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Essen

Eine Tour durch Wiens schlimmste Restaurants

Wir haben in Wiens Restaurants mit den schlechtesten Bewertungen gegessen, damit ihr das nicht tun müsst.
21.11.14
Fotos von der Autorin

Nachdem ich mich schon einmal eine Woche von einem Euro am Tag ernährt habe, dachte ich, schlimmer könne es nicht mehr werden. Leider wurde ich diese Woche eines Besseren belehrt. Natürlich reden wir hier von First-World-Problems-Schlimm, denn ich habe noch immer ein Dach über dem Kopf und lebe als privilegiertes Mädchen in einer der sichersten Städte der Welt. Aber eine Woche lang in den furchtbarsten Restaurants Wiens zu essen kann trotzdem ganz schon beschissen und anstrengend sein.

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Ich habe mich also online auf die Suche gemacht und mich mit nichts zufrieden gegeben, das eine bessere Bewertung hatte als „Schlechtestes und schmutzigstes China-Restaurant aller Zeiten!!", "Schlechtestes Restaurant, das ich kenne", „Rennen Sie so schnell wie möglich!" (alle drei Asiam Restaurant), „Katastrophal, miserabel, unverschämt, ekelhaft: Die Schande von Wien!" (Gräfin am Naschmarkt), „Beim Buffet sind die Ablageflächen total klebrig und auch auf der Toilette läuft man Gefahr, dass man festklebt!" (China Garten) oder „OMG. Avoid at all Costs!" (Zum Kuchldragoner).

China Garten

Wenn man den China Garten in einer Seitenstraße der Mariahilfer Straße betritt, schlägt einem der Geruch von verwesendem Fisch entgegen. Es ist nicht der Geruch von Sushi, was ja theoretisch auch verwesender Fisch im Anfangsstadium ist, aber trotzdem gut riecht und schmeckt—es ist der Geruch eines Tieres, das beim Überqueren der Straße überfahren wurde und jetzt seit Tagen von der Sonne gebraten wird. Meine Begleitung sagt, es rieche „jedenfalls nach Vergangenem." Das Lokal ist leer, das Running Sushi bewegt sich nicht, ist aber voll verschiedener Gerichte. Die einzige Person in dem Lokal ist eine sehr höfliche Asiatin, die, wenn sie gerade nichts zu tun hat—was die ganze Zeit ist—Essen vom Running-Sushi-Band isst, das sie mittlerweile eingeschaltet hat. Was vorbeifährt, sieht aus, als wäre es viele Tage alt und ist vertrocknet. An den Plastikdeckeln, unter denen Dinge liegen, die nicht vertrocknen können, haben sich Tropfen gesammelt.

Ich bestelle Acht Schätze um 7 Euro, weil ich nicht genau weiß, was das ist und so keine bösen Überraschungen erleben kann. Was kommt, ist Huhn mit Zwiebeln, ein paar Karotten und Unmengen an etwas, das ich nicht erkennen oder erschmecken kann. Glutamat, Geliermittel, Stärke, irgendetwas, das das Essen schleimig macht und sich wie Rotz um das Fleisch schmiegt. Aber auch das schlechteste Essen wird durch Glückskekse zumindest zum Teil wieder gut gemacht. Dachte ich zumindest bis zum Essen im China Garten: „Es ist Zeit, deine Garderobe zu ändern." Danke für nichts.

Nichts von dem im oberen Eck ist Fleisch oder Gemüse.

