„Wenn ich in das Gesicht von diesem Mädchen blicke, sehe ich Geld.“ 

Rumänien ist eine Goldgrube für ausländische Investoren, die Sex-Webcamstudios betreiben wollen, und das Internet ist hier teilweise schneller als in den meisten westlichen Industrienationen. Ich war eine Woche bei einem Webcamstudio zu Besuch.

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12 Dezember 2013, 12:14pm

Illustration von Julia Scheele

Bis Juli habe ich zusammen mit den Cousins Lorenz und Alessandro in einer WG in England gewohnt. Als ich kurzfristig ausziehen musste, hatte ich erst ein ziemlich schlechtes Gewissen. Doch wie sich herausstellte, war mein Timing perfekt: „Wir ziehen eh nach Rumänien und gründen einen Cateringservice“, sagten sie.

Im September riefen die Beiden mich nochmal an und fragten, ob ich ihnen bei ihrem Businessplan helfen könnte. „Klar, erzählt mir doch ein bisschen mehr von eurer Idee“, antwortete ich. „Es ist noch geheim“, sagte Alessandro, doch nach etwas Zureden offenbarte er mir, dass sie in Wirklichkeit ein Studio mit strippenden und masturbierenden Camgirls und Camboys aufgemacht hatten. 

Meine Überraschung hielt sich in Grenzen, aber ich sagte den beiden, dass ich mich nicht ganz wohl dabei fühle, so einen Businessplan zu schreiben. Macht nichts, sagten sie, und luden mich ein, sie für ein paar Tage in Bukarest besuchen zu kommen. Das tat ich dann auch Anfang des letzten Monats. 

Wenn das Internet einen bestimmten Rotlichtbezirk hätte, dann läge er wohl in Rumänien, wo im Moment schätzungsweise 2.000 Studios in Betrieb sind. Das Studio der Beiden—Kazampo—befindet sich in einem Hinterhof in Bukarest und kann bis zu 11 „Models“ beherbergen, die für geile, einsame und Tausende von Kilometer entfernte Menschen vor einer Webcam masturbieren.

Ich hatte erwartet, bei meiner Ankunft auf eine ekelerregende und sittenlose Cyberpunk-Brutstätte zu treffen, mit schönen, halbnackten Jungen und Mädchen, die sich gegenseitig Internetdrogen von der Haut schniefen und zu irgendeiner westlichen Clubmusik herumhüpfen (Steve Aoki?). Doch was ich tatsächlich sah, war geradezu enttäuschend prosaisch. 

Ich kam um 12 Uhr an, zu einer Zeit also, zu der man normalerweise Mittag essen würde. In den Studios isst man allerdings erst um 9 Uhr abends zu Mittag, denn 90 Prozent der zahlenden „Mitglieder“ (in der Welt der Webcams liebt man Euphemismen ebenso wie im konventionellen Sexhandel) leben in Nordamerika. Das heißt, dass 90 Prozent der Kunden eines rumänischen Studios zeitlich zwischen sieben und zwölf Stunden hinterher sind. 

Die Mitglieder können, wann immer sie wollen, nach ihren Lieblingsmodels sehen. Außerdem sind Webcams mehr oder weniger komplett von der Wirklichkeit abgeschottet, das heißt, man muss nirgendwo hinfahren oder jenseits des Bildschirms mit jemandem interagieren. 

Camelia, Alessandros Freundin und die Maid-Cum-Madame, spielt Farmville.

Außerhalb der Arbeitszeiten wird das Haus von Zigarettenrauchschwaden und dem Krach von Heavy Metal umhüllt. Zu diesen Zeiten ist niemand besonders gesprächig. Die Models verbringen viel Zeit in der Küche, wo sie entweder auf dem Gemeinschaftscomputer Farmville oder auf ihren Smartphones Clash of Clans spielen.

Die Cousins kommen aus relativ privilegierten Verhältnissen. Wo sie aufgewachsen sind, wollen sie aber nicht sagen, weil sie anonym bleiben möchten. Sie haben mich gebeten, ihren Heimatort geheim zu halten. 

