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Kultur

Ich habe die Naked Therapy™ ausprobiert, um meine sexuellen Probleme zu lösen

Die Performance-Künstlerin Leah Schrager hat mir mithilfe ihres Alter Egos Sarah White dabei geholfen, meine sexuellen Sorgen im erregten Zustand anzugehen. Und ja, masturbiert habe ich dabei auch.

von Sean J Patrick Carney
02 August 2016, 10:02am

Titelfoto: Sarah White, Naked Therapist™ | Foto: Francesco Sapienza

"Naked Therapy™ (N.T.) ist ein Erlebnis, das Elemente aus der positiven und personenbezogenen Sprechtherapie, der erfahrungsbezogen Therapie und der kreativen Spieltherapie kombiniert. Dazu kommt noch, dass sich der Kunde und/oder die Therapeutin nackt ausziehen, um mithilfe der Erregung noch ehrlichere und einzigartigere Einblicke erschaffen zu können."
– Sarah White, Naked Therapist™

Ich leide an Depressionen.

Es hat sehr lange gedauert, das einzusehen. Als es in meinem Kopf jedoch endlich klick gemacht hatte, stellte sich ein Gefühl der Demut ein. Das Ganze war aber auch unglaublich wichtig in Bezug darauf, psychische Krankheiten und die Komplexität dieses ganzen Themas zu verstehen. Bevor ich meine Depressionen akzeptieren konnte, hatte ich dieses Leiden immer als eine Art Ausrede abgetan. Ich konnte einfach nicht einsehen, dass man es sich nicht "aussuchen" kann, depressiv zu sein. Henry Rollins hat sich nach Robin Williams Suizid über genau dieses Thema öffentlich ausgelassen (und später dafür entschuldigt). Leider muss ich zugeben, dass ich früher genau so dachte wie Rollins. Was meine Denkweise dann jedoch änderte, waren die ehrlichen und verständlichen Texte des Comedians Rob Delaney über seinen eigenen Kampf mit der oft missverstandenen mentalen Krankheit. Vor allem der hier verlinkte Post hat mich endgültig davon überzeugt, mich nicht mehr wie ein Vollidiot zu verhalten und endlich einen Therapeuten aufzusuchen.

Und so befinde ich mich jetzt schon länger in Therapie. Aufgrund meiner Arbeit muss ich dafür auch nichts bezahlen. Leider haben die meisten Menschen nicht so viel Glück und genau das ist ziemlich scheiße, denn die psychische Gesundheit ist genauso wichtig wie regelmäßige ärztliche Untersuchungen oder der halbjährliche Zahnarztbesuch. Durch die Therapie weiß ich nun, wie ich am besten mit meinen Depressionen umgehe. Vor allem meine Therapeutin aus dem vergangenen Herbst war mir eine unglaubliche Hilfe dabei, mich aus den Fängen einer besonders extremen und dunklen Phase zu befreien. Sie war eine tolle und fördernde Zuhörerin, 100 Prozent sexpositiv und für mich ein Katalysator, wirklich etwas gegen meine psychische Krankheit zu unternehmen.

Inzwischen besuche immer noch regelmäßig einen Therapeuten, obwohl ich mich schon viel besser fühle als vergangenen Herbst. OK, ich verspüre jetzt vielleicht nicht unbedingt das "Verlangen", zu jeder Sitzung zu gehen, aber es ist dennoch nie verkehrt, über meine Gedanken und Gefühle zu reden. Im Grunde kann man eine Therapie mit einem Fitnessstudio gleichsetzen: Klar, vielleicht hat man schon einen gestählten Körper, aber man will ja auch, dass das so bleibt.

Durch eine gute Freundin lernte ich irgendwann die Performance-Künstlerin Leah Schrager kennen. Ihr bekanntestes Projekt ist mit Abstand "Sarah White, the Naked Therapist™". Nachdem ich mich über dieses Projekt informiert hatte, war meine Neugier geweckt. Was mich hier vor allem fasziniert, ist die Art und Weise, wie Schrager die männliche Gier ausnutzt, um Freiwillige zu finden, die die Weiterentwicklung des Projekts finanzieren. Dabei handelt es sich meiner Meinung nach um eine geschickte und auch zurückhaltende Methode, eine interaktive Performance anzugehen, ohne die Involvierten dabei auszunutzen, weil deren Anonymität ja gewahrt bleibt.

Ich finde Sarah White allerdings nicht nur körperlich attraktiv. Nein, auch bei ihrer Motivation hinter dem Projekt beschreibt sie präzise genau die gegensätzlichen Gefühle, die ich verspüre, wenn ich meine Sexualität auf eine verantwortungsvolle und fortschrittliche Art und Weis ausleben will. Mein Facebook-Feed ist voll mit Posts, in denen sich Freundinnen über die alltägliche Belästigung auslassen. Genau das lässt mich bei meinen Interaktionen mit Frauen (vielleicht zu) vorsichtig werden.

