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So fährst du Mercedes, Porsche und Maserati, wenn du jung und pleite bist

"Als ich am Steuer der S-Klasse sitze, hupt mich keiner an. Alle denken, ich kann Auto fahren"

von Sofia Faltenbacher
25 Oktober 2016, 4:00am

Fotos: Grey Hutton

Wenn du Autoverkäufer bist und dich in den letzten Wochen gefragt hast, wer eigentlich diese 20-Jährige war, die ... Es tut mir leid. Du kannst nichts dafür. Du warst ein zufälliges Opfer, dessen Arbeitszeit ich verschwendet habe. Sorry.

Wie weit kann ich mit Bluffen kommen? Das frage ich mich, während ich im Nadelstreifen-Jacket vor dem Porsche-Verkäufer sitze und erkläre, dass ich gerne einen E-Hybrid probefahren möchte. Das superreiche Mädchen in mir würde bestimmt einen Hybrid-Wagen fahren, denn ein Auto ist Selbstdarstellung, und Nachhaltigkeit bekommt auf Instagram sicher viele Likes.

Da ich nicht superreich bin, freue ich mich vor allem, dass das Auto ohne Benzin fährt – ich muss also keinen Sprit zahlen. Benzin ist das Einzige, das man bei einer Probefahrt zahlen muss, ich kenne mich mittlerweile aus. Der Porsche ist Auto Nummer drei. Keine der Firmen wusste, dass ich diesen Text schreibe. Ich wollte wissen, ob es mit bloßer Dreistigkeit klappt. (Spoiler: ja.)

Ich bin 20 Jahre alt und damit zu jung, um ein DriveNow zu fahren. Auch bei Mietautos muss ich hohe Aufpreise für die Versicherung zahlen. Verständlich: Am Ende dieser Geschichte gebe ich zwar selbstbewusst im Maserati Gas, trotzdem bin ich immer noch in der Probezeit. Ich bin jung und gebe selbst zu, dass mein Fahrstil wahrscheinlich eine erhöhte Unfallgefahr mit einschließt.

Aber warum ein Auto mit teurer Versicherung mieten, wenn ich auch kostenlos Porsche fahren kann? Vollkasko versichert. Alles, was ich dafür machen musste, war anzurufen und einen Termin auszumachen. "Ich möchte den Porsche Cayenne E Hybrid probefahren", sagte ich beim Telefongespräch mit dem Verkäufer.

Es ist beängstigend einfach, teure Dinge zu bekommen, wenn man nur selbstbewusst genug danach fragt. Natürlich habe ich kein Geld, um mir Luxuskarossen zu kaufen, und ich habe auch gar kein Interesse daran. Es muss ja nicht jeder Fahrrad fahren, aber in meiner Wunschvorstellung gibt es bald keine Dreckschleudern mehr, sondern solarbetriebene Superschnell-Züge, die Europas Hauptstädte verbinden, und allerhöchstens noch fliegende Elektroautos. Dinge, die sich kluge Menschen, die Fahrzeugsystemtechnik studieren, ausdenken sollen.

(Sollte ich einen Sinneswandel durchlaufen und doch irgendwann eine Porsche-Familienkutsche, ein BMW-Cabrio oder einen Mercedes S-Klasse Limousine fahren wollen, liegt dieser Moment definitiv in so weiter Ferne, dass die Verkäufer, die nach diesem Artikel wahrscheinlich sehr böse auf mich sind, schon in Rente sind.)

Porsche Cayenne: die monströse Familienkutsche

Die Autorin im Porsche. Natürlich angeschnallt, Safety first. Dieses Auto fahren sicher nur verantwortungsbewusste Menschen | Alle Fotos: Grey Hutton

Der Verkäufer übergibt mir den Schlüssel für den metallisch silbernen Porsche Cayenne, E-Hybrid Platinum Edition, Höchstgeschwindigkeit 243 km/h. 38 Kilometer weit kommt er höchstens im Hybrid-Modus, dann springt der Motor an. Es fühlt sich an, als würde der Verkäufer mir einen Koffer mit 90.000 Euro drin in die Hand drücken – so viel kostet das Auto. Er reicht ihn mir im Vertrauen, dass ich das Auto unversehrt wieder zurückbringe.

Ich cruise im Porsche zum Hermannplatz, um eine Freundin abzuholen. Der Wagen ist 1,70 Meter hoch – größer als ich. Als wir am Auto lehnend einen Döner essen, kommen zwei türkische Jungs, vielleicht 12 Jahre alt, und fragen: "Ist das Ihr Porsche?" – "Ja, schon", antworten wir, betont lässig, mit tiefer Stimme.

"Oha, gönnen Sie sich die Männer", sagt der kleine Junge anerkennend.


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In diesem Satz steckt so viel. Auf der einen Seite zeigt es: Wenn du Porsche fährst, beeindruckst du andere. So einfach, so traurig. Auf der anderen Seite ist der Satz des Kleinen der Traum jeder Feministin. Der unbedarfte Junge hat gelernt: Dickes Auto heißt viele Frauen. Jetzt sieht er Frauen mit einem Porsche und schließt daraus: Dicker Porsche heißt viele Männer. Emanzipation ist, wenn es Frauen möglich ist, den gleichen Scheiß zu machen wie Männer und damit Erfolg zu haben. Wir grinsen uns an und beißen zufrieden in den Döner.

