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Reisen

Die brutale Welt des west-neuguineischen Fußballs

Wo Kinderprostituierte Klebstoff schnüffeln und alle die Regierung hassen.

Durch den Regen schaue ich hinüber zu den Jungs, die über eine Werbetafel ins Stadion klettern. Zuvor hatten sie sie abgebrochen und jetzt helfen sie sich gegenseitig dabei, über die Absperrung ins Stadion zu steigen. „Äh, wo muss ich denn hier bezahlen, um rein zu kommen?“ Ich fühle mich wie ein spießiger Vater, der ganz unschuldig und nichts ahnend auf einer Party auftaucht und seine Tochter abholt, nur um hinter Graswolken einen riesigen Gangbang zu erblicken. Willkommen in der wunderbaren Welt des west-neuguineischen Fußballs.

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Wir sind im westlichen Teil der Insel Neuguinea. Hier fühlt es sich an, als sei man nicht nur am anderen Ende der Welt, sondern auch am Ende der Welt. Würde man noch weiter ins Unbekannte gehen, würde man diesen Planeten verlassen. Häufig assoziiert man es mit Kannibalismus, Paradiesvögeln, Penisköchern oder Krokodilen. Aber nicht mit dem Nachbarn im Osten, Papua-Neuguinea, durcheinanderbringen. Offiziell gehört West-Neuguinea seit dem „Act of Free Choice“ von 1969, einem absoluten PR-Desaster, zu Indonesien. Der Name hört sich vielleicht schön an, aber in Wirklichkeit handelte es sich viel eher um eine Pseudo-Demokratie. Über 1000 West-Neuguineer wurden unter dem Diktator Suharto dazu gezwungen, bei der Wahl für eine Angliederung an Indonesien zu stimmen. Seitdem wurde eine ganze Generation einheimischer Papuas unterdrückt. Neuguinea zeichnete sich bis zu diesem Zeitpunkt durch seine vielfältigen und exotischen Kulturen aus.

Aber in der glitzernden Welt der indonesischen Super League ist der west-neuguineische Fußball ein Dorn im Auge der Regierung. Die beiden Teams aus West-Neuguinea, Persipura und Persiwa, belegten in der abgelaufenen Saison Platz 2 und 3. Dadurch, dass vor und hinter ihnen verhältnismäßig reiche Teams liegen, die viel beeindruckendere Stadien haben und deren uniformierte Fans auch in europäischen Ligen nicht auffallen würden, wird ihr Erfolg zum Symbol des Widerstands. Auf dem Fußballfeld bekommt West-Neuginea die Möglichkeit, sein Können unter Beweis zu stellen. Der Fußball steht symbolisch dafür, dass ein ressourcenreiches Land unter fremder Herrschaft ausgeblutet wird.     Trotz des Erfolges werden die Spiele bis heute nicht im Fernsehen ausgestrahlt. Ich kaufte mein Ticket für ein paar Cents und ging zu meinen Platz, um mehr zu erfahren.

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Zwei Minuten vor Anpfiff, als eine schlechte Version der indonesischen Nationalhymne zu hören war, fand ich dann heraus, weshalb diese Spiele wohl nicht im staatlichen Fernsehen übertragen werden. Die Buh-Rufe und der Spott von Tausenden neugineanischen Fans auf der Tribüne, der selbst den klobigen Beton des Stadion zum Wanken bringt und sich gegen die andere Mannschaft, Persija aus Jakarta, richtet, übertönt alles.

Ganz ehrlich: Ich habe mir vor Angst fast in die Hosen gemacht. Ich merkte sofort, dass ich in der Menge der einzige Ausländer war und wohl auch der Einzige, der sich dem populären „lasst uns Steine auf die bewaffneten Bullenschweine werfen“ nicht anschließen wollte. Ich starrte auf meine Füße. Latschen waren keine gute Wahl gewesen. „Ey, du! Du blöder ausländischer Arsch!“ „Scheiße“, dachte ich mir, „der Typ redet mit mir.“ Ich drehte mich zu ihm um. Der Kerl war breit wie ein Schrank, seine Augen waren weit aufgerissen und seine Haare standen in alle Richtungen. „Kein Nicht-Neuguineer sollte hier sein. Verpiss dich aus unserem Land!“

Bevor ich wusste, wie mir geschieht, kam er auf mich zu. Ich