Für sie schien es eine einmalige Gelegenheit zu sein, in ein verdammt armes Land zu ziehen und es ausnutzen zu können, dass es junge Leute gibt, die für Geld alles tun würden. 

Lorenz sagt, dass es ihm nicht ums Geld geht. „Das ist kein Geschäft im engen Sinne“, erklärt er, „es ist eher etwas, das mir Spaß macht und das mich in vielerlei Hinsicht zu einem besseren Menschen machen wird. Ich will nicht reich werden, ich will nur so leben, dass ich mir keine Gedanken mehr ums Geld machen muss.“ Ich dachte eigentlich immer, dass das genau die Definition von „reich sein“ ist.

Raffi, der Studiohund von Kazampo

Im Gegensatz zu Lorenz wird Alessandro schon eher vom Geld angetrieben. Er gab mir eine grobe Einführung in die Finanzen des Webcamstudios. „Ich kenne ein Studio mit 15 Models, alles Typen“, sagte er. „Pro Periode werden da 25.000 Euro eingenommen. Eine Periode sind in der Branche zwei Wochen. Und Typen bringen nur halb so viel Gewinn wie Frauen, und stell dir vor, du hast 15 Mädchen, die für dich arbeiten—das bedeutet, dass du alle zwei Wochen 50.000 Euro verdienst. Das ist ein Traum.“ 

Als wir vor dem Supermarkt rauchten und ein Mädchen an uns vorbeiging, schwenkte Alessandro von mathematischen auf ästhetische Betrachtungen um. „Dieses Mädchen, ihr Gesicht—da steckt Geld drin. Wenn ich in das Gesicht von diesem Mädchen blicke, sehe ich Geld.“ 

Die Beiden scheinen aber keine unlauteren Absichten zu verfolgen. Alessandro will die Verwaltung des Kazampo-Königreichs irgendwann einem Manager überlassen und sich anderen Dinge widmen, und auch Lorenz versprach mir: „Wir werden uns keine Zuhältermentalität angewöhnen. Für sie wie für uns ist es nur ein Job. Als unsere Angestellten verdienen die Models Respekt.“ Um das zu gewährleisten, hat Alessandro seine rumänische Freundin Camelia als Maid-Cum-Madame angestellt. „Es ist gut, sie zu haben, denn wenn die Models sich schlecht benehmen, kann sie sie zurechtweisen, und ich stehe nicht als Arschloch da.“

Trotz der leicht verzerrten Definition eines Arschlochs hoffen sie, dass ihr Studio einige kleine Veränderungen innerhalb der rumänischen Webcamindustrie bewirken kann. So bilden sie sich zum Beispiel viel darauf ein, dass die Models nur 40 Prozent der Einnahmen abzweigen müssen—statt der für Bukarest normalen 60 bis 75 Prozent. Was sie als einen Akt der Barmherzigkeit verkaufen, ist in Wirklichkeit nicht mehr als eine wirtschaftliche Notwendigkeit. Das Geschäftsmodell ist in Rumänien so verbreitet, dass es neuen Studios tatsächlich ziemlich schwer fällt, Models zu finden. 

Genauer gesagt so schwer, dass bei meinem Besuch Anfang November nur drei Models im Kazampo angestellt waren. Acht der elf Arbeitsplätze waren ungenutzt. 

Einer der Räume in Kazampo

Die Arbeitsplätze sehen aus wie eine Mischung aus einem Teenie-Zimmer und einer Privatkabine in einem billigen Stripclub. In jedem Raum stehen ein quadratisches Bett, ein Computer sowie der zuverlässige Vorbote jeder erotischen Begegnung: eine Flasche Desinfektionsspray. Die Wände hinter den Betten sind rosa gestrichen und mit rosa-goldenen Tapetenstreifen geschmückt, auf denen meist ein Liebesmotiv oder etwas ähnlich Zuckriges prangt. Die restlichen Wände—die nie ins Visier der Kamera geraten werden—sind kahl. 

