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Reisen

Dieser Typ war sechs Jahre auf Weltreise

"Ich wurde von einer Harpune angeschossen, habe als Stripper gearbeitet und hochgiftige Chemiefässer gereinigt."

von Johannes Musial
24 August 2016, 9:47am

Alle Bilder: Nick Martin

Bevor er auf den Fidschis angeschossen wurde, bevor er als Stripper gearbeitet hat und bei einer Bootsfahrt in einem Hurrikan fast gestorben wäre, spürte Nick Martin ein Stechen im Rücken. Neun Stunden arbeitete er täglich als Software-Verkäufer, fünf Tage die Woche. Irgendwann wurde das Aufstehen am Morgen für ihn zur Qual und er musste sich behandeln lassen. Da war er gerade Anfang 20.

Dann machte er drei Wochen lang Urlaub in Neuseeland. Dort weckten ihn morgens nicht mehr seine Rückenschmerzen, sondern Wellen, die nur wenige Meter von seinem Kleinbus entfernt auf den Strand knallten. Er fühlte sich glücklich und frei.

Zurück in Deutschland kündigte er seinen Job und ging sechs Jahre lang auf Weltreise, kreuz und quer über den Planeten.

Im Interview erzählt der heute 30-Jährige seine wildesten Erlebnisse, wie er das alles bezahlt hat und wo er unbedingt noch hin will.

VICE: In wie vielen Ländern warst du bisher?
Nick Martin: Insgesamt in über 60 Ländern auf fünf Kontinenten. Aber da ist schon noch Luft nach oben. Die Antarktis steht zum Beispiel noch auf meiner Liste.

Wie bezahlst du deine Trips?
Vor meiner ersten Weltreise hatte ich 9.000 Euro angespart. Ansonsten arbeite ich, wenn ich unterwegs bin. Ich habe Jachten restauriert, Tacos auf einem Wochenmarkt verkauft, Teller gewaschen, als Barkeeper gearbeitet und als Gärtner. Und ich habe in einer Chemiefabrik hochgiftige Fässer mit fünf Millimeter dicken Gummihandschuhen gereinigt.

Nick als Tellerwäscher in Australien

Was war die gefährlichste Situation, in die du geraten bist?
Auf Fidschi wurde ich angeschossen. Ich hatte mit Freunden und Einheimischen Volleyball gespielt und stand unter der Stranddusche, um den Sand abzuwaschen. Als ich die Augen aufmachte, stand plötzlich ein Fidschianer vor mir. Er hielt ein Harpunengewehr in der Hand, zielte aus Spaß auf mich und grinste dabei. Ich habe ihn scherzhaft gefragt: "Willst du mich erschießen oder was?" Dann habe ich gemerkt, wie sich sein Grinsen in Erschrecken wandelte. Da spürte ich auch schon die Harpune. Die war 1,5 Meter lang und ist durch den Daumen direkt in meine Brust geflogen.

Was ist dann passiert?
Das ging ganz schnell. Ich habe sie direkt wieder herausgezogen. Um sie aus dem Daumen zu ziehen, habe ich sogar zwei Anläufe gebraucht. Danach musste ich erstmal eine Dreiviertelstunde warten bis ein kleines Fischerboot kam und mich auf eine andere Insel brachte, zum Medical Center. Das war aber eigentlich nur eine kleine Bambushütte. Dort wurden die Wunden dann genäht.

Auf dieser Fidschi-Insel wurde 'Cast Away' gedreht

Und was hast du sonst noch so erlebt?
Ich habe als Stripper gearbeitet.

Wieso das denn?
Als ich in den USA gereist bin, hat mich eine Frau in San Diego über Couchsurfing gehostet. Sie hat mir erzählt, dass sie für einen Junggesellinnenabschied nach Las Vegas fährt. Sie meinte: "Komm mit! Aber wir brauchen einen Stripper."

