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Schluß mit Stierkämpfen

Ich weiß jetzt nicht, wie eifrig ihr die Nachrichten über Stierkämpfe verfolgt (wahrscheinlich sehr ambitioniert), jedenfalls hat die katalonische Regierung am 28. Juli dafür gestimmt, Stierkämpfe ab 2012 zu verbieten...
19.8.10

Ich weiß jetzt nicht, wie eifrig ihr die Nachrichten über Stierkämpfe verfolgt (wahrscheinlich sehr ambitioniert), jedenfalls hat die katalonische Regierung am 28. Juli dafür gestimmt, Stierkämpfe ab 2012 zu verbieten. Die Medien hatten ihre Aufmerksamkeit auf das Wohl der Tiere, das spanische Selbstverständnis sowie die regionale Eigenständigkeit gelenkt. Du weißt schon, die Angelegenheiten, über die sich die Leute gerne aufregen, die aber mehr oder weniger null Auswirkungen auf das eigentliche Leben der Spanier haben.

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Hier im spanischen Büro von Vice wurde eine äußerst wissenschaftliche Handabstimmung durchgeführt. Die Reaktion der Frauen war zwei Mal Naserümpfen, das Marketing sagte "So, wie es die Kunden wünschen…", der Rest meinte ziemlich einhellig: "Ist mir sowas von egal." Der allgemeine Konsens rührte wohl daher, dass keiner von uns vorhatte in näherer Zukunft Lanzen in zwei Tonnen wütendes Rindfleisch zu rammen, wir jedoch kein Problem damit hätten, wenn das jemand anderes tut. (Die Ausnahme hierzu stellt meine Freundin dar, die androhte sich von mir zu trennen, sollten wir diesen Artkel veröffentlichen. Also eine gute Nachricht für dich, Maggie Gyllenhall!)

Was uns interessant erschien ist die Tatsache, dass es in Spanien nun eine ganze Subkultur gibt, die illegalisiert wurde. Es ist nicht so, als wenn sie das Rauchen verboten hätten (das wird nicht geschehen), aber es ist schließlich doch eine seltsame Situation, mit der man sich zurechtfinden muss. Wir haben Kontakt mit Luis Corrales, dem Präsidenten des José Tomas Peña in Barcelona (eine Art Fanclub für blutrünstigen Sport), aufgenommen, damit er seine Sichtweise erläutern kann.

Vice: Gut, das Grundlegende zuerst. Was steht auf dem Plan eines Stierkampf-Peña?

Luis Corrales: Das Peña hat 60 Mitglieder, aber nicht jeder kommt wöchentlich. Manchmal kommen 15, andere Male 20. Manchmal sehen wir uns Stierkämpfe im Fernsehen oder auf Video an. Gelegentlich haben wir Gastredner, etwa einen Schneider oder einen Ganadero [ein Bauer, der Bullen für den Kampf züchtet]. Wir organisieren auch Fahrten um José Tomás in verschiedenen Städten kämpfen zu sehen - aber es gibt keinen festgelegten Plan.

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Also seid ihr Leute wie Fußballfans?

So in etwa. Einmal jährlich sehen wir uns nach einem jungen Stierkämpfer um, den wir dann finanziell unterstützen. Wir machen sechs junge Männer ausfindig und veranstalten ein Becerrada [ein Stierkampf mit Jungbullen]. Der Beste bekommt den Preis.

Erzählen Sie uns von Ihrer Meinung über die Abstimmung.

Es ist ganz klar eine politische Entscheidung, die mit Tierrechten als Vorwand getroffen wurde. Es wurde schon von der CiU [die katalanische Volkspartei] entschieden, bevor die ILP [Volksabstimmung] startete. Das war ein zentraler Baustein ihrer Strategie, Unabhängigkeit zu erlangen. Wenn man die Nachrichten der letzten Wochen verfolgt hat - das Versagen des "el estatut" und den Gewinn der Weltmeisterschaft - war die Unabwendbarkeit dieses Ausgangs klar. Diese beiden Dinge haben die katalanischen Ideale angegriffen. Demzufolge war der Stierkampf auch eine Art, um Madrid zu sagen: "Ob ihr es bemerkt oder nicht, wir sind ein eigenständiges Land, und wir können verbieten, was wir wollen."

Trotzdem, ist das wirklich eine so große Sache? Auf den Kanaren sind Stierkämpfe seit 1991 illegal.

Aber auf den Kanaren sind die Stierkämpfe auf natürliche Weise ausgestorben. Der letzte Stierkampf hat dort tatsächlich schon 1983 stattgefunden! Wir hätten hier mit dem gleichen Vorgang kein Problem. Wenn die Leute nicht mehr hingehen und das Ganze keinen Gewinn mehr bringt, dann sollte man die Kämpfe unter allen Umständen verbieten. Trotzdem eine Bemerkung am Rande, ich habe gehört, dass Hahnenkämpfe auf den Kanaren florieren…

In der Presse gab es dazu einen Haufen alberne Umfragen, doch in einer, die ich letztens gelesen habe, sprachen sich 80% der Spanier gegen Stierkämpfe, aber nur 10% für ein Verbot aus.

