Anzeige
Dieser Artikel ist vor mehr als fünf Jahren erschienen.
Reisen

Eine postapokalyptische Geisterstadt

Geisterstädte sind gruselig, unheimlich und magisch zugleich. Was Detroit für Amerika ist, ist Stepnogorsk für die Ukraine.

von Anna Livsic
12 Oktober 2010, 4:33pm

Geisterstädte sind gruselig, unheimlich und magisch zugleich. Was Detroit für Amerika ist, ist Stepnogorsk für die Ukraine. Eine verwahrloste Wüste mit Skeletten ehemaliger Industriegebäude und stinkenden Überresten städtischer Infrastruktur.

In den 80ern war Stepnogorsk eine junge aufstrebende Stadt. Proletarier aller sowjetischen Länder vereinigten sich hier, um auf den Manganminen zu schuften und in den hässlichen Plattenbauten mitten in der kargen Steppe die Krönung des sozialistischen Arbeitertraums zu leben.

Zu diesem Traum gehörten Tanzzentren, Kindergärten und Leninstatuen, die in Windeseile aus dem Steppenboden gestampft wurden. Spezialisten und Ingenieure kamen in die aufblühende Industriestadt und blickten mit großer Zuversicht dem zwanzigsten Jahrhundert entgegen. Denn die Manganminen von Stepnogorsk enthalten ein Fünftel des Manganvorkommens des gesamten Landes.

Endlich in der Zukunft angekommen, gehört nun diese Stadt zu den trostlosesten Gegenden der Ukraine. Es gibt keine Heizung und nur selten warmes Wasser. Hartnäckig kursiert ein Gerücht, dass im letzten kalten Winter die hungrigen Bewohner der Stadt alle freilaufenden Hunde aufgegessen haben.

Der Fotograf Artjem Nosenko hat sich in der Geisterstadt umgeschaut und ist mit beeindruckendem Fotos zurückgekehrt. Wir haben mit ihm darüber gesprochen, wie es zum Untergang kommen konnte und was er unterwegs erlebt hat.

Vice: Hallo Artjem, hast du in Stepnogorsk freilaufende Hunde gesehen?

Artjem: Ich glaube nicht.

Also muss was an dem Gerücht dran sein, dass die Bewohner die armen Tiere aufgegessen haben?

Keine Ahnung. Die Bewohner sind aber wirklich bitterarm. Sie saufen den ganzen Tag. Sie treffen sich an einem der drei übriggebliebenen Kioske und saufen schon am Morgen.

Übel.

Es ist echt übel. Sie haben kein Geld, keine Hoffnung und keine Zukunft. 90 Prozent der Stadtbewohner sind arbeitslos. Das muss man sich echt vorstellen. Es gibt nur alte Menschen hier und nur sehr wenige Jungendliche. Wobei wenn ich mich recht erinnere, ich habe nur Alte hier gesehen.

Wovon leben denn die Menschen?

Babuschkas haben ihre Rente, die aber so winzig ist, dass man kaum davon leben kann. Nicht mal überleben. Fast alle hier haben ein kleines Grundstück, sogar diejenigen die in den Hochetagenhäusern leben. Also pflanzen sie Obst und Gemüse an. Halten Hühner und Schweine.Wenn es sein muss, dann auch auf dem eigenen Balkon.

Es ist ja wie im Mittelalter. Zurück zur Landwirtschaft.

Genau. Um etwas Geld dazu zu verdienen, gehen die meisten zur Zaporoschje-Landstraße. Sie führt von Senfiropol nach Moskau und wird sehr stark befahren. Dort verkaufen die Alten alles was sie anbauen an die Fernfahrer. Manche Frauen kochen einfache warme Malzeiten; Pirogi, Kartoffeln, Borscht. Sie packen das Essen in Tüten, umwickeln alles mit Zeitungspapier, damit es warm bleibt und stellen sich dann an den Straßenrand. Die Fahrer halten manchmal an und holen sich etwas zu essen.

Was gibt es noch in dieser Stadt?

Es ist post-apokalyptisch. Es gibt hier echt nichts. Ich habe nicht mal ein einziges Auto in der Stadt fahren sehen. Alles ist verlassen. Die Straßen sind leer. Es gibt nur zwei Kioske und ein kleines Geschäft, wo man Brot, Sonnenblumenöl und noch ein paar Kleinigkeiten kaufen kann.

