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Leute nutzen 'No Man's Sky', um toter Verwandter zu gedenken

Wir haben mit drei Spielern gesprochen, die Planeten des Entdecker-Spiels in Gedenkstätten für verstorbene Familienmitglieder verwandelt haben.

von Patrick Klepek
15 August 2016, 10:54am

Screenshot: bereitgestellt von Hello Games

Bis vor Kurzem hatte ich mich noch gar nicht wirklich mit No Man's Sky vertraut gemacht und lediglich die PS4-Version angetestet, um die Grundlagen des Spiels zu erlernen. Ich wartete nämlich noch auf die PC-Variante. Und dennoch wollte ich mir unbedingt eine Meinung über das Spiel bilden, egal ob nun positiv oder negativ. In der Zwischenzeit habe ich mich dann damit beschäftigt, was andere Leute aus dem Spiel machen. Einige Geschichten rührten mich dabei richtig zu Tränen. Diese hier zum Beispiel ...

Auf dem Monica Goebel Memorial Planet ist es warm und die Vegetation blüht.

Obwohl Peter Cantelon den Planeten als Erster entdeckt hat, wird er nicht der Letzte sein, der dort vorbeigekommen ist. Zwar machen es die vermeintlich unendlichen Weiten von No Man's Sky recht unwahrscheinlich, dass man auf die Entdeckungen anderer Spieler stößt, aber unmöglich ist es nicht.

No Man's Sky ist zwar noch nicht lange draußen, aber Tausende neugierige Entdecker sind schon fleißig dabei, das riesige Spieluniversum zu kartografieren. Spieler, die dabei etwas Neues entdecken (das kann von ganzen Sternensystemen bis hin zu einzelnen Pflanzen alles sein), dürfen ihre Entdeckung dann auch benennen. Und da kommt es neben albernen Witzchen auch zu sehr persönlichen Geschichten. Manche Spieler erschaffen so nämlich Gedenkstätten für verstorbene Verwandte.

Peter Cantelons Mutter war 67, als sie plötzlich an einem Aneurysma im Gehirn starb.

"Eigentlich war sie kerngesund. Das Ganze war ein richtiger Schock", erzählte mir Cantelon per Mail. "Das war eine schwere Zeit."

Die beiden verband eine enge Beziehung und obwohl sich seine Mutter nie wirklich für Videospiele interessiert hat, unterstützte sie Cantelons Leidenschaft von Anfang an. So hat sie ihm zum Beispiel auch seine erste Konsole gekauft.

Foto: bereitgestellt von Peter Cantelon

Wie so viele andere hat auch Cantelon seit der ersten Ankündigung ganz gespannt auf die Veröffentlichung des immens gehypten No Man's Sky gewartet. Durch den kurzen zeitlichen Abstand zwischen besagter Veröffentlichung und dem Tod seiner Mutter ist Cantelon dann auf eine Idee gekommen. Es gab ja jetzt eine Möglichkeit, seiner Mutter mithilfe seines Hobbys ein Denkmal zu setzen.

"Obwohl mir schon bewusst ist, dass es sich da nur um Pixel und Codes handelt, bedeutet es mir sehr viel", meinte er. "Er ist einer von 18 Trillionen Planeten, den vielleicht niemand anderes jemals finden wird. Aber es gibt ihn und er trägt ihren Namen. Das ist für mich völlig ausreichend."

Der Monica Goebel Memorial Planet ist aber nur der Anfang von Cantelons No Man's Sky-Reise. Er hat sich den Standort des Himmelskörpers genau notiert und will nun ab und an dorthin zurückkehren. Aufgrund der Sorge, das Denkmal aus den Augen zu verlieren, hat sich Cantelon jedoch noch nicht wirklich weit von besagtem Planeten wegbewegt.

"Ich will nur sichergehen, dass ich den Weg zurück finde—egal, wo ich mich gerade aufhalte", sagte er.

Und Cantelon ist nicht alleine. Als er seine Geschichte im No Man's Sky-Subreddit postete, waren andere Spieler von seiner Geste so berührt, dass sie nun ebenfalls Denkmäler kreieren wollen.

