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Kann bitte jemand Didi Hallervorden das Keyboard und den Soundcloud-Account wegnehmen?

Der alte Mann hat wieder einen „satirischen Song" gemacht und er ist noch trauriger als der erste.
19.4.16

Titelfoto: imago | Andreas Weihs

Kann bitte irgendjemand dem alten Mann das Spielzeug wegnehmen? Weg mit dem Casio-Keyboard, auf dem er seine Montagsdemo-Sentenzen zusammensetzt oder löscht ihm wenigstens den Soundcloud-Account, damit er seine eingesungenen Banalitätsballaden nicht mehr hochladen kann.

Schon letzte Woche mussten wir Zeuge werden, wie der medial weniger relevante Honig im Kopf-Darsteller sich unter dem Deckmantel der Solidarität und Verbrüderung mit Jan Böhmermann wieder ins Rampenlicht zu kämpfen versuchte. Und tatsächlich gelang ihm mit dem Lied „Erdoğan, zeig mich an!" auch für kurze Zeit genau das. Wie fragwürdig seine Aktion war, könnt ihr in diesem dazugehörigen Text lesen oder ihr vertraut auf die mittlerweile bis zur Heiligkeit hochstilisierte Satire-Instanz Jan Böhmermann höchstpersönlich, der Didis Lied so dermaßen kacke fand, dass er und „die Redaktion davon überzeugt (sind), dass ein weiterer Song von Dieter ‚Didi' Hallervorden zum Thema unbedingt zu verhindern ist." „Das, und darin sind sich hier alle einig, MUSS oberste Priorität haben", sprach Böhmermann in seinem eine Auszeit ankündenden Facebook-Post und verschwand auf einem Segway Richtung Jakobsweg.

Leider nutzte Didi das so entstandene Vakuum und legte einen zweiten „satirischen" Knaller nach: „Hier endlich mein neuer satirischer Song: MERKEL – ZU ALLEM BEREIT!"

Warum „endlich" ein neuer Song? Hat die Welt tatsächlich auf nichts anderes gewartet, als von Didi auf knappen 104 Sekunden die bislang noch nicht genug in den Medien runtergeleierte Causa Böhmermann vorgenuschelt zu bekommen? Hunderte Zeitungen haben in gefühlt Tausenden Artikeln die Komplexität und die Eigenheiten des Falles in allen erdenklichen Winkeln ausgeleuchtet, aber nein, „endlich" kommt Didi, der Messias und erklärt uns „satirisch" in nicht einmal zwei Minuten, was abgeht. Nun denn, hilft alles nichts, schauen wir uns dieses Floskelscheusal inhaltlich genauer an:

Screenshot: Facebook

„Sie war einst junger Pionier. Sie hat schon früher gut taktiert. Und danach auf Jungfrau Maria gemacht …"

Zwei Deutungsmöglichkeiten schießen hier in den Sinn:
1. Schön früher, als Merkel noch ein Jungpionier war, hat sie bereits gut taktiert. Sie hat dort bei den Pionieren gut zu taktieren gelernt. Hier würde Hallervorden dem Objekt „Angela Merkel = Jungpionier" das Attribut „taktierend" zuschreiben, was die Frage aufwerfen könnte, ob die Eigenschaft „taktierend" wirklich als Wesensmerkmal für einen Jungpionier in der damaligen DDR bezeichnend ist.

Ist es nicht eher so, dass bei dieser politischen Massenorganisation für Kinder, in der das Kollektiv gegenüber dem Individuum im Mittelpunkt stand und wo dem vordefinierten Volkswillen gehorcht werden sollte, ein taktierendes Kalkül so ziemlich das Letzte war, was sich die Parteifunktionäre von ihren Pionieren wünschten?

2. Aber vermutlich will Hallervorden auf Folgendes hinaus:
a) Merkel war damals Jungpionierin in der DDR
b) Jungpionierin zu sein, ist schlecht, dubios, ja es ist wie die Stasi, nur für Kinder
c) Nach ihrer dubiosen Pioniersvergangenheit hat Merkel eben diese Vergangenheit taktierend zu vertuschen gewusst und sich …
d) … danach zur Heiligen = unschuldigen Jungfrau Maria gemacht.
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f) Welche Schlüsse sollen wir jetzt nach Didi ziehen? Dass die alte DDR-Merkel noch immer richtig DDR-Stasi-Dreck am Stecken hat? Dass sie ein immer noch aktiver Stasi-Spitzel ohne Mutterschiff ist und heimlich an dem Wiederaufbau der Deutschen Demokratischen Republik mit Erdoğan als Verbündeten arbeitet?

