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Dieser ehemalige Gangster und Junkie hat furchterregende Geschichten auf Lager

Paul hat im Laufe seines Lebens eine Million Pfund für Crack ausgegeben und wäre unzählige Male fast gestorben. Heute sorgt er dafür, dass niemand es ihm nachmacht.

von Nick Chester, Fotos von Chris Bethell
15 November 2015, 5:00am

Letzte Woche habe ich mich mit vier ehemaligen Londoner Gang-Mitgliedern unterhalten, um herauszufinden, ob ihre Erfahrungen sich damit decken, wie Londons Bandenproblem in den Medien dargestellt wird. Sie waren allesamt sehr interessante Personen, doch einer von ihnen hatte eine Geschichte zu erzählen, die weit über das Gangsterdasein hinausging.

Nachdem er heroinabhängig geworden war und aus der Crew geworfen wurde, deren Anführer er einst war, wurde Paul Hannaford letztendlich clean und beschloss, sein kriminelles Leben hinter sich zu lassen. Das einzige Problem war, dass er keine Qualifikationen besaß, um sich einen Lebensunterhalt zu verdienen. Doch da er ein einfallsreicher Kerl ist, nutzte er seine Vergangenheit zu seinem Vorteil und trat in Schulen und Jugendvereinen als lebendes Beispiel für das zerstörerische Potential von Drogen auf.

Die Enthüllung seiner persönlichen Erfahrung unterscheidet Paul von anderen Anti-Drogen-Rednern—also Polizisten und Leuten von Wohltätigkeits- und Hilfsorganisationen—und schon bald hatte er fünf Vorträge am Tag. Kids mit seinen Horrorgeschichten über harte Drogen Angst einzujagen, war zu seinem Vollzeitjob geworden. Ich war beeindruckt davon, wie er nicht nur eine richtige Karriere daraus gemacht hat, sondern dass er dabei auch noch gewillt ist, Dinge zu erzählen, die die meisten ehemaligen Drogensüchtigen verschweigen würden.

Seine Lebensgeschichte hätte mich vermutlich für den Rest meines Lebens von harten Drogen ferngehalten, wenn ich sie als Kind gehört hätte. Ich habe mich vor Kurzem ein zweites Mal mit Paul getroffen, um noch ein wenig mehr zu erfahren und mich dabei auf seine Rolle als professionelles Drogenopfer zu konzentrieren.

VICE: Wie kamst du dazu, diese Vorträge zu halten?
Paul Hannaford: Einer von meinen Freunden hielt diese komischen Reden für Kids, und ich dachte: „Das mach' ich auch." Ich bin bei einem Jugendverein aufgekreuzt, habe mit 10 Jugendlichen geredet, und sie haben es geliebt. Sie sind am nächsten Tag in die Schule und haben es ihrem Lehrer gesagt. Der hat die Stadt kontaktiert, die hat mich kontaktiert, und dann gab es eine Versammlung. Dann gewann die Sache an Schwung und jetzt habe ich mit 250.000 Kindern geredet, von denen manche erst 6 Jahre alt waren.

Ich schätze, für diese Altersgruppe hältst du dich dann ein bisschen zurück?
Natürlich. Wenn ich in Grundschulen bin, dann sage ich nichts darüber, dass ich mir die Pulsadern aufgeschnitten oder mich mit Scheiße eingerieben habe. Diese Kinder würden so etwas nicht verstehen.

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Du hast dich mit Scheiße eingerieben?
Ja. Ich hatte eine schlechte Beziehung zur Polizei, und weil ich sauer war, als sie mich eingebuchtet haben, habe ich mich aufgelehnt. Es gab eine Situation, da habe ich versucht, einen höheren Beamten zu schlagen, und die anderen Bullen haben mich in eine Zelle geworfen. Ich dachte mir: „Ich werde hier noch verprügelt. Ich sollte die Sache ein bisschen fairer gestalten." Also habe ich mich ausgezogen, auf den Boden geschissen, meine Fäkalien aufgehoben, meinen Körper damit eingerieben, und als sie reinkamen, um mich abzuholen, bin ich auf sie zu gerannt. Am Ende haben sie mich angefleht, mich zu waschen und mich vom Acker zu machen.