Genauso wie Cantelon hat auch Michael Albertie seine Mutter verloren. Das Ganze ist allerdings schon vor zwei Jahren passiert und die Beziehung hatte zuvor auch immer zwischen gut und nicht so gut hin und her gependelt.

"Er ist einer von 18 Trillionen Planeten, den vielleicht niemand anderes jemals finden wird. Aber es gibt ihn und er trägt ihren Namen. Das ist für mich völlig ausreichend."

"Sie hat so viele Opfer gebracht, um mir ein besseres Leben zu ermöglichen" sagte Albertie. "Manchmal war sie mir dabei zu streng und fürsorglich. Jetzt als Erwachsener verstehe ich jedoch, dass sie mich einfach nur beschützen wollte."

Albertie ist nun allerdings nicht nur auf der Suche nach einem Planeten zur Erinnerung an seine Mutter. Nein, er will dazu auch noch eine neue Spezies entdecken. Seine Anforderungen: Der Planet muss kalt, regnerisch sowie wolkenverhangen sein und die Spezies am besten irgendeine Alien-Froschart. Wie man sich nun schon denken kann, liebte seine Mutter sowohl die Kälte als auch Frösche.

Die Entscheidung, seiner Mutter in No Man's Sky ein Denkmal zu setzen, ist auch bei Albertie von pragmatischer Natur. Er wünscht sich einen Ort, den er immer dann aufsuchen kann, wenn ihm danach ist. Da man die Asche seine Mutter weit weg von Alberties Heimat vergraben hat, ist es ihm nicht oft möglich, das Grab aufzusuchen.

"Es würde mir helfen, einen solchen Ort zu haben—wenn auch nur in digitaler Form—, wo ich herumlaufen oder -fliegen und mich an meine Mutter erinnern kann. Vielleicht kommuniziere ich so dann auch mit ihr", sagte er. "Ihr Tod ist jetzt zwei Jahre und sieben Monate her, aber in meinem Kopf fühlt es sich immer noch so an, als ob das Ganze erst gestern passiert wäre. Der Planet würde dann aber nicht nur ein Denkmal für eine wundervolle Mutter darstellen, sondern auch mir dabei helfen, die ganze Sache besser zu verarbeiten."

Foto: bereitgestellt von Jules Gallaty

Genau das will auch Jules Gallaty, deren Schwester Amanda vor sechs Jahren Suizid begangen hat.

"Ich bin mir sicher, dass meine Schwester No Man's Sky geliebt hätte", meinte Jules. "Sie hat nämlich auch jahrelang Online-Spiele wie World of Warcraft gezockt und mochte dabei vor allem die 'Fluchtmöglichkeit', die ihr diese Spiele mit ihren Orten und Charakteren boten."

Jules war neun Jahre älter als Amanda. Dieser Umstand machte es schwer, eine wirklich enge Beziehung zu schaffen, denn Jules hatte das Elternhaus schon verlassen, als Amanda noch mitten in ihrer Schullaufbahn steckte. Jules war also schon verheiratet, hatte Kinder und lebte vier Bundesstaaten weit weg, als Amanda erwachsen wurde.

"Ich habe immer gewusst, dass sie anders war und sich schon im jungen Alter in dieser Welt nicht wohlfühlte", erzählte mir Jules. "Ich hätte jedoch nie gedacht, dass ihre Probleme schließlich einen solchen Ausgang finden würden."

Die Natur, die Wissenschaft und das Weltall gehörten zu Amandas größten Interessen. Und obwohl Jules keiner Religion angehört, stellt sie sich gerne vor, wie ihre Schwester "irgendwo da oben in den Sternen umherschwebt". Deshalb hat sie sich auch dazu entschlossen, in die gleiche Kerbe wie Cantelon zu schlagen und einen No Man's Sky-Planeten nach Amanda zu benennen.

"Ihr eigener Planet namens Amanda Mai zieht still und leise seine Bahnen. Und er ist wunderschön."