Anzeige
Reisen

Ich wollte in der Ukraine etwas über meine Wurzeln erfahren – und blieb, um den Krieg zu dokumentieren

Der Fotograf Chris Nunn erzählt, wie er dank seiner Großmutter in seine Familiengeschichte und den Ukrainekonflikt eintauchte.

von Chris Nunn
16 Juni 2016, 4:00am

Präsentiert von Ford

Chris Nunn machte sich im Februar 2013 auf den Weg in die Ukraine, um mehr über die Wurzeln seiner Großmutter herauszufinden. Da er dort niemanden kannte und weder ukrainisch noch russisch sprach, wusste er nicht recht, worauf er sich damit eigentlich einließ. Aber die Kleinstadt Kulasch und bald auch der Rest des Landes und seiner Leute zogen Chris rasch in ihren Bann und er kehrte in den darauffolgenden Jahren regelmäßig von seiner Heimat Yorkshire aus in die Gegend zurück.

Ein Jahr später brach in der Ukraine der Krieg aus und Chris wurde unfreiwillig zu einem Kriegsfotograf. Statt sich aber zu den Zentren der Auseinandersetzung zu begeben, dokumentierte Chris lieber das oft weniger beachtete Geschehen abseits der Front. Das Ergebnis davon ist eine Serie intimer Porträts und Fotos, die eine andere Seite eines Landes, das in einem Konflikt feststeckt, zeigt.

Meine Großmutter hatte viele Jahre mit Alzheimer zu kämpfen und gegen Ende ihres Lebens beschloss ich, eine Reise in den Westen der Ukraine zu machen, wo sie aufgewachsen war. Sie war mit circa 14 Jahren, zum Beginn des Zweiten Weltkriegs, von dort weggegangen und hatte in Deutschland auf Bauernhöfen gearbeitet, bevor sie 1945 als Displaced Person nach England kam. Sie heiratete einen Mann aus Yorkshire und ging nie wieder in die Ukraine zurück.

Meine Großmutter schien immer ein schwieriges Verhältnis oder schwierige Assoziationen zu ihrem Herkunftsland zu haben. Manchmal kam es mir vor, als würde sie es hassen, dann wieder machte es den Eindruck, als vermisse sie ihre „Heimat." Ihr Leben dort hatte immer etwas Geheimnisvolles an sich—es kursierten verschiedene Versionen der Geschichte, warum sie von dort weggegangen war, und warum sie einen anderen Namen als der Rest ihrer Familie trug. Wir vermuten, dass sie entweder unehelich oder aus einer Affäre heraus geboren worden war. Als ich ihr zum ersten Mal sagte, dass ich in die Ukraine fahren würde, setzte ihr ihre Krankheit schon ziemlich stark zu. Mir war aufgefallen, dass sie immer mehr abbaute, immer mehr vergaß, und so hatte ich begonnen über die Reise nachzudenken. Es ist schwer zu sagen, wie viel sie wirklich davon mitbekam, aber ich erinnere mich, dass sie zu einem bestimmten Zeitpunkt sehr wütend darüber war. Sie hatte dort wohl wirklich kein besonders gutes Leben gehabt.

Im Februar 2013 besuchte ich Kalusch—eine Kleinstadt in der Westukraine—und fuhr in das Dorf, wo sie geboren war, und von dem immer wieder einmal erzählt hatte. Ich machte ein paar Bilder und zeigte sie ihr, aber sie erkannte nichts mehr; es war zu diesem Zeitpunkt schon zu spät. Ich war ohne einen richtigen Plan nach Kalusch gefahren. Ich hatte über das Internet einen Typen—einen Fotografen namens Andy—kontaktiert, der dort in der Nähe lebte, und wir trafen uns ein paar Tage und sahen uns auf verlassenen Industriegeländen um—alten sowjetischen Fabriken usw.—, für die ich mich damals interessierte. Später lief ich dann ohne ihn da herum; Andy gab mir, bevor er ging, aber einen Zettel mit, auf dem auf Ukrainisch geschrieben stand, wer ich war, und den ich Leuten zeigen konnte, die ich fotografieren wollte. Viele der Menschen dort hatten noch nie zuvor mit einem Ausländer zu tun gehabt, und es war kein Ort, an den es Touristen verschlug, also waren viele überrascht, mich zu sehen und interessiert an dem Gespräch mit mir. Ich wohnte in dem einzigen Hotel, das es vor Ort gab, und die Angestellten dort waren extrem freundlich zu mir. Ich begann, mich mit ein paar Leuten anzufreunden und mochte es, dort zu sein, also hatte ich Lust, noch ein paar Mal wiederzukommen. So fing das Ganze eigentlich an.

