Dieser Artikel ist vor mehr als fünf Jahren erschienen.
Vice Blog

Shanghai Matchmaking Convention

Viele junge Chinesen sind verzweifelte Jungfrauen. Und zwar so verzweifelt, dass es ihnen nichts ausmacht, wenn ihre Eltern sich darum kümmern, die Paarung in die Wege zu leiten.

von Jamie Fullerton
06 Juni 2014, 1:19pm

Zwei Eltern arrangieren ein Date für ihre jeweiligen Kinder auf der Shanghai Matchmaking Expo.

Chinas Datinglandschaft unterscheidet sich ziemlich von der alkoholgeschwängerten Fleischbeschau, wie man sie hier in Bars und auf Partys vorfindet. Die ungleiche Verteilung der Geschlechter, welche das Land zum Teil der kürzlich gelockerten Ein-Kind-Politik zu verdanken hat, beläuft sich auf 1,17 Jungs für jedes neugeborene Mädchen und dieses ungleiche Verhältnis ist nicht von Vorteil für alle. Es gibt immer noch reihenweise weibliche Singles—und noch viel mehr Singlemänner.

Tatsächlich sind die meisten jüngeren Chinesen noch jungfräulich und haben dementsprechend keine Person gefunden, mit der man zusammen ein Haus mieten, geschweige denn regelmäßig streiten kann. Chinas Wirtschaftsboom hat eine Generation hervorgebracht, die es, was den Reichtum angeht, problemlos mit der hiesigen Schnöseljugend aufnehmen kann, aber niemand scheint die gleiche schamlose Baggeroffensive zu fahren wie die schönen, reichen und affektierten Westler.

Für die Regierung ist das durchaus Grund zur Besorgnis. Diese hat in den letzten Jahren große, unkommerzielle Partnervermittlungsbehörden in Shanghai unterstützt, um etwas geregelten Schwung in die junge Bevölkerung zu bringen. Die Kuppelflaute ist für die Eltern dieser Generation um so schlimmer, da ihre oberste Priorität mitunter darin besteht, dabei zu helfen, eine glückliche Kernfamilie für ihr, in der Regel, einziges Kind aufzubauen.

Die Organisatoren sind sich dessen bewusst. Auf der letzten Shanghai Matchmaking Expo gab es zum ersten Mal einen ausgewiesenen Raum für Eltern, damit sie dort ungestört die Profile ihrer Kinder austauschen können. Ich machte mich auf den Weg dorthin, um zu sehen, ob es hilft, die ungeliebten Massen Chinas zu verkuppeln.

Davor traf ich mich mit der Organisatorin Zhou Juemen, der Vorsitzenden der Shanghai Matchmaking Association. Sie ist eine wirklich große Nummer und hat beste Verbindungen in die Regierung. Sie erklärte mir, wie diese Veranstaltungen—das ist die fünfte seit 2011, und über die Jahre haben schon über 200.000 Besucher teilgenommen—vor allem auf Verlangen der Eltern stattfinden und weniger durch den Bedarf von liebeshungrigen Mittzwanzigern.

„Ein Drittel der Eventbesucher besteht aus Eltern“, sagte sie. „Ihre Kinder sind entweder zu beschäftigt mit der Arbeit oder haben keine Lust herzukommen. Durch die Fortschritte in der Computertechnologie können heutzutage viele Arbeiten von zu Hause aus erledigt werden, was zum Aufkommen von ‚Indoormen’ und ‚Indoorwomen’ geführt hat. Die Eltern sorgen sich um ihre Kinder. Wir wollen aber nicht, dass es eine Veranstaltung nur für Eltern wird, also trennen wir sie von den jungen Menschen, indem wir diesen Raum zur Verfügung stellen. Einige Eltern kommen alleine hierher, andere kommen zusammen mit ihren Kindern.“

Nach allem, was ich vorab darüber gehört hatte, erwartete ich mit dem Betreten des Veranstaltungsgeländes keine besonders hysterischen Szenen. Der Typ mit dem Helm hatte aber eindeutig andere Informationen erhalten. Ich weiß nicht, was er da in der Hand hält, aber ich schätze mal, dass es sich dabei um irgendeine Art von Menschenmassenkontrollinstrument handelt—ein überaus effizientes Mittel, um drei mittelgroße Menschen gleichzeitig am Hals zu packen.

Ich hatte wohl Recht. Der Wachmann erwartete eindeutig ein Wall-of-Death-Szenario: hysterische junge Männer und Frauen, die sich leidenschaftlich und enthemmt um den Hals fallen. Aber nein, das war kein Lamb-of-God-Konzert, es war ein Raum in einer Messehalle voll mit Eltern, die versuchten, sich gegenseitig davon zu überzeugen, dass ihre Kinder gutes Heiratsmaterial sind.