Sarahs Kunden sind alle männlich—ein Umstand, den sie auf ihrer Homepage stolz beschreibt. Mit ihrer Herangehensweise konzentriert sie sich auf die Vorteile der Erregung, denn in diesem Zustand heilt man, entdeckt man, lernt man und erkennt man die Dinge, derer man sich eben nur in diesem einzigartigen Geisteszustand bewusst wird. Die FAQ-Sektion von Sarahs Website ist ebenfalls sehr aufschlussreich und beantwortet wohl einige der Fragen, die euch jetzt gerade durch den Kopf schießen.

Ziehst du dich komplett nackt aus?
Ja, wenn der Kunde das wünscht.

Wie explizit wirst du?
Das kommt darauf an, was ich als therapeutisch relevant ansehe.

Kann auch ich mich während meiner Sitzung ausziehen?
Ja.

Darf ich während meiner Sitzung masturbieren?
Ja.

Foto: Francesco Sapienza

Sarah weist darauf hin, dass zwar viele Männer Krisen durchmachen und an psychischen Krankheiten leiden, sich aber nur wenige davon in Therapie begeben. Dieser Umstand liegt nicht nur am gesellschaftlichen Stigma, das der Therapie anhaftet, sondern basiert auch darauf, dass "eine Therapie Männer nicht anspricht". Ich verstehe, was sie damit sagen will. Bevor ich mein Ego hinten angestellt und endlich Hilfe gesucht habe, konnte ich mir nämlich beim besten Willen nicht vorstellen, wie eine Therapie meine Leben verändern sollte.

Ich treffe erneut auf Schrager und erzähle ihr von meinem Interesse an der Naked Therapy™. Und da ermutigt sie mich dazu, doch einen Termin für eine Sitzung auszumachen. Dem komme ich dann auch nach und von da an kommuniziere ich nicht mehr mit Schrager, sondern nur noch mit Sarah White. Die Künstlerin spielt diese Rolle dabei unglaublich überzeugend und ich vergesse schon fast, dass es sich um ein künstlerisches Projekt handelt.

Ich erhalte eine Mail, in der noch mal alle Bedingungen der Sitzung sowie eine Reihe an vorausgehenden Fragen stehen. So muss ich beantworten, warum ich mich für die Naked Therapy™ interessiere und was White während unserer Unterhaltung tragen soll. Die Angst und Nervosität, die sich in mir breitmacht, während ich die zweite Frage beantworte, verwandelt sich in Erregung, als ich den "Senden"-Button drücke. Und so fühle ich mich schon vor Beginn der Sitzung irgendwie rallig. Eigentlich sind jegliche Aufnahmen bei White verboten, aber da ich ihr erzählt habe, dass ich einen Artikel über dieses ganze Thema schreiben will, erlaubt sie mir, im Verlauf unserer Unterhaltung ab und an Screenshots zu machen.

Das wunderschöne Portland

Während ich ein wenig durch meine alte Heimat laufe, begleitet mich ständig eine Mischung aus Angst und Aufregung, denn mein Naked Therapy™-Termin steht am Nachmittag an. Ich bin echt nervös, weil ich mich vor einer mehr oder weniger fremden Frau ausziehen werde. Die Aussicht, dass ich in einem Monolog über meine Probleme halten werden muss, verstärkt diese Nervosität nur noch weiter. Ach ja, ich bin auch noch richtig spitz. Falls du seinen solchen emotionalen Cocktail noch nie selbst erlebt hast, ich kann es nur empfehlen.

Der Beginn der Sitzung

Um 14:00 Uhr logge ich mich bei Skype ein. White ist schon online und fragt mich per Nachricht, ob ich bereit bin. Ich atme tief durch, setze mich hin und antworte: "Klar." Und schon ruft sie mich an. Sie sitzt auf ihrer Couch und ist doch recht schick angezogen. Wir machen erstmal ein wenig höflichen Smalltalk und obwohl ich absolut kein Problem habe, in der Öffentlichkeit vor vielen Leuten zu reden, kommt diese Eigenschaft in Vier-Augen-Gesprächen nicht wirklich rüber. Ich stottere also ein wenig vor mich hin und schließlich schießt es aus mir heraus: "Es tut mir wirklich leid, aber ich bin gerade richtig nervös." White fragt mich, wieso das so sei, und überschlägt dabei lasziv ihre Beine. Allgemein bewegt sie sich immer ganz subtil auf ihrem Sofa hin und her. Es ist offensichtlich, dass sie genau weiß, wie sie ihren Körper einzusetzen hat und wie ich auf die visuellen Reize reagiere. Irgendwie ist das Ganze sehr bizarr, aber auch total erregend.

