Endlich ein deutscher Internet-Trend: Kartoffel-Selfies!

Um gegen „Deutschenhass“ und „Inländerfeindlichkeit“ ein Zeichen zu setzen, posten junge Menschen Bilder von sich selbst mit Kartoffeln bei Facebook.

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Mai 19 2014, 3:26pm

UPDATE: Die Facebook-Seite wurde mittlerweile entweder gelöscht oder so umgestellt, dass man sie nicht mehr findet. Umso besser. Den Witz am Ende werde ich leider auch nicht nacherzählen, weil er erstens menschenverachtend und zweitens nicht witzig war. Alles in allem ist das Internet ohne diesen Müll ein kleines bisschen besser geworden. Go fuck yourself, „Ich bin stolz Deutsch zu sein“!

Es ist für heimatverbundene Deutsche nicht immer leicht, das Internet ganz vorbehaltlos zu lieben. Zwar haben die technikverliebten Deutschen das World Wide Web mit offenen Armen angenommen und mischen seitdem auch aufs Enthusiastischste in allen möglichen Ecken mit (besonders gerne beim Besserwissen. Auf Wikipedia ist deutsch die zweitgrößte Sprache). Trotzdem muss es doch hin und wieder schmerzen, dass so viele der Innovationen und Ideen, die das moderne Leben bestimmen, aus dem angelsächsischen Raum kommen.

Das fängt ja schon bei den Namen an: Internet, Blog, Facebook, Selfies—alles coole Sachen, die aber leider alle von irgendwelchen Amis erfunden wurden. Muss das sein? Können wir Deutschen nicht auch mal wenigstens einen Trend selbst erfinden? Bis letzte Woche mussten wir traurig den Kopf schütteln—Deutschland, dem Land mit den meisten Marktführern der Welt, scheint es einfach an dem Zeug zu fehlen, aus dem Viral-Phänomene gemacht sind. 

Doch dann ist es endlich geschehen: Seit letzter Woche haben wir endlich unseren eigenen, urdeutschen Trend: das Kartoffel-Selfie! Auf der Facebook-Seite „Ich bin stolz Deutsch zu sein“ konnten wir die Geburt des neuen deutschen Internetphänomens live verfolgen. Anscheinend ist die Idee als Reaktion auf die Bananen-Selfies entstanden, mit denen sich Prominente und Sportler mit dem Barcelona-Stürmer Dani Alves solidarisierten. Bei den Bananen-Bildern und dem Hashtag #weareallmonkeys ging es darum, ein Zeichen gegen Rassismus und Ausländerfeindlichkeit zu setzen. Bei den Kartoffeln geht es um ein womöglich noch viel dringlicheres Problem: „Inländerfeindlichkeit“ und „Deutschenhass“!

 

Gut so!

Vielen von uns ist möglicherweise gar nicht so bewusst, dass Inländerfeindlichkeit so ein großes Problem sein könnte. Dabei ist es eigentlich ganz logisch: In Deutschland leben nur circa 8 Prozent Ausländer, aber 92 Prozent Inländer! Es ist also ganz offensichtlich, dass Inländerfeindlichkeit das viel gravierendere Problem darstellt. Zum Glück gibt es jetzt die mutigen Jungs und Mädels, die mit ihren „Selbstbildern mit Kartoffel“ ein deutliches Zeichen gegen die Intoleranz setzen. 

 

Und warum die Kartoffel? Weil das ein „Schimpfwort von Immigranten gegenüber Deutschen“ ist, wie der Admin der Seite netterweise erklärt. („Die Begrifflichkeit ist auf die Essgewohnheit(en) in Deutschland zurückzuführen“, erklärt er weiter.) Aber nicht nur das, auch Linke und sogenannte „Antideutsche“ bezeichnen Deutsche immer wieder als Kartoffeln. Das ist natürlich offensichtlich gemein und völlig verrückt—ein bisschen harmloser Nationalstolz sollte schließlich jawohl jedem erlaubt sein. 

 

Der Papagei, obwohl ursprünglich ein ausländischer Vogel, darf auch mit ins Bild.

Wenn trotzdem der eine oder andere Kommentator sich darüber aufregt und den Kartoffelfreunden rechte Gesinnung vorwirft, reagiert der Admin ungläubig: „Welche Anschauung vertreten wir denn? Jetzt sind wir die böse Nazi Seite, für die Anderen sind wir auf einmal die bösen Linken...“ Die Antwort auf diese schwierige Frage ist allerdings schnell gefunden, wenn man sich ein bisschen weiter durch die Seite klickt:

Oh damn! Offensichtlich vertritt die Seite doch eine ziemlich klare Anschauung: Das fängt bei Verherrlichung der „heldenhaften“ Wehrmachtssoldaten an und landet dann auch ziemlich schnell bei sowas: 

Das sieht leider nicht so gut aus. Der Admin schreibt dazu in gewohnt locker-flockigem Ton: „Ein paar Bilder (von 1935) aus meiner Heimat ... Habt ihr auch Bilder von eurer Heimat aus dieser Zeit?“ Tja, unser erstes deutsches Internet-Phänomen: doch nur Nazi-Scheiße. Unter ein ähnliches Bild, das mittlerweile wieder gelöscht wurde, schrieb ein besonders aufmerksamer Kommentator dann auch ganz empört „Ich dachte, wir setzen hier ein Zeichen gegen Rassismus—und dann so was!“ Falls also noch irgendjemand Zweifel hat, dass Menschen, die von „Deutschenhass“ faseln, einfach richtig fiese Nazis sind, der sollte sich folgenden Witz anschauen, der noch etwas weiter hinten im Feed der Seite auftaucht:

Der Kartoffel-Selfie-Trend, die letzte echte Chance, Nationalstolz zu empfinden, hat sich damit selbst erledigt. Und das ist auch gut so.

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