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Vice Blog

Die Menschen hinter Eau de Strache

Wir haben mit dem Macher von Eau de Strache über seine Arbeit, die FPÖ und die Auswirkungen der Seite gesprochen.
29.7.15
Alle Screenshots von Eau de Strache

Matthias ist ruhig. Anders als die Menschen, mit denen er sich beschäftigt. Die Menschen, mit denen er sich beschäftigt, schreiben oft und gerne in Großbuchstaben und mit vielen Rufzeichen, was sie von unserer Gesellschaft halten. Das Internet hat ihnen die Möglichkeit gegeben, ihre Meinung laut und breit kundzutun. Obwohl Meinung in vielen Fällen vermutlich gar nicht mehr zutrifft, wenn zum Beispiel von „Erschießen und vergasen" die Rede ist. Eau de Strache sammelt Kommentare von Menschen mit diesen Ansichten, weil die breite Öffentlichkeit „mitbekommen sollte, was eine Politik dieser anstachelnden Art, Menschen zu denken verursacht, und wo sie hinführen könnte."

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Die Menschen, die auf diversen FPÖ(-nahen) Seiten solche Dinge von sich geben, schreiben oft mit vielen Rechtschreibfehlern und scheinen keine Ahnung von Empathie oder Bildung zu haben. Und es wirkt zumindest so, als gäbe es immer mehr von ihnen. Im sozialen Netz veröffentlichen sie ihre Meinung meist ungefiltert.

Vergangene Woche wurde ein Porsche-Lehrling gekündigt, weil er die Aktion der Freiwilligen Feuerwehr Feldkirchen, bei der sie Flüchtlingskinder mit Wasser spielen ließen, mit „Flammenwerfer währe (sic!) da die bessere Lösung" kommentierte. Ob Porsche damit richtig gehandelt hat, wird derzeit diskutiert. Die einen meinen, Aufklärung wäre wichtiger als bewusst zur Schau gestellte Distanzierung—die anderen, dass man mit solchen Menschen kaum diskutieren kann. Fakten sind ihnen oft egal.

Wenn etwas schlüssig klingt und noch dazu eigene Ängste anspricht, dann wird der Inhalt häufig so übernommen. Asylwerber nehmen uns die Arbeitsplätze und Pensionen weg, 80 Prozent von ihnen sind Wirtschaftsflüchtlinge. Vielen ist egal, dass das nicht stimmt, solange damit ein Ziel verfolgt und gerechtfertigt werden kann. Diese Menschen haben sich Facebook bewusst ausgesucht, weil die Website sehr vorsichtig dabei ist, Meinungsfreiheit—anders als Nacktheit—einzuschränken. Hitler ist in Ordnung, Busen nicht. Zu Mord aufzurufen ist OK, solange man dabei keine Nippel sieht.

Matthias teilt diese Meinung nicht. Und weil die Lösung nicht mehr Restriktion von oben, sondern nur mehr Kontrolle von anderen Bürgern sein kann, hat er im Mai mit einer Freundin Eau de Strache ins Leben gerufen—eine Seite, die die schlimmsten Kommentare auf FPÖ-Seiten sammelt. Wir haben bereits im Mai mit Matthias gesprochen und über die Seite berichtet. Doch im Juni ging die Seite dann offline. Sein Name war auf diversen Seiten unter anderem mit den Worten „Viel Spaß" veröffentlicht worden und Matthias beschloss, die Seite sicherheitshalber offline zu stellen. „Ich dachte, ich sollte mich vielleicht besser auf andere Sachen konzentrieren", erzählt er uns heute. „Ich war auch ein bisschen paranoid, aber jetzt gerade nicht mehr."

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Jetzt hat die Seite einen neuen Inhaber. Seit Juni steht als Organisation hinter der Seite „Europäisches Parlament", weil der Europaabgeordnete Michel Reimon gemeinsam mit Rudi Fußi und Harald Kapper die Seite übernommen hat. In die redaktionelle Arbeit mischen sie sich nicht ein, die wird weiterhin von Matthias und zwei weiteren betrieben. „Wir stellen ihnen Domain und Webspace ohne redaktioneller Kontrolle oder Bearbeitung zur Verfügung", heißt es dazu auf der Seite.