Lorenz war diese stümperhafte Art und Weise, mit der die Räume ausgestattet worden waren, peinlich—die einzige Ausnahme bildete ein Raum mit einer Poledance-Stange. Die Vorbesitzer, die ebenfalls ein Studio betrieben haben, waren so eilig ausgezogen, dass sie in einem Raum die komplette Poledance-Ausrüstung zurückgelassen haben. Das passte den Cousins ausgezeichnet, und sie haben eine Discokugel und Beleuchtung dazu gebaut. Immer wenn ich an diesem Raum vorbeiging, dröhnte Tanzmusik durch die Tür. 

Marius und Anica—ein im Kazampo modelndes Pärchen—erzählten mir, dass Rumänen nicht an die Zukunft denken. Wenn ein Model die ersten 1.000 Euro verdient hat, legt es nichts davon für ihre Miete beiseite, sondern gibt alles für protzige Klamotten und teures Parfüm aus. 

Auf der Fahrt durch Bukarest mit Lorenz und Marius

Wenn sie es nicht für Schuhe und Autos ausgeben, modeln rumänische Studentinnen auch oft, um sich ihre Ausbildung zu finanzieren. Anica hat einen Abschluss in Tourismusmanagement, doch selbst für sie gibt es keinen Ort, an dem sie mehr verdienen würde als hier. „Es ist ziemlich normal, aber noch normaler ist es hier, für Geld zu ficken“, sagte sie—doch da ist bei ihr Schluss. 

Sie begann ihre Laufbahn in der Webcam-Welt als minderjähriges Model, das von den Mitgliedern nur fürs Reden bezahlt wurde, sagte sie. Der Betrag, den sie nun als Erotikdarstellerin verdient, ist nicht viel höher als am Anfang ihrer Karriere—was zeigt, wie unheimlich einsam der Kundenstamm ist. 

Der Hauptverdienst der Models sind „private“ Sitzungen, bei denen die Mitglieder für jede Minute Einzelchat 1,50 Euro zahlen. Ein Teil davon geht normalerweise fürs Webhosting drauf, und das Studio bekommt 40 bis 75 Prozent—den Models bleiben also zwischen 45 und 20 Cent pro Minute, je nachdem in welchem Studio sie arbeiten. 

Der Schlüssel liegt—auch für Erotikmodels—darin, solange wie möglich angezogen zu bleiben. Was nicht allzu schwierig ist, da die Ejakulation den Mitgliedern weniger wichtig ist, als man annehmen würde. Viele von ihnen sind geschiedene Männer, die ein wenig Gesellschaft suchen. In Anicas Beschreibungen klingt Modeln ein bisschen so, wie als Verkäuferin zu arbeiten: Stell ihnen viele Fragen, interessiere dich dafür, was sie sagen, und sie werden dich für immer lieben—zumindest so lange sie noch Geld haben. Irgendwann bitten sie dich vielleicht, dass du dich ausziehst, dann musst du dich einfach zurücklehnen und es hinter dich bringen.

Unter anderen Bedingungen wäre ein Stundenlohn von 11 bis 36 Euro nicht übel, doch angesichts der Art der Arbeit, ist es gut, dass es auch alternative Einkommensquellen für Models gibt. 

Eine davon ist das Trinkgeld. Mitglieder können den Models innerhalb und außerhalb privater Chats Trinkgeld geben und sie so zu kleinen Extras überreden. 

Außerdem gibt es Skype, mit dessen Hilfe die Models Studios und Webseiten umgehen und 100 Prozent ihrer Einnahmen für sich behalten können. Außerdem können sie ihren Minutenlohn steigern, indem sie den Kunden sagen, dass ein Chat in ihrer Freizeit teurer ist. Die Seiten haben Regeln, die genau dies verbieten. Eigentlich ist es Models und Mitgliedern verboten, Kontaktinformationen auszutauschen—aber das heißt nicht, dass es nicht trotzdem gemacht wird. Für die Models kann es jedenfalls sehr rentabel sein. 

