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Wie ich meinen Snooze-Tiefpunkt erreichte und endlich aufwachte

Erst als ich mein Kopfkissen nach einem 60-jährigen Zimmermädchen warf, wurde mir klar, dass sich meine Probleme nicht einfach so verschlafen lassen.
15.12.14

Vor drei Jahren erreichte ich in einem Hotel meinen Snooze-Tiefpunkt. Es war 1 Uhr mittags. Die Nacht zuvor hatte ich allein und mit sehr viel Bier in meinem Bett verbracht—jetzt war ich allerdings kurz davor, wie ein Baby zu schlafen und ins Land der Träume abzudriften. Der süße Mantel der Tagesdöserei legte sich über mich und mein Atem ließ mich immer schwerer werden. Einatmen, ausatmen, einatmen, aus- …

„Zimmerservice!"

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Keine Frage. Keine Entschuldigung. Ein Befehl.

„Zimmerservice!"

Ich richtete mich sprunghaft auf und schrie los. Schließlich presste ich ein aggressives „Noch fünf Minuten!" heraus. Meine Augen fokussierten und ich konnte die Umrisse des Eindringlings ausmachen—eine Frau über 60, die wild entschlossen schien. Da stand sie nun mit ihren Händen streng in die Hüften gestemmt und blickte auf mich herab. Warum war sie immer noch hier? Ich wollte, dass sie verschwindet, aber ich konnte nicht wirklich in Worte fassen, warum jede Sekunde, die sie noch weiter im Zimmer verbrachte, mich immer mehr um meinen geliebten Schlaf brachte, auf den ich mich eigentlich schon so gefreut hatte.

Ich wiederholte: „Noch fünf Minuten!" Um mein Anliegen zu unterstreichen, warf ich mich zurück auf meine Kissen. Erstaunlicherweise schob die Putzfrau ihren Wagen ohne einen weiteren Kommentar zurück auf den Gang und ich konnte wieder in den entzückenden Dämmerzustand zurückkehren, in dem ich eigentlich den ganzen Tag verbringen wollte. Die erste Snooze-Runde ist irgendwie die beste, weil sie einen Sieg über die Realität darstellt—zwischen mir und dem Vermeiden des Unvermeidlichen bestand trotzdem schon immer eine Art Hassliebe.

In den Jahren nach meinem 20. Geburtstag habe ich regelmäßig den Wecker ausgeschaltet, damit ich den ersten Tag meines nötigen, aber nicht gewollten Nebenjobs verschlafen konnte. Die Anrufe wegen meines Studienkredits ignorierte ich gekonnt und haute mein Geld lieber fürs Fallschirmspringen und Sommerkleider auf den Kopf. Snooze. Ich sammelte Strafzettel und warf sie dann alle weg. Snooze. Meine Langzeitbeziehung ging den Bach runter und ich zog in ein höhlenartiges Studio aus kühlem Zement. Snooze. Ich war gezeichnet von Einsamkeit und war schon gefährlich kurz davor, mich meinen Problemen zu stellen. Dann schaute ich mir stattdessen aber lieber alle Folgen einer belanglosen Reality-TV-Serie am Stück an. Snooze.

Ich verputzte Erdnussbutter zum Abendessen und meine Versagensängste verputzten mich zum Frühstück. Ich steckte wegen meiner eigenen Trägheit in einem Labyrinth des Schams fest. Der einzige Ausweg schien ein Nickerchen zu sein—als ich aufwachte, musste ich allerdings feststellen, dass es irgendwie bereits Oktober war. Snooze, Snooze, Snooze. Snoozen bedeutet, ein paar wertvolle Minuten in einem glückseligen Zustand der Untätigkeit zu verharren.

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„Zimmerservice!", rief die Putzfrau erneut. Dieses Mal umklammerte sie allerdings ihren Besen, um mir zu zeigen, wie ernst sie es meinte.

Mein Nervensystem antwortete stellvertretend für mein ganzes Ich. „Noch fünf Minuten!", brüllte ich und hielt mir das Kissen über meinen Kopf, um der Frau klar zu machen, wie sehr sie gerade mein Leben ruinierte, indem sie ihrer Arbeit nachgehen wollte.

„Ich will nach Hause gehen."

„Dann gehen Sie, verdammt noch mal! Gehen Sie!" Ich wischte etwas Sabber von meiner Backe. Sah sie denn nicht, dass ich beschäftigt war?

„Soll das Zimmer denn nicht geputzt werden?"

„Gehen Sie einfach! Bitte!"

„Aber …"

Und dann tat ich das Undenkbare.

Da mir die passenden Worte fehlten, um der Putzfrau mitzuteilen, wie sehr ich sie aus meinem Leben wünschte, warf ich mein Kopfkissen nach ihr.

Ernsthaft.