Und dann die Eigenschaft „taktierend" an sich. Ist sie nicht einem jeden Politiker eigen? Kann man überhaupt Politiker werden, wenn man nicht die Fähigkeit, taktieren zu können, besitzt? Aber erstmal genug, weiter im Text.

„… Und uns jetzt ein Stückchen Scharia gebracht. Scharia-Light, Scharia-Light, immer bereit …"

Abgesehen von dem Paradoxon, dass eine Sammlung von religiösen Gesetzestexten einem Raubtier ähnlich auf der Lauer liegen kann, will Hallervorden Angela Merkel als eine Person verstanden wissen, die in Deutschland eine „Scharia-Light" implementiert hat. Fragen:

1. Was ist eine Scharia-Light denn genau?
2. Gesetzt den Fall, wir wüssten, was Didi mit einer Scharia-Light meint: Haben wir einen solchen Zustand wirklich in Deutschland?
3. Gesetzt Fall 1 und 2: Ist wirklich Angela Merkel für eine Scharia-Light in Deutschland verantwortlich?

Leider fallen weitere Ausführungen und damit eventuelle Antworten auf diese Fragen den kurzen 104 Sekunden Gesamtlaufzeit des Liedes zum Opfer. Was zu sagen bliebe, wäre blinde Spekulation. Vielleicht streute Merkel für Didi das Saatgut einer Scharia-Light bereits mit der Bemerkung, dass der Islam zu Deutschland gehörevielleicht hat sie noch andere Verbrechen gegen das Deutsche Kulturgut begangen, die uns Didi aber nicht verraten will oder kann.

Dennoch ist es von ihm ein starkes Stück zu behaupten, Deutschland sei ein Land, in dem scharia-artige Verhältnisse herrschen. Einen solchen Ton ist man bestenfalls vom neuen Anti-Islam-Parteiprogramm der AfD gewohnt. Es ist ein Ton, der auf den Frust ganz bestimmter Bürgergruppen in diesem Land abzielt. Sie haben Angst, Erdoğan könne sein „Demokratieverständnis" nun auch auf deutschem Boden entfalten, die Furcht ist legitm, nicht dagegen, sich dieser Furcht zu bedienen, indem man die Aufmerksamkeit dieser Menschen mit diffusen Schlagworten wie „Scharia-Light" triggert. Das ist Pegida-Niveau.

Zurück zum Song:

„… Sie bleibt ein junger Pionier, mein Erdoğan, sie lernt bei dir …"

Diese Pionier-Metapher hat es Hallervorden offenbar richtig angetan. Damit will er uns anscheinend ein Machtgefälle demonstrieren: Erdoğan der Pionier-Führer, Merkel die ihm gehorchende Jungpionierin.

„… Hitler-Vergleiche, so was lief ja hier immer, aber ‚Ziegenficker' ist ja viel, viel, viel schlimmer. Das geht zu weit …"

Hier hat Didi den womöglich ersten großen Bock geschossen. Es geht nicht darum, was hier in Deutschland immer lief und was von Merkel und der Bundesregierung geduldet wurde. Als ob Hitlervergleiche für sie legitim gewesen wären, sie aber jetzt bei dem viel, viel schlimmeren Wort „Ziegenficker" Böhmermann auf das Schafott führen und eigenhändig hinrichten wollten. Merkel und der Bundesregierung sind die Auswürfe eines Komikers scheißegal, es ist Erdoğan, der beim Schmähgedicht und dem Wort „Ziegenficker" auf die Barrikaden ging. Die Bundesregierung zeigt nicht an, sondern lässt nach Paragraf 103 eine Strafverfolgung von Seiten der Türken zu. Ja, ist auch Scheiße, aber nicht dasselbe.

„… Die armen Ziegen, immer bereit …"

Ja Didi, sie sind immer bereit—genau wie die Scharia-Light und Zorro und Manuel Neuer, wenn ein Stürmer auf ihn zuläuft.

„… Sie ist kein großer Pionier, oben, da steht nur der Deal mit dir …"

Bitte was? Ergibt diese Zeile selbst im Hallervord'schen Paralleluniversum überhaupt noch Sinn? Wäre ein großer Pionier nicht ein ausgewachsener junger Pionier, also jemand, bei dem sich die wesentlichen—aber noch nicht alle—Eigenschaften vollends entwickelt hätten, und würde in einem solchen Fall Merkel als eine große Pionierin nicht noch stärker unter der Fuchtel ihres Herrn Erdoğan stehen, von dem sie laut Didi so viel lernt? Wenn wir also sinngemäß lesen „… Sie ist kein großer Pionier, (weil) oben, da steht nur der Deal mit dir …", dann ist die Verwirrung komplett.

