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Warum konnten die amerikanischen Luftangriffe Kobane nicht vor dem IS schützen?

Wieso hat die mächtigste Luftwaffe der Welt es nicht geschafft, die Belagerung einer einzigen Stadt durch den IS zu brechen? Wir haben einen Militärexperten gefragt.

von Matern Boeselager
08 Oktober 2014, 2:05pm

Vor knapp einem Monat stellte U.S.-Präsident Obama seine Strategie vor, um die Terrorgruppe Islamischer Staat (IS) im Irak und in Syrien zu „schwächen und letztendlich zerstören". Nicht wenige Beobachter kritisierten schon damals, dass diese Strategie—eine ausgedehnte Bombardierungskampagne aus der Luft, ohne den Einsatz von Bodentruppen—dieses Ziel nicht erreichen kann.

Trotzdem hätte wahrscheinlich niemand damit gerechnet, wie wenig die amerikanischen Luftangriffe wirklich gegen den Vormarsch der IS-Kämpfer ausrichten können—was gerade eindrücklich am Beispiel der nordsyrischen Stadt Kobane bewiesen wurde. IS hatte schon vor mehreren Wochen begonnen, die hauptsächlich von Kurden bewohnte und von der kurdischen Miliz kontrollierte Stadt an der Grenze zur Türkei einzukreisen. Zu diesem Zeitpunkt hatte die Koalition um die USA zwar schon begonnen, Stellungen des IS in Syrien zu bombardieren—in die Kämpfe in der Gegend von Kobane griffen sie aber nicht ein. Erst als die kurdischen Verteidiger vom IS immer weiter zurückgedrängt wurden und die strategisch wichtige Stadt kurz vor der Eroberung stand, begann die U.S. Air Force fast widerwillig, die vorpreschenden IS-Truppen aus der Luft anzugreifen—und erreichte praktisch nichts.

Obwohl amerikanische Jets anfingen, täglich mehrere Angriffe auf ihre vermeintlichen Stellungen zu fliegen, ließen die Dschihadisten sich nicht davon abhalten, das Stadtzentrum fröhlich weiter mit schwerer Artillerie zu beschießen—nach einigen Berichten setzten sie sogar erbeutete Panzer ein—und unaufhaltsam bis an den Stadtrand vorzudringen. Der Höhepunkt war gestern erreicht, als die ersten IS-Flaggen auf einem wichtigen Hügel und vor Gebäuden in der Stadt auftauchten. Richtig, Flaggen. Damit alle sehen, dass sie es geschafft haben. Offensichtlich machten sich die Kämpfer nicht allzu große Sorgen um die Todesmaschinen über ihren Köpfen.

Obwohl die Amerikaner die Intensität des Bombardements auf internationalen Druck hin erhöht haben und es der kurdischen Miliz YPG heute gelungen sein soll, den IS wieder größtenteils aus der Stadt zu drängen, bleibt doch eine gewisse Fassungslosigkeit: Wie ist es möglich, dass die stärkste Luftwaffe der Welt nicht in der Lage ist, eine einzige Belagerung durch eine hochgerüstete Räuberbande aufzubrechen? Wie schwierig kann es sein, in einem derart offenen Gelände ein Artilleriegeschütz zu entdecken?

Um das zu verstehen, rief ich den Militäranalysten und Journalisten Kevin Knodell von der Plattform War is Boring an. Kevin erklärte mir, warum Luftangriffe so überschätzt sind, und das Politik natürlich auch sehr viel damit zu tun, warum die Kurden von Kobane jetzt innerhalb ihrer Stadt ums Überleben kämpfen müssen.   

