung zu bekunden”). Das ist aber angesichts der Tatsache, dass Shaun Wright gerade der Buhmann Großbritanniens ist, alles andere als überraschend.

Andere entschieden sich eher dafür, die EDL zu ignorieren. Unter ihnen auch Mark Wilson, der Bruder von Laura Wilson, einer Jugendlichen aus Rotherham. Laura wurde 2010 von einem pakistanischen Jungen ermordet und gilt als erstes britisches Opfer eines Ehrenmords. Ich fragte Mark Wilson nach seiner Meinung zum Zeltlager der EDL. Er sagte, er sei alles andere als glücklich darüber. Die EDL würde die Gemeinschaft spalten und das in einer Zeit, in der man zusammenstehen müsse.

Einige der Passanten verurteilten die islamophoben Plakate. Darunter waren auch Ruth Cummins und Vicky Hilton, die mit Plakaten mit Aufschriften wie „UNITY is STRENGTH” („Einheit bedeutet Stärke”) und „Be Creative Don’t be Racist” („Sei kreativ, sei kein Rassist”) einen Zwei-Frau-Gegenprotest veranstalteten. Vicky sagte, sie würde sich wünschen, dass die Leute von der EDL sich tatsächlich für die Gemeinschaft engagieren und etwas positives bewirken würden.

„Die helfen doch niemandem, die ruinieren doch nur den Ruf der Stadt”, fügte Ruth hinzu. „Die Leute sind verängstigt. Das Stadtzentrum war in den letzten Tagen völlig verlassen, weil die Leute wissen, dass die EDL hier ist. So zeigen die Menschen, dass sie nicht einer Meinung mit der EDL sind.”

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Zafran Khan möchte die baufällige Chapel Walk Moschee mit einer neuen Hightech-Moschee ersetzen. Ich habe ihn nach dem Freitagsgebet kurz vor der Moschee getroffen, als er gerade auf dem Weg zu einem Termin war. Auf die Frage, was er über die Demonstranten von der EDL denke, antwortete er: „Kann ich einfach lachen? Ist das auch eine Antwort?”. Als er schon fast um die Ecke gebogen war, fügte er hinzu: „Die Leute verlieren das Interesse an der EDL, darum versuchen die, mit solchen Aktionen von sich reden zu machen.”

Schon nach kurzer Zeit wurde das Zeltlager der EDL zu einem Hotspot für britische Nationalisten, die auf den Empörungszug-Zug aufspringen wollten. So wurden die Spaltungen innerhalb der britischen extremen Rechten auf der Main Street in Rotherham deutlich sichtbar. Die Ersten, die auftauchten, um die EDL zu unterstützen, waren Mitglieder von Britain First in ihrer typischen, pseudomilitärischen Kluft. Einem EDL-Mitglied zufolge hat „die EDL die Säue wieder auseinander getrieben”. Später tauchten noch einige Mitglieder der British National Front auf, Neonazis der alten Schule, wurden aber schnell wieder vertrieben. Mir wurde berichtet, die National Front sei am Samstag wieder in Rotherham gewesen. Allerdings habe sie sich von der Main Street ferngehalten.

Am Samstag erschien außerdem die British National Party (BNP). Ihre Mitglieder reisten aus Cumbria, Lancashire und Manchester an und versammelten sich in der Parkgate Retail World. Ungefähr 20 von ihnen schwenkten Fahnen und hielten Plakate mit der Aufschrift „PROTECT CHILDREN fight grooming gangs” („Schützt Kinder, bekämpft pädophile Banden”) hoch. Chris Thornton, Organisator für die Region Nordost, beschimpfte den Propheten Mohammed solange durch ein Megaphon als Kinderschänder, bis drei Polizisten ihn aufhielten. Viele der Passanten taten ihre Unterstützung kund und nahmen Broschüren mit. Eine Dame steckte gleich eine ganze Handvoll Flyer ein und versprach, sie unter ihren Nachbarn zu verteilen. Eine andere sagte, sie sei dankbar, dass die BNP-Mitglieder den Stadtrat konfrontierten.

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Zwei Männer ließen die Demonstranten links liegen. Auf meine Nachfrage sagte der eine, er würde diese Leute gar nicht beachten. Sie seien als Partei gar nicht überlebensfähig. Der andere fügte hinzu: „Sie dürften gar nicht drucken, was ich über diese Leute zu sagen habe.”

BNP-Schatzmeister Clive Jefferson erklärte mir, weshalb die BNP in Rotherham sei: „Kinder aus dieser Stadt sind Opfer pädophiler, muslimischer Banden geworden. Das ist eine Tatsache. Hätten die Bürger von Rotherham BNP-Mitglieder in den Stadtrat gewählt, wäre das nicht passiert.” Tatsächlich wurden 2008 Mitglieder der BNP in den Stadtrat gewählt. Auch sie haben nichts gegen die Missbrauchsfälle unternommen.

Um diese Versäumnisse wieder gut zu machen, fuhren Mitglieder der BNP zum Haus von Shaun Wright, um auf pathetische Weise Macht zu demonstrieren. Clive Jefferson schickte sich an, Shaun Wright vorläufig festzunehmen. Der war aber gar nicht Zuhause. Sekunden später waren dafür drei Polizeiwagen vor Ort und damit hatte sich die Sache auch erledigt.

Der missglückte Versuch einer vorläufigen Festnahme durch eine Zivilperson fasste denn auch den Auftritt der extremen Rechten gut zusammen: Aufmerksamkeit dadurch zu bekommen, dass man eine tragische Situation ausnutzt, um politisch an Fahrt zu gewinnen—und das alles, während man islamfeindliche Plakate hochhält.

Selbsternannte Sprecher der muslimischen Gemeinschaft haben die Geschehnisse bereits heftig verurteilt, es muss allerdings eine ernsthaftere, gründlichere Untersuchung geben, um herauszufinden, weshalb asiatische Banden so viele Mädchen und Jungen haben missbrauchen können. Ich bin mir ziemlich sicher, dass weder die EDL noch Britain First, die National Front oder die BNP konstruktiv zu dieser Diskussion beitragen können.