Hinter den Kulissen eines queer-freundlichen Live-Pornodrehs

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Hinter den Kulissen eines queer-freundlichen Live-Pornodrehs

Wir haben uns mit mehreren Teilnehmern der sogenannten „Money Shot"-Veranstaltung unterhalten, um herauszufinden, warum sie bei dem ganzen Treiben überhaupt mitmachen.
Manisha Krishnan
Toronto, CA
12.1.16

Abgesehen von den wenigen Malen, als ich in der Öffentlichkeit Sex hatte (einmal in einem Hotelzimmer im Beisein von vielen Freunden und Fremden sowie später noch mal während eines Reggae-Festivals), habe ich mich eigentlich noch nie wirklich als Exhibitionistin angesehen.

Was Pornos angeht: Solche Filmchen habe ich das letzte Mal mit 12 Jahren wirklich ausgiebig angeschaut, als ich noch die versteckte Fernsehkanäle freischalten musste, während meine Eltern schliefen. Im Laufe der darauffolgenden Jahre habe ich hier und da natürlich immer mal wieder einen kleinen Fetzen gesehen, aber mein Interesse wurde dadurch nicht wirklich wieder geweckt. Das lag wohl auch daran, dass dieses Genre nicht gerade auf Frauen zugeschnitten ist und ich ehrlich gesagt auch keine Lust darauf hatte, nach frauenfreundlicheren Alternativen zu suchen. Dementsprechend muss ich hier wohl kaum erwähnen, dass ich absolut keine Erwartungen hatte, bevor ich einem Live-Pornodreh in der Oasis Aqualounge—einem Sexclub in Toronto—beiwohnte. Neugierig bin ich dennoch allemal.

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Die monatlich stattfindende Veranstaltung mit dem Namen „Money Shot" bietet Erotik-Fotografen, Pornografen, Models sowie Darstellern die Möglichkeit, ihr Ding in mehreren im Club aufgebauten Szenerien durchzuziehen. Die Örtlichkeiten selbst sind ein restauriertes Anwesen aus dem 19. Jahrhundert inklusive beheiztem Pool, Innenhof, zwei Bars, einer Tanzfläche, mehreren hübsch hergerichteten Spielbereichen und einem privaten Schlafzimmer, das sich über vier Stockwerke erstreckt.

Im Grunde sieht der Deal folgendermaßen aus: Die Leute aus der Industrie dürfen umsonst drehen, während die anwesenden Gäste dabei zusehen (Männer und Pärchen zahlen 35 US-Dollar Eintritt, Frauen, die alleine kommen, können einfach so rein).

„Ich habe Freunde, die in verschiedenen Bereichen der Sexindustrie tätig sind, und ich dachte mir, dass es eine ganz gute Idee wäre, wenn ich sie alle unter einem Dach zusammenbringe, um eine gemeinsame sexuelle Energie zu erzeugen", erzählt mir Fatima Mechtab, die Eventmanagerin und Marketingdirektorin des Clubs.

„Wo sonst kann man nackt sein, sich betrinken, tanzen und Sex haben?", fügt Jana Rodriguez, die Besitzerin der Oasis Aqualounge, hinzu. Die entspannte 51-Jährige zieht den Hardcore-Veranstaltungen jedoch eher die südamerikanischen Musikabende des Etablissements vor.

Bevor man das Oasis betreten darf, muss man eine Mitgliedschaft beantragen und einer beeindruckend langen Liste an spezifischen Regeln zustimmen, die sich vor allem auf Einwilligung und Privatsphäre beziehen.

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Im Club fällt mir sofort ein DJ-Pult auf, das vor einem Fernseher aufgebaut wurde, der weihnachtliche Pornos zeigt—unter anderem mit Ron Jeremy, der als Weihnachtsmann verkleidet viel zu hübsche Frauen bumst. Ich bin mir sicher, dass die heute stattfindende Live-Action doch etwas sinnlicher sein wird.

Dann treffe ich auf Billy Autumn, einen 20 Jahre alten, stark gepiercten und queeren Schauspieler mit verschwimmenden Geschlechtsidentitäten. Die obere Hälfte von Autumns Kopf ist rasiert und mündet in eine kurze, pinke Mähne. Autumn muss sich beim Laufen außerdem auf einen schwarzen Gehstock verlassen—Ärzte vermuten, dass daran das Ehlers-Danlos-Syndrom schuld ist, also ein genetisches Leiden, das das Bindegewebe zerstört.

„Ich habe schon mein ganzes Leben lang Schmerzen, aber in letzter Zeit ist es viel schlimmer geworden", erzählt Autumn.

In dieser Nacht stehen jedoch eher Vorfreude und Aufregung auf dem Programm, denn es findet auch die DVD-Release-Party für die Sub-Dom-Aufnahmen statt, die Autumn über einen Zeitraum von einem Jahr hinweg mit den Darstellerinnen Sophie Rose und Mara Dyne gedreht hat.

