Warum 'Loslassen' nach einer Beziehung nicht immer das Beste ist
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Warum 'Loslassen' nach einer Beziehung nicht immer das Beste ist

Experten erklären, was dafür und dagegen spricht, dich an die guten Zeiten mit Verflossenen zu erinnern.
28 November 2016, 2:00pm

Denk mal eine Runde an deinen oder deine Ex. Vielleicht ist es eine ganze Weile her, dass ihr zusammen wart. Vielleicht redet ihr nicht mehr miteinander, habt euch voneinander entfernt. Vielleicht seid ihr auch noch Freunde und trefft euch gelegentlich auf ein Gläschen Wein oder einen Kaffee.

Allgemein sind sich die meisten einig, dass das angeschlagene Herz nach einer Trennung am besten heilt, wenn man "loslassen" kann. Diese Sichtweise wird in Rom-Coms ausgiebig breitgetreten. In solchen Filmen sehen wir drastische Haarschnitte, durchzechte und durchquatschte Nächte mit Freunden, und jede Menge Montagen, in denen Katherine Heigl oder jemand Ähnliches melodramatisch ein halbes Kilo Eiscreme verputzt. Aber das echte Leben ist nicht so einfach gestrickt wie die Rom-Com-Welt.

Da sich Trennungen so furchtbar anfühlen, legt unser Selbsterhaltungstrieb oft nahe, diesen Splitter aus unserem Herzen zu ziehen und jede Spur der Verflossenen auszuradieren. Doch vielleicht können wir lernen, diese Person nach einer Beziehung mit neuen Augen zu sehen und die Gefühle so zu trennen, wie der Psychotherapeut Dr. David Braucher meint. Diese Theorie fing mit einem seiner Patienten an. "Er stellte sich bei jedem seiner Erfolge vor, dass seine Ex stolz auf ihn ist. Dieser Patient hat die Erinnerung an seine Ex sozusagen fast als Schmusedecke benutzt", sagt Braucher und zieht einen Vergleich zu der "Übergangsobjekt"-Theorie des britischen Psychoanalytikers Donald Woods Winnicott.

"Dieser Patient erzählte mir von seiner Ex, doch eigentlich sprach er von etwas, das er selbst erschaffen hatte. Es ging nicht um die Person, wie er sie erlebt hatte, sondern mehr um einen Teil von ihm—genau wie der Trost, den ein Kind aus einem Teddybären zieht, eigentlich von dem Kind selbst kommt."

In einem Blogeintrag auf Psychology Today beschreibt Braucher das als eine Unterscheidung zwischen "erinnerten Gefühlen—dem internen Bild eines Ex-Partners" und "den Gefühlen, die in der tatsächlichen Gegenwart der Person entstanden sind". Diese Unterscheidung bekommen manche Leute tatsächlich ganz gut hin. Nehmen wir an, du hast einen Ex-Partner, der dich zwar hintergangen oder anderweitig verletzt hat, doch du kannst dich noch an guten Sex mit ihm erinnern und fühlst dich bei der Vorstellung angeturnt. So wird dieser Mensch für dich mehr Fantasie und weniger echte Person. Derartige Erinnerungen, die dir ein gutes Gefühl geben, können dir Antrieb und Positivität schenken, statt dich nur runterzuziehen.

"Es kann uns mehr Wertschätzung für unsere eigenen liebevollen Gefühle geben, wenn wir zwischen dem internen Bild eines oder einer Ex und der echten Person unterscheiden", schreibt Braucher. "Zwar mögen wir uns in der Gegenwart der Person durchgehend verletzt oder wütend fühlen, doch innerhalb unserer internen Welt können wir vielleicht auf Liebe und Mitgefühl für diesen Menschen zugreifen."

Vielleicht aber auch nicht—immerhin ist es nur eine Theorie. Die biologische Anthropologin Dr. Helen Fisher ist davon nicht überzeugt. Sie erforscht seit Jahrzehnten, was im menschlichen Körper passiert, wenn wir uns verlieben und dann Zurückweisung erleiden. Ihre Bedenken bezüglich der Theorie rühren aus der Art und Weise, wie das Gehirn Liebe verarbeitet. Fisher hat die Gehirnaktivität von mehr als 70 Personen beobachtet, um das zu ergründen.