Wie konnte es zu dieser Verwahrlosung kommen? Es war doch eine aufblühende Stadt?

Ich weiß nur, dass die Manganminen Mitte der Neunziger Jahre überflutet wurden. Seitdem steht alles unter Wasser. Die Menschen hatten keine Arbeit mehr. Die meisten sind genau so schnell gegangen, wie sie kamen. Nur wenige sind geblieben.

Ich habe gelesen, dass das Ministerium die Minen im März 1995 überfluten ließ. Angeblich hat die ukrainische Regierung ausgerechnet, dass es mehr Sinn macht, Mangan in Australien einzukaufen, als hierzulande in eine Stadt und in die Mangangewinnung zu investieren.

Echt?

Ja. Zuerst hieß es, dass das ganze neue Projekt unrentabel ist, weil die Kommunalkosten zu hoch sind. Darum beschloss das Ministerium, die gerade in Betrieb genommene Minen zu überfluten. Kein Schwein glaubt aber an diese Märchen. Es ging hier um viel größere Sachen, nämlich um die Mangankonjunktur auf dem großen internationalen Markt. Es hieß, dass durch den Manganabbau in Stepnogorsk Manganpreise neu definiert werden müssen. Wovor große Hauptlieferantenländer wie Japan, Australien und Brasilien ziemlich Schiss hatten, da sie mit erheblichen Einbrüchen ihrer Einnahmen rechneten. Also musste die Regierung in der Ukraine ein Abkommen zur Regelung der Manganpreise und Minenschließung getroffen haben.

Zum anderen fiel die Minenüberflutung mit der großen Wirtschaftskrise und dem industriellen Verfall einher. Viele Werke mussten damals zumachen. Manche für immer.

Das stimmt. Deshalb gibt es hier in der Region viele Geisterstädte, so wie diese. Städte und Menschen, die von der Regierung alleine gelassen wurden und nun dahinvegetieren. Echt traurig. Vor allem wenn man durch verlassene Ortschaften geht und fühlt, dass hier früher Leben war.

So wie im Minenwerk?

Genau. Das war echt strange. Obwohl es dort gar nichts mehr gibt, fühlt man noch die Energie, die dort eines Tages geherrscht hat. Das krasse ist, dass es dort einen Wachmann gibt, der wie in den früheren Zeiten aufpasst.

Die ehemalige Kantine

Wachmann einer verlassenen Stadt?

Ja. Er schaut, dass niemand aufs Gelände kommt und vor allem dass dort keine Alkis und Junkies hausen. Und er passt auf, dass man dort nichts klaut. Obwohl es da auch nichts mehr gibt. Vielleicht alten Schrott oder Ziegelsteine.

Warum soll jemand Schrott oder Ziegelsteine klauen?

Keine Ahnung. Menschen haben hier nichts. Wenn etwas kaputt geht, dann müssen sie es selbst reparieren. Also kann man alles gebrauchen, für den Notfall. Selbst Ziegelsteine.

Wie bitter.

Als wir in der Stadt waren, hat uns eine Frau gefragt was wir hier wollen. Sie meinte es gibt hier nichts zu sehen und nichts zu fotografieren. Und sie hatte Recht. Falls wir etwas Sehenswertes erleben wollen, dann sollen wir in ein benachbartes Dorf fahren. Das haben wir dann auch gemacht.

Was habt ihr dort gesehen?

Im Dorf Vasiljevka steht ein kleines Schloss aus der zweiten Hälfte des XIX Jahrhunderts. Das Popov Schloss ist das einzige seiner Art in der gesamten Region und stellt einen unschätzbaren historischen Wert dar. Früher gehörte es zum früheren südrussischen Imperium. Sein Anblick ist wunderschön und gruselig zugleich. Im Westflügel gibt es ein Museum. Wenn man reingeht, fühlt man den Geist der Vergangenheit. Es ist echt schade, dass das Schloss nur sehr notdürftig renoviert wurde und die Regierung keine Gelder für eine anständige Restaurierung ausgeben möchte. In einem anderen Land wäre das nicht passiert, denke ich. Es wird einfach echt schweinisch mit allem umgegangen.

Mit was noch?

Ich war am Kahovskoe See. Überall liegt Dreck und alte Autoreifen. Noch vor einigen Jahren konnte man hier unbeschwert baden. Damit, so wie mit allem anderen ist hier vorbei.

Fotos: Artjem Nosenko

Tagged:
Vice Blog