Ein anderes Mal kam ich aus einem Kaufhaus, als die Polizei mich verhaftete und mit auf die Wache nahm. Ich war total sauer, dass ich hopsgenommen worden war, und ich war auf Entzug von Heroin und Crack, also dachte ich mir: „OK, ich werde fliehen." Ich drückte die Klingel in der Zelle, und als der Bulle kam, sagte ich: „Kann ich duschen und mich rasieren?" Er sagte: „In Ordnung, ich bin gleich wieder da." Ich folgte ihm zur Dusche und er gab mir ein Stück Seife, ein Handtuch und einen Rasierer und sagte: „Beeilen Sie sich. Rasieren Sie sich und waschen Sie sich und dann stecke ich Sie wieder in die Zelle." Ich nahm die Rasierklinge, zerbrach sie, zog mich bis auf die Unterhose aus, und ein paar Minuten später ging ich auf ihn zu und schnitt mir vor ihm die Pulsadern auf. „Da musst du dich jetzt drum kümmern", sagte ich ihm. Das Blut pisste nur so aus mir raus. Die Polizei brachte mich ins Krankenhaus, wo ich operiert wurde. Als ich aufwachte, war da keine Polizei in meinem Zimmer—genau das, worauf ich gehofft hatte. Ich schlich mich aus dem Krankenhaus und entkam.

Dein Plan hat also funktioniert?
Er hat funktioniert, aber ich habe meinen Körper verstümmelt und wäre fast gestorben, damit ich rauskam und Drogen nehmen konnte.

Wenn du es so formulierst, dann klingt es nicht wirklich nach einem Sieg. Von welchen anderen Vorfällen erzählst du den Kindern?
Na ja, ich erzähle ihnen einfach, wie es war. Innerhalb des ersten Jahres auf Heroin habe ich 32 Kilo abgenommen. Innerhalb von zwei Jahren injizierte ich es schon. Ich fing mit kleinen Nadeln an. Dann fingen alle Venen in meiner Hand an abzusterben, also injizierte ich in meine Arme, meinen Hals, meinen Penis, meine Zehen, überall. Dann fing ich an, Crack zu rauchen. Crack wird mit Ammoniak oder Natron gekocht. Wenn das in deine Blutbahn gerät, werden deine Blutgefäße nach einer Weile richtig hart. Es sind Nadeln in mir abgebrochen und ich bin erst Wochen später ins Krankenhaus gegangen. Als ich dort war, um sie entfernen zu lassen, sagte mir der Arzt, es habe sich entzündet. Danach fing ich an, fünf Zentimeter lange Injektionsspritzen zu benutzen. Warte, ich zeig dir die Nadeln. Ich habe sie dabei.

[An dieser Stelle holte Paul einige Spritzen heraus und klatschte sie auf den Starbucks-Tisch.]

Ich fing an, diese kleine Nadel zu nehmen, aber mir gingen die Venen aus, und der Arzt sagte: „Die einzige Stelle, in die Sie sich noch etwas injizieren können, ist die Oberschenkelvene." Diese Vene verläuft tief im Bein, durch den Schritt und dann zum Herzen. Der beste Zugang ist durch den Schritt, aber die Nadel war zu klein, also musste ich anfangen, eine von denen hier zu benutzen. [Er hebt die größte Spritze auf, die ich jemals im Leben gesehen habe.] Zu diesem Zeitpunkt kostete mich meine Sucht 400 Pfund [ca. 560 Euro] am Tag.

Du benutzt in deinen Vorträgen auch schockierende Bilder, wie das Foto von deiner Beinwunde mit den ganzen Maden drin. Was ist die Geschichte dahinter?
Man soll eine Spritze nur einmal benutzen und dann wegwerfen, aber ich benutzte die gleiche Nadel 50 Mal. Bei den letzten zehn Drückern war sie dann schon stumpf und ich musste sie mit Gewalt in meinen Schritt bekommen. Wenn ich sie rausriss, spritzten mir Membranstücke und Blut aufs Bein und ich bekam Blutgerinnsel, die so groß wie Ballons wurden. Wenn du auf Crack und Heroin bist, dann kratzt du dich viel. Dadurch bekam ich eine schorfige Stelle, etwa so groß wie mein Fingernagel. Damit etwas verheilen kann, muss Blut zirkulieren, aber die Blutgerinnsel ließen das Blut nicht in die Nähe meines Beins. Also wurde das winzige bisschen Schorf zu einem Loch bis auf den Knochen, das sich dann noch von der Unterkante meines Knies bis zu meinem Knöchel ausbreitete.

