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Popkultur

Fragen, die der Trailer zum zweiten YouTuber-Kinofilm aufwirft

In „Bruder vor Luder" behandeln DieLochis die ganz großen Themen unserer Zeit: Dagi Bee, Erektionen und Hitlerwitze.
5.10.15
Screenshot von YouTube aus dem Video „BRUDER VOR LUDER - Offizieller Trailer“ von DieLochis

In einem Kommentar wurde mir mal unterstellt, meine Beziehung zu YouTubern wäre mit der von einem Alkoholiker und Alkohol vergleichbar. Ich weiß, dass sie mir nicht gut tun, und kann trotzdem nicht von ihnen lassen. Das mag in Ansätzen stimmen, die Wahrheit ist aber ein bisschen einfacher—und deutlich weniger poetisch: YouTube und seine bekanntesten Protagonisten sind mittlerweile ein nicht mehr zu leugnender Teil der Popkultur. Und es ist mein Job, mich mit ihnen auseinanderzusetzen (#fun). Ihr braucht also nicht wütend „Dann berichtet doch nicht über sie, wenn ihr sie scheiße findet!!!111" ins Kommentarfeld zu tippen.

Nach Sami Slimanis RIESIGER ANKÜNDIGUNG möchte man das Internet anzünden.

Nachdem wir das geklärt haben: Am vergangenen Wochenende veröffentlichten DieLochis, mit fast 1,6 Millionen Abonnenten Teil der viralen Webvideo-Elite, den Trailer zu ihrem ersten Kinofilm, Bruder vor Luder (ja, wirklich), der am 24. Dezember in deutschen Kinos anlaufen soll. Bisher hatten sich Heiko und Roman Lochmann vor allem durch Musik- und „Comedy"-Videos hervorgetan, warum also nicht einen Film machen, der das beste aus beiden Welten (überhyptes Startum und Furzwitze) vereint?

Das selbst unter Kritikern des Genres recht einhellige Urteil zum ersten visuellen Vorgeschmack: Immerhin sieht es besser aus als Kartoffelsalat. Das ist nicht schwer, schließlich gehört das filmische Erstlingswerk von Freshtorge zum mit Abstand furchtbarstem, was wir jemals über Spielfilmlänge ertragen mussten. Trotzdem sind da auf unserer Seite noch ein paar Fragen offen geblieben.

Ist der Plot das filmische Äquivalent zu einer Fanfiction?

Süßes, unbedarftes Mädchen trifft Megastar, den sie eigentlich gar nicht kennt. Megastar verliebt sich, das Mädchen nach kurzem Zögern auch, es gibt einige Irrungen und Wirrungen, und am Schluss siegt doch noch die Liebe. Diese in Fanfiction-Kreisen absolut favorisierte Storyline scheint so—oder so ähnlich—auch der rote Faden für Bruder vor Luder zu sein. Wenngleich die weibliche Protagonistin laut Trailer erst einmal nichts Gutes im Schilde zu führen scheint, scheinen die Rollen doch klar verteilt. Da sehnt man sich fast nach den Aldi-Storytwists aus Kartoffelsalat. Wenn sich am Schluss nicht alle tränenreich in den Armen liegen, das „Luder" endlich begreift, was wahre Liebe ist, und der zweite Bruder die Rollstuhlfahrerin flachlegt, kaufe ich mir das nächste Album von Heiko und Roman. Versprochen.

Spielt der Film in einem Paralleluniversum, in dem es keine anderen YouTube-Stars gibt?

Wer dachte, dass es sich bei dem ersten großen Leinwandprojekt DerLochis (dekliniert man den Artikel mit, oder heißt es dann einfach nur noch „Lochis"?) um eine Rekapitulation ihrer Erfolgsstory handelt, der irrt. Die YouTube-Brüder sind bereits Stars und auf dem Höhepunkt ihrer bisherigen Karriere. Der irritierten Nachfrage der Ober-„Luder" nach zu urteilen, scheint das Ganze allerdings in einer Welt stattzufinden, in der YouTube-Stars in der Wahrnehmung der breiten Öffentlichkeit noch nicht so richtig präsent sind.

Ein weiteres Indiz ist außerdem die Tatsache, dass nahezu jede andere Person, die in YouTube-Deutschland Rang und Namen hat, in einer mal mehr mal weniger prominenten Rolle auftaucht—nur eben nicht als Viralitäts-Wunderkind. Werden die Konkurrenten der Lochis im Umkehrschluss von richtigen Schauspielern gespielt oder gibt es einfach keine?

Ist es OK, über die Erektionen von Minderjährigen zu lachen?

Screenshot von YouTube aus dem Video „BRUDER VOR LUDER - Offizieller Trailer" von DieLochis.

Wenn sie so aussehen ja, oder?

Wird Dagi Bee jetzt in ausnahmslos jeder deutschen Teenie-Komödie mitwirken?

Die Exfreundin vom Eko Fresh—ach, was sage ich, dem Haftbefehl!—der YouTuber-Szene (Liont) möchte nicht mehr nur im Internet ihre strahlend weißen Zähne in die Kamera blecken. Dagi Bee hat Lust auf die ganz große Leinwand. In Kartoffelsalat spielte sie eine unsympathische Brillenschlange, in Fack Ju Göhte 2 ein heißes Barmädchen und in Bruder vor Luder schließlich eine überschminkte Cheerleaderin. Oder so. Tatsächlich sind das rein gefühlt auch die letzten drei großen Teeniekomödien, die hierzulande gedreht wurden (auch wenn das Qualitätsgefälle zwischen den Produktionen natürlich erheblich ist). Steht demzufolge die Übernahme der hiesigen Filmbranche durch schwerreiche Beauty-Vloggerinnen bevor und wenn ja: Was können wir tun, um das zu verhindern?

„Wenn ich eine Frau wäre, wäre ich Beauty-Blogger"—LeFloid im Interview.

Ist YouTube die offizielle Resterampe für gescheiterte Fernsehpersönlichkeiten?

Zwei Worte: Oliver Pocher. Als wären seine Versuche, zumindest durch einen geschmacklosen YouTube-Channel noch irgendeine Art von Publikum zu erreichen, nicht unangenehm genug, hat sich diese Ausgeburt der Comedy-Hölle jetzt auch noch in den ersten Kinofilm zweier minderjähriger Teenie-Stars geschlichen. Bravo! Hätte man mich nach Kartoffelsalat gefragt, wie man meine persönliche Kino-Experience noch furchtbarer gestalten könnte, ich hätte geantwortet: „Macht dasselbe noch mal, nur schnulziger und mit Gastauftritt von Oliver Pocher." Ich hasse es, wenn meine Albträume real werden.

Screenshot von YouTube aus dem Video „BRUDER VOR LUDER - Offizieller Trailer" von DieLochis.

Schafft es Bruder vor Luder den IMDB-Minusrekord zu brechen?

Ach, eigentlich finde ich es ja ganz schön, wenn junge Menschen etwas aus ihrem Leben machen, ihren Träumen nachjagen und sich selbst verwirklichen, ohne dabei schmatzend in der Öffentlichkeit Kaugummi zu kauen oder laute Handymusik in der U-Bahn abzuspielen. Deswegen kann ich nicht oft genug erwähnen, dass ich grundlegend gar nichts gegen diese ganze YouTube-Community habe—wenn sie nicht gerade mit fragwürdigen Methoden ihren minderjährigen Fans das Geld aus der Tasche ziehen oder mir einen beschissenen Gag nach dem nächsten auf Spielfilmlänge in den Rachen rammen, als wäre man im Cineplex falsch abgebogen und mit offenem Mund voraus in Christian Greys Sexkeller gestolpert.

Mit letzterem Gefühl habe ich den Kinosaal allerdings nach Kartoffelsalat verlassen und die einzige kann ich da nicht gewesen sein: Immerhin gilt Freshtorges Breaking-Bad-Zombie-Mash-Up unter Internetnutzern als schlechtester Film aller Zeiten.

Können DieLochis ein IMDB-Rating von 1.1 Sternen noch unterbieten? Wir werden es an Weihnachten herausfinden. Danke für nichts, Jesus.

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