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Popkultur

Erschrocken-schauender-Emoji! Unsere Großeltern sind im Internet

Ahnungslosigkeit, Autocorrect und Kettenbriefe. Großeltern haben noch viel zu lernen.
13.6.16

Das Internet—ständiger Begleiter auf all unseren Wegen und das wohl lustigste Mittel gegen Langeweile auf der Morgentoilette. Wir haben gemeinsam schon viel furchtbare Dinge mit diesem verrückten Medium durchgestanden: Urplötzlich WhatsApp nutzende Eltern, Freundschaftsanfragen unserer Chefs und die Lochis. Und nun stehen wir der nächsten großen Herausforderung gegenüber! Denn wer denkt, wir wären die einzigen, die Social-Media-Aktivitäten für sich entdeckt haben, liegt genauso falsch wie Menschen, die sagen "Michael Wendler ist der weiße James Brown".

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Denn es gibt diese Wesen, die aus der iTalk-Smurf-App gespeicherte Weihnachtsgrüße von schlecht animierten 3D-Schlümpfen verschicken, mit Comic Sans auf Bärchenbilder geschriebene Guten-Morgen-Grüße weiterleiten und auf der Facebook-Seite von Tony Marshall Kommentare hinterlassen wie (Achtung! Original Zitat!) "Hallo tony! Ich bin schon. Seit 1971 ein großer. Fand von dir. Du bist. Der. Beste saenger den. Es gibt. Gruss. Deine. Fans. Wolfgang. Und karin. Aus tostedt" (Kein Punkt!). Die Ü60er haben den Sprung ins Internet geschafft, auch wenn sie die kleinen Smartphone-Bildschirme und Tastatur-Tasten mit ihren putzigen Patschefingerchen oft noch nicht so 100-prozentig gut bedienen können, wie sie es gerne täten. Und wir und die anderen, die wir gerade routiniert den Sitz unseres Haares im Schein des Sepia-Filters bewundern, blicken irritiert auf unsere Eltern und Großeltern. Auf Twitter erklärt eine verdutzte Userin namens Sushi Su: "Meine Oma schreibt mir bei Whatsapp, dass sie meine Nummer noch mal braucht, weil sie alle Kontakte gelöscht hat." Und Katharina M. berichtet: "Meine Oma schreibt mir eine SMS: 'Guck mal WhatsApp.'". Eine weitere Nutzerin lässt uns teilhaben an der Reaktion ihrer Oma auf die mediale Massensolidarisierung nach den Anschlägen von Paris und schreibt: "Meine Oma dachte, ihr Facebook sei kaputt, weil plötzlich alle das selbe Profilfoto haben."

Der Opa eines alten Schulfreundes beendet freundlicherweise seine Nachrichten immer mit einem goldigen "Grüslis", ein anderer berichtete mir von einer vermeintlichen mit Komplimenten vollgestopfte Liebesbotschaft an eine ihm unbekannte Frau, die sein Opa versehentlich in den falschen Chat versandt hatte. Eine Bekannte musste ihrem Großvater nach einer herzlichen Geburtstags-SMS gestehen: "Danke. Aber ich hab erst am 23.6 Geburtstag." Worauf Opa natürlich prompt antwortet: "Diese Meldung sollte erst an deinem Geburtstag gesendet werden." Warum zur Hölle hat diesem armen Mann keiner erzählt, dass eine SMS keine verdammte Postkarte ist, die man zwei Tage vorher abschicken muss? Neulich erst erzählte mir ein Freund von einem seiner Bekannten, der seiner Oma half, ihr Smartphone einzurichten. Nach mehreren langwierigen Stunden des Einstellens, Erklärens und Bedienungsanleitungaufschreibens rief sie ihm zum Abschied hinterher: "Und kann ich jetzt mit diesem Wlan meinen Akku aufladen?"

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Während sich die Gespräche mit den Müttern der Republik meistens auf ein "Bist du daheim?" oder "Essen ist fertig" und an Sonn- und Feiertagen vielleicht mal ein knuffigen Affen-Emoji beschränken, kommen die Großeltern, wenn man sie zu lange unbeaufsichtigt mit dem Handy alleine in einem Raum lässt, richtig in Fahrt! Oft bekomme ich "witzige" Bilder oder Videos von ihnen geschickt, an die ich mich noch aus der vierten Klasse erinnere, weil sie mich damals schon nicht zum Schmunzeln brachten. Zum Beispiel jenes Powerpoint-Bild, das mir meine Oma geschickt hat, auf dem mit Arial Black in Weiß auf komplett schwarzem Hintergrund steht: "Was passiert, wenn man Cola und Bier gleichzeitig trinkt? Man Colabiert." Und als wäre dieser von Archäologen ausgegrabene Gag nicht genug, steht ein "Leider geil" in Klammern darunter. Die Vorstellung, dass meine Oma nach einem ihrer Witze "Leider geil" hinterhersäuselt, ist—soviel kann ich sagen—keine gute. Aber, liebe Großeltern, das ist ja die Botschaft des Ganzen hier: Ihr seid nicht allein!

