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Was zur Hölle ist eigentlich mit Pokémon passiert?

Euch nach Jahren nach dem aktuellen Stand des Lieblingsspiels eurer Kindheit zu erkundigen, ist das Schlimmste, was ihr machen könnt.

von Lisa Ludwig
12 August 2014, 9:19am

Foto: BagoGames | Flickr | CC BY 2.0

Es gab mehrere große Dramen in meiner Kindheit. Eines davon der Moment, als meine jüngere Schwester meinen Spielstand bei Pokémon Blau gelöscht hat. Das Prinzip eines der erfolgreichsten Gaming-Franchises war denkbar einfach: Man zog als Junge aus seinem Heimatdorf Alabastia los, um der erfolgreichste Monster-Trainer aller Zeiten zu werden. Ich hatte nach Jahren des Sammelns, Tauschens und Spielstand Hin- und Her-Geschiebes endlich alle 151 Pokémon und war das glücklichste Kind der Welt. Damals gab es noch keine automatische Speicherung und die Möglichkeit, verschiedene Datensätze zum aktuellen Spielfortschritt anzulegen. Sprich: Wenn du ein neues Spiel anfängst und es abspeicherst, ist dein alter Spielstand verloren. Für immer. Ich habe vor Wut geheult und bin nach wie vor noch nicht so richtig über den Verlust meines Level 100 Gallopas hinweg—ein Einhorn mit Feuerschweif, dessen Internet-Meme-Potential irgendwie nie so richtig ausgereizt wurde. Als ich irgendwann genug Geld für einen Nintendo64 gespart hatte, wurde der Schmerz etwas erträglicher. Endlich konnte ich in Pokémon Stadium Kämpfe auf einem großen Bildschirm (!) in 3D (!!) ausfechten oder bei Pokémon Snap so lange mit Äpfeln und Stinkbomben um mich werfen, bis die Monster angepisst genug für gute Fotos waren (und Professor Eich war ein verdammt kritisches Arschloch).

Hach ja, die 90er und frühen 2000er. Lang ist’s her und ich muss zugeben, dass ich das Pokémon-Franchise seit meiner Grundschulzeit ein bisschen aus den Augen verloren habe. Jetzt schreiben wir das Jahr 2014, es gibt mittlerweile anscheinend über 720 der Minimonster und die kommenden Ableger der ewig währenden Videospielereihe heißen Omega Rubin und Alpha Saphir. Obwohl ich mich schon nach dem erstmaligen Lesen der Titel irgendwie alt und müde gefühlt habe, musste ich mir natürlich trotzdem die Trailer anschauen und hatte den umfangreichsten „Was zur Hölle?!“-Moment seit Langem.

Während das Spielprinzip nach wie vor dasselbe scheint, scheint sich vor allem eine Sache seit den 90ern elementar geändert zu haben—die Protagonisten. Schon die alten Pokémon-Namen klangen so, als wären sie von grenzdebilen Wahnsinnigen erdacht worden, die wegen Verhaltensauffälligkeit bei IKEA rausgeflogen sind. Mit Mega Altaria, Mega Salamence und Mega Lopunny scheint der Level an Absurdität allerdings eine neue, ungeahnte Höhe erreicht zu haben. Was ist eine Mega-Evolution? Wieso sieht der Vogel bei Minute 1:17 aus wie eine explodierte Wattestäbchen-Packung? Und weshalb ruft der recyclete N64-Soundtrack immer noch all diese wohligen Kindheitsgefühle in mir wach? Ich verspürte plötzlich den Drang, mehr erfahren zu wollen und all die verpassten Entwicklungen während meiner jahrelangen Poké-Abstinenz (diesen Begriff werde ich mir patentieren lassen) aufzuarbeiten. Bei der Goldenen und Silbernen Edition Anfang der 2000er war ich noch halbwegs mit am Bord, als die Serie dann aber mit Kristall, Rubin und Saphir Richtung Edelstein-Namen abkippte, habe ich vollends den Überblick verloren.

Dieses Video dauert 12 Minuten und zeigt alle Pokémon, die sich irgendeine bemitleidenswerte Person bis dato ausdenken musste. Selbst Doubletime-Meister Kollegah könnte all diese verwachsenen Monster nicht in einen dreiminütigen PokéRap prügeln. Was mit fortschreitender Laufzeit des Clips deutlich wird: Nicht nur werden die Kreaturen immer verstörender, auch die Musik steigert sich zu einem psychotischen Orkan.

Ernsthaft: What the Fuck? Screenshot: Youtube

Wenn man ab einem bestimmten Punkt kreativ so tot ist, dass man versucht, Kindern manisch-depressiven Atommüll als liebenswerten Kampfbegleiter zu verkaufen, warum lässt man es dann nicht einfach mal gut sein? Komplett verstört bin ich auf die offizielle Website des Franchises gegangen und habe herausgefunden, dass es Pokémon TV gibt, was einem erlaubt, auch bei der 16. Staffel der Serie noch komplett auf dem Laufenden zu bleiben. Zu meinem Entsetzen musste ich feststellen, dass bis auf Protagonist Ash und Nerv-Pikachu die Charaktere der Serie komplett ausgetauscht wurden. Wo sind Rocko und Misty? Wie lange wird jeder in diesem Universum noch so tun, als wäre es normal, dass ein Teenager seit Jahrzehnten durch immer neue Welten zieht, um gegen andere Pokémontrainer anzutreten—ohne jemals herauszufinden, was den Monstern „diese Kraft verleiht”? Und warum zur Hölle wurde der Intro-Song ausgetauscht, der meine musikalische Frühbildung ebenso geprägt hat wie die Backstreet Boys und Tic Tac Toe?

Sagt was ihr wollt, es ist perfekt.

Während ich mich durch Schlukwech, Toxiquak, Kliklak und seine Weiterentwicklung Klikdiklak scrolle, frage ich mich, ob das vielleicht der ganz natürliche Lauf der Dinge ist: Wir kommen in jungen Jahren mit wunderbaren Dingen in Berührung, verlieren sie dann aus den Augen, weil die Pubertät mit ihren beginnenden Regelblutungen und dem schlechten Hautbild all unsere Aufmerksamkeit verlangt, und Jahre später stehen wir dann vor den Trümmern unserer Erinnerungen und verfluchen raffgierige Industriechefs, die Franchises bis auf den letzten Cent melken müssen. Danke für nichts, Pokémon. Ich möchte keinen bekifft grinsenden Wal (Wailmer), ein schwebendes Herz mit Schnabel (Liebiskus) oder ein sterbendes Nilpferd, aus dem Eiter läuft (Hippoterus). Nehmt eure Mega-Entwicklungen und geht. Ich lege mich in Embryonalstellung neben meinen Nintendo64 und weine dabei leise.

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