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Popkultur

Was uns die Google-Suche über Österreich verrät

Wir haben auf Google Trends die skurrilsten Wünsche und intimsten Probleme der Österreicher aufgespürt.
3.7.14

Grafik VICE Media

Um zu sehen, was die Menschen in welchen Teilen von Österreich am meisten beschäftigt, haben wir uns von diesem amerikanischen Forschungsprojekt inspirieren lassen und uns auf Google Trends angesehen, welches Bundesland welche Begriffe häufiger als jedes andere Bundesland googlet.

Das Ergebnis sind neun bunte Blumensträuße aus Vorurteilen, Minderwertigkeitskomplexen, Verschwörungstheorien und perversen Sexpraktiken—und ein Salut an die abartige Kreativität aller Österreicher, vom äußersten Vorarlberg bis ins tiefste Burgenland.

VORARLBERG

Suchbegriffe: Busen, Türken, Sulz, Lana Del Rey, Tampons, Playstation, Busch-Jäger, rohes fleisch

Analyse: Im verträumten Gsi-Berg liegen Praxisnähe und Träumerei noch ganz nah beieinander—hier wird von Gebrauchsgegenständen (Tampon, Playstation) über Kulturgüter (Lana Del Ray, Sulz) bis hin zu exotisch Fernem (Busen, Türken, Busch-Jäger) einfach alles durch die Suchmaschine gejagt. Vorarlberg ist das Bermudadrei(länder)eck der österreichischen Google-Anfragen; ein Bundesland zwischen den Welten, wo Diversifizierung groß und „rohes fleisch" klein geschrieben wird.

TIROL

Suchbegriffe: Kaiser Franz, Piefke, Little DJ Ötzi, Lobster Tube, Haschisch, Squirting, Croissant, Schnaps, Après-Ski

Analyse: Der moderne Tiroler schaut über den Tellerrand—und auch schon mal bekifft das eine oder andere Squirt-Videos auf Lobster Tube (was übrigens auch dem alten Spruch „Es bischt das Pferd, es bischt die Kuh, in meinem Herzen bischt nur du" eine ganz neue Dimension verleiht). Man ist eben interessiert an der Welt hinter den Bergen und nutzt Google, um sich ein bisschen kosmopolitisches Flair ins Tirolerland zu holen; zum Beispiel, indem man das Internet zu „Haschisch" und dieser neuen Sache namens „Croissant" befragt. Dabei vergisst der aufrechte Alpinist aber niemals auf Tourismus und Tradition, was hier soviel bedeutet wie gesunde Kaiser-Liebe, eine Prise „Piefke"-Hass und die nötige Menge Après-Ski. Dass der aus „Tausche Familie" bekannte Little DJ Ötzi zumindest Google-technisch den ausgewachsenen Friedle ersetzt hat, ist aber definitiv ein Zeichen der Zukunft.

SALZBURG

Suchbegriffe: Sieg heil, Pension, Krampus, Blu-Ray, Nockerl, Mozart, Festspiele

Analyse: Meinen persönlichen Salzburg-Moment hatte ich, als ich vor einiger Zeit mit einer Palette Bier am Hauptbahnhof ankam und die Punks im Umkreis zuerst fragten: „Dürfen wir eins haben?", bevor sie sagten: „Oh, das ist ja Pittinger, nein danke." Im Bundesland rund um die Mozartstadt sind selbst die Punks snobistisch—und der Rest sucht sich durch Nockerl-Rezepte, Krampus-Umzüge, Mozart-Kugeln und Früh- oder Frühstücks-Pensionen. Aber nicht alles, was in Salzburg relevant ist, ist 200 Jahre alt. Dass man sich in der Festspielstadt quasi auch für Zeitgeschichte interessiert, zeigt man, indem man zwischendurch auch mal ergooglet, was dieses „Sieg heil" eigentlich bedeutet.

KÄRNTEN

Suchbegriffe: Dope, Fritzl, Gulasch, Larissa, Geister beschwören, Jörg Haider, Samenerguss, Fasching, geil ficken, Schulden, Hypo Alpe Adria, Reiter der Apokalypse

Analyse: Kärnten steckt in der Krise. Haider, Hypo und die Verschuldung suchen das „Urlaub bei Freunden"-Land heim wie die drei Reiter der Apokalypse—und wie immer, wenn es den Menschen schlecht geht, suchen sie Zerstreuung in etwas, das die Kärntner „geil ficken" nennen und wohl auch mit „Samenerguss" zu tun hat. Aus Kärntens Netzsuche spricht die Ausweglosigkeit. Anders lässt sich nicht erklären, warum ausgerechnet hier nach dem Niederösterreicher Fritzl gesucht wird. Auch die Beschwörung von Jörg Haiders Geist via Google konnte bislang keine Ergebnisse erzielen. Bleiben nur noch die Einstiegsdrogen Gulasch und Dope, um die hiesige Humor-Form des Faschings und die Berühmtheit der Landestochter Larissa zu ertragen.

STEIERMARK

Suchbegriffe: Neger, Leiche gefunden, Mephedron, Außerirdische, Prolaps, Sonde, Karl-Heinz Grasser, Kürbiskernöl, Renee Pornero

Analyse: Dass durch das „grüne Herz Österreichs" nach wie vor Kürbiskernöl fließt, verwundert wahrscheinlich wenige. Das ist aber auch schon wieder das einzig Normale an der Steiermark. Sonst ist sie eher ein Bundesland, das überrascht und Fragen aufwirft. Wie zum Beispiel, warum ausgerechnet Karl-Heinz Grasser der regionale Google-Star ist, obwohl er doch eigentlich aus Kärnten kommt. Oder auch, ob die Beliebtheit der Suchbegriffe „Außerirdische", „(Anal-)Prolaps" und „Sonde" irgendwie zusammenhängt. Den Rest von Österreich würde es jedenfalls beruhigen, dass die Naturidylle auch hier von kleinen Cartmans bevölkert wird, die scheinbar manchmal „Neger" sagen, Mephedron nehmen und auf regionale Sex-Ikonen wie die gebürtige Grazerin Renee Pornero stehen.

