Wie einfach es ist, sich auf Instagram als Rich Kid auszugeben

Instagram ist immer noch die beliebteste Plattform für alle, die auf dicke Hose machen wollen. Wenn du dich also nach Aufmerksamkeit, gespielter Bewunderung und neidischen Kommentaren auf Facebook sehnst, buch dir einfach einen Platz in einem Privatjet...

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24 Juli 2014, 8:43am

Dieses Foto wurde in dem Privatjet aufgenommen, mit dem „Bob“ günstig durch die Gegend fliegt. 

Ich zähle mich zur Unterschicht von Instagram. Ich bin noch nie mit einem Privatjet geflogen und das habe ich mir jetzt auch nicht zum Ziel gesetzt. Dasselbe gilt wohl auch für meine Freunde. Irgendwie gehört das zu diesen ausgefallenen Dingen, die Gucci Mane oder den Rich Kids von Instagram vorbehalten sind. Deshalb war ich überrascht, als diese Woche Fotos in den sonst eher unluxuriösen Neuigkeiten meines Facebook-Accounts aufgetauchten, auf denen ein Bekannter—nennen wir ihn Bob—in einem Privatflugzeug zu sehen ist. Er hat seine Füße auf einem cremefarbenen Ledersitz abgelegt, während sich im Hintergrund der Pilot gerade zum Abflug bereit macht. Die Bildunterschrift lautet: „Mein hübscher, kleiner Jet für ein Wochenende in Rom“. 

Bob gehört zu den Menschen, die gerne protzen. Ich glaube, dass ich sonst niemanden kenne, der tagsüber Anzüge aus rotem Samt und dazu Laufschuhe von Gucci trägt. Seine Bilder dokumentieren sorgfältig sein Leben nach Einbruch der Dunkelheit, eine scheinbar endlose Abfolge von Tischen voller Schampusflaschen und wasserstoffblonden Frauen mit erweiterten Pupillen. Seitdem ich aus London weg bin, beschränken sich unsere Unterhaltungen auf Facebook. Manchmal komme ich erst spät nach Hause und ich sehe, dass er noch online ist. Dann redet er die ganze Nacht davon, wie Kunden Nutten mit den Firmenkreditkarten bezahlen und die Rechnungen im berüchtigten Londoner Cabaret-Club The Box in die Höhe treiben. 

Ich betrachte Bobs Leben mit einer Mischung aus Entsetzen und Bewunderung. Er gibt gerne an, aber ich weiß auch, dass ein Privatjet mindestens 6000 Euro pro Flug kostet, also bezweifle ich, dass er sich so etwas leisten könnte. 

Ein typischer Instagram-Post vom echten Rich Kid @a_george_life (Zum Vergrößern hier klicken

Die Wahrheit ist allerdings etwas komplizierter. Es stellte sich heraus, dass Bob den Dienst einer der vielen in letztet Zeit gegründeten Reise-Startup-Firmen in Anspruch genommen und so einen Platz auf dem Rückflug eines Privatjets ergattert hatte. Das Ganze funktioniert so: Das Flugzeug wird von einem Kunden für einen Flug gemietet, der dafür die dicken Scheine aus der Tasche ziehen muss. Dieser Kunde fliegt aber nicht direkt wieder nach Hause, also ist der Jet auf seinem Rückflug leer. Unternehmen wie Victor, Lunajets und Empty Leg Market bieten Flüge in Privatjets zum kleinen Preis an, so lange du mit dem Ziel einverstanden bist. Natürlich kostet das immer noch mehr als ein normaler Flug, aber auch weniger als das Mieten deines eigenen Flugzeugs: Als ich mich mal über die Deals informiert habe, konnte man für 600 Euro von Avignon nach Genf und für 315 Euro von Palm Springs nach Las Vegas fliegen. 