Die kleinen Jungs hatten Recht. Als ein Auto uns anhupt, frage ich meine Freundin: "Huch, habe ich jemanden geschnitten oder so?" – "Nein", sagt sie und zeigt auf das Auto neben uns. Dort sitzt ein Typ mit Sonnenbrille und grinst uns breit an.

An den Nägeln hätte man eigentlich erkennen können, dass ich sonst eher nicht im Nadelstreifenjackett herumlaufe

Wir schweben in dem Riesending über die Straßen. Das Auto fährt im Hybrid-Modus quasi lautlos, dafür wummert der Bass, als würde man bei einem Die Antwoord-Konzert direkt vor den Boxen stehen. An einer Ecke sucht ein alter Mann in einem Mülleimer nach Flaschen. "Es ist so absurd, dass manche Leute in unserem Alter wirklich schon in solchen Karren fahren", sagt meine Freundin. "Ich kann mir schon vorstellen, wie man darin zum Arschloch wird."

Kosten für die Fahrt: gar keine.
Dauer: 5 Stunden

Mercedes S-Klasse Limousine: das Auto, in dem man nicht anders kann, als Haftbefehl zu hören

Die S-Klasse Limousine, mein Urteil: ganz nett, bisschen groß und unpraktisch vielleicht

Drei Wochen vorher. Ich betrete das Daimler Autohaus. Eine große, wohlklimatisierte Halle, voller Autos und Schreibtische. Ich weiß nicht mehr, ob Lounge Musik lief, auf jeden Fall hätte das den Gesamteindruck vervollständigt. Über ein Formular auf der Mercedes Homepage hatte ich eine Probefahrt angefragt, mit einem Mitarbeiter hatte ich dann per Mail Tag und Uhrzeit abgesprochen. Zeitaufwand insgesamt: rund sieben Minuten. Um mich der Situation angemessen zu kleiden, habe ich die Perlenkette meiner Mutter angelegt. Sie übergab sie mir einst mit den Worten: "Ich heirate eh nicht mehr". Seitdem liegen die Perlen schwer zwischen Lederbändchen und Fünf-Euro-Ketten. Der Verkäufer trägt – natürlich – Anzug.

Ich versuche, meinen Führerschein so aus dem Geldbeutel zu holen, dass keine zerknüllten Kassenzettel und U-Bahn-Tickets herausfallen. Gesicht wahren. Heute bin ich Perlenketten-Mädchen.

Als ich mit der Limousine über die Straßen gleite, habe ich zuerst noch Angst, angehupt zu werden. So war es, als ich mit Mamas Blechschüssel durch den Berliner Stadtverkehr gegurkt bin. Aber sieh an, keiner hupt. Nur einige Fußgänger lächeln mich mit großen Augen an. Alle denken, ich kann Auto fahren.

Musik voll aufgedreht, keiner hupt mich an. Manko: kein Getränkehalter. Den Wagen kaufe ich nicht

Ich muss an die Geschichte eines Freundes denken, der KFZ-Mechaniker ist. Früher düsten er und seine 16-jährigen Kumpels auf Mofas durch die Stadt. "Keiner ließ uns im Verkehr rein", sagt er. Keinen, außer einen. Der hatte sich statt eines Mofas eine fette Cross-Maschine gekauft und sie gedrosselt. Obwohl er mit seinem schweren Gefährt auf gerader Strecke sogar langsamer war als die anderen, kam er im Stadtverkehr als einziger immer durch. So wie mich die Leute heute nicht anhupen, sondern anmachen. In meiner S-Klasse bin ich Alphatier.

Über 70.000 Euro kostet der Wagen. Sollte ich die S-Klasse heute zu Schrott fahren und auch noch schuld daran sein, müsste ich 1000 Euro zahlen, so hoch ist der Eigenanteil, steht im Probefahrt-Vertrag. Im Vergleich zu den Kosten, die entstehen, wenn man in einem Mietauto einen Unfall baut und die Versicherung nicht dazugebucht hat, scheint das human.

Ich lasse es trotzdem. Das einzige, was ich aber an diesem Tag mit dem Auto anstelle, ist mit unserer Praktikantin zum Drive-In von Burger King zu fahren und mit schön fettigen Händen weiterzulenken.

Kosten der Spritztour: Tanken für 6,84 Euro
Dauer: 7 Stunden

BMW Cabrio M4: Käufer kauften auch Veilchen-Raumduftspray und Hugo

Bei BMW dauert es ein bisschen, bis ich lässig mit dem Autoschlüssel hantieren kann. Dafür habe ich den Wagen dann gleich ein ganzes Wochenende. Erst kam keine Reaktion auf meine Anfrage über die BMW-Homepage. Dann rief ich einfach an und fragte nach, warum sich noch kein Mitarbeiter wegen der Probefahrt bei mir gemeldet habe. Siehe da: Am Freitagnachmittag derselben Woche konnte ich mir den Wagen abholen, "auch gerne zwei Tage". Dito.