Gräfin am Naschmarkt

Bei der Gräfin am Naschmarkt landet man entweder als Tourist oder betrunken nach dem Fortgehen. Ich persönlich war noch nie dort und Quellen, die erzählen, dass das Essen im Vollrausch ganz OK war, kann man sowieso nicht vertrauen, denn ganz ehrlich, betrunken isst man wirklich alles. Das Lokal ist leer, aber 20:00 Uhr ist wahrscheinlich auch noch zu früh und im Gegensatz zu 5 Uhr morgens hat man zur Prime Time genügend Alternativen. Beef Tartar kostet 23 Euro. Ich will nicht zu viel Geld ausgeben, also bestelle ich das billigste, das keine Suppe oder Beilage ist. Es ist Gulasch um knapp 14 Euro, ohne Beilage. Das kleine Bier, das ich bestellt habe, schmeckt aus vier Gründen nicht: Es fehlt die Kohlensäure, es schmeckt wie aus einem Fass voll Pisse gezapft, es hat 4,90 gekostet und oben auf schwimmt Asche.

Im Hintergrund das Angebot einer Grillplatte für Zwei mit Pommes und Salat um schlappe 78 Euro.

Langsam füllt sich das Lokal ein wenig und jedem, der reinkommt, will ich über die Technomusik aus den 90ern ein „Flieh!" ins Gesicht schreien, weil ich innerlich noch immer über das verschwendete Geld weine. Das Gulasch kommt mit einer Semmel, die 1,40 extra kostet und ungefähr 5 Tage alt ist. Ich bin übrigens absolut nicht heikel, was Essen angeht. Ich habe mit Freude schon sämtliche Innereien und Gedärme gegessen, die man essen kann. Aber das Gulaschfleisch ist wirklich nicht gut—es ist kalt und voller Fett und Flachsen. Der Rest schmeckt nach Fertigessen. Ich esse so viel, dass ein Löffel umgerechnet circa zwei Euro kostet, aber der Appetit ist mir vergangen.

Auf dem Klo hängt neben einem Aschenbecher ein Aufkleber vom 11. Geburtstag von FM4, die im Januar 20 werden. Wahrscheinlich hätte die Gräfin am Naschmarkt damals schon in Pension gehen können und damit viele Ahnungslose davor bewahrt, hier ihr Geld zu lassen. Nach dem Essen bist du so satt wie nach Fast Food. Irgendwie hast du zwar noch Hunger, aber dir ist gleichzeitig schlecht, was dich davor bewahrt, weiter zu essen. Einziger Unterschied zu Fast Food: Du hast 20 Euro dafür ausgegeben.

Zum Kuchldragoner

Aussicht von meinem Tisch.

Als ich ein Foto vom Eingang des Kuchldragoners, dem ältesten Restaurant am Bermudadreieck, machen will, kommen zwei Männer herausgestürmt, von denen einer ruft: „Wenigstens die Küche muss funktionieren!" Sie funktioniert nicht—dank Kurzschluss und Stromausfall brennen überall Kerzen, was wahrscheinlich eher förderlich ist. Die Toilette funktioniert zum Glück und um zu erkennen, wie man die Drähte verknüpfen muss, um spülen zu können, bekommt man eine Taschenlampe in die Hand gedrückt. Das alles stört mich persönlich gar nicht, irgendwie finde ich es sympathisch, frage mich aber, wie das mit dem Essen funktionieren soll. Und warum trotz Stromausfall viel zu laut Ö3 läuft.

Der Wirt tritt an meinen Tisch und erklärt, der Elektriker würde nicht kommen und die Firma hätte gesagt, er soll ihnen eine E-Mail mit dem Problem schicken. Der Computer, von dem der Wirt die Mail schnellstmöglich schreiben will, steht genau vor mir. Er setzt sich davor und spielt Bubble Shooter. Im Dunkeln warte ich vergeblich auf ein Bier, das er im Stress vergessen hat. Das Essen ist auch hier unfassbar teuer, also bestelle ich wieder das billigste, das nicht Suppe oder Beilage ist: Fünf Chicken Wings für 9 Euro. Ich hab mir schon große Sorgen über die Kühlkette gemacht, aber in der Küche brennt jetzt Licht und das Essen scheint in Arbeit zu sein. Irgendwann kommt auch das kleine Bier für 3 Euro, es ist sogar gut. Vielleicht finde ich aber mittlerweile alles köstlich, das nicht die rauchige Note von Asche hat. Die Chicken Wings bestätigen aber die Bewertung. Die Tomate, die als Dekoration daneben liegt, ist extrem alt und ekelhaft. Selbst schuld, wenn man die Deko isst.