Innerhalb von einer Stunde nach dem Posten der Bilder seines Trips erhielt Bob Nachrichten von nicht weniger als 16 Frauen, die fragten, ob sie nicht bei der nächsten Reise dabei sein dürften. Solche großen Online-Gesten ziehen aber natürlich auch viel Neid auf sich: So provozierten die Bilder bei manchen Betrachtern eine total übertriebene Bewunderung, die einfach nicht ernst gemeint sein konnte. Die Kommentare lauteten unter anderem folgendermaßen: „Du hast es verdient, du arbeitest auch hart“, „Du Glücklicher!“ und „Es ist unglaublich, dass du Millionen auf dem Konto, aber keine Freundin hast … Ich hoffe sehr, dass du eines Tages eine besondere Frau triffst, die dich so liebt, wie du bist.“ (Ist dieser Person nicht klar, dass solche Typen keine „besondere Frau“ haben, die sie lieben? Schließlich haben sie Party-Girls auf jedem Kontinent.)

Die Vorspiegelung falscher Tatsachen in sozialen Netzwerken ist kein neues Phänomen: Es ist inzwischen selbst für berühmte Leute normal, Selfies mit Photoshop zu bearbeiten oder selbst Fotos als „neu“ zu bezeichnen, die schon mehrere Jahre alt sind. In Zeiten, in denen die Uhren am Handgelenk von prominenten und semi-prominenten Angebern immer auffälliger und die Ärsche ihrer Partybegleitungen immer größer werden, passt Bobs Antwort darauf groteskerweise gut ins Bild. Nimm dir das Wochenende frei, leg ein paar Hundert Euro für ein Ticket nach Gott weiß wohin auf den Tisch, lüg deine Freunde an und mach so viele Fotos von dem Trip wie nur möglich. Das Preis-Leistungs-Verhältnis kann dann in den daraus resultierenden Likes und dem Interesse der weiblichen Bevölkerung gemessen werden. 

Niemand braucht wirklich einen Privatjet und sogar die größten Angeber auf Instagram können sich keinen leisten. Bob selbst gibt zu, dass „selbst das kleinste Flugzeug zu besitzen eine halbe Million Euro kostet, und dazu kommen noch mal 1500 Euro für jede Stunde Flugzeit … Man muss eigentlich schon ein Milliardär sein.“ Die günstigen Rückflüge sind für unser Catfish-Zeitalter perfekt, in dem es viel zu einfach ist, die eigenen Bilder zu fälschen: Sie gehen noch einen Schritt weiter und fälschen die echte Erfahrung. Die Poser kommen relativ normal rüber, wenn so viel auf Instagram sowieso schon gestellt ist.

Ein typischer Instagram-Post vom echten Rich Kid @akinbelfon17 (Zum Vergrößern hier klicken)

Bobs kleiner Trick ist wohl nicht viel hinterlistiger, als einen heruntergesetzten Anzug oder einen gebrauchtes MacBook bei Ebay zu kaufen, aber er ist auch ein Beweis für die ungeheure Macht der Bilder. Als ich frage, ob es das Ganze wert war, antwortet er mir: „Das ist eine Investition. Der Wochenend-Trip (nach Rom) kostet ungefähr 2500 Euro, aber die Bilder bleiben mir ein Leben lang. Und sie machen den Eindruck, als hätte das Ganze fünf Mal so viel gekostet.“ Und es zahlt sich bereits für ihn aus: Bob versichert mir, dass die Fotos ihm nicht nur viele Bewunderer auf Facebook gebracht haben, sondern dass es auch auf seinem ‚Plenty of Fish‘-Account seitdem „voll abgeht“.

„Der Schlüssel liegt darin, dass ein Bild nur bis zu einem bestimmten Grad verfälscht werden kann“, erzählt mir Bob. Ich frage mich, ob eine Reise, die lediglich dazu dient mit der Kamera festgehalten zu werden, überhaupt noch eine wirkliche Erfahrung ist, oder ob sie das ist, was uns dem Lifestyle von echten Berühmtheiten am nächsten bringt—einem Lifestyle voller Dinge, die nur für die Kamera gut aussehen sollen. Bob sagt, dass er mit seinen neuen Bildern Frauen anlocken will, die nur auf’s Geld aus sind, um sie und ihre Falschheit dann bloßzustellen. Ich weiß nicht, ob er mich nur verarschen will, aber als ich frage, ob er mit der ganzen Aktion nur das Trollen üben wollte, sagt er: „Keine Ahnung. Das Ganze ist wohl nur Life-Hacking mit einem größeren Budget.“

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