Ich traf sie zwar nicht, aber das war unwichtig. Kaum war das Kissen sanft auf dem Boden gelandet, machte sich im Zimmer eine Stille breit—wir beide wussten, dass es kein Zurück mehr gab. Schließlich ging sie wortlos ein paar mutige Schritte in die Richtung meines Betts und beäugte das leere Six-Pack, das auf der Hotelbibel stand.

„Wollen Sie nicht mal aufwachen?"

Ob ich nicht mal aufwachen wollte? Hatte ich durch mein Verhalten in irgendeiner Weise angedeutet, dass ich aufwachen wollte? Verärgert biss ich die Zähne zusammen und fragte mich, was bei dieser dummen Frau falsch lief. Natürlich wollte ich, dass ich aufwachen will.

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Die Anrufe wegen des Studentenkredits hörten natürlich nicht einfach so auf und ich habe sogar schon darüber nachgedacht, meine Schulden zu bezahlen. Dann entschied ich mich jedoch für die weitaus einfachere Option: Einfach niemals lange genug bei einem Job zu bleiben, damit nie etwas von meinem Gehalt einbehalten wird. Einmal habe ich einen Strafzettel rechtzeitig bezahlt und das dann sofort bereut, weil mein Auto wegen der sechs anderen noch ausstehenden Knöllchen trotzdem abgeschleppt wurde. Ich wollte meinen ganzen Scheiß wirklich geregelt kriegen—ich wollte jedoch noch mehr, dass ich einfach so bleibe, wie ich bin.

Ob ich nicht mal aufwachen wollte? Was für eine Frage ist das überhaupt?

Meine Nachmittage verbrachte ich damit, mich mit Hilfe von Koffein aus meinem Schlummerzustand zu befreien. Ich musste schon meinen Schmuck verkaufen, um die Entfernung der Parkkrallen bezahlen zu können. Ob ich nicht mal aufwachen wollte? Verdammte Scheiße! Diese Frage machte mich so wütend, dass ich mich fast aus meinem Nest der Untätigkeit erhob, das mich so lange warm gehalten hat.

Ich saß aufrecht im Bett. Die Frau war weg, aber ich konnte das nicht mal wirklich genießen. Verärgert putzte ich mir die Zähne. Na gut! Ich war wach.

Endlich war es soweit: Das durch das Ignorieren meiner Probleme verursachte Unbehagen wurde so schlimm, dass selbst meine geliebten Vermeidungstaktiken nicht mehr sicher waren. Ich fing an, mit meinem Gehalt Rechnungen zu bezahlen. Ich legte mir eine Krankenversicherung zu. Sport und ich wurden richtig gute Freunde—das war das Schlimmste von allem. Heutzutage halte ich mich auf dem Laufenden und ernähre mich gesund. Ich bin ein richtiger Albtraum. Ich bin enttäuscht davon, wie stolz mich der Mensch macht, zu dem ich geworden bin. Ich rede mir ein, dass ich es „immer noch drauf habe", und schwelge verzweifelt in Erinnerungen an Autos, in denen ich geschlafen habe, und vollgekotzte Casinos. Der Zahn der Zeit nagt an mir und ich werde gegen meine Willen in das Schlachthaus der Selbstverbesserung gezwungen.

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Ich war mit dem Zähneputzen fertig und rief beim Zimmerservice an.

„Hallo?", sagte die vertraute Stimme der Putzfrau am anderen Ende der Leitung.

„Ich bin jetzt wach", räumte ich ein. „Sie können jetzt wiederkommen."

Das tat sie dann auch. Sie war klein und viel weniger furchteinflößend, jetzt wo ich auch stand. Ich musste meinen Kopf bei meiner Entschuldigung nach unten neigen. Sie sagte, dass es schon OK wäre. Als sie sich an mir vorbeidrängte und mit dem Aufräumen anfing, merkte ich jedoch, dass sie immer noch beleidigt war.

Vor ihr würde ich das niemals zugeben, aber mein Leben ist jetzt tausend Mal besser als damals während dieses entzückend hoffnungslosen Moments, als sie mich zum ersten Mal beim Träumen störte. Ich habe mein dunkles Studio gegen ein lichtdurchflutetes Haus eingetauscht, in dem ich zusammen mit meinem Freund lebe. Da er mich jeden Morgen mit Kaffee weckt, komme ich sogar aus dem Bett—auch wenn ich dafür eine Weile brauche.

Jeder neue Tag ist immer noch eine Herausforderung und ich fühle mich machtlos gegen die Verlockung des Snooze-Buttons und seinem Versprechen, dass ich noch weitere fünf Minuten liegen bleiben und mich in folgendem falschen Versprechen einmummeln kann: Wenn ich einfach nur die Augen geschlossen halte, kann ich für immer in diesem süßen Trott verweilen.