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Was an der Radikalisierung bulgarischer Roma wirklich dran ist

Angesichts des oft zitierten Zusammenhangs zwischen Armut und Radikalisierung war meine These: Die soziale Ausgrenzung und Diskriminierung der muslimischen Roma fördert deren Radikalisierung.

von Paul Donnerbauer
30 Oktober 2015, 5:00am

Typischer Arbeitsplatz für Roma: Die städtische Müllhalde | Alle Fotos vom Autor

Unser Autor verbrachte im Zuge des Projekts Eurotours 2015 fünf Tage in Bulgarien, um für diesen Artikel zu recherchieren.

Vor knapp einem Jahr, im November 2014, sorgte eine großangelegte Polizeiaktion gegen mutmaßliche radikale Islamisten in Bulgarien für Schlagzeilen über die Landesgrenzen hinaus. Nachdem mehrere Videos aus einer Roma-Siedlung in der südbulgarischen Stadt Pasardschik aufgetaucht waren, die junge Männer unter anderem in T-Shirts mit dem Logo des Islamischen Staates und auf einer Demonstration salafistischer Islamisten zeigten, wurden in einer gemeinsamen Aktion der bulgarischen Sicherheitsagentur DANS und der Staatsanwaltschaft in fünf Städten über 40 Gebäude durchsucht und mindestens 20 Personen verhaftet.

Der Fall ist brisant. Brisant einerseits, weil er zeigt, dass es in Bulgarien, das vor allem als Durchreiseland für westliche Dschihadisten, die sich dem Kampf in Syrien anschließen wollen, immer wieder Schlagzeilen macht, durchaus eine Szene radikaler Islamisten gibt. Andererseits aber vor allem deshalb, weil sich die Razzien auf die verarmten Roma-Viertel des Landes konzentrierten.

Angesichts des in Westeuropa oft zitierten Zusammenhangs zwischen Armut, sozialer Ausgrenzung und Diskriminierung von vor allem jungen Männern mit Migrationshintergrund und deren Radikalisierung erregte dieser Fall meine Aufmerksamkeit. Also recherchierte ich und flog Anfang September nach Bulgarien, um mir die Situation vor Ort anzusehen. Meine These: Die soziale Ausgrenzung und Diskriminierung der Roma in Bulgarien fördert die Radikalisierung der muslimischen Teile der Roma-Gemeinden.

Am Rande einer Romasiedlung in Sofia

Bei den Razzien im November 2014 konnte laut eines DANS-Mitarbeiters „eine IS-Terrorzelle im Keim erstickt werden", wie die Sofioter Tageszeitung Standart berichtete. Allerdings räumte wenig später der Chef der Sicherheitsagentur DANS, Wladimir Pissantschew, ein: „Das ist keine Zelle des Islamischen Staates", da weder Geldflüsse von noch Kontakte zu Personen aus dem Umfeld der Terrororganisation nachgewiesen werden konnten.

Unter den Verhafteten befand sich aber der bereits erstinstanzlich verurteilte radikale Prediger und Imam der Abu-Bekir-Moschee in Pasardschik, Ahmed Musa Ahmed, der nicht nur in Bulgarien, sondern auch in Deutschland, Frankreich und den Niederlanden Anhänger zu verzeichnen hat. Ahmed Musa Ahmed soll bis 1995 evangelischer Pastor gewesen sein, dann aber während eines Aufenthaltes in Österreich als Gastarbeiter zum Islam konvertiert sein und später in Ägypten studiert haben.

Der 39-Jährige und sechs weitere Personen wurden schließlich Anfang Juli 2015 wegen der Verbreitung anti-demokratischer Ideologien verurteilt. Konkret wurde ihnen vorgeworfen, der salafistischen und in Saudi-Arabien gegründeten Gruppe Al Waqf-Al Islami anzugehören, die einen radikalen Salafismus lehrt und sowohl von den USA als auch der EU als Terrororganisation geführt wird, sowie Propaganda des Islamischen Staates verbreitet zu haben.

Ahmed Musa Ahmed hat laut dem stellvertretenden Oberstaatsanwalt Borislav Sarafov außerdem Muslime dazu aufgerufen, in den Dschihad zu ziehen: „Wir haben Zeugen für Aufrufe für den Krieg." Weiter soll der Imam davon geträumt haben, dass in Bulgarien als erstem europäischen Land die schwarze Flagge des IS-Kalifats wehen würde—ein Traum, den er wohl dem Oberbefehlshaber des Islamischen Staates, Abu Bakr al-Baghdadi, geklaut hat, der schon in seinem 5-Jahres-Plan zur Eroberung der Welt davon sprach, Bulgarien und Rumänien als erste europäische Länder einnehmen zu wollen.

Eine Roma-Siedlung in Plovdiv

Die ethnische Situation in Bulgarien stellte sich als äußerst kompliziert da. Einer Studie des bulgarischen Soziologen Alexey Pamporov zufolge sind etwa 23 Prozent der zirka 400.000 Roma Bulgariens muslimisch. Offiziell gibt es in Bulgarien keine unterschiedlichen ethnischen Gruppierungen, also auch keinen Minderheitenschutz oder Minderheitenrechte. „Im Alltag wird aber sehr wohl unterschieden, ob man nun türkischer Bulgare, Pomake, Rom oder eben slawischer Bulgare ist", erzählt mir der deutsche Filmemacher, Journalist und Wahlbulgare Andreas Kunz, der sich seit über zehn Jahren mit Roma in Bulgarien beschäftigt und den ich in Sofia treffe.

