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Popkultur

Ich habe ein Herz für selbstlose alte Männer

Ein Pferdehändler sieht rot nach Kleist und die wahre Geschichte eines Frachterkapitäns auf Somalisch. Das sind 'Captain Phillips' & 'Michael Kohlhaas'.
8.11.13

Was Kino anbelangt bin ich wie ein engstirniger, weißbärtiger Opa, der seinen Krückstock wedelnd schimpft, dass Schauspieler früher doch viel cooler waren, talentierter und überhaupt besser in jeder Hinsicht. Wer kann es heutzutage schon noch mit einem Cary Grant oder Marlon Brando aufnehmen. Dann hört man Dinge wie: Jaden Smith bekommt als 12-Jähriger 3 Millionen Dollar für seine Token-Remake-Rolle in Karate Kid und bombt mit dem Flopp After Earth die 130 Millionen, die der Film gekostet hat, in die Stratosphäre.

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Werwolf-Höhlenmensch Taylor Lautner hat mit seinen 21 Jahren eine 26,5 Millionen Gage und ich will gar nicht wissen, wie viel der Rest der Twilight-Brut verdient. Chloe Moretz, die, versteht mich nicht falsch, süß ist, auch schauspielerisch durchaus einiges glaubwürdig rüberbringen kann und eine ernstzunehmende Zukunft vor sich hat, macht das Nachwuchs-Star-System auch nicht schöner. Sie als die neue Carrie zu casten war ein Fehler, hat Stephen Kings gestörtes Erbe zu einer Superheldensoap/einem flachen Teen-Drama degradiert und die beschissene Kick Ass-Reihe kann meiner Meinung nach eh niemand retten. Dann gibt es da auch noch Hunger Games

So sinkt der cineastische Standard mit jedem Film des Young Hollywood, aber zum Glück gibt es da noch die neue Garde der Über-30er, wie zum Beispiel Michael Fassbender (bald zu sehen in The Counselor und das einzig Annehmbare an diesem richtig miesen Ridley Scott-Film), Ryan Gosling oder Cate Blanchet (Blue Jasmin), die meinen altersschwachen Ärger stark eindämmen. Um zu kompensieren, habe ich heute altbekannte Alphas mitgebracht und erfreue mich also an alten Männern.

Captain Phillips: "You are not just fishermen!"

Vier Piraten in einem Fischerboot kapern einen 18.000 Tonnen-Frachter. Das klingt definitiv spannend und mit Captain Phillips ist diese wahre Begebenheit (ein Muss für jedes Movie-Poster) überaschenderweise echt stark umgesetzt. Viel hatte ich mir nicht erwartet, aber meine Schließmuskeln fanden bei der intensiven Shaky Cam (die wir von Regisseur Paul Greengrass bereits aus seinen Bourne-Verfilmungen kennen) einfach keine Ruhe und man fiebert tatsächlich durch bis zum "Schock"-Ende.

Ich könnte mir gut vorstellen, und hoffe damit nicht in den Abschussbereich der Political Correctness zu stolpern, dass die beeindruckenden Somalier-Charaktere durchaus positiv und "bad ass" in der afro-amerikanischen Hip-Hop Community wahrgenommen werden könnten.

Alles fängt so schön geschlossen an, Captain Phillips philosophiert kurz mit seiner Frau über globale Zukunftsaussichten und tritt einen neuen Job an. Die ganze erste Hälfte der Geschichte, mitsamt dem Frachtschiff, den Reaktionen der Crew und der Suspense der Piratenverfolgung, ist eine schöne runde Sache. Phillips ist eher eine autoritäre Papa-Figur als der große 80er-Jahre-Held. Das behaupten auch die tatsächlichen Besatzungsmitglieder der damaligen Maersk Alabama und meinen, dass der Film, Tom Hanks und der ganze Heroismus ihres Kapitäns falsch dargestellt sind.

Dramatisierung in einem Unterhaltungsmedium?! No shit (Zynismusbombe)! In der letzten Stunde dieser 134 Minuten wird die Spannung etwas überstrapaziert und beweist doch leichte Längen. Besonders die übermenschlichen Navy-SEALS-Fleischgebirge verbreiten mit perfektionistischen Militarismus und durch kalte Zielsicherheit richtig Angst und ein zu eingehendes Gefühl der eigenen Unmännlichkeit.

Captain Jack Sparrow und unsere Vorstellung vom glamourösen Piratenleben verlieren sich schnell zwischen kaputten, hungerleidenden Kalaschnikov-Piraten aus Somalia (Siehe South Park S13E07, ziemlich miese Folge). Krass eigentlich, dass die Leute aus der Phillips-Geschichte (teilweise) noch leben. Nach Gravity bekomme ich mit diesem Hostage-Herzklopfer kaum eine Verschnaufpause und wie die NY-Times schon richtig bemerkt haben, bietet das Ende vom Kinojahr 2013 einiges an Überlebensinstinkt und macht den beschissenen Filmsommer ein wenig wett.

Michael Kohlhaas: Braveheart nach Kleist

Wenn Lars Von Trier Braveheart gemacht und ein christliches Studio das Ganze um mindestens zwei Altersbeschränkungen runtergekürzt hätte, dann wäre Michael Kohlhaas von Arnaud des Pallières rausgekommen. Aber Mads Mikkelsen könnte bei einem Muppets-Film oder einer Aspirin-Werbung mitspielen und die Leinwand würde trotzdem in stoischer Anziehungskraft eines nordischen Gottes erstrahlen. Ich übertreibe gerne bei diesem Schauspieler, der in Die Jagd mehr als brilliert und auch so einen tollen neuen Hannibal abgibt. Wie weit der originale (damals im Jahr 1811 aufregend moderne) Stoff von Heinrich von Kleist in die französischen Produktion eingeflossen ist, bleibt fraglich.

Michael Kohlhaas ist ein sauberer Film und danach fühlt man sich als ob man an der frischen Luft gewesen wäre. Letztlich muss man sagen, er ist letztlich ziemlich langweilig. Dialogloses, entemotionalisiertes Starren kommt nicht zu kurz, es herrscht ernstes, steinernes Drama und die Handlung kümmert sich manchmal nicht wirklich um sich selbst. Plötzlich ist man mitten in einem Leibeigenen-Aufstand gegen die Krone im Preußen des 16 Jahrhunderts, und das wegen zwei Pferde, die Kohlhaas nicht gleich zurückgegeben wurden.

Na gut, eine weitere unfeine Aktion gegenüber seiner Familie macht die Revenge-Rebellion des einfachen Händlers mit dem Schwert am Rücken sicherlich nachvollziehbar. Michael Kohlhaas ist wohl Irgendwo zwischen schläfriger Robin-Hood-Ethik und zu liebloser Literaturverfilmung anzusiedeln. Aber man kann sich sicherlich einen Abend dafür Zeit nehmen, wenn man vom Date versetzt wurde, sowieso an Agoraphobie leidet oder krankheitsbedingt isoliert zu Hause eingesperrt ist, wie zum Beispiel unser Collega Markus zu Zeit. Gute Besserung und …

Wohlsein

Josef Zorn auf Twitter: @theZeffo

Fotos von polyband Medien GmbH und Sony Pictures