"Wir haben 15 Personen, die im Durchschnitt 62 Tage zuvor verlassen worden waren, einem Hirnscan unterzogen, und bei ihnen war vieles im Argen. Wirklich sehr vieles", erklärt sie mir telefonisch aus New York. "Wir haben Hirnaktivität in drei Regionen festgestellt, die im Zusammenhang mit starken Gelüsten und Sucht stehen, und außerdem noch in einer Region, die mit körperlichen Schmerzen und den damit verbundenen negativen Gefühlen zu tun hat.

"Wenn man verliebt ist und zurückgewiesen wird, hängt man immer noch sehr stark an diesem Menschen, sehnt sich nach ihm, kann nicht aufhören an ihn zu denken. Die Stimmung kippt also oft in tiefe Trauer und man empfindet körperliche Schmerzen und den psychischen Stress, den das mit sich bringt." Klingt nicht gerade so, als könnte es guttun, sich an den letzten Kuss zu erinnern, den Duft aus dem Kopfkissen einzuatmen und sich das erste "Ich liebe dich" in Erinnerung zu rufen.

Unser Hirn ist ein derart mächtiges Organ, dass es nicht nur aus emotionalen Wunden körperliche Schmerzen machen kann, sondern gleichzeitig auf Hochtouren arbeitet, um zu analysieren, warum die Beziehung gescheitert ist. "Dann sagen die Leute Dinge wie: 'Ich hätte diese Reise mit ihr machen sollen' oder 'Ich hätte dies und jenes nicht zu ihm sagen sollen'", sagt Fisher. "Man versucht zu verstehen: Was habe ich falsch gemacht? Was hätte ich anders machen können? Was kann ich aus dieser Sache fürs nächste Mal lernen? Das Gehirn befindet sich also in einem ziemlich schlimmen Zustand."

Ana* hat versucht, engen Kontakt mit einem Ex zu halten, und erinnert sich daran, wie schwierig das war. "In meiner Erfahrung kann ich keine Freundschaft mit einem Ex haben, bevor ich ihn nicht überwunden habe und vollständig akzeptiert habe, dass das, was ich mit dieser Person am liebsten hätte, niemals passieren wird. Das ist jetzt aus der Sicht der Zurückgewiesenen mit gebrochenem Herzen, aber ich denke, das kann man auch auf den entgegengesetzten Fall anwenden. Man sollte nicht mit einem Ex befreundet sein, wenn diese Person noch nicht über einen hinweg ist."

Laut der Forschungsarbeit, die Fisher in ihren Büchern zitiert, gibt es allgemein zwei Phasen der Trauer nach einer Beziehung: Widerspruch und Resignation. "Irgendwann sind die Hirnregionen, in denen sich emotionale Bindung abspielt, weniger aktiv, der Schmerz verschwindet langsam. Die Erinnerungen verschwinden allerdings nicht. Und dann findet man irgendwann jemand Neues und fragt sich, warum man überhaupt so an dem vorherigen Partner hing", sagt sie und schmunzelt hörbar.

Es mag Leute geben, die sich mit einem Lächeln an die guten alten Zeiten erinnern und Ex-Partner und –Partnerinnen in abstrakte Konzepte verwandeln können. Doch Andere müssen vermutlich den Ballast der alten Erinnerungen abwerfen, um ihr Leben weiterführen zu können. Beide Ansätze haben mit Fantasie zu tun: Entweder musst du deinen oder deine Ex in ein Symbol verwandeln, das in dir keine schrecklich negativen Emotionen auslöst, oder du musst einen Weg finden, dir die Beziehung endgültig aus dem Kopf zu schlagen.

"Ich kenne Leute, die jahrelang einer alten Beziehung nachtrauern. Sie sprechen vom Ex, hoffen auf eine Wiedervereinigung—und manchmal gehören dazu auch Cyber-Stalking und diverse Versuche, eine neue Verbindung einzugehen", sagt Braucher. "Eine kleine Antwort von einem Ex kann zu wochenlangem Rätseln führen: Was meinte sie, als sie sagte, sie vermisst mich? Heißt das vielleicht, sie will wieder mit mir zusammenkommen?" Letztendlich, so Braucher, können Erinnerung und Fantasie kollidieren "und eine alternative Realität generieren". An unseren Gefühlen für unsere Ex-Partner können wir also ablesen, wie real oder fiktiv diese Person inzwischen für uns ist, und wie gut oder schlecht die Beziehung geendet hat. Du kannst jetzt also aufhören, die ganze Zeit an sie oder ihn zu denken—wenn du magst.