Meine Oma (die übrigens ihr Handy selbstständig eingestellt hat) schickte mir vor ein paar Tagen über die App, die mein Großvater liebevoll "Wottsabb" nennt, die folgende Nachricht: "WARNUNG DER POLIZEI!!!! - Seien Sie vorsichtig und wachsam, es kommt sicherlich auch zu uns. Nach Frankreich erreicht diese Methode nun schon ganz Deutschland und Österreich. Achten Sie auf Zettel auf der Heckscheibe Ihres Autos. Dies ist die neue Methode für Kfz-Diebstahl (dies ist kein Witz!)". Was meine Oma in diesem Augenblick wohl nicht bekannt ist: Ein in Klammern stehendes "dies ist kein Witz!" bedeutet hier vor allem eins: Dies ist ein Witz! Ich lese weiter. "Sie gehen auf den Parkplatz zu ihrem Auto, öffnen und steigen ein. Wenn Sie beim Rückwärtsfahren durch Ihre Heckscheibe schauen, bemerken Sie ein Stück Papier in der Mitte der Heckscheibe." Ähnlich, wie wenn jemand "Ich mochte Fack Ju Göthe 2" sagt, stößt dieser Brief bei mir bisher vor allem auf Unverständnis. Wie ist es möglich, dass immer noch solche Texte durch das Internet geistern? Ich lese die nächsten Zeilen: "Sie halten an, steigen aus dem Auto um das Papier zu entfernen. Wenn Sie die Rückseite des Autos erreichen, taucht der Autodieb aus dem Nichts auf. Er steigt ein und fährt los. Und wissen Sie was? Ich wette, Ihre Geldbörse ist noch im Auto. So, jetzt hat der Autodieb Ihr Auto, Ihre Adresse, Ihr Geld, Ihre Schlüssel." Seriös formuliert. Genauso würde es die Polizei in einer offiziellen Warnung tun. Konzentration, jetzt kommt das große Finale: "Sie sind bestens organisiert, und viele Autofahrer gehen auf diese Weise in die Falle. Wenn Sie ein Zettel auf der Rückseite Ihres Autos bemerken, sperren Sie Ihre Autotüren mit dem Schlüssel zu, starten Sie und fahren Sie weg. Den Zettel entfernen Sie später. Bitte senden Sie diese Nachricht an alle Ihre Freunde!!!!!".

Ich denke darüber nach, ob es nicht eine gute Idee wäre, einen Internetführerschein zu erfinden, bei dem Menschen erklärt wird, dass Nachrichten wie diese ähnlich großer Quatsch sind wie N24-Dokus über Aliens, die für den 11. September verantwortlich sind. Die Generation meiner Großeltern, die mit Zeitungen und Fernsehen aufgewachsen ist, ist es einfach gewöhnt, bereits gefilterte Informationen auf- und hinzunehmen. Nach dem Motto "Wenn es da steht, dann muss da etwas dran sein, sonst stünde es da nicht" nehmen sie die beispielsweise vorangegangene "WARNUNG DER POLIZEI" einfach so für bare Münze, als wäre sie von Susanne Daubner in der Tagesschau vorgelesen worden, ohne daran zu denken, dass jeder debile Halbaffe mit seinen klumpigen Schimpansenfingern schneller so eine Nachricht in sein Handy gehauen hat, als man "Doppelpunkt-Minus-Klammer zu" sagen kann.

Hört zu, es gibt im Internet ganz einfache Regeln, die wie Gesetze zu behandeln sind: 1. Nachrichten, die mit "Senden Sie diese Nachricht an alle Ihre Freunde!!!!!" enden, werden vor allem eins: Nicht an alle Ihre Freunde gesendet! 2. Ja, das Video vom niesenden Panda-Baby kennen wir bereits. 3. Vor dem Posten eines öffentlichen Beitrags sollte der geschriebene Text nochmal durchgelesen werden, ob die Autokorrektur vielleicht aus harmlosen Sätzen wie "Holt jetzt Milch" Dinge wie "Hot Sex Milf" gezaubert hat. 4. Es hat noch nie jemand eine Spieleinladung zu FarmVille angenommen. Und 5. Es warten keine heißen Single-Mütter aus deiner Umgebung auf dich.

Wenn ihr diese Regeln beachtet, kann eigentlich nichts mehr schief gehen, Kuss-Emoji.

Miguel ist auch auf Twitter. Ohne seine Oma.