Nordkorea möchte nicht, dass du diesen Film siehst

"Wäre das aufgeflogen, wäre das Filmteam wohl im Arbeitslager gelandet."

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17 August 2016, 10:49am

Protagonistin des Films: die achtjährige Zin-mi | Foto: VERTOV.Real Cinema/Vitaly Mansky

Eigentlich wollte Regisseur Vitaly Mansky einen Film über den Alltag in Nordkorea drehen. Er fragte sich: Wie sieht es aus in dem abgeschotteten Land, in dem der Sozialismus noch immer lebt?

Über zwei Jahre lang verhandelte er dafür mit den nordkoreanischen Behörden. Ergebnis: Die Dreharbeiten konnten nur unter totaler Kontrolle des Regimes stattfinden. Alles wurde penibel abgestimmt und schriftlich in einem Vertrag festgehalten.

Tatsächlich sieht der Dokumentarfilm Im Strahl der Sonne auf den ersten Blick aus wie das, was sich die Nordkoreaner gewünscht haben. Er folgt der achtjährigen Zin-mi, während sie sich darauf vorbereitet, der staatlichen Jugendorganisation Koreanische Kinderunion beizutreten. Dabei zeigt er eine Familie, die am reichlich gedeckten Esstisch scherzt, einen Offizier, der von militärischen Großtaten des Landes schwärmt, und ein Mädchen, das sich nichts mehr wünscht, als ihr Land und den Führer stolz zu machen.

Aber dann stolpern Männer ins Bild, die "Action" rufen und Regieanweisungen geben. Man sieht Menschen, die Dialoge einstudieren. Heimlich hat das Filmteam Szenen aufgenommen, von denen die Behörden in Nordkorea bis zur Premiere keine Ahnung hatten. So ist ein unfassbar starker Film entstanden, der Minute für Minute die Kulisse niederreißt, die der totalitäre Staat so sorgfältig errichtet hat. Er entblößt die Lüge, die ein ganzes Land lebt und folgt Menschen, die scheinbar seelenlos und wie programmiert handeln.

Simone Baumann, die deutsche Produzentin des Films, spricht im Interview über die Tricks, mit denen das Team gearbeitet hat, um an diese Aufnahmen zu kommen. Und darüber, was Nordkorea von dem Film hält.

VICE: Sollte Im Strahl der Sonne eigentlich ein Propagandafilm werden?
Simone Baumann: Na ja, der Vertrag verpflichtete uns, den Nordkoreanern den Rohschnitt zu zeigen. Es gab auch ein Drehbuch, das die Regierung nach ihren Vorstellungen verändert hat. Wir wollten den Koreanern und Russen einen offiziellen Film zur Verfügung stellen. Wir planten aber von Anfang an, noch eine kritischere Version des Films zu produzieren.

Aber am Ende gab es nie einen Propagandafilm?
Nein. Die Koreaner haben den Vertrag gebrochen. Denn sie haben das Team für die letzten vereinbarten Drehs nicht mehr ins Land gelassen. Sie sagten, dass angeblich Ebola grassiere und deshalb keine Ausländer einreisen könnten. Aber sie haben wohl einfach Verdacht geschöpft, dass da was nicht nach Plan läuft.

Eigentlich ein Glücksgriff.
Klar, den Film hätte es sonst in dieser Form nicht gegeben.

Alltag in Nordkoreas Hautstadt Pjöngjang | Foto: VERTOV.Real Cinema/Vitaly Mansky

Wie liefen die Dreharbeiten?
Das Team konnte keinen Schritt nach links oder rechts machen ohne Bewacher. Das Hotel durften sie nicht allein verlassen. Es gab fünf Typen, die die Drehs organisiert und darauf geachtet haben, dass nichts gefilmt wurde, was nicht vorher abgesprochen war. Am Ende des Tages mussten sie das gedrehte Material immer zur Kontrolle abgeben. Alles, was den Begleitern nicht gefallen hat und wo sie selbst zu sehen waren, haben sie gelöscht. Für die meisten Szenen gab es auch mehrere Takes, da wurden nur die besten auf der Speicherkarte gelassen.

Wie hat das Team auf diese Umstände reagiert?
Sie haben beispielsweise aus dem Hotelfenster gedreht mit riesigen Objektiven. So waren sie ungestört. Damit die Nordkoreaner nicht merkten, dass die Kamera den ganzen Tag lang und auch bei den Drehvorbereitungen lief, haben sie das rote Licht ausgeschaltet, das normalerweise anzeigt, dass die Aufnahme läuft. Und sie hatten eine Kamera, die auf zwei Speicherkarten aufgenommen hat. Sie haben dann eine Karte versteckt und eine abgegeben. Die Koreaner wussten davon nichts.

Außerdem hatten wir noch eine Tonassistentin, die eigentlich gar keine war, sondern eine russisch-koreanische Übersetzerin. Denn die Begleiter haben sich untereinander und auch mit der Familie von Zin-mi auf Koreanisch unterhalten. Es gab nie ein direktes Gespräch zwischen dem Filmteam und der Familie. Um zu verstehen, was passiert, hat sich der Regisseur, Vitaly Mansky, entschieden, eine Dolmetscherin mitzunehmen und ihr einen Crashkurs im Aufnehmen zu geben.

Was wäre passiert, wenn die Tricks aufgeflogen wären?
Darüber möchte ich eher nicht nachdenken. Im besten Fall wäre das Team aus dem Land geworfen worden. Aber wäre der Trick mit der zweiten Speicherkarte aufgeflogen, wären sie wohl im Arbeitslager gelandet—mindestens.

Zin-mi mit ihren Eltern | Foto: VERTOV.Real Cinema/Vitaly Mansky

Wie unterscheidet sich Im Strahl der Sonne von anderen Filmen über Nordkorea?
Nach dieser Erfahrung ist mir klar: Ein Ausländer kann dort nicht unabhängig drehen. Wer das behauptet, lügt. Wir zeigen, dass alles inszeniert ist, jedes Bild. Es war eine Riesenkulisse.

Die Familie im Film wohnte ursprünglich in einem Haus hinter dem Bahnhof und der Vater war Redakteur bei einer Zeitung. Als der Dreh dann losging, wohnte die Familie auf einmal in einem Neubaublock und der Vater arbeitete in einer Näherei. Wie die Leute wirklich leben, weiß kein Mensch.

Was hat das nordkoreanische Regime zum Film gesagt?
Nach der Premiere haben sie versucht, ihn aus dem Verkehr zu ziehen. Und sie wollten Vitaly dazu bringen, doch nochmal zum Drehen nach Nordkorea zu kommen. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie ihn gleich verhaftet hätten, wäre ziemlich hoch gewesen. Das ganze Team kann sich dort nie wieder blicken lassen.

Der Film ist als DVD erhältlich.

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