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Popkultur

Hitler ist ein Riesenspaß, oder?

Ist das wirklich so geil witzig, wenn der meistgehypte Film des Jahres davon handelt, dass Hitler Deutschland wieder übernimmt?
21.8.15

Grafik: Selbstgebastelt

Falls jemand die Geschichte nicht kennt: Die Hauptperson des Buches Er ist wieder da ist Adolf Hitler, der aus nie geklärten Gründen in einem Hinterhof im Berlin der Gegenwart aufwacht und innerhalb kürzester Zeit zu einem Medienstar wird, weil alle ihn für einen herrlich konsequenten Hitler-Darsteller halten. Am Ende des Buches spielt Hitler mit dem Gedanken, seine Popularität zu nutzen, um mal wieder eine Partei zu gründen, den Rest kann man sich ausmalen.

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Ich habe das Buch damals gelesen und fand es ziemlich gut. Nicht so sehr wegen der Idee, die so ganz lustig ist, sondern vor allem wegen der Sprache. Das gesamte Buch wird aus Hitlers Perspektive erzählt, und Timur Vermes war es erschreckend gut gelungen, dessen Sprache einzufangen. Zumindest wirkte die Mischung aus totaler Selbstüberzeugung und kleinbürgerlicher Borniertheit ziemlich überzeugend. Zwar verharmloste das den Massenmörder permanent, aber irgendwie war es dann halt doch nur ein Buch. Bücher liest man alleine, sie sind sehr selten ein gesellschaftliches Ereignis, und so wurde auch dieses Buch von Leuten gelesen und dann wieder vergessen. Dachte ich, aber ich hätte es besser wissen müssen.

Denn das Buch ist jetzt natürlich verfilmt worden, der erste Trailer ist exklusiv auf bild.de zu sehen. Und obwohl ich das Buch mochte, ist mir die Idee, dass es bald eine Film dazu gibt, ziemlich unangenehm.

Warum, kann man eigentlich schon mit diesem einen Satz erklären, mit dem die Bild die Filmvorschau anteasert: „Es ist einer der deutschen Filme, auf den das Kinopublikum wartet. [sic]" Abgesehen von der schlechten Grammatik: Ist das nicht irgendwie genau das Phänomen, was das Buch entlarven möchte?

In der ersten Hälfte geht es natürlich schon auch um die komischen Situationen, die sich ergeben, wenn der 1945 ohnmächtig gewordene Nazi-Diktator im Berlin des Jahres 2010 wieder aufwacht: Hitler geht zum Türken, Hitler liest die Bild, Hitler checkt gar nichts. Aber der eigentliche Witz ist eben, wie schnell Hitler es schafft, sich an die neuen Umstände anzupassen und über die Masche als „Hitler-Darsteller" wieder an Prominenz zu gelangen und Menschen für sich zu gewinnen. Der vorgebliche Hitler-Darsteller wird genau deshalb zu einem riesigen Star im Deutschland der Gegenwart, weil irgendwie alle einen Riesenspaß an diesem Tabubruch haben.

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Ich weiß nicht, ob der Film Er ist wieder da gut wird oder nicht. Der Trailer wirkt erstmal nicht so, als würde man auf eine möglichst subtile Politsatire abzielen—es scheint mehr so um „Hitler! Im Heute! Huiuiui!" zu gehen. Aber auch wenn er gut ist, hat das Ganze einen extrem eigenartigen Beigeschmack. Um noch ein bisschen mehr aus dem Bild-Text zu zitieren:

Ein bisschen „Heil, aber fair": Hitler taucht in der Talkshow von Frank Plasberg (58) auf, lässt sich freundlich auch als „Führer" ansprechen oder stattet den Moderatoren von „Circus Halligalli" Joko und Klaas einen Besuch ab. Das ist völlig irre und vermutlich ziemlich witzig.

Vermutlich. Trotzdem klingt dieser Text, als könnte er genau so auch im Buch vorkommen, als Beispiel für einen besonders unverhohlen begeisterten Hitler-Hype. Wenn jetzt wirklich einer der Filme, auf den (sic!) sich die Deutschen am meisten freuen, ein Film mit Hitler in der Hauptrolle ist, läuft da nicht irgendwas schief?

Es geht auch nicht darum, dass man über Hitler nicht lachen darf. Es gibt ja schon ein paar Filme, in denen der berühmteste Österreicher aller Zeiten auf die Schippe genommen und vertrottelt wird, ist auch völlig ok. Aber dieser ist anders: Hitler läuft in unserer Welt herum—und räumt mal so richtig auf. Im Trailer ist zum Beispiel schon die Szene zu sehen, in der Hitler die NPD besucht. Da macht er die Neonazis dann vor laufenden Kameras so richtig zur Sau, weil sie mit ihrer Stumpfheit sein Erbe besudeln. Köstlich, oder? So konsequent wie damals haben wir es ja wirklich nie wieder hinbekommen! Nazis, die heimlich Döner essen—das hätte es unter Hitler nicht gegeben! Zum Totlachen, oder?

Nein, eigentlich eher zum Kotzen. Will man das wirklich, ein deutsches Millionenpublikum, das sich breit grinsend in den Kinosaal wälzt, um sich anzuschauen, was denn der Führer zu unserer modernen Wischi-Waschi-Gesellschaft zu sagen haben wird? Danke, nein. Er soll wieder gehen, bitte.