Die ethnische Trennung und Diskriminierung vor allem der Roma begegnet einem aber in Alltagsgesprächen etwa über den Wohnort (Viertel oder Dörfer mit einem hohen Anteil an Roma gelten grundsätzlich als schlecht) bis hin zu parlamentarischen Diskussionen. Gerade zwei Parlamentsparteien, die sogenannte Patriotische Front und die Partei Ataka, fallen immer wieder mit zutiefst rassistischen Statements auf. „Es gibt einen sehr radikalen Typen von der Patriotischen Front", erklärt mir Kunz. „Der stellt sich im Parlament hin und sagt Sachen wie ,Roma-Frauen haben den Instinkt von Straßenhündinnen'. So etwas kannst du im bulgarischen Parlament sagen, ohne dass etwas passiert."

In einem weiteren Beispiel für die drastische Diskriminierung von Roma in Bulgarien schildert er mir den Fall einer Schwangeren Frau, die an einer Gebärmutterentzündung litt und anstatt eine vernünftige Behandlung zu erhalten vom diensthabenden Arzt mit den Worten „Bist du immer noch nicht verreckt?" wieder weggeschickt wurde.

Das oben genannte Video, in dem junge Männer ihre Sympathie für die Terrormiliz IS offen zur Schau stellen, entstammt einem Viertel in Pasardschik, eben jener Stadt, in der auch Ahmed Musa Ahmed verhaftet wurde und zuvor in seiner privaten Moschee Hasspredigten gehalten hatte, das mehrheitlich von muslimischen Roma bewohnt wird.

Doch trotz der stetigen Diskriminierung von Roma sowohl im Alltag als auch bei der Arbeitssuche (Roma können, wenn überhaupt, meist nur als Feldarbeiter oder Straßenreiniger arbeiten) und auf politischer Ebene scheinen diese grundsätzlich wenig anfällig für extreme politische oder religiöse Ideologien zu sein. „Ich glaube, dass die Radikalen Probleme haben anzudocken, weil es einfach nicht so wirklich der Mentalität der Roma entspricht", meint Andreas Kunz. „Die gehen Konflikten eher aus dem Weg, ansonsten wäre in Bulgarien ja auch die Hölle los, wenn die Roma mal auf die Barrikaden steigen würden."

Eine These, die auch der Soziologe der Universität Plovdiv, Alexey Pamporov, bestätigt. Er ergänzt: „Wenn wir von Roma sprechen, sprechen wir nicht von einer homogenen Gruppe. Von einem soziologischen Standpunkt aus betrachtet, sind sie eine Gruppe, die auf einer äußeren Exklusion, nicht einer inneren Solidarität, basiert." Dies könnte ein weiterer Grund sein, warum sich Roma nicht längst gegen ihre Diskriminierung und Benachteiligung aufgelehnt haben.

Dass derartig ausgiebig über diesen Fall berichtet wurde, ist auch ein Resultat der Hassreden gegen die Roma.

Der Fall in Pasardschik war laut Alexey Pamporov ein Einzelfall, der den dramatischen Zustand des bulgarischen Bildungssystems widerspiegelt: „Die Aktionen in Pasardschik stehen in Zusammenhang mit dem Mangel an Bildung und der sozialen Ausgrenzung. Die jungen Männer in diesem Video verstehen nicht, was sie tun. Schließlich kamen die Medien hinzu und interpretierten diese Aktion, wie sie gerade wollten. Dass derartig ausgiebig über diesen Fall berichtet wurde, ist auch ein Resultat der Hassreden gegen die Roma."

In Bulgarien gibt es 60 bis 70 verschiedene Roma-Gruppen, die sich nicht als Einheit fühlen und deshalb auch keine gemeinsame Organisation oder Bewegung haben, um für ihre Rechte einzutreten. Hinzu kommt, dass auch die wenigen Roma-NGOs in Bulgarien immer wieder an finanziellen Hürden scheitern. Vor dem EU-Beitritt Bulgariens flossen viele Hilfsgelder aus dem Ausland nach Bulgarien—auch in Scheinorganisationen, die in Wahrheit das ganze Geld in die eigene Tasche wirtschafteten. Seitdem Bulgarien Teil der Europäischen Union ist, sind es EU-Behörden, die finanzielle Unterstützung gewährleisten. Oder eben nicht gewährleisten, denn mittlerweile ist es so schwierig, an Gelder zu kommen, dass auch NGOs, die gute Arbeit leisten, ums Überleben kämpfen.

Der Sitz des Großmuftis von Sofia

Man könnte natürlich meinen, dass dieses Fehlen einer identitätsstiftenden Bewegung und die Armut, in der die meisten Roma leben, der perfekte Nährboden für islamistische Bewegungen wären. Fakt ist aber, dass die Roma kulturell bisher nie ein besonders großes Interesse für religiösen Ideologien entwickelt haben.