Marius’ Arbeitsraum

Einmal erzählte mir Anica von einem Mitglied namens Clarence, der an einer amerikanischen Universität angestellt war. Er verdient über 15.000 Dollar im Monat und war wahnsinnig verliebt in Anica. So sehr, dass er nach Rumänien flog, um sie in echt zu sehen. Weil sie zu ihren Kunden immer ehrlich ist, brachte sie Marius mit zu dem Treffen und stellte ihn als ihren Freund vor und erklärte ihm, dass Clarence zwar ihr „bester Freund“ sei (OK, vielleicht ist sie nicht absolut ehrlich)—falls er Marius aber auch nur ein Haar krümmen sollte, würde sie ihm den Hals durchschneiden. Unbeirrt überweist er ihr weiterhin jeden Monat 1000 Dollar auf eine Kreditkarte, die er ihr geschickt hat; außerdem hat er ihr bereits ein iPad und so ziemlich alles, worum sie ihn bittet, geschenkt. „Natürlich habe ich ein schlechtes Gewissen, aber ich brauche das Geld“, erklärte sie mir. 

Marius weiß von liebesbesessenen oder süchtigen Mitgliedern, die ihr gesamtes Vermögen dafür ausgegeben haben, nächtelang mit einem Model zu chatten. Er erzählte mir von einem Kunden, der bei allen möglichen Leuten Schulden aufgenommen hatte, um ein Model im Privatchat halten zu können. Wenn das Geld alle ist und die Mitglieder um Zeit zu zweit betteln, bleiben erfolgreiche Models normalerweise stark und weigern sich so lange, mit den Kunden Kontakt aufzunehmen, bis diese wieder Geld haben. Es klingt grausam, aber auch ein Model muss sehen, dass es über die Runden kommt.

Marius zeigte mir mal ein Foto von einem amerikanischen Haus mit einem weißen Lattenzaun davor: „Hey, kuck dir mal das neue Haus von meinem Freund an“, und gab mir sein Smartphone. „Ist er ein Kunde?“, fragte ich. „Nein, er ist mein Freund“, sagte er. Marius war das erste Webcam-Model, mit dem der Typ jemals gesprochen hatte; nun führen sie eine Beziehung. Marius’ Freund ist fast 30 Jahre alt und lebt im südlichen Teil der USA. Noch hat er seinen Eltern nicht gesagt, dass er schwul ist, aber Marius unterstützt ihn und bereitet ihn mental darauf vor. Ihre Beziehung ist sowohl unbezahlt als auch sexuell enthaltsam. Wenn er kann, überweist der Freund Marius ein paar hundert Dollar, um ihm unter die Arme zu greifen, aber Marius beharrt darauf, dass die Freundschaft auch ohne das Geld von Bestand sein würde. 

Lorenz und Alessandro sind nicht die einzigen Ausländer, die ein Studio in Bukarest betreiben. Das Internet ist voll von Leuten aus Amerika und Westeuropa, die bei der Gründung eines Studios in Rumänien beraten werden wollen, und viele Studios sind von ausländischen Investoren bezahlt worden. Auch wenn nichts besonders Glamouröses an dem Geschäft ist, kann die Rendite phänomenal sein. 

Offiziell ist die rumänische Regierung kein großer Fan der Erwachsenenunterhaltung. Das Gesetz erfordert es, dass jede Pornoseite passwortgeschützt sein muss, und in den letzten zehn Jahren wurden viele Gesetze für eine Sperrung der entsprechenden Webseiten entworfen. Inoffiziell wurde aber stark in die Telekommunikationsinfrastruktur investiert, wodurch Rumänien nun ein schnelleres Internet als die meisten westlichen Industrienationen hat. Ob es dir passt oder nicht, Webcamming bietet ein enormes Potenzial, ausländisches Kapital nach Rumänien zu locken, und das wird sich nicht ändern, bis jemand eine bessere Idee hat. 

Um die Privatsphäre der erwähnten Personen zu schützen, wurden Namen und identifizierende Details geändert. 

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