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Ich tätowiere mich selbst und habe viel über Schmerz und Disziplin gelernt

"Du machst den ersten Stich und denkst dir erstmal nichts als 'Fuck'."

von Felix Hølter
26 Juli 2016, 10:24am

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Feuerzeug, Nähnadel und Tusche. Ich sitze in meinem Zimmer zwischen dreckigen Unterhosen, Büchern und CDs, höre Hardcore Punk und erhitze die Nadel. Ich tunke sie in die Tusche und steche mir in meinen Oberschenkel. Kratze auf der Haut herum, bis irgendwann Blut kommt. Ein etwa zwei Millimeter großer schwarzer Punkt ist jetzt in meiner geröteten Haut. Ich bin stolz: Ich habe mich das erste Mal selbst tätowiert. Meine Brandingversuche sind zuvor gescheitert. Es hat einfach zu sehr geschmerzt.

Damals war ich 16, jetzt bin ich 25 und tätowiere mich und ein paar Freunde seit über einem Jahr selbst. Handpoking heißt die Variante, für die ich mich entschieden habe. Das ist mitunter die älteste Form des Tätowierens, die in vielen Kulturen und Epochen praktiziert wurde. Dabei wird mit einem spitzen Gegenstand, der in Farbe getaucht wurde, die Haut punktiert, bis Muster, Linien und ganze Kunstwerke entstehen. Unter mehr oder weniger hygienischen Bedingungen. Mir jedenfalls war eine richtige Tattoomaschine einfach viel zu teuer und ich bin in bester Gesellschaft: Pharaonen, Maori, Yakuza, Ötzi und Rihanna —alle durch Handpoking tätowiert.

Vor allem in Nordamerika ist Handpoking beliebt. Homepoke heißt der kanadische Tätowierer und Performance-Künstler, der die Leute in Toronto verziert. Sein Stil ist, gelinde gesagt, simpel: Er scheißt auf Konventionen und handwerkliche Präzision in einer Zeit, in der sich Tätowierer gegenseitig mit ihrer Perfektion übertreffen. Seine Arbeit machte es mir einfacher, mein eher geringes Können zu akzeptieren und trotzdem loszulegen.

Du machst den ersten Stich und denkst dir erstmal nichts als 'Fuck'.

Die meisten Tätowierer und Tätowierten werden den Kopf schütteln, wenn ich erzähle, dass ich mir meine Beine auf dem Sofa im Wohnzimmer vollhacke. Aber das ist mir egal, ich habe kein Geld, um mir einen Termin bei irgendjemandem auszumachen. Klar, ich musste erstmal üben. Ich habe tagelang gezeichnet und die ganze Obstschale tätowiert. Bis ich selbst dran war. Dieser Hasengeist aus Unten am Fluss hat es mir schon lange angetan, also wurde er mein erstes Motiv. Ich habe mir online Nadeln und Farbe bestellt, alles mit Frischhaltefolie abgedeckt, die Umgebung und meine Haut einigermaßen desinfiziert, die Vorlage angebracht und losgestochen. Vielleicht ist die Stelle seitlich unter dem Knie für das erste Tattoo ein bisschen zu schmerzhaft gewesen. Aber ich habe in zwei Stunden den Hasen auf die Haut gebracht und dabei viel über Schmerzempfinden und Disziplin gelernt.

Du machst den ersten Stich und denkst dir erstmal nichts als "Fuck". Dann machst du ein paar Stiche mehr, wischst die übrige Farbe weg und merkst langsam, dass du das nicht mehr ungeschehen machen kannst. Dann zweifelst du an der ganzen Sache, während deine Haut langsam rot wird und brennt wie ein richtig übler Sonnenbrand. OK, nochmal ein paar Stiche, das wird ja nicht so lange dauern. Bis du endlich kapierst: Das dauert, aber da musst du durch. Wenn du es angefangen hast, dann musst du es auch fertig machen, sonst sieht es aus, als ob du auf einer frisch geteerten Straße ausgerutscht bist. Du wirst deine Vorlage teilweise wegwischen, hast auch keine Ahnung, wieso manche Tätowierer Vaseline verwenden und hast deine Haut sowieso nicht richtig gespannt. Du stichst zu lasch und ungenau, die Farbe bleibt nicht drin oder du stichst zu tief und Blut läuft dir das Bein runter. Aber du lernst, dass du deinen Schmerz erleben kannst, ohne aufzugeben, bis das Scheißding fertig ist und du mächtig stolz auf dich sein kannst. Insbesondere, weil Selbsttätowieren als etwas gilt, das Leute im Suff machen oder in ihrer Jugend, wenn sie Liebeskummer haben und sich den Namen der oder des Begehrten mit einem Kugelschreiber in den Unterarm stechen.

Ich war schweißgebadet nach den zwei Stunden, aber der Zweifel war weg. Als Kind habe ich schon gelernt, dass man Dinge wieder verwenden kann und eigentlich nichts wegwirft, solange man es noch flicken oder reparieren kann. Später bin ich in die DIY-Kultur des Punk reingerutscht und jetzt habe ich den Do-It-Youself-Gedanken auf meine persönliche Spitze getrieben. Und ich kann es empfehlen. Du sollstest dich aber informieren, damit dir nicht die Beine abgenommen werden müssen, und du musst üben und zeichnen, um nicht in einer Sammlung mit den schlechtesten Tattoos zu landen. Aber letzten Endes stehen dir Tür und Tor offen für alle möglichen Motive und Ideen—solange du irgendwie an die Stelle deines Körpers kommst, die tätowiert werden soll. Ich rate unbeweglichen Menschen davon ab, sich das Schienbein zu schmücken. Oder die Waden. Wirklich. Ich habe es probiert. Und dann bleibt nichts anderes über, als doch wieder Geld für ein ordentliches Cover-up zu sparen.

Mir hat das Selbsttätowieren geholfen, mit Prokrastination und fehlender Disziplin klarzukommen. Wenn du etwas tun willst, musst du es fertig machen, auch wenn es wehtut. Das hat jeder schon durchgemacht, ob in Prüfungszeiten, Beziehungsstress, auf der Arbeit oder schlimmen Situationen, die das Leben immer wieder für dich bereit hält. Wenn ich mich wieder einmal vor etwas drücken will, schau ich mir meine eigenen Tattoos an. Dann kann ich die Zähne zusammenbeißen und weitermachen. Auch wenn die Tattoos oder eben die Prüfungen mal nicht so gut werden, ich kann stolz sein, den Schmerz und den Stress überwunden zu haben.

Mein erstes Tattoo habe ich mittlerweile gecovert. Selbst, natürlich.