Mir fällt es schwer, in Worte zu fassen, warum gerade dieser Zustand der Erregung so anders ist als die Erregung durch Pornos oder bei einem Schäferstündchen. White zieht ihr Hemd aus und ich plappere einfach weiter. In nur wenigen Minuten rede ich wahrscheinlich so viel wie sonst in einer halben Therapiesitzung. Ich bin aber eben wie elektrisiert und dazu noch geil. Ganz im Stile eines richtigen Therapeuten lässt mich White eine Zeit lang ohne Unterbrechung reden, damit ich meinen Kopf freikriege, und befragt mich anschließend zu den Dingen, die ich ihr gerade erzählt habe.

Schließlich sprechen wir darüber, dass ich ich fast nur Frauen date, die ich auf OkCupid oder Tinder kennengelernt habe. Der Grund dafür ist folgender: Meiner Meinung nach fühlt es sich komisch oder zu forsch an, eine Frau zum Beispiel in einer Bar direkt anzusprechen und sie auf einen Drink einzuladen. White steht auf und zieht ihren Rock aus. Dabei meint sie, dass auch ich mich ausziehen kann. Und so entledige ich mich ziemlich unbeholfen meines Shirts. Dabei sagt sie mir, dass sie mich nicht als creepy oder aggressiv einschätzt. Außerdem bin ich ihrer Meinung nach in der Lage, direkt zu erkennen, ob mich eine Frau beim ersten Kennenlernen gut findet oder nicht. Zwar sollte mir das alles schon längst klar sein, denn auch meine Freundinnen haben mir so etwas schon öfters gesagt, aber es aus dem Mund einer mir relativ unbekannten Frau zu hören, hat irgendwie mehr Gewicht.

Im Verlauf der einstündigen Sitzung fange ich irgendwann an, meine Zurückhaltung über Bord zu werfen und mich immer wohler zu fühlen. Und obwohl wir über wirklich ernsthafte Dinge reden, die mich beschäftigen, finde ich die ganze Situation doch irgendwie befreiend witzig. Als wir beide komplett nackt sind, scheint es einfach nur noch lächerlich, mich für irgendein bestimmtes Gesprächsthema zu schämen. Anstatt nervös oder ängstlich zu sein, weil ich mich vor einer quasi unbekannten Frau meiner Klamotten entledigt habe, lasse ich mich einfach von meiner Erregung und Unbekümmertheit leiten.

Ich weiß nun, dass meine Körpersprache bei einer normalen Therapie wohl immer etwas distanziert erscheint—verschränkte Arme und Beine oder kein Blickkontakt und so weiter. Durch meine Nacktheit kann ich mich jedoch gehen lassen und durch die Tatsache, dass White ebenfalls nackt ist und ab und an aufreizend umherläuft, fühle ich mich im Moment angekommen. Dazu muss ich natürlich auch akzeptieren, dass sich White nur so verhält, um mich zu erregen.

Zum Ende der Sitzung hin fühle ich mich fantastisch. Über weit verbreitete sexuelle und beziehungstechnische Probleme zu reden, während ein anderer Mensch einen erregt, ergibt für mich viel Sinn. In nur einer einzigen Sitzung kann ich mich so über viele Dingen auslassen, die mir vorher immer zu peinlich waren. Ich werde jedoch auch weiterhin meine normalen Therapiesitzungen wahrnehmen, weil ich weiß, wie viel diese Möglichkeit wert ist. Und vielleicht ist die Naked Therapy™ nicht für jedermann geeignet, aber wenn man mit irgendeinem in diesem Artikel angesprochenen, sexuellen Problem zu kämpfen hat, dann kann ich wirklich nur empfehlen, sich mit Sarah White in Verbindung zu setzen. Sie hat nämlich Recht, Erregung ist ein einzigartiger Zustand. Und ich bin froh, dass sich mir die Möglichkeit geboten hat, diese Erregung auf eine Art und Weise zu nutzen, die sich nicht ausschließlich auf die traditionelle körperliche Intimität bezieht.

Und ja, ich habe auch masturbiert.

Sean Joseph Patrick Carney ist ein Comedian, visueller Künstler, Autor und Dozent aus Brooklyn. Außerdem hat er den Verlag Social Malpractice Publishing gegründet und gehört seit 2012 zu GWC Investigators, also einem Forschungsteam mit Schwerpunkt auf paranormalen Phänomenen.