Die meisten saßen verlegen rum und hatten die wichtigsten Details ihrer Kinder—Alter, Bildung, Verdienst—an Schirme geheftet, die sie vor sich platziert hatten. Die Atmosphäre glich der auf einem Trödelmarkt—eine halbe Stunden nachdem die ganzen guten Sachen schon weg sind.

Andere Eltern studierten Pinnwände voll mit Steckbriefen, die den Karten meines Panzerquartetts verdächtig ähnlich sahen.

Verständlicherweise wollten nicht gerade viele Menschen dabei fotografiert werden, wie sie versuchten, Fremde dazu zu überreden, Sex mit ihren Kindern zu haben. Wie auch immer, dieser Mann hier, Stephen, erzählte mir, dass er zum dritten Mal auf dieser Messe ist, und dass er nach Partnern für seinen Sohn und seine Tochter suche. Ersterer lebt in Kanada und letztere in Shanghai.

„Mein Sohn ist fast schon 40“, sagte er, während er stolz neben den laminierten Fotos seiner Kinder stand. „Ort und Nationalität sind mir egal. Wenn ein Mädchen meinen Sohn heiraten will, können sie auch nach Kanada ziehen.“

Stephen hat schon fleißig Visitenkarten mit den Informationen seiner Kinder unter die Menschen gebracht. Er ist eher darauf aus, Kontakte anzuleiern, damit seine Kinder dann selber wählen können, als ihnen eine Beziehung aufzudrängen.

„Ich interessiere mich für den familiären Hintergrund der Mädchen“, sagte er. „Eine wohlgebildete Familie ist mir wichtig. Weiß mein Sohn, dass ich hier bin? Hm, er weiß etwas, aber nicht ... alles. Meine Tochter weiß Bescheid. Für sie ist das OK.“

Kurz nachdem ich mit Stephen gesprochen habe, schiebt sich eine Frau zu mir durch und drückt mir das Foto eines Mädchens in die Hand. „Es ist besser, einen Ausländer zu finden“, sagte sie mir sichtlich aufgeregt. „Meine Tochter arbeitet in einem Krankenhaus und spricht fließend Englisch, deswegen passt ein Ausländer besser. Und hier finden wir sonst keine Ausländer. Du bist der einzige Ausländer, den ich gesehen habe.“

Geschmeichelt davon fiel es mir schwer, anhand eines zerknüllten Fotos zu beurteilen, wie wohl die Chemie zwischen ihrer Tochter und mir wäre. Anstatt mir zu lange darüber den Kopf zu zerbrechen, fing ich eine Unterhaltung mit der Freundin der Dame an, Zhang Huizhen (oben). Sie versuchte nicht, mich mit ihrer Tochter zu verkuppeln, aber erklärte mir, warum sie hierher gekommen war.

„Es gibt nicht sehr viele männliche Kandidaten hier“, seufzte sie. „Es ist schwer, den richtigen Partner für meine Tochter zu finden. Mein Kind ist sehr schüchtern, also müssen wir, die Eltern, mutig sein und losziehen, um ihr den richtigen Partner zu suchen. Ich habe aber wenig Hoffnung. Die wirklich guten Typen kommen nicht zu solchen Veranstaltungen. Einige waren zuvor schon verheiratet, andere haben Familienprobleme. Ich habe aber nur ein Kind. Ich werde alles tun, was ich kann, um meiner Tochter zu helfen, das Problem zu lösen.“

Das Durchschnittsalter war in dem eigentlichen Verkupplungsraum zwar um 30 Jahre gesunken, die Atmosphäre blieb aber ähnlich unangenehm. Verschiedene Partnervermittlungsagenturen hatten Stände aufgebaut, und Grüppchen von Mittzwanzigern hatten sich an Aufstelltischen niedergelassen und schwiegen sich an.

Noch nie zuvor habe ich einen Raum voller junger Menschen gesehen, in dem so wenig Spaß herrschte. Es erinnerte schmerzlich daran, dass es sich hier nicht um eine von diesen Veranstaltungen handelte, bei denen einem spontan jemand über den Weg läuft, den man mal wiedersehen möchte, sondern um eine minutiöse Referenzenabgleichungsunternehmung, die ohne die toternsten Ambitionen der steckbriefaustauschenden Eltern im Nebenraum so nie stattfinden würde.

Vielen Westlern wird dieses elterngetriebene Kuppelfestival wahrscheinlich etwas deprimierend vorkommen, aber Ehe bedeutet in der chinesischen Kultur etwas völlig anderes als bei uns. In der Regel ist es gleichermaßen eine Heirat zwischen ganzen Familien wie zwischen Individuen. Viele der arbeitenden jungen Eltern verbringen einen großen Teil ihrer Zeit fernab ihrer Kinder, die oft mit ihren Großeltern zu Hause bleiben, welche extra zum Babysitten umgezogen sind.