Der Verkäufer bot mir ein Glas Wasser an. Erst wollte ich das leere Glas zurück auf die Spüle stellen, dann fiel mir ein: Perlenkettenmädchen sind Service gewöhnt, ich lasse es stehen.

Meine Probefahrten fanden über ein paar Wochen verteilt statt, als ich den BMW fuhr, war es noch Spätsommer. Wie es sich mit Cabrio gehört, fuhren wir das Auto zum See aus, an beiden Tagen. Als ich am Samstagabend mein Handy wieder anmache, sehe ich drei verpasste Anrufe des Autohändlers, und eine SMS: "Bitte dringend um Rückruf, wir schließen gleich." Ups, die Öffnungszeiten hatte ich ganz vergessen.

Wir essen gemütlich zu Ende, tanken für fünf Euro und fahren zum Autohaus. Die Rich-Girl-Attitüde habe ich schon voll aufgenommen.

Mit fünf Stunden Verspätung bringe ich den Wagen zurück, die freundlichen Wachmänner sind ja da. Letzte Zieleingabe im Navi: Liepnitzsee. Die einzige Frage, die sie mir stellen: "Soll ich Ihnen ein Taxi nach Hause rufen?"

Kosten der Fahrt: 5 Euro Sprit
Dauer: 2 Tage

Maserati GranTurismo: "Sonst fahren diesen Wagen eher 40-Jährige Männer"

Meine Rich-Bitch-Pose wird immer besser. Doch trotz Styling-Anpassung endet mein Experiment hier: auf dem Parkplatz hinter dem Maserati Show Room

Als der Maserati-Verkäufer meinen Führerschein ansieht, kommt der erste Rückschlag. "Es tut mir leid, aber sie sind ja unter 25 – wir können Sie leider aus versicherungstechnischen Gründen nicht Probe fahren lassen."

Bei Tesla habe ich es erst gar nicht versucht, weil genau das schon auf der Website stand: Probefahrten erst ab 25. Aber nachdem ich den Porsche einfach so bekommen hatte, war ich selbstbewusst genug, um mal bei Maserati nachzufragen. Selbes Schema: Absprache per Telefon, dann der Termin. Heute führt das nicht zum Ziel. "Mist", denke ich und sage: "Das Problem kenne ich, sehr nervig, wenn man 20 ist und gerne Auto fährt." Der Verkäufer stimmt mir zu, aber sagt auch, dieses Problem habe er noch nie erlebt. Normal würden den Wagen 40-jährige Männer kaufen.

Auf dem Parkplatz dürfe ich aber kurz einen GranTurismo aus der Garage testen, sagt der Verkäufer, aber nur, wenn er mit im Wagen sitze. OK, Experiment Ende. Hier geht es nicht mehr weiter. Außerdem: In der Garage steht nur ein schwarzer Wagen, ich wollte doch den blauen! Trotzdem möchten wir Beweisfotos. So sitze ich mit dem Maserati-Verkäufer (hinten im Wagen) und unserem Fotografen (offiziell mein Freund, auf dem Beifahrersitz) im Maserati. "Lass uns ein Bild für deinen Vater machen", sagt unser Fotograf und holt seine riesige Spiegelreflexkamera heraus. Mein Vater soll offiziell zahlen.

"Was machen Sie eigentlich beruflich?", fragt der Verkäufer. "Ich schreibe Texte", sage ich und muss mir das Lachen verkneifen. Dann gebe ich einmal Gas – ich habe dem Verkäufer schließlich zuvor fünf Minuten lang erzählt, wie geil ich das Geräusch beim Beschleunigen finde, um wie eine authentische Kaufanwärterin zu wirken. Unser Fotograf stirbt zehn Tode. Er sieht schon, wie wir unseren Chefs erklären müssen, dass wir während unserer Arbeitszeit einen Maserati zu Schrott gefahren haben. Ich finde, ich fahre super.

Kosten für die (kurze Parkplatz-) Fahrt: keine
Dauer: 10 Minuten

Fazit

Es ist seltsam und lustig zu sehen, wie leicht sich Menschen davon beeindrucken lassen, wenn du ein dickes Auto fährst. Es ist scheiße zu wissen, dass das Bedürfnis vieler Menschen nach dicken Autos den Weg zu umweltfreundlichen Alternativen zurückhält. Und: Die Rolle des reichen, verwöhnten Mädchens ist amüsant für ein paar Stunden – müsste ich das länger durchziehen, würde mir die Aufgeblasenheit ziemlich auf die Nerven gehen.

Was ich von der Person, die ich vor Autoverkäufern in Anzügen verkörperte, aber mitgenommen habe: Wenn du etwas willst und mit Selbstverständlichkeit forderst, kriegst du es auch. Vom Probierlöffel in der Eisdiele bis hin zur Fahrt mit dem Porsche.

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Vielen Dank für die Fotos an Grey Hutton, er musste hierfür einiges mitmachen.
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