Die Entscheidung, sich im Porno-Geschäft zu versuchen, entsprang bei Autumn dem Wunsch, im Escort-Bereich bekannter zu werden—und weil es Spaß macht. Laut Autumn sollen die Zuschauer bei dem Ganzen auch etwas lernen.

„Die Leute sehen dann endlich mal, wie die Filme, zu denen sie sich einen runterholen, gemacht werden. Das ist für viele ein augenöffnendes Erlebnis. Mir wurde schon oft gesagt, wie überraschend langsam und akribisch das Ganze abläuft."

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Langsam und akribisch sind die perfekten Adjektive.

Motherboard: Der erste Drohnen-Porno der Welt ist ein unbemanntes Meisterwerk (NSFW)

Autumn, Rose und Dyne—die übrigens an Fibromyalgie leidet—kommen im lila ausgekleideten Ballsaal des Clubs zusammen, um auf der Bühne mehrere Szenen zu drehen. Dabei werden sie von gut einem Dutzend Zuschauer auf lederbezogenen Sitzgelegenheiten beobachtet. Deren Gesichtsausdrücke sind kaum zu deuten. Die Protagonisten besorgen es sich abwechselnd selbst und nehmen dabei unterschiedlich große Dildos in allen möglichen Farben zu Hilfe, die sie auf verschiedenen Körperteilen platzieren und in den Mund nehmen. Nach einer Weile kommt dann noch eine weitere Person hinzu, um mitzuspielen. Während des ganzen Akts gibt es eine Menge theatralisches Gestöhne und quasi keine Dialoge.

Zwar sind die Geschehnisse für mich schon eine neue und interessante Erfahrung, aber ich kann jetzt auch nicht behaupten, dass mich die Live-Action wirklich erregt.

„Hier ist nicht viel los", meint ein Mann mittleren Alters zu mir, der zusammen mit seiner Partnerin aus Neugierde in den Club gekommen ist. „Es sollte mehr Möglichkeiten für privaten Spaß geben … Das ist doch alles nur Brimborium", fügt er hinzu und deutet dabei diskret auf einige der Typen, die nur mit einem Handtuch bekleidet herumstehen.

Laut Rose—die in einer christlichen Kleinstadt in der kanadischen Provinz Ontario aufgewachsen ist und jetzt primär im Escort-Bereich arbeitet—denken ihre Fans da anders. Sie erzählt mir zum Beispiel davon, wie sie auch E-Mails von Pärchen bekommt, die durch das Anschauen ihrer Werke ihr Sexleben wieder auf Vordermann gebracht haben.

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„Ich drehe gerne Zeug, das leicht zugänglich ist. Das ist jetzt kein Hexenwerk", meint sie.

Roses Haare sind blond und pink gefärbt und ihr üppiger Körper ist mit verschiedensten Tattoos verziert. In ihrer Jugend hat sie sich für ihr Aussehen laut eigener Aussage noch geschämt, aber als sie dann anfing, als Porno-Darstellerin und Model zu arbeiten, schoss ihr Selbstbewusstsein durch die Decke und sie liebte die neue Art, sich auszudrücken.

Im oberen Stockwerk treffe ich dann auf die 20-jährige Heather und den 38 Jahre alten Malcolm Lovejoy. Die beiden waren früher mal zusammen, sind jetzt aber nur noch Freunde, die zusammen Soft-Pornos drehen. Ihr Dasein als Schwarze in einer „kalkweißen Gegend" ist auch Teil ihrer Motivation für ihr Hobby.

„Schwarze Sexualität ist jetzt so lange als diese gefürchtete, monströse Sache angesehen worden, die man entweder unter Kontrolle bringen oder ganz verdrängen muss. Weiße Sexualität sah sich mit diesen Hindernissen nie konfrontiert", erklärt Heather, die sich selbst als „Anfängerin" beschreibt.

„Meiner Meinung nach ist es schon sinnvoll, hier etwas zu drehen, das nicht komplett weiß ist."

Lovejoy, der sich vor allem von Malcolm X inspirieren lässt, ist schon seit Jahren in der Porno-Branche tätig. Der Begriff findet bei ihm jedoch nicht gerade viel Anklang.

„Für mich ist das Ganze sexueller Ausdruck, die Verehrung der Göttinnen sowie sexuelle Aufklärung. Es gibt dabei einfach noch so viele andere Aspekte."

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Bei unserem Gespräch wird schnell klar, dass Lovejoy ein Feminist ist, denn er bezeichnet Frauen als „Göttinnen" und befriedigt sie liebend gerne oral. Genau das kann ich dann später auch noch intensiv beobachten, als er sich wieder Heather widmet. „Wie bist du darin nur so gut geworden?", fragt sie ihn ganz außer Atem, als die beiden fertig sind.