Auch die Holländer fliegen mit ihren F-16s im Irak herum und versuchen, Terroristen zu finden. Foto: Andy Dunaway | Gemeinfrei

VICE: Kevin, Warum konnten die amerikanischen Luftangriffe die IS-Truppen nicht aufhalten? Sollte das in so offenem Gelände nicht ziemlich einfach sein?
Kevin Knodell: Ja und nein. Oft überschätzen die Leute, was Luftangriffe wirklich leisten können. Luftangriffe sind großartig, wenn man sie mit einer Bodenoffensive verbindet. Aber ein akutes Problem im Moment ist ja, dass oft nicht das getroffen wird, was getroffen werden sollte. Die Kurden haben bereits gesagt, dass sie von den Luftangriffen enttäuscht sind, weil sie nicht den gewünschten Effekt hatten. 

Die U.S. Air Force und die arabischen Verbündeten haben zum Beispiel zivile Ziele getroffen, was allerdings fast zu erwarten war. Noch beunruhigender ist aber, dass sie auch Ziele der Freien Syrischen Armee getroffen haben—was genau das Gegenteil von dem ist, was sie treffen sollten.

Ein Teil des Problems ist, dass sie keine Fluglotsen haben. Ziele zu identifizieren, ist nicht so einfach, wie Leute vielleicht glauben. Selbst wenn man ein oder zwei Drohnen in der Luft und Satellitenbilder hat, hat man immer nur diese unscharfen, schwarz-weißen Bilder, auf denen man vieles nur so halb erkennen kann. Deshalb hat man normalerweise noch Leute am Boden, die den Luftwaffen sagen, wo die Ziele sind. Ohne jemanden am Boden, der berichten kann, was du eigentlich triffst, ist es sehr schwierig. Das haben sie in Syrien nicht, weil sie mit den Gruppen, die sie offiziell unterstützen, nicht wirklich zusammenarbeiten. Sie haben keine direkten Kontakte da unten, die ihnen das sagen können.

Man hat in den letzten Tagen immer wieder gehört, dass der IS die Stadt mit Panzern und Artillerie belagert. Sollten die US-Flieger solches Gerät nicht sehr einfach treffen können?
Es ist schwer, diese Berichte zu verifizieren. Wir wissen nicht genau, ob IS wirklich Abrams-Panzer einsetzt—es ist aber möglich. Ein hoher kurdischer Geheimdienstoffizier im Irak hat einem Kontakt von mir erzählt, dass IS sieben Abrams-Panzer habe und sie sie nach Syrien gebracht hätten, um sie gegen die YPG einzusetzen.

Trotzdem: Luftangriffe sind keine Zauberei. Es ist ein bisschen die Schuld des US-Militärs, dass sie Luftangriffe als magische Lösung für alles präsentiert haben. Diese Idee, dass sie einfach per Satellit aus dem Himmel Ziele anpeilen können und immer genau wissen, wo alles ist—so weit sind sie noch nicht. Und selbst wenn sie wüssten, wo genau ein Ziel ist—wenn sie dann reingehen und es angreifen wollen, sind das bewegliche Ziele. Man kann sie nicht einfach mit einer Missile treffen. Dort verschieben sich sogar die Frontlinien fast täglich.

Ein erfolgreicher Luftschlag gegen einen bewaffneten Pickup

Wie gesagt, Luftangriffe sind nur ein Werkzeug von vielen. Ein sehr überbewertetes Werkzeug. Bis jetzt sind es nur ein Haufen Leute, die eine Menge Bomben abwerfen. Chaos.

Gut, das heißt, dass es ohne Beobachter am Boden sehr schwer ist, die richtigen Ziele zu treffen. Warum hat die Air Force das nicht vorher bedacht?
Dafür bräuchte es deutlich mehr Koordination zwischen den Kurden und der US-Koalition. Das Problem ist, dass die Verteidiger von Kobane wegen ihrer Verbindungen zur PKK offiziell als Terrororganisation gelten. Aus formaler Sicht sind das da zwei Terrororganisationen, die sich bekämpfen. Ich sehe das nicht unbedingt so, und ich glaube auch nicht, dass die Welt das so sieht. Aber aus politischer Sicht ist es das, und das hat die Operation enorm behindert.

