Foto: Florian Voggeneder

​Die Neonazis von „Blood & Honour“ auf Kaffeefahrt in Hitlers Heimat

Gestern sind ungarische Neonazis des „Blood & Honour"-Netzwerks an österreichische Orte mit NS-Vergangenheit gepilgert.

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14 August 2015, 9:05am

Foto: Florian Voggeneder

Im Vorfeld wurde aus allen möglichen Richtungen ein bisschen ängstlich darüber berichtet, dass die ungarischen Neonazis des „Blood & Honour"-Netzwerks im Rahmen ihrer schon seit Längerem angekündigten Kaffeefahrt durch Österreich und Bayern Halt in Wien, Sonntagberg und Braunau machen. Wir haben den Zug aus glücklicherweise nicht mal einem Dutzend Deppen auf der Durchreise begleitet, um uns aus sicherer Distanz anzusehen, wie Mythos und Realität der neonationalsozialistischen Spurensucher zusammenpassen.

In Wien besuchten sie gestern Vormittag die Akademie der Bildenden Künste, wo Hitler 1907 abgelehnt wurde (ist das eigentlich schon Selbstironie?). Im niederösterreichischen Sonntagberg haben die Neonazis beim Wehrmachtsmuseum Halt gemacht und in Braunau haben sie das Geburtshaus von Hitler besucht, das für viele Neonazis immer noch als Pilgerstätte gilt. Heute geht es weiter nach Bayern.

Schon am Mittwoch hat die Vizerektorin der Bildenden gegenüber dem Standard angekündigt, den Neonazis den Zugang zur Akademie zu verwehren. Als die Mitglieder von „Blood & Honour" gestern Morgen mit einem weißen Kleinbus bei der Akademie ankamen, waren die Tore verschlossen und mit einem „Fascists Not Welcome"-Transparent auf Englisch und Ungarisch behängt. Auch einige Antifaschisten waren da.

Foto: Kurt Prinz

Die Rechten haben ein paar Fotos aus der Ferne gemacht und die von allen anwesenden Fotografen erwarteten Hitlergrüße und Hakenkreuztattoos blieben aus. Jeder hatte sich eine Horde von Wahnsinnigen vorgestellt, letzten Endes war es aber kein Bus voll, sondern nur eine Handvoll Idioten. Das Interesse, die Neonazis auf ihrer Sightseeing-Tour durch Wien im Auge zu behalten, sank sehr rasch sehr stark—viele der Anwesenden wunderten sich auch über die fehlende Polizeipräsenz.

Auf Anfrage bei der Pressestelle der Wiener Polizei heißt es, dass permanent Zivilkräfte anwesend waren, die die „Blood & Honour"-Mitglieder im Auge hatten. Das Ganze sei eine gezielt eingesetzte, deeskalierende Einsatztaktik und eine Begleitung hat definitiv stattgefunden, auch wenn anfangs keine uniformierten Einsatzkräfte vor Ort waren. Warum die Polizei diese besonnen deeskalierende, zurückhaltende Taktik (die an sich sehr begrüßenswert ist) nicht auch bei politisch anders gefärbten Veranstaltungen zum Einsatz bringt, sondern für den Fall zu reserviert haben scheint, dass berüchtigte Neonazis zur Führer-Spurensuche aus Ungarn einreisen, bleibt offen.

Die Gruppe von nicht mal zehn Personen ist im Laufe des Vormittags durch den ersten Bezirk geschlendert und hat dabei unter anderem den Heldenplatz besichtigt. Mit dabei war auch ein kleiner Junge. Daran, wie seine erwachsenen Begleiter die Medienvertreter im Sekundentakt fotografierten und anschließend nicht nur auslachten, sondern eben auch den Buben zum Mitmachen animierten, konnte man leider auch beobachten, wie ohne Chance auf Einflussnahme versucht wird, Nazi-Nachwuchs zu formen.

Der nächste Stopp der ungarischen „Blood & Honour"-Mitglieder war das Wehrmachtsmuseum im niederösterreichischen Sonntagberg. Neben einem Haufen Memorabilia aus den beiden Weltkriegen ist dort auch eine große Waffensammlung ausgestellt—alle der etwa 500 Schusswaffen funktionsfähig und versperrt. Das Museum war die einzige Station in Österreich, an der den Nazis der Zutritt nicht verwehrt wurde.

Die Hitler-Fans haben brav Eintritt bezahlt und dann ein bisschen Zeit zwischen Hakenkreuzen und Waffen verbracht. Quality Time für Rechte eben. Die ungarische Reisegruppe hat in Ruhe Reichsadler-Schilder, Uniformen und sonstige Ausstellungsstücke begutachtet und bevor die Weiterreise zum Tagesziel Braunau angetreten wurde, hat der kleine Junge fürs Familienalbum noch vor einem Panzer posiert. Auch hier waren zivile Polizeibeamte und der Verfassungsschutz anwesend.

Foto: Florian Voggeneder

Als nächster Programmpunkt auf der Nazi-Kaffeefahrtwurde das Geburtshaus von Adolf Hitler in Braunau am Inn besichtigt. Unter Polizeipräsenz kamen die Neonazis in Braunau an und bestaunten das Haus. Das Mahnmal davor wurde in der Nacht auf Donnerstag übrigens erneut mit Farbe beschmiert.

Für den geplanten Abendspaziergang blieb nicht viel Zeit, weil die Reisegruppe anschließend von der Polizei zur bayrischen Grenze begleitet wurde, von wo aus sie nach der Übernachtung im angrenzenden Simbach am Inn ihre NS-Sightseeing-Tour in Bayern fortsetzen. Auf dem Plan stehen neben anderen Orten mit NS-Vergangenheit der Schauplatz der Nürnberger Prozesse und Hitlers Urlaubsresidenz in Berchtesgaden. In Deutschland ist das „Blood & Honour"-Netzwerk zwar seit 2000 verboten, eine Einreise kann aber dennoch nicht verhindert werden. Dafür muss eine „tatsächliche und hinreichend schwere Gefährdung" vorliegen.

Aber auch wenn die ungarischen Neonazis ungehindert durch ihr fiktives „Deutscheuropa" touren dürfen—und dieser Umstand alleine so manche Menschen und Medien in Aufruhr versetzt—, bleibt zumindest die Gewissheit, dass selbst ein gut organisiertes Nazi-Netzwerk nicht mehr als knapp 10 einsame Figuren mobilisieren kann. Und das ist auf ganz eigene Weise zumindest ein bisschen beruhigend.

Verena auf Twitter: @verenabgnr

Foto: Kurt Prinz

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Foto: Michael Fürnthaller

Das ist kein ungarischer Neonazi, sondern einer aus Braunau. | Foto: Michael Fürnthaller

Foto: Michael Fürnthaller