„… Wen du nicht willst, treffen ihre Verbote, und wen sie nicht will, kommt zurück auf die Boote. Ganz einfach, Augen zu vorm Leid, zu allem immer bereit …"

OK, hier verwandelt sich Didi Hallervorden zu allem Übel auch noch in Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen, indem er mit einer vom Barock angehauchten Satzstellung auffährt, und trotzdem sollten wir uns nicht von seinen Stilblüten über den Wahnwitz des Inhalts täuschen lassen. Man kann Merkel wirklich vieles vorwerfen—sie sieht immer traurig aus, sitzt Probleme gerne aus, hätte gegenüber Erdoğan nicht mit dem Paragrafen 103 nachgeben sollen—, aber das ausgerechnet sie die Augen vor dem Flüchtlingsleid verschließe, ist vielleicht dann doch etwas über das Ziel hinausgeschossen. Während um sie herum Orbán, die Polen, die CSU—ach, vermutlich der gesamte Westen—über ihre Haltung abkotzen, weil sie wie kaum ein anderes Staatsoberhaupt Flüchtlinge im eigenen Land aufnimmt, macht Didi aus ihr eine gefühlskalte Soziopathin. Und dann dichtet der Komiker noch weiter:

„Als strammer braver Pionier, Satiriker und Schmäher schenkt sie dir; aus Plaste und Elaste ist ihr Rückgrat gemacht, über diesen Diktator wird hier nicht mehr gelacht. …"

Für Dieter Hallervorden ist Merkels Rückgrat aus Plaste und Elaste gemacht, weil sie sich Erdoğans Druck gebeugt und zugelassen hat, ihm Böhmermann zum Fraß vorzuwerfen. So kann man das sehen. Oder aber auch nicht, weil die Entscheidung gegen Böhmermann im Umkehrschluss ein beharrliches Festhalten an ihrer flüchtlingspolitischen Agenda bedeutet. Der Einwand ist berechtigt, dass Merkel in der Flüchtlingspolitik besser nicht auf den Despoten und Menschenrechtsverletzer Erdoğan hätte setzen sollen, sie tat es doch, aber die Entschlossenheit, mit der sie diese Allianz gegen alle Kritik und Umfragetiefs zu schützen versucht, zeugt nicht gerade von einem Rückgrat aus Plaste und Elaste. Andererseits ließen sich hier bestimmt auch genügend Beispiele finden, bei denen der Rücken der Kanzlerin nicht gerade durch feste Körperspannung brillierte—geschenkt.

Kurz losgelöst von der Line-by-line-Exegese des Liedes, ließe sich auch das Motiv für Hallervordens neues Machwerk in den Blick nehmen. Beim ersten „satirischen Song" konnte Didi seine Tiraden noch wenigstens unter dem Deckmantel der Solidarität laufen lassen; er und seine Fans konnten argumentieren, dass „Erdoğan, zeig mich an!" kein Trittbrettfahren war, sondern vielmehr einzig die Funktion besaß, Erdoğans Angriffsfläche zu zerstreuen, auf dass er sich nicht nur auf extra 3 und Böhmermann einschießen kann, sondern auch mit dem ihn beleidigenden Didi Vorlieb nehmen muss. Und wer weiß, wenn noch mehr mutige deutsche Bürger Hallervordens Beispiel folgen, würde die kritische Masse schließlich zu groß werden, um alle anzuzeigen, und Erdoğan wäre gezwungen, komplett von den Anzeigen abzulassen. Eine Art Revival des 1967 unterlaufenen Schah-Paragrafs.

Doch wo ist die Satire bei „MERKEL – ZU ALLEM BEREIT!" ? Was Didi hier abliefert, ist eine platte, banale Hetze. Gleich der AfD wettert Hallervorden munter drauf los, weil es einfach ist, weil die Leute draußen angepisst sind, weil man mit Protest leicht Anhänger fangen kann, wenn aber Hallervorden der Kanzlerin in natura gegenüberstehen würde, hätte er wie so oft Schwierigkeiten damit, vor lauter ehrerbietigem Grinsen alle Zähne im Gebiss zu behalten.

Und Scheiße, ich fasse es nicht, dass ich hier zum Apologeten von Merkel mutiere, aber Didi lässt mir kaum eine andere Wahl. Also bitte, bitte, bringe jemand den alten Herren zum Schweigen, sonst werde ich versuchen, sein Soundcloud-Passwort zu erraten, um sein Konto zu löschen. „HonigImKopf123" vielleicht?

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