Lovejoy ist sich auch voll und ganz im Klaren darüber, was er macht und was nicht.

„Egal ob nun vor der Kamera oder privat, ich habe einer Frau noch nie ins Gesicht gespritzt", meint er zu mir. „Außerdem mache ich nichts, was in irgendeiner Weise Pisse, Scheiße oder Blut beinhaltet."

Trotz der ethnischen Barrieren, mit denen er sich in der Porno-Welt konfrontiert sieht, und der Tatsache, dass er von seiner Arbeit nicht wirklich leben kann (im Dezember konnte er damit zum ersten Mal alle seine Rechnungen bezahlen), erzählt mir Lovejoy, dass er „seinen Traum lebt."

Genauso wie der Darsteller kommen auch die Money-Shot-Zuschauer aus allen möglichen Altersklassen und Gesellschaftsschichten. Da haben wir zum Beispiel den dickbäuchigen Nudisten mittleren Alters mit Stoffmanschette um den Penis; Pearl, eine Sexualkundelehrerin im aufreizenden Weihnachtsmannkostüm, die die anderen Gäste auf ihrem Schoß sitzen und sich dabei unanständige Sachen erzählen lässt; oder Danielle Thompson, eine bildhübsche 21-Jährige, die laut eigener Aussage vor einem Monat eine Erleuchtung hatte und jetzt Geld mit ihrem Körper verdienen will. Sie war schon vier Mal im Oasis anwesend und hat dabei vor allem die Strip-Stange bearbeitet und an ihrer ersten Orgie teilgenommen.

„Ich bin nicht dazu bestimmt, hinter einem Schreibtisch zu sitzen und irgendwelche Sachen abzutippen. Ich muss machen, was das hier eben ist: Gymnastik und Strippen", erklärt sie mir und verdreht dabei ihre Arme hinter ihrem Rücken, um ihre Aussage nochmals zu unterstreichen.

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Der 61-jährige Stammgast Aziz Patrus kommt viermal die Woche ins Oasis und bringt manchmal sogar Essen für die Angestellten mit. Er meint, dass der Club ihm dabei geholfen hat, seine schweren Depressionen nach dem Selbstmord seines Bruders zu überwinden.

„Ich habe alle möglichen Wege ausprobiert, diese Sache zu vergessen. Ich bin viel gereist, was aber nichts gebracht hat", erzählt er mir. „Seitdem ich jedoch hierher komme, ist mein Leben ganz anders. Für mich ist das hier wie eine Rückkehr zu unseren natürlichen Wurzeln. Sex ist hier kein Tabuthema und es ist OK, wenn sich die Leute damit wohl fühlen."

Chris, ein 23 Jahre alter Biologie-Student, den ich ebenfalls im Club kennenlerne, erzählt mir, wie er sich nicht sicher war, ob er mit öffentlichem Sex wirklich klarkommt, aber seine Freundin, das 30-jährige Nacktmodel Jane, hat ihn dann dazu überredet.

„Beim ersten Mal habe ich mir gedacht: ‚Wenn ich das Ganze schon mache, dann aber zumindest auch mit einer heißen Blondine und mit einem lauten Knall.' Ich glaube, ich habe einen ganz guten ersten Eindruck hinterlassen", meint er.

Die beiden ficken ein paar Mal miteinander und lassen uns dabei einige Fotos schießen. Die Absätze von Janes Stöckelschuhen sind in Richtung Zimmerdecke gerichtet und Chris gibt ihr ab und an ein paar spielerische Klapse.

Jane ist jetzt schon seit 12 Jahren in der Industrie tätig und sie ist der Meinung, dass es einen Riesenunterschied macht, ob man mit einem festen Partner oder nur mit einem Kollegen zusammenarbeitet.

„Natürlich ist das schon ein angenehmes Gefühl, wenn man weiß, was die andere Person gut findet und was nicht. Da muss man dann auch nichts vortäuschen."

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Chris meint, dass er nichts bereut. Er gibt dann aber auch noch scherzend zu, dass er sich bei den Zuschauern vielleicht doch etwas mehr Abwechslung gewünscht hätte.

„Es hat den Anschein, als ob hier viele Typen alleine da sind."

Am Anfang des Artikels habe ich noch davon geschrieben, wie ich die ganze Veranstaltung ohne jegliche Erwartungen angegangen bin. Ich muss allerdings zugeben, dass mich die schiere Vielfalt der Darsteller, Mitarbeiter und Zuschauer dann doch etwas überrascht hat. Es gibt wirklich kaum eine Bevölkerungsgruppe, die hier nicht vertreten ist. Meiner Meinung nach könnten die Sex-Shows noch ein wenig besser sein, aber wenn du dich nicht nur nach einem bloßen Orgasmus, sondern auch noch nach Akzeptanz sehnst, dann könnte die Oasis Aqualounge genau das Richtige für dich sein.