Das stimmt wohl, was Katalanien und Spanien im Allgemeinen anbetrifft. So, wie ich es sehe, könnten 80% der Leute nicht einmal sagen, ob es Stierkämpfe gibt oder nicht. Sie werden keinen Pfennig und keine Sekunde daran verschwenden, sich darüber auf die eine oder andere Art Sorgen zu machen. Dann gibt es eine Minderheit, die kräftig gegen Stierkämpfe wirbt und vielleicht 10 oder 15 Prozent der Bevölkerung, die gegen ein Verbot sind. Das Problem ist, dass die Anti-Rinder Gruppe weiß, wie ihre Stimme erhört wird und das tun wir nicht. Für uns ist es keine Ideologie, für die wir kämpfen müssen. Es ist ein Teil unserer Kultur.

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Was werdet ihr also nun tun, wo das Gesetz verabschiedet ist?

Erstmal denke ich, dass das Gesetz keinen Bestand haben wird. Wir haben es bereits angefochten und unternehmen alles Mögliche gegen seine Durchsetzung. Doch sogar, wenn das geschieht, werden wir uns immer noch treffen. Stierkämpfe sind etwa in Frankreich illegal, aber Peñas gibt es immer noch. Sogar in Stockholm gibt es einen Peña.

Denken Sie, dass nach 2012 illegale Kämpfe stattfinden könnten?

Naja, das könnte passieren. Und ich sehe die Verlockung einer möglichen Illegalität. Aber es ist offenkundig kompliziert, da Stierkampf kein Poker ist! Man benötigt einen Ring von 50 oder 60 Metern Durchmesser, Pferde, Zuschauertribünen… Und dann gibt es noch den Stier selber, der nicht gerade unauffällig ist. Vielleicht könnte man sie auf Flugzeugträgern in internationalen Gewässern veranstalten.

Das würde ich gerne sehen. Das ist ist vielleicht eine dumme Frage, aber wetten Leute auf Stierkämpfe?

Nein. Die großen internationalen Wettanbieter bieten Wetten an, doch die sind äußerst unpopulär. Ich erinnere mich, dass es einmal einen Versuch gab einen auf Stierkämpfen basierenden landesweiten Verband aufzubauen, doch den gab es nur sechs Monate. Hier in Spanien wird das nicht als Sport gesehen, wo es einen Gewinner und einen Verlierer gibt. Wenn man Stierkämpfe wirklich liebt, machen einem abgestrennte Ohren nichts aus. Wichtig ist, dass der Pase [die Schritte des Matadors vor der Tötung des Stiers] gut ist.

Ich will nicht frivol sein, aber was genau sind eure Argumente für weiterhin legale Stierkämpfe?

Wir müssen nicht rechtfertigen, dass es Stierkämpfe gibt: Es gibt Veranstalter, die sie ausrichten und Fans, die dafür bezahlen. Es gibt Bauern, die die Stiere züchten und es gibt die Matadore. La Fiesta ist für uns keine Show, sondern ein Weg, die Welt zu verstehen. Die Werte, die sie vermittelt, braucht die Gesellschaft unseres Erachtens - doch wir werden sie niemandem aufzwingen. Wir glauben, dass Wahrheit, Kameradschaft, Solidarität, Moral, Opfer, Schmerz, Professionalität und die Stärke im Angesicht deines Gegners alles Werte sind, welche der Gesellschaft zugute kommen und im Stierkampf gegenwärtig sind.

Und woran müsst ihr noch arbeiten?

Unser größtes Manko haben wir beim Versuch den Leuten genau zu erklären, worum es bei La Fiesta geht. Die Leute sehen nur die Fotos eines Stieres, dem Blut aus dem Maul rinnt. Sie wissen nichts über das Leben des Stiers von der Geburt an, bis er in den Ring kommt. Wir ermüden schon daran, Tierschutz-Aktivisten ins Land zu holen um ihnen die Haltung der Stiere zu zeigen, woraufhin sie mit "Scheiße, ich wusste gar nicht, dass das so läuft." reagieren. Was die Öffentlichkeitsarbeit angeht, stecken wir noch im 19. Jahrhundert fest, und jetzt ist es schon das 21ste. Der Fehler liegt bei den Organisatoren, den Züchtern und auch bei den Fans, die sich einem Wandel widersetzen.

Andererseits denke ich, dass der "Animalismus", den die Aktivisten predigen, eine gewaltige Lüge ist. Sie stecken alle Tiere abhängig davon, ob sie leiden oder nicht, in Schubladen, und das ist denke ich eine Verallgemeinerung, die so künstlich aufgesetzt ist, dass die gesamte Zivilisation verschwinden würde, wenn wir sie als handgemachte Tatsache akzeptieren würden. Gibt es wirklich keinen Unterschied zwischen einer Filzlaus und einem Hund? Meiner Sichtweise nach sind ein Hund oder eine Laus, eine Schlange oder ein Affe oder eine Katze oder ein Stier sehr unterschiedliche Geschöpfe. Kein Stierkämpfer würde einen Hund erstechen. Genausowenig würden sie es versuchen einen Stier zu streicheln. Wir sehen uns selber als Besitzer einer überlegten Sichtweise , was die Ethik gegenüber Tieren angeht. Diese baut auf unserer Beziehung mit dem Tier und dessen Natur auf. Wenn wir über "Freiheit" sprechen, tun wir das, weil wir an wirkliche Freiheit glauben. Wenn ein Tierschutz-Aktivist einen Stier streicheln will, dann soll er das tun. Wir werden ihn nicht daran hindern.