Abgesehen von den operationellen Problemen haben die Amerikaner vielleicht so lange mit einer Einmischung in Kobane gewartet, weil sie sich aus der ganzen Sache mit den Kurden raushalten wollten?
Vielleicht? Wahrscheinlich. Die „Sache mit den Kurden" ist ja auch enorm kompliziert. Die verschiedenen kurdischen Unabhängigkeitsbewegung sind auch untereinander tief gespalten. Und die Amerikaner könnten da auch wegen dem NATO-Partner Türkei zurückhaltend sein—möglicherweise wollen sie keine Gruppe unterstützen, die die Türken nicht mögen.

Aber selbst ohne die Kurden—Kobane ist so nah an der türkischen Grenze, dass ein amerikanischer Offizier sich ja praktisch an die Grenze stellen und die Luftangriffe von da koordinieren könnte, oder nicht? 
Möglicherweise. Ich kann auch nicht genau erklären, warum man es in dem Fall so weit hat kommen lassen. Aber wer offensichtlich die Möglichkeit hätte, mehr zu tun, wäre die Türkei. Aber sie schauen einfach nur zu. Die haben Streitkräfte und Panzer an der Grenze stehen, die tatsächlich zuschauen. Wenn sie etwas ändern wollten, könnten sie es tun. Sie sind nicht die stärkste Armee, aber sie sind eine NATO-Macht. Sie könnten etwas unternehmen. Ich bin mir nicht sicher, auf was sie warten.

Die AH-64-Apache-Helikopter werden im Irak, aber nicht in Syrien eingesetzt. Foto: US Army

Erdogan hat gerade gesagt, dass IS und die PKK im Grunde dasselbe seien. Es sieht nicht so aus, als wollte er eingreifen. Der PKK-Führer Öcalan hat jetzt gedroht, den Friedensprozess abzubrechen, wenn Kobane fällt. Was passiert dann in der Türkei?
Das könnte ein großes Problem werden, wenn die Türkei nichts unternimmt. Ich weiß nicht, ob das bedeutet, dass der Krieg [zwischen der Türkei und der PKK] wieder voll anfängt, weil keiner sich das leisten kann, während der IS noch weitermacht.

Andererseits wird es auch schwierig für die Türken, wenn sie sich entscheiden, mit der YPG zusammenarbeiten. Falls das passieren sollte, wird das keine einfache Zusammenarbeit sein. Nur: Bis jetzt hat die Türkei in dieser ganzen Krise nicht wirklich viel getan. Die YPG und die syrischen Kurden waren viel aktiver im Kampf gegen IS und auch das Assad-Regime als die Türkei. Die Türkei hat praktisch keinen Finger gerührt.

Aber die Türkei hat auch nicht angekündigt, dass sie IS vernichten werde. Was bedeutet das für Obamas Strategie, wenn jetzt deutlich wird, dass Luftangriffe alleine so wenig Auswirkungen haben?
Na ja, wir wissen alle, dass es im Moment einfach keine Strategie gibt. Das hat er ja selber zugegeben. Grundsätzlich hat er ein Problem mit der Koordination, aber er hat auch ein Problem mit den Zielen. Abgesehen von der Erkenntnis, dass der IS schlecht ist, haben die Amerikaner immer noch keine Ahnung, wie sie mit Syrien umgehen sollen. Gut, der IS ist schlecht, aber die US wissen immer noch nicht wirklich, wie sie zuschlagen sollen, um IS zu zerschlagen, und mit wem sie zusammenarbeiten sollen, wer ihre echten Freunde in Syrien sind.

Man braucht Truppen am Boden. Das müssen keine westlichen Bodentruppen sein, man muss nur lernen, mit den einheimischen Kämpfern—den Irakern, den Kurden und der Freien Syrischen Armee—zusammenarbeiten. Bis jetzt versucht jeder, den IS auf seine eigene Art zu bekämpfen, und das ist sehr schwierig. Wenn der IS jetzt Kobane erobert, wird das für die Vereinigten Staaten sehr schlecht aussehen.