Pauls verletztes Bein blutet immer noch regelmäßig, obwohl er seit fast neun Jahren clean ist.

Das klingt grauenvoll.
Ja, es wurde so schlimm, dass ich nicht mehr gehen konnte. Ich rannte damals mit ganzen Kleiderstangen aus Läden, um an Geld zu kommen, aber plötzlich hatte ich Probleme damit, überhaupt zu gehen, und ich brauchte immer noch meine 400 Pfund am Tag, sieben Tage die Woche. Als ich viele Jahre zuvor ein Bandenanführer war, hatte ich einen Revolver, und denn hatte ich hinter einem Imbiss vergraben. Ich grub ihn aus und er funktionierte noch, also fing ich an, Dealer auszurauben. Die Dealer von den Westindischen Inseln, die ich ausraubte, waren aber auch keine Anfänger. Sie ließen mich wissen: Wenn sie mich in die Finger kriegen, werden sie mich am Boden festnageln, mich foltern und mich dann umbringen.

Eines Tages war in den Tütchen, die ich geraubt hatte, reines Heroin. Als ich es nahm, bekam ich eine Überdosis und einen Herzinfarkt. Ich wachte Stunden später im Krankenhaus auf und ein Arzt sagte: „Sie waren zwei Minuten lang klinisch tot. Wir haben ihr Herz neu gestartet." Ich sagte: „Wo ist meine Kleidung? Ich gehe." Er sagte: „Nein, das lassen Sie mal. Wenn Sie gehen, werden Sie sterben. Sie haben eine Blutvergiftung und eine Lungenentzündung." Ich schubste ihn aus dem Weg und ging, denn ich hatte das Tütchen mit den gestohlenen Drogen in der Crackbude gelassen, und ich wusste, dass es innerhalb von zwei oder drei Tagen jemand finden und entweder verkaufen oder selbst nehmen würde. Ich dachte mir: „Keine Chance! Das ist mein Dope!" Ich ging hin, um es zu holen, aber auf dem Weg dorthin musste ich an einem Polizeirevier vorbei. Auf mich stand ein Haftbefehl aus, aber ich dachte: „Jetzt ist es aus. Ich kann in die Crackbude gehen und sterben, oder ich gehe ins Polizeirevier und lebe."

Ich humpelte ins Polizeirevier, ging zum Schalter und brach in Tränen aus. Sie nahmen mich fest und brachten mich zurück ins Krankenhaus, wo sie Maden in das Loch steckten, um das tote Gewebe loszuwerden. Danach kontaktierte ich eine Entzugsklinik draußen auf dem Land und erholte mich langsam. Ich habe jetzt bald neun Jahre lang keinen Alkohol und keine Drogen mehr angerührt.

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Würdest du sagen, dass das High, das du bekommst, wenn du Kindern hilfst, nicht auf die schiefe Bahn zu geraten, das Drogen-High für dich ersetzt hat?
Ja. Ich kann von Glück reden, dass ich am Leben bin und solche Vorträge überhaupt halten kann. Ein Arzt hat mir einmal gesagt, die Wahrscheinlichkeit, es zu überleben, wenn sieben Mal auf einen eingestochen wurde und man zwei Überdosen erlitten und im Laufe der Jahre Crack im Wert von einer Million Pfund konsumiert hat, läge bei Eins zu einer Million.

Auf dich wurde sieben Mal eingestochen? Was war da los?
Banden und Schulden bei Dealern. Manchmal ging es auch nur um 50 Pfund. Sie stachen einem in den Arsch oder ins Bein. Mir wurde auch schon fast ein Finger abgeschnitten, in die rechte Hand gestochen, durch den rechten Arm gestochen ... ich bin voller Löcher. Wenn du tief im Bandenleben steckst und heroinsüchtig und ein Crack-Junkie wirst, dann sieht dein Leben so aus. Es ist voller Gewalt und es ist unehrlich und es ist brutal. Deswegen ist es heute mein Job, dafür zu sorgen, dass diese Kinder nicht das machen, was ich mal gemacht habe.

Danke, Paul. Alles Gute für deine Vorträge.