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Weshalb müssen wir uns ständig ablenken?

Abends ist es oft unendlich schwer, einzuschlafen, weil unser Kopf plötzlich unerträglich voll erscheint. Weshalb fällt es uns so schwer, mit unseren Gedanken alleine zu sein?
16 März 2016, 8:00am

Titelbild: CC0 Public Domain

Abends im Bett passieren im Kopf immer die Dinge, für die tagsüber kein Raum ist. Welche Rechnungen sind noch nicht bezahlt? Welche Aufgaben noch nicht erledigt? Bin ich glücklich oder muss ich grundlegende Dinge im Leben verändern? Wann war noch einmal diese eine Abgabe? Ist der Wecker für morgen gestellt? Wie oft im Jahr muss man zum Zahnarzt gehen? Soll ich mehr Zeit mit meiner Familie verbringen? Oder mit meinen Freunden? Soll ich mehr arbeiten? Was tue ich mit meinem Leben? Wieso schiebe ich diese eine Aufgabe seit Wochen vor mir her und bekomme immer Herzklopfen, wenn ich daran denke?

Das Gehirn ist rastlos, wie ein Kind, das immer nach Aufmerksamkeit sucht, vor sich hin brabbelt und schreit, nur dass es sogar auch noch im Schlaf weiterspricht – von beliebig scheinenden Dingen, die man meistens nicht versteht. Es ist beizeiten unerträglich, mit den eigenen Gedanken alleine zu sein, also richten wir sie auf konkrete Dinge – oder versuchen es wenigstens –, um sie zumindest ruhig zu schalten. Auf das Handy, auf ein Buch, auf einen Film, auf einen Film und das Handy gleichzeitig, weil der Film nicht mehr reicht, um abzulenken. Oder wir geben uns selbst Elektroschocks.

Das hat eine Studie 2014 herausgefunden. Die Autoren der Studie hatten insgesamt 146 ihrer Studenten an der Universität von Virginia gebeten, für 6 bis 15 Minuten in einem schmucklosen Raum zu sitzen und sich nur mit ihren Gedanken zu beschäftigen. Danach mussten die Studenten ihr Erlebnis in einem Fragebogen beurteilen. Die meisten gaben an, ständig gedanklich abgeschweift zu sein. Knapp 50 Prozent der Teilnehmer fanden die Erfahrung unangenehm. Um ausschließen zu können, dass nicht der leere Raum Grund für das Unbehagen war, baten die Forscher 44 Teilnehmer, dasselbe Experiment noch in ihrem Zuhause durchzuführen.


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Danach bestätigte ein Drittel der Gruppe, dabei geschummelt und auf ihr Handy oder in ein Buch geblickt zu haben. Die Forscher schlossen daraus, dass Menschen "ihre eigenen Gedanken allein nicht besonders angenehm finden und es bevorzugen, etwas zu tun." Aber sie wollten wissen, ob dieses Unbehagen so weit geht, dass Probanden sogar negative Erfahrungen dem Alleinsein mit den Gedanken vorziehen würden. 55 Probanden bekamen folgende Optionen: Entweder 15 Minuten untätig dazusitzen und sich mit den eigenen Gedanken zu beschäftigen oder sich selbst Elektroschocks zuzufügen. 67 Prozent der Männer und 25 Prozent der Frauen gaben sich mindestens einen Elektroschock.

Woran liegt es, dass es uns so unmöglich erscheint, mit unseren Gedanken alleine zu sein? Dass man Elektroschocks gegenüber der Echokammer im eigenen Kopf bevorzugt? Darüber habe ich mit Dr. Dr. Harald Hagn, Psychotherapeut und -analytiker, gesprochen.

VICE: Weshalb liegt man abends im Bett und denkt über Dinge nach, an die man eigentlich nicht denken möchte?
Dr. Dr. Hagn: Es ist weniger ein Nachdenken. Nachdenken ist eine aktive Tätigkeit. Das andere ist, seinem freien Gedankenfluss ausgesetzt zu sein. Unser Gehirn ist ein Organ, das ständig arbeitet. Auch in den verschiedenen Entspannungstechniken ist es nicht möglich, das Gehirn wirklich zur völligen Ruhe zu bringen. In der Meditation wird zum Beispiel versucht, diesen Gedankenfluss zu verlangsamen. Ziel wäre, es zum Stillstand zu bringen, aber das ist nicht erreichbar. Solange wir bewusst sind, arbeitet unser Gehirn und es arbeitet auch, wenn wir nicht im tagesbewussten Zustand sind – deswegen träumen wir.

Aber weshalb kann das so unerträglich sein? Warum muss man gerade dann, wenn man in Ruhe einschlafen will, über die Dinge nachdenken, die einen unruhig machen, also zum Beispiel Dinge, die noch zu erledigen sind?
Warum ist es denn unerträglich, über Dinge nachzudenken, die noch zu erledigen sind?

Na ja, es gibt eben gewisse Dinge, die man aufschiebt und über die man eigentlich nicht nachdenken will.
Was du beschreibst, ist in Summe, sich der Realität zu stellen. Und das scheint das Unangenehme zu sein. Nachzudenken über die unangenehmen, schwierigen Dinge und das, was auf uns zukommt. Das ist ja im Grunde auch das, was in der Therapie angegangen wird, sich mit den eigenen Widerständen und Abwehrmechanismen auseinanderzusetzen. Den Umgang auch mit den unangenehmen Dingen zu lernen.

Tagsüber kann man sich eben gut ablenken, abends hat man dann Zeit, über diese Dinge nachzudenken. Ob man es will oder nicht.
Die Verdrängung funktioniert abends einfach nicht mehr. Oder zumindest nicht ausreichend. Sie funktioniert mit all diesen Ablenkungsmechanismen des Tages und mit dieser ständigen medialen Überforderung. Es ist immer laut, du bist in einer Bilderwelt, in einer Welt von ständig wechselnden Medienkontakten, im Supermarkt läuft Musik und so weiter. Das heißt, dein Gehirn, dein Verarbeitungsapparat und Bewusstsein, ist ständig reizüberflutet. Es kommt gar nicht dazu, sich diesen Problemen zu stellen.

Die Verdrängung funktioniert abends einfach nicht mehr. Oder zumindest nicht ausreichend.

Merkst du das auch bei deinen Patienten?
Eher bei jungen Menschen. Es ist etwas, das unsere Gesellschaft mit jungen Leuten macht. Und dann wird es kategorisiert und es gibt mehr Diagnosen ADS und ADHS. Aber es ist ein Gesellschaftsphänomen und keine Zunahme und Krankheiten. Unsere Überflutungsgesellschaft erzieht unsere Kinder in diese Richtung.

Was kann man dagegen tun?
Ich schaue seit Jahrzehnten nicht mehr fern. Ich gehe gern in eine Ausstellung und schaue mir Bilder an, aber grundsätzlich sind mir diese vielen Bilder zu viel. Wenn ich Informationen möchte, dann möchte ich Text, keine Unmenge an Bildern. Und wenn diese völlige Reizüberflutung, an die ihr [die "jüngere Generation", Anm.] natürlich einigermaßen gewohnt seid, dann plötzlich aufhört, dann funktioniert die versuchte Verdrängung nicht mehr. Dann kommt das, was einen doch beschäftigt. Konflikte und Probleme, die gelöst werden müssen. Das ist natürlich unangenehm. Und es passiert, wenn man Dinge unter den Teppich kehrt, anstatt sie abzuarbeiten und zu erledigen.

Hanna auf Twitter: @HHumorlos

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