Es gab dort aber nicht nur sorgende Eltern, sondern auch einen ganzen Trupp ausgebildeter Psychologen, die bei potentiellen Datingproblemen konsultiert werden konnten. Einer von ihnen war dieser Typ, der Südkoreaner Michael Cui, ein Datingexperte—ganz wie ein Pick-Up-Artist aber ohne die Selbstgefälligkeit und Fedora—der das ganze Wochenende den jungen Erwachsenen in Einzelsitzungen half.

„Sie wollen alle den perfekten Partner, aber das ist nicht möglich“, erklärte er. „Wir sagen ihnen dann: ‚Senkt eure Ansprüche.’ Das können sie aber nicht akzeptieren Das ist das Hauptproblem. Das zweite ist die Kommunikation. Der Mann weiß vielleicht nicht, wie man mit der Freundin redet. Sie verletzen die Freundin unbewusst, und die Freundin verabschiedet sich. Sie haben diese Probleme, und ich mache ihnen ein paar Vorschläge.“

„Die meisten Mädchen sind launisch“, behauptete er. „Warum? Weil sie sich unsicher fühlen. Warum? Das ist eine Theorie von Freud. Wenn ein Mädchen also sehr launisch ist, dann solltest du etwas über ihre Eltern erfahren. Haben sie eine gute Beziehung oder streiten sie sich; sind die Eltern sogar geschieden? Wenn du erfährst, dass sie nur einen Elternteil haben, dann solltest du dir die Sache gut überlegen. Wenn du glaubst, dass du nicht genug Sicherheit bieten kannst, dann solltest du dich von ihr verabschieden. Wenn du das Mädchen wirklich magst und dich nicht von ihr verabschieden willst—und das Mädchen sehr launisch ist—, dann solltest du überlegen, ob du genug Geduld hast. Wenn nicht, dann solltest du dich von ihr verabschieden.“

Ich war mir zwar nicht ganz sicher, ob das Konzept von Launenhaftigkeit ein so geschlechtsspezifisches war, wie Michael meinte, aber es war gut zu wissen, dass er in jedem Fall da war, um zu helfen.

Ich verließ die Singlebörse in einem Bus, der die Menschen zurück in die Stadt beförderte—einem Bus ganz wie dem zentralen Kuppelraum, voll mit jungen Menschen, die nicht miteinander sprechen. Die Stimmung war sehr gedämpft, aber mit ihren Smartphones voll mit Steckbrieffotos und Taschen voll mit Visitenkartenprofilen würde die wirkliche Partnersuche, die von dieser Veranstaltung eingeleitet wurde, erst noch losgehen

Zuvor hatte mir die Organisatorin Zhou Juemen gesagt, dass offiziellen Statistiken zufolge sieben bis zehn Prozent der Eheschließungen in Shanghai Ergebnis dieser Partnervermittlungsveranstaltungen sind. Online konnte ich nichts finden, was mir diese Zahlen bestätigt hätte—und diese Statistik beinhaltet wahrscheinlich sowohl die riesige Fülle an kleineren, kommerziellen Datingevents als auch die von der Regierung unterstützten—aber wenn die Zahlen stimmen, sind sie wirklich beeindruckend.

„In der Vergangenheit waren wir Chinesen traditioneller und dachten, dass Liebe alles lösen würde“, so Zhou. „Heutzutage legen wir mehr Wert darauf, einen Partner zu finden, bei dem auch das Umfeld passt. Wir haben diese Plattform geschaffen, um die jungen Menschen aus ihren Wohnungen zu bekommen und ihnen weitere Möglichkeiten zu bieten, ein Date zu finden. Dazu haben wir noch diese Abteilung mit den psychologischen Beratungsstellen bereitgestellt, um ihnen dabei zu helfen, ihre Fähigkeiten in der Liebe zu verbessern.“

„Partner, bei denen auch das Umfeld passt“ und „Verbesserung von Fähigkeiten in der Liebe“ klingen nicht gerade romantisch, aber wenigstens dienen diese Veranstaltungen dazu, den Druck von chinesischen Eltern auf ihren unverheirateten Nachwuchs zu kanalisieren—wenn nicht sogar etwas zu nehmen—, indem sie ihnen ein Forum bieten, wo sie die Probleme gemeinsam angehen können. Obwohl China sich mehr und mehr Idealen von außen öffnet, ist es jetzt keineswegs so, dass diese Singletreffen von überambitionierten Eltern besucht werden, die ihre karrieregeilen Kinder an den Haaren durch die Messehalle schleifen.

„Ich bin hier, weil ich 27 bin und keinen Freund habe“, sagte ein schönes Mädchen schulterzuckend, während sie mit ihrer Mutter die Profile durchging. „Es war die Idee meiner Mutter, aber mir macht das nichts aus. Es ist vollkommen OK. Ich bin schon jenseits des Heiratsalters.“

Und so geht es vielen hier. Ganz einfach.