OBERÖSTERREICH

Suchbegriffe: Füße, Bio, Crystal Meth, Ausländer in Österreich, KZ Mauthausen, Jesus liebt mich, Christine Nöstlinger, Raiffeisen, Faustball, Keramik

Analyse: Dort, wo man eher Most als Wein trinkt, geht es schon mal ein bisschen bodenständiger zu. Der gottesfürchtige Crystal Meth-Konsument aus dem Mühl- und Innviertel hat sich deshalb den bodennahsten Körperteil für seine Lustbefriedigung ausgesucht und (zumindest digital) einen Fetisch für Füße entwickelt. Auch sonst herrscht eine gewisse Ursprünglichkeit, wie die hohe Affinität zu Bio und Xenophobie zeigt. Man liest Nöstlinger, mag Keramik und ist immer auf der Suche nach der nächsten Raiffeisen-Filiale. Dass man gegenüber der eigenen Geschichte ein bisschen hilflos ist und mitten im Bundesland immer noch ein ehemaliges KZ stehen hat, kompensiert der Oberösterreicher mit einer seltsamen Vorliebe für Faustball.

NIEDERÖSTERREICH

Suchbegriffe: Hipster, Oida, Zombies, Einlauf, Sex mit Hunden, Conchita Wurst, Ich bin dein Gummibär, Warum Wien?, Chemtrails, Zahnpasta, Peter Rapp, Gleitgel, Sandler, Dildo, Josef Pröll

Analyse: Wer St. Pölten hat, braucht keine Feinde mehr. Das sagen zumindest jene Freunde von mir, die selbst mal dort gelebt haben. Dass die Niederösterreicher selbst ein ambivalentes Verhältnis zum Dableiben oder Wegziehen haben, zeigt der Google-Hilfeschrei: „Warum Wien?" Dass auch der Rest ein ambivalentes Verhältnis zu ihnen hat, liegt eventuell an den Ergebnissen der Netzsuche. Man googlet, was einem am Herzen liegt: Hipster, Zombies, Sex mit Hunden. Auch der Jamba-Sparabo-inspirierte YouTube-Hit „Ich bin dein Gummibär" erfreut sich hier seit 2007 ungebrochener Beliebtheit. Und falls ihr euch fragen sollten „Warum NÖ?", weiß Google längst die Antwort: „Chemtrails, Oida."

WIEN

Suchbegriffe: Fellatio, Mikropenis, Roma, Lugner City, Pizzaburger, Kinderporno, IQ-Test, Orgone, brauner Ausfluss, Freud

Analyse: Dass Wien die beschissenste Stadt der Welt ist, haben wir bereits an anderer Stelle ausgeführt. Der hier offenbar weit verbreitete braune Ausfluss, das hohe Vorkommen von Mikropenissen und das Netz-Interesse an Kinderpornos stützen diese These. Kein Wunder also, dass der gemeine Wiener sich mit esoterischer Orgon-Energie das Karma aufzubessern versucht. Und weil echte Hauptstädter natürlich immer von allen anderen gehasst werden, ist es auch nur natürlich, dass wir unsere von Freud hinterlassene innere Leere mit ständigen IQ-Tests und Pizzaburgern auffüllen.

BURGENLAND

Suchbegriffe: Anschluss, Fut, Keller, Krieg, Internet Explorer, Wrestling, Matura mit Lehre, Schmuck, Gott, Fett, Diät

Analyse: Dem Burgenland fehlt es an Selbstvertrauen. Während der Wiener stolz seinen Mikropenis googlet und sich mit einem IQ-Test seiner Schläue rückversichert, ist der rurale, Wrestling-affine Weinbauer auf der Suche nach Gott, höherer Bildung und einer verlässlichen Abnehmkur. Die Unsicherheit geht sogar soweit, dass man sich den Anschluss herbeiwünscht (ob an Deutschland oder den Rest von Österreich ist unklar) und sich von seinem Betriebssystem immer noch zur Nutzung des Internet Explorers versklaven lässt. Aufmucken, Burgenland! Eure Leichen im Keller sind sicher genauso schmuck wie die der anderen Bundesländer.

FAZIT

Seit es Medien gibt, prophezeien alte Männer die Verdummung der Menschheit. Dasselbe, was man heute über das Internet sagt—nämlich dass es uns das Denken abnimmt und das Gedächtnis schwächt—, hat Platon schon kritisiert, als zu seiner Zeit die Schrift eingeführt wurde. Aber genauso, wie Lesen und Schreiben heute längst kein Zeichen für Gehirnaufweichung mehr ist, sollte man auch die Google-Suche nicht verdammen.

In Wahrheit macht sie uns nicht zu debilen Affen, die ihren eigenen Namen im Netz suchen, sondern sagt einiges über unsere skurrilsten Wünsche und intimsten Probleme aus. Da wir das Netz heute näher als jemals zu vor an uns heranlassen, bekommt man nirgendwo sonst so ungefilterte und authentische (aber auch unkorrekte und bedenkliche) Einblicke in die menschliche Seele. Mein Ziel war es, ein bisschen Malen-nach-Zahlen zwischen den Daten zu betreiben—komplett mit falschen Farben, grobmotorischem über den Rand Zeichnen und Hitlerbärtchen. Solltet ihr für euer Bundesland zu anderen Analysen kommen, freue ich mich über eure E-Mails.

Markus auf Twitter: @wurstzombie