Mit Parteipolitik hat das alles laut den Beteiligten nichts zu tun. Reimon steht zwar mit seinem Namen schützend vor der Redaktion, aber Matthias sagt, er habe weder mit ihm telefoniert, noch jemals irgendeine Mailverkehr mit ihm gehabt. Was genau alles passiert ist, damit die Seite zwei Tage, nachdem sie offline ging, wieder online gehen konnte, weiß Matthias gar nicht. Er selbst hat niemanden von sich aus kontaktiert. Aber Eau de Strache war damals schon sehr groß—und viele wollten das Ende der Seite einfach nicht akzeptieren.

Harald Kapper, der das Hosting übernommen hat, erklärt auf Anfrage: „Gerade, weil damit Dinge sichtbar gemacht werden, die sonst oft untergehen, halte ich das Projekt für wichtig und entsprechend persönlich unterstützenswert." Bedrohungen gegen seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gäbe es keine. Tatsächlich habe die Firma seit Wiederinbetriebnahme vor zirka einem Monat von Eau de Strache aber bereits 5.000 Angriffe gegen die Server abgewehrt. „Würde man jeden Blödsinn, den Leute so probieren, zählen, sind es noch zehnmal mehr."

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Mittlerweile bekommt die Eau de Strache-Redaktion viele Einsendungen via Mail, von Menschen, die Postings auf Seiten entdecken. Veröffentlicht werden nur jene Kommentare, die einerseits strafrechtlich relevant und andererseits durch einen Link nachvollziehbar sind. Als die Seite erstmals online ging, hätten sie auch Zitate wie „mich würde es vor einer Türkin ekeln" veröffentlicht, um zu zeigen, wie einige Menschen denken und nicht nur die gewalttätige Stimmung zu zeigen. Sie hätten sich dann aber entschieden, solche Kommentare nicht mehr zu veröffentlichen, weil sie, ob es uns gefällt oder nicht, unter freie Meinungsäußerung fallen und mit Kommentaren, in denen dazu aufgerufen wird, Menschen an die Wand zu stellen und zu erschießen, nicht gleichzustellen sind.

„Wir sammeln Kommentare von offiziellen FPÖ-Seiten, also auch FPÖ-Seiten von allen möglichen Orten in Österreich. Aber auch von Seiten, die aussehen wie Fan-Seiten, von denen wir aber wissen, dass da jemand der FPÖ dahintersteckt." Man müsste heute schon viel länger suchen als noch vor zwei Monaten. Darüber sei Matthias froh. Auf vielen kleinen FPÖ-Seiten passiere kaum noch etwas.

Auf die Frage, ob er glaubt, dass Eau de Strache das bewirkt haben könnte, lacht Matthias und sagt, „Ich möchte nicht arrogant wirken, ich kann nur sagen, was ich beobachtet habe. Immer mehr Menschen, die nicht FPÖ wählen, sind auf diesen Seiten unterwegs und widersprechen den Menschen, die dort kommentieren." Inzwischen würde auch auf Seiten, auf denen Nicht-FPÖ-Wähler normalerweise nicht unterwegs wären, plötzlich ein Gegenwind aufziehen.

Natürlich werden von der Seite hauptsächlich jene Leute angesprochen, die solche Kommentare sowieso schon verurteilen. Aber genau diese Menschen werden durch die Seite vielleicht angestoßen, weiter zu denken und weiter zu handeln—und sei es nur ein Kommentar auf einer Seite. „Das klingt kitschig, aber vielleicht holt man ja auch nur eine einzige Person durch so einen Gegenkommentar ab. Einige Male haben wir auch schon Mails von Menschen bekommen, die nicht die FPÖ wählen und die durch unsere Seite ihren FPÖ-wählenden Bekannten und Verwandten zeigen konnten, wohin das alles führen kann. Und sie konnten sie dann auch tatsächlich umstimmen."

Hanna auf Twitter: @HHumorlos