Ein paar Wochen später war ich dann mit Bekannten in Las Vegas. Wir hatten am Abend vorher über 100 Dollar verspielt. Um das Geld wieder reinzuholen, hat mein österreichischer Bekannter Ziehharmonika gespielt und ich habe dazu Schuhplattler vor dem MGM Grand Hotel getanzt—in Lederhosen.

Dann klingelte mein Handy, es war die Frau aus San Diego. Sie meinte: "Wir brauchen immer noch einen Stripper." Also bin ich in den 20. Stock eines Hotels gefahren. Schon auf dem Flur habe ich das Mädchengeschrei gehört. Irgendwann lief schließlich "Get Low" von Lil Jon und alle guckten mich an. 30 Dollar in drei Minuten, so schnell habe ich noch nie Geld verdient!

Nick tanzt Schuhplattler in Las Vegas

Dein Zuhause ist eine kleine Gemeinde bei Würzburg. Kannst du dort überhaupt lange still sitzen, bevor du wieder nach Flugtickets suchst?
Heute genieße ich es, Zeit mit Freunden und Familie zu verbringen. Aber nach meiner ersten Weltreise hatte ich eine richtige Reisedepression. Erst hatte ich mich noch gefühlt, als könne ich Bäume ausreißen, doch ich war schnell wieder von der typisch deutschen Routine umgeben. Da steht man dann an der Haltestelle und die Leute sind genervt, weil der Bus fünf Minuten zu spät kommt. Dann guckst du auf deine Harpunenwunde und denkst: "Es gibt schlimmere Dinge auf der Welt."

Hast du ein Lieblingsland?
Schwierig. Es kommt ja immer darauf an, was man erlebt und wen man trifft. Wenn ich es in Kategorien einteilen könnte, würde ich sagen: Das beste Essen gibt es in Mexiko, Thailand und Indien; die besten Strände auf den Fidschis, den Philippinen und Sansibar; die schönste Landschaft in Kanada, Bolivien, Peru und Vietnam; den besten Lifestyle in Australien und den größten Spaß in den USA.

Was sagst du Leuten, die auch so viel unterwegs sein wollen?
Einfach machen, nicht zu viel Angst vor dem Ungewissen haben. Das Leben ist ein Abenteuer. Es geht nicht nur darum, was die Gesellschaft von dir erwartet: studieren, Arbeit suchen, Partner finden, Haus bauen und dann irgendwann sterben. Viele Menschen sitzen im Hamsterrad. Da denke ich nur: "Live life to the fullest!" Träume sind dafür da, sie zu erfüllen.

Nick auf einer Motorradtour durch Vietnam

Warst du eigentlich auf deinen Reisen die ganze Zeit Single?
Ne. Ich hatte während der ersten Weltreise eine Fernbeziehung. Wir haben uns da aber auseinandergelebt. Als ich vor der zweiten Weltreise kurz in Deutschland war, habe ich meine jetzige Freundin kennengelernt. Wir sind häufig zusammen unterwegs. Ich bin froh, dass ich jemanden kennengelernt habe, der genauso reiseverrückt ist wie ich.

Was gibt dir das Reisen?
Unterwegs bist du ein freier Mensch, kannst wie ein trockener Schwamm alles aufsaugen, dich von Leuten inspirieren lassen, Kulturen entdecken und neues Essen ausprobieren. Man lernt dabei viel über sich selbst.

Was hast du beim Reisen über dich gelernt?
Dass ich ein Mensch bin, der Abenteuer will. Ich bin ungeduldig und möchte Dinge jetzt sofort machen. Und mir ist klar geworden, dass ich über mein Leben entscheide—kein anderer.

Wo musst du unbedingt noch hin?
Ich will auf jeden Fall die Nordlichter sehen. Und mit der Transsibirischen Eisenbahn fahren. Aber die Liste von Orten ist ziemlich lang. Wenn man einmal mit dem Reisen anfängt, kann man nicht mehr aufhören.

Mit seinem Vortrag "6 Jahre Weltreisen - die geilste Lücke im Lebenslauf" tourt Nick Martin zurzeit durch Deutschland. Infos und Termine gibt es auf Facebook.