Side Kebab

Ich kann mich erinnern, dass ich im Vollrausch hier einmal Kebab gegessen habe, es wirklich nicht gut fand und nach ein paar Bissen weggeschmissen habe. In diesem Fall überprüfe ich also die Wertung meines betrunkenen Ichs und bestelle vollkommen nüchtern ein Kebab. Der Besitzer ist sehr nett und fragt mich, ob „mit allem" oder „mit alles" richtig ist. Ich erkläre ihm, dass Deutsch eine ungnädige Sprache ist und man „mit allem" sagt. Er lacht und ist dankbar, weshalb ich mich sehr schlecht fühle, als ich auf dem Heimweg in das Kebab beiße und es danach direkt wegschmeiße. Das Brot ist weich und viel zu viel, das Fleisch fettig, es sind keine Tomaten oder ähnliches drin. Mit allem heißt hier leider Zwiebeln, Salat und Scharf, was an sich ja schon ein guter Anfang ist, aber leider nicht davon ablenkt, dass das Fleisch und Brot wirklich nicht gut sind. Das Kebab kostet drei Euro und man bekommt eine Dose Pepsi dazu. Über den Preis kann man also gar nichts sagen. Über den Besitzer auch nicht, außer, dass er vielleicht kein Kebab mehr machen sollte.

Asiam

Das Asiam liegt gleich neben der Kärntner Straße und hat sehr viele Ähnlichkeiten mit dem China Garten: Beide wirklich nicht gut, oder eigentlich: unter aller Sau, aber trotzdem noch nicht pleite wegen der guten Lage. Wenigstens riecht es hier nicht nach Tod. Das Running Sushi sieht auch ein wenig besser aus als im China Garten, kostet dafür aber 13 Euro. Das Essen ist auch hier extrem teuer, Nummer 58, Chicken irgendwas, kostet (ohne Reis!) 10 Euro, mit Reis dann circa 12. Ich bin wieder in Begleitung hier, wir wollen uns aber nur ein Essen teilen. Die Kellnerin findet das nicht gut, kann plötzlich nur noch sehr schlecht Deutsch und macht uns verschiedene Essensvorschläge: „Dazu Reis mit Gemüse? Reis oder Nudeln? Reis extra?" Dabei schüttelt sie abwechselnd den Kopf und nickt. Wir schütteln nur den Kopf, wollen aber Reis statt Nudeln zum Essen, natürlich ohne zu wissen, dass der extra kostet.

Im Chicken ist dann eine Garnele, die ich ja persönlich eigentlich sehr gerne mag, aber nicht, wenn sie eigentlich in diesem Essen nicht vorkommen sollten. Nach dem Essen ist mir richtig schlecht und es gibt nicht einmal einen Glückskeks mit einem gemeinen Spruch.

Was bleibt

Erster und letzter Bissen vom Kebab.

In Wien sind die an Restaurants gestellten Standards ziemlich hoch. Schlechte Restaurants können also auf den ersten Blick ganz passabel aussehen, wie zum Beispiel die Gräfin am Naschmarkt, bei der ich mir sehr gut vorstellen kann, wie Touristen, die an ihr vorbei spazieren, hineingehen, um einmal in einem „richtigen Wiener Restaurant" essen zu gehen. Dass hinter einigen diese schönen Wiener Fassaden dann die kulinarische Vorhölle lauert, ist zwar furchtbar, lässt sich aber heutzutage zum Glück auch ziemlich einfach umgehen, indem man die brachialen Reviews nicht wie ich ignoriert, sondern den Wink mit dem Zaunpfahl ein bisschen ernster nimmt.

Hanna auf Twitter: @hhumorlos