Und auch bei meinem Lokalaugenschein im Roma-Viertel Pasardschiks und in Stolipinovo, dem größten Mahala—also Ghetto oder Slum—des Balkans mit seiner mehrheitlich muslimischen Bevölkerung in Plovdiv, hatte ich nicht das Gefühl, dass hier irgendwelche radikalen Islamisten mit dem Aufbau von dschihadistischen Strukturen beschäftigt wären.

Weder sah ich Symbole des Islamischen Staates noch Menschen in typischen Salafisten-Gewändern oder Frauen mit Kopftüchern. Im Gegenteil. Ganz anders als in anderen Teilen bulgarischer Großstädte spielte sich in Stolipinovo ein buntes, lebendiges Treiben auf der Straße ab. In Hauseingängen wurde gekocht, in Hinterhöfen grasten Kühe und Pferde und auf der Straße wurde gespielt und musiziert. Wenn auch in für Europa unbeschreiblicher Armut.

Wenn die These stimmen würde, dass Armut Radikalisierung begünstigt, dann wäre eigentlich genug Anlass da für eine Radikalisierung. Ich glaube, auf Roma trifft diese These also nicht zu.

Alexey Pamporov sieht in der fehlenden Bildung der Roma nicht nur die Ursache für Aktionen wie jene in Pasardschik, sondern das Grundproblem in der Diskussion rund um die soziale Exklusion. „Über Bildung können Roma langfristig in die bulgarische, aber auch europäische Gesellschaft integriert werden", erläutert Pamporov. „Während dem sozialistischen Regime waren sie wesentlich besser integriert. Sie konnten nicht aus der Schulbildung ausscheiden und es gab Arbeit. Auch für Roma. Jetzt haben wir mehr als zehn Prozent Analphabeten unter den jungen Roma."

Auch der Großmufti von Sofia sieht in der Bildung die beste Waffe gegen Radikalisierung. Außerdem meint auch er: „Wenn die These stimmen würde, dass Armut Radikalisierung begünstigt, dann wäre eigentlich genug Anlass da für eine Radikalisierung. Aber die gibt es unter den Roma meines Wissens nach nicht. Ich glaube, auf Roma trifft diese These also nicht zu. In Bulgarien sind außerdem viele Roma-Familien christlich muslimisch gemischt."

Der Großmufti verweist aber auf zunehmend antimuslimische Ressentiments unter slawischen Bulgaren. Eine Tendenz, die auch Andreas Kunz bemerkt hat: „Antiislamismus spielt zwar noch keine wirkliche Rolle, aber natürlich versuchen Rechte, wie auch im Rest von Europa, sich über dieses Eck anzuschleichen. Die Türkei ist ein Nachbarland, herrschte 500 Jahre lang auch in Bulgarien und ist verhasst." Aus dieser Herrschaft ist laut Kunz eine Art Antiislamismus entstanden. Es sei zwar völlig normal, dass die Leute auch türkisch sprechen, in den 80ern gab es aber Bulgarisierungs- und Vertreibungskampagnen, im Zuge derer 350.000 Menschen aus Bulgarien vertrieben wurden. Da diese größte ethische Säuberung in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg nie aufgearbeitet wurde, ist der Konflikt nach wie vor spürbar.

Romasieldung in Plovdiv

In keinem meiner Interviews hatte ich das Gefühl, dass tatsächlich jemand an eine Radikalisierung der muslimischen Romagemeinden glaubt. Vielmehr scheint ein Einzelfall von den Medien unnötig aufgebauscht worden zu sein und dann von Populisten für ihre rechte Propaganda missbraucht worden zu sein.

Der Fall in Pasardschik sollte zwar ernst genommen werden und als Signal verstanden werden, Roma endlich ihr ihnen zustehendes Recht auf Integration in die bulgarische, aber auch europäische Gesellschaft zukommen zu lassen, doch sollte er niemanden in Panik versetzen—denn das führt, wie an dem konkreten Beispiel gut zu sehen ist, erst recht wieder zu einer pauschalisierenden Vorverurteilung der sich als Roma bezeichnenden Bevölkerung.

Das wesentlich größere und gefährlichere Problem in Bulgarien ist nicht etwa die Gefahr vor islamistischen Terrorangriffen, sondern nach wie vor der fest in allen Bevölkerungsschichten verankerte Antiziganismus. Doch nicht nur in Bulgarien, sondern in ganz Europa kommt es immer wieder zu teils gewalttätigen Aktionen gegen Roma, wie zuletzt die vermehrten Übergriffe etwa in Ungarn, aber auch in Österreich bestätigten. Dabei geht es weder in Bulgarien, Ungarn noch in Österreich um die Herkunft oder religiöse Zugehörigkeit dieser Menschen. Denn, wie Andreas Kunz passend zusammenfasst: „Fast 80 Prozent der Bulgaren betrachten die Roma ohnehin nicht als Menschen. Ob die dann Moslems sind oder nicht, ist dann auch schon wurscht."

Paul ist auch auf Twitter: @gewitterland