Ich habe Hunderte Menschen davon abgehalten, von der Golden Gate Bridge zu springen
Foto: Marko Knezevic für VICE
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Ich habe Hunderte Menschen davon abgehalten, von der Golden Gate Bridge zu springen

"Als ich erfuhr, dass die Brücke Teil meines Reviers war, war ich wütend. Ich war dafür nicht ausgebildet." Ex-Polizist Kevin Briggs erzählt von seinem Alltag mit Suizidgefährdeten.
17.11.16

Zwischen 1990 und 2013 hat Kevin Briggs für die California Highway Patrol, die Autobahnpolizei, gearbeitet. Zu seinem Revier gehörte auch die Golden Gate Bridge. Diese Brücke ist bekannt für ihren majestätischen Ausblick, einen der schönsten der Welt, aber sie hat auch eine dunkle Seite: Kein anderer Ort in den USA zieht Selbstmordgefährdete so an. Kevin erzählt uns, wie das für ihn war.

Nachdem ich kurze Zeit in der Army war, bin ich am 5. Dezember 1983 in die San Francisco Bay Area gekommen. Ich erinnere mich noch so genau, weil das mein Geburtstag ist. 1987 habe ich beim Department of Corrections angefangen, der US-Gefängnisbehörde, und 1990 kam ich dann zur California Highway Patrol.

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Ich arbeitete damals im Marin County, einem ziemlich großen Revier, das auf der Nordseite der Bucht von San Francisco beginnt und dann bei der Golden Gate Bridge in das County of San Francisco übergeht. Wir im Marin County waren für die Brücke zuständig. Ich fing also an, dort zu arbeiten, und es gefiel mir, aber ich wusste nicht, dass es auch diese dunkle Seite gibt. Darüber sprachen die Leute nicht wirklich viel. Vier bis sechs Mal im Monat wurden wir angerufen, dass sich auf der Brücke jemand das Leben nehmen will—auf der Brücke, die der Chefingenieur der Golden Gate Bridge, Joseph Strauss, als "suizidsicher" bezeichnete.

"Ein Suizid auf dieser Brücke ist weder machbar noch wahrscheinlich", sagte Strauss damals. Wie die Bridge Rail Foundation, eine Organisation, die sich dafür einsetzt, die Selbstmorde auf der Brücke zu beenden, meint, sind seit der Eröffnung 1937 fast 1.600 Menschen von der Brücke in den Tod gesprungen.

Als ich erfuhr, dass die Brücke Teil meines Reviers war, war ich wütend. Ich war dafür nicht ausgebildet. Damit hat man den Menschen, die über das Geländer kletterten, und auch mir keinen guten Dienst erwiesen. Seitdem hat sich viel getan: Mittlerweile kümmern sich ehemalige Offiziere und Psychologen um diese Anrufe.

Das erste Mal wurde ich wegen einer Frau, die ziemlich verzweifelt und eventuell auch obdachlos war, zur Brücke gerufen. Wie die meisten, die sich dazu entschließen, über das Geländer zu klettern, war ihr Leben ziemlich hart. Typischerweise machten sie schon seit mehreren Jahren eine schwere Zeit durch. Die meisten waren psychisch krank, oft depressiv. Ich wusste nicht, wie ich mich ihr nähern sollte und hatte Schwierigkeiten, die richtigen Worte zu finden. Es fiel mir extrem schwer, doch am Ende kam sie zu mir zurück. Um ehrlich zu sein, glaube ich, dass sie eher Mitleid mit mir hatte, weil ich so fertig war.

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Als Polizist lernt man, einer Situation Herr zu werden. Man fährt dorthin, regelt es und macht weiter. Aber bei psychisch Kranken oder wenn du verhandeln musst, musst du ruhiger vorgehen. Du musst dir Zeit nehmen und zu ihnen eine Beziehung aufbauen. Ich bin also irgendwann auf diese Menschen zugegangen, habe aber immer noch ein bisschen Abstand gewahrt und sie dann gefragt, ob ich mich ihnen nähern darf. "Darf ich kurz mit dir reden?" Dass ein Polizist um Erlaubnis gebeten hat, hat sie immer überrascht, und das war ein guter Anfang—meistens sind die Menschen es ja gewohnt, dass Polizisten Befehle erteilen. Wenn ich näher kommen durfte, versuchte ich irgendwie, mich kleiner zu machen. Es war immer von Vorteil, wenn sie auf mich herabblicken konnten. Also habe ich mich hingekniet, sodass sie mich durch das Geländer sehen konnten.

Manche Autofahrer rufen auch "Spring! Spring, Mann! Das wird ein super Foto!"

Bei diesem Job muss man aktiv zuhören und eine offene Körpersprache haben, also nicht die Hände oder Arme verschränken. Man stellt keine Warum-Fragen, weil ihre Antworten immer zu Selbstbeschuldigungen führen könnten. Wichtig ist, nicht zu urteilen. Sie müssen ihre Geschichte erzählen können, so lange wie sie weiter reden wollen. Man selbst spricht nur, um ihnen zu zeigen, dass man ihnen zuhört—nicht um sie zu unterbrechen. Man muss sehr aufmerksam zuhören, das ist viel Arbeit und am Ende bist du ziemlich müde.

Normalerweise haben wir nicht über oder durch das Geländer gegriffen, um die Leute vom Springen abzuhalten. Mit einigen habe ich gerangelt, als sie versuchten, über das Geländer zu klettern, aber sobald sie drüber sind, greift man nicht zu. Wenn man versucht, jemanden zu packen, dann versucht derjenige instinktiv zu springen. Und so will ich diese Menschen nicht verlieren. Vor allem aber versucht man nicht, sie zurückzuziehen, weil sie sich viel stärker fühlen, wenn sie von allein wieder zurückklettern, denn dafür brauchst du enorm viel Mut.

Manche Autofahrer rufen auch "Spring! Spring, Mann! Das wird ein super Foto!" Oder irgendeinen anderen Quatsch. Stockender Verkehr, die Leute gaffen, sie sind auf dem Weg nach Hause und schon ein bisschen spät dran, also lassen sie das Fenster runter und brüllen so etwas. Diese ganze Beziehung, die man versucht hat aufzubauen, ist komplett dahin, weil derjenige am Geländer dann meint: "Siehst du, interessiert eh keinen!" Das wirft einen absolut zurück.

Zwei Menschen, mit denen ich direkt gesprochen habe, habe ich verloren. Mit einem verbrachte ich nur wenig Zeit. Er war ein echt netter Kerl, wollte mir nicht sagen, wie er heißt oder wie er in diese Situation gekommen ist. Er wollte mir seine Geschichte nicht erzählen. Aber irgendwas lief in seinem Leben schief und irgendwann drehte er sich einfach um, schüttelte mir die Hand und sagte zu mir: "Kevin, ich muss gehen. Meine Großmutter ist da unten." Seine Großmutter war verstorben. Er dankte mir und sprang. Ich konnte nichts tun.

Wenn man jemanden verliert, geht das einem natürlich nahe. Früher sind wir damit auf die altmodische Art umgegangen: ausgehen, etwas trinken, die Klappe halten, zurückkommen und seine Arbeit erledigen. Aber das wird mittlerweile besser. Wir können uns kostenlos beraten lassen und vertraulich darüber reden. Und wenn man mit einem Springer redet, befasst man sich danach nicht mehr mit dem Fall, das übernimmt ein anderer Officer. Der geht dann zur Küstenwache, schaut sich die Leiche an, redet mit Zeugen und macht einen Bericht. Das ist gut so. Ich möchte nicht da runtergehen und das sehen müssen, was ich als mein persönliches Versagen betrachte.

Solltest du oder jemand, den du kennst, Hilfe brauchen: Es gibt kostenlose Hilfsangebote der TelefonSeelsorge unter 142.