Das Ketamin-Geheimnis hinter dem Sega-Klassiker ‚Ecco the Dolphin‘

Wir haben den merkwürdigen Zusammenhang zwischen einem drogensüchtigen Wissenschaftler und einem süßen Videospiel-Charakter untersucht.

|
18 März 2015, 1:26pm

Ein Teil des Covers von Ecco the Dolphin

Ich weiß schon gar nicht mehr, wie ich überhaupt an Ecco the Dolphin gekommen bin. Damals in meiner Kindheit bevorzugte ich noch Videospiele, bei denen Schläge und Tritte im Vordergrund standen, und eine Story über ein verlorengegangenes Waltier auf der Suche nach seiner Familie hätte man gut als einen Affront gegen mein damals noch blutdurstiges Kinderhirn ansehen können.

Irgendwie wurde es dann allerdings doch zu einem meiner Lieblings-Sega-Spiele und war für mich eine willkommene Abwechslung zu der sofortigen Button-Mash-Belohnung von Streets of Rage 2. Der Hauptcharakter ist der Delfin Ecco, der nach einem mysteriösen Tornado von seiner Schule getrennt wird. Es stellt sich heraus, dass seine Gruppe von einer Gruppe Aliens entführt wurde, die sich Vortex nennt und die natürlichen Ressourcen der Erde abernten will—inklusive einem Sammelsurium an Ozeanbewohnern. Eccos Reise führt ihn bis nach Atlantis und anschließend reist er durch eine komplexe Kombination von Wurmlöchern in der Zeit zurück, um Vortex in deren Basis—The Machine—zu konfrontieren.

Anfang der 90er Jahre war Ecco ein Sega-Mega-Drive-Hit und die Spielereihe wurde noch bis zum Ende des Sega Dreamcast fortgesetzt. Eigentlich hatte ich seitdem nicht mehr großartig über die ganze Sache nachgedacht, aber dann bin ich letztes Jahr auf John Cunningham Lilly gestoßen.

Lilly war ein angesehener amerikanischer Wissenschaftler, der sich vor allem für Marinebiologie und artenübergreifende Kommunikation interessierte. Anfang der 60er Jahre finanzierte die NASA seine Forschungen, bei denen er die Möglichkeit untersuchte, Delfinen das Sprechen beizubringen. Die Logik der NASA war dabei folgende: Wenn wir mit Delfinen kommunizieren können, haben wir ein besseres Bild davon, wie man sich mit Außerirdischen unterhält, falls die irgendwann mal vorbeischauen sollten.

Lilly flutete ein Haus in der Karibik, damit die Delfine so nahe wie möglich bei ihm und seinem Team leben könnten. Zu diesem Team gehörte auch Margaret Howe Lovatt, die allem Anschein nach Sex mit einem der Tiere hatte. Das Experiment führte zu nichts, da es—wie nicht anders zu erwarten war—niemand geschafft hat, die Delfine zum Sprechen zu bringen (es gibt allerdings ein Video, in dem eines von Lillys Tieren fast ein „Hello Margaret" herausbringt—was ziemlich nützlich sein könnte, falls alle Aliens Margaret heißen). Lilly wurde schließlich der Geldhahn zugedreht. Er entfernte sich immer weiter von der traditionellen Wissenschaft und wandte sich immer mehr dem Pseudo-Mystizismus der 60er Jahre und dem Herumexperimentieren mit Drogen zu.

John C. Lilly (Foto: Pinterest)

Um 1971 herum war Lilly auf der Suche nach einer Heilung für seine chronische Migräne und einer seiner Freunde meinte, dass Ketamin dabei helfen könnte. Damals war Ketamin noch nicht so weit verbreitet und wurde wahrscheinlich nur von einer kleinen Gruppe eingefleischter Drogenkenner zur Entspannung konsumiert. Der Ruf als beliebte Partydroge war noch nicht geboren. Nachdem Lilly eine kleine Dosis Ketamin genommen hatte, spürte er laut eigener Aussage, wie die Migräne aus seinem Körper gedrängt wurde, und wundersamerweise hatte er danach nie wieder unter einem Anfall zu leiden. Durch dieses Ereignis ermutigt entwickelte er eine langwährende Vorliebe für die Substanz, die er auch „Vitamin K" nannte. Er nahm Ketamin immer regelmäßiger und erhöhte nach und nach auch immer weiter die Dosis.

Das einfache Injizieren von Ketamin war Lilly allerdings schon bald nicht mehr genug und er fing an, sich das Ganze mit Hilfe seines Freundes Dr. Craig Enright intravenös zu verabreichen, während er sich in einem Floating-Tank befand. Sie dachten, dass durch den Tank die externe Stimulation erheblich verringert werden würde und so der psychedelische—oder in dem Fall dissoziative—Trip viel intensiver ausfällt. Niemand dachte daran, dass dieses Vorhaben verdammt gefährlich war, denn beruhigende Drogen und Wasser ist unter den meisten Umständen keine gute Mischung. Und es kam, wie es kommen musste: Lillys Ehefrau Antoinetta rettete ihn einmal in letzter Sekunde vor dem Ertrinken. Diese Experimente bildeten schließlich die Grundlage für Paddy Chayefskys Roman Altered States von 1978, der später auch vom Regisseur Ken Russell verfilmt wurde.

Während der Sessions glaubte Lilly, von einer organischen außerirdischen Einheit namens Earth Coincidence Control Office (ECCO) kontaktiert worden zu sein. Diese Aliens waren wohlwollend, allwissend und hatten die Kontrolle über alle Geschehnisse auf der Erde. Nur einmal waren sie nicht so freundlich, denn Lilly dachte, dass sie sich mit seinem Penis aus dem Staub gemacht hätten.

„An diesem Abend habe ich 150 Milligramm Ketamin genommen und plötzlich entfernte das Earth Coincidence Control Office meinen Penis und reichte ihn mir. Ich schrie vor Angst. Meine Frau Toni kam vom Schlafzimmer aus zu mir gerannt und sagte: ‚Er ist immer noch dran.' Deshalb rief ich in Richtung Zimmerdecke: ‚Wer hat da oben eigentlich das Sagen? Irgendwelche dummen Kinder?'"

Die Parallelen zwischen Segas Ecco the Dolphin und Lillys Ketamin-Trips sind nicht von der Hand zu weisen. Es scheint fast so, als sei die Story des Spiels eine Fusion seines Interesses an Delfinen und den exzentrischen Aussagen, die er nach der Rückkehr aus dem K-Hole von sich gab.

Neben ECCO traf Lilly auch noch auf eine andere Alien-Spezies, die er Solid State Intelligence nannte. Im Gegensatz zu ECCO kamen die SSI-Kreaturen aus einem mechanischen Sonnensystem und ihr Hauptziel war es, die Erde zu zerstören und die Menschheit zu vernichten. Das Ganze ähnelt doch dem viel auf Zelluloid gebannten, erbitterten Kampf zwischen uns fleischlichen Lebewesen und einer ausgeklügelten künstlichen Intelligenz und es ist jetzt auch nicht sehr weit hergeholt, wenn man SSI mit den Vortex-Feinden aus Ecco the Dolphin vergleicht.

Auf die Gefahr hin, dass ich jetzt ein bisschen wie Danny Dyers Charakter Moff aus Human Traffic klinge (siehe oben), aber ich glaube, dass das hier viel mehr Substanz hat als andere Videospiel-Drogenreferenzen—zum Beispiel die „halluzinogenen" Pilze aus Super Mario Bros oder die ganzen Pillen, die Pac-Man auf seinem Weg durch das Labyrinth wegsnackt. Solche Behauptungen kommen jedoch immer ein wenig wie Kiffer-Spekulationen rüber, die nach dem dritten Joint ausgetauscht werden und die kein Spieleentwickler jemals bestätigen wird.

Auch Ed Annunziata, der Schöpfer von Ecco the Dolphin, hatte nicht viel zu Lilly gesagt, was meine Vergleiche zwischen dem Spiel und dem drogengeschwängerten Gedankengut des Wissenschaftlers einfach nur wie einen weiteren Zufall erscheinen ließ. Aber dann stieß ich während meiner Nachforschungen auf einer Facebook-Fanseite auf eine Twitter-Nachricht. Die ist zwar kurz gehalten, aber dennoch vielsagend: „Nein, ich habe nie LSD genommen, aber dafür viele Sachen von John C. Lilly gelesen."

Da habt ihr es direkt aus dem Munde des Schöpfers: Ecco wurde von Lilly inspiriert und ist ein Beweis dafür, dass durch Pferdeberuhigungsmittel verursachte Trips wirklich als Grundlage für ein tolles Videospiel herhalten können. Wenn das für die jungen und aufstrebenden Spieleentwickler von heute keine Herausforderung ist, dann weiß ich auch nicht.

Mehr VICE
VICE-Kanäle