Während meines dritten Aufenthalts traf ich schließlich ein paar entfernte Familienangehörige—Leute, mit denen ich über den Bruder meiner Großmutter verwandt war, der unter Stalin in Sibirien gestorben war. Ich habe mich seitdem ziemlich regelmäßig mit ihnen getroffen, und sie haben einen Sohn, der ein paar Jahre jünger ist als ich. Wir versuchen immer herauszubekommen, wie wir genau miteinander verwandt sind, aber es ist ziemlich kompliziert.

Dann, sechs Monate nach meiner ersten Reise, begannen die Euromaidan-Proteste. [Die erste Welle der Demonstrationen in Kiew, die zu der Revolution von 2014 und der Absetzung von Präsident Janukowitsch führten.]

Ich erinnere mich, dass ich davon zu hören bekam, aber es war noch nichts wirklich passiert, vor allem nicht in Kalusch. Im Januar darauf fuhr ich nach Donezk, das heute zu den wichtigsten Rebellenhochburgen gehört, und verbrachte dort etwas Zeit. Anfang Februar fuhr ich nach Kalusch zurück und dann begannen die Dinge richtig aus dem Ruder zu laufen. Innerhalb weniger Wochen, während es in Kiew zu immer mehr gewalttätigen Auseinandersetzungen kam, breiteten sich die Proteste bis nach Kalusch aus.

Um diese Zeit herum machte ich Aufnahmen von der Beerdigung eines Mannes aus Kalusch, der in Kiew von einem Scharfschützen erschossen worden war. Das aus der Perspektive einer Kleinstadt zu beobachten, machte das Ganze erschreckend real. Und es herrschten tatsächlich gruselige Zustände: die ganze Atmosphäre, die Wut und der Schmerz, sogar das Wetter. Danach fuhr ich Anfang März für ein paar Wochen nach Donezk zurück, wo sich die Ablehnung des Ostens gegenüber der Euromaidan-Bewegung abzuzeichnen begann. Zeitgleich mit den letzten Pro-Ukraine und Pro-EU-Protesten kam es zu den ersten pro-russischen Demonstrationen. Wenig später wurden pro-ukrainische Aktivitäten unmöglich und Donezk geriet Stück für Stück unter die vollständige Kontrolle der pro-russischen Separatisten. Innerhalb der nächsten 18 Monate eskalierte der Konflikt in den Gegenden, in denen ich mich aufhielt, und ich versuchte folglich, in meiner Arbeit darauf zu reagieren. Traditionellerweise besteht die Kriegsikonographie aus Abbildungen von Soldaten, kaputten Gebäuden und Zerstörung—den offensichtlichen visuellen Auswirkungen des Kriegs. Es ist sehr wichtig, diese Dinge zu zeigen, aber sie sind nicht alles. Wenn ich heute als Fotograf in die Ukraine fahren würde, könnte ich an die Kriegsschauplätze fahren, sie fotografieren und mit einer "Kriegsgeschichte" zurückkommen. Aber durch die Art, wie ich dort gelandet war und mit ganz normalen Menschen zusammen lebte, war meine Perspektive eine etwas andere. Mir wurde schnell klar, dass das einzige, was ich tun konnte, war, den Medienfokus auf die Kriegsthematik zu ignorieren und mich auf meine eigenen Eindrücke zu konzentrieren, die ich größtenteils hinter den Frontlinien sammelte. Ich habe mich immer für die kleinen Geschichten interessiert, die Teil des großen Gesamtbildes sind, für die Peripherie.

Ich glaube nicht, dass meine ukrainischen Freunde wirklich verstehen, was ich hier mache, aber ich denke, sie respektieren, dass ich es tue. Sie wissen, dass es mir wichtig ist und einer guten Absicht folgt. Ich hoffe, dass ich im Laufe der Zeit einen Beitrag leisten und ein paar Aspekte dieser historische Periode festhalten kann. Meine Großmutter war der Ausgangspunkt, der Katalysator, für meine Reise, aber ich wollte nie eine Arbeit speziell über meine Familiengeschichte machen. Ich mache auch keine definitive Geschichte über die Ukraine—alles, was ich mache, ist sehr persönlich und subjektiv. Es geht um Orte, an denen ich war. Es ist meine eigene kleine Ecke davon.

Tagged:
ukraine
krieg
Donetsk
kiew
krim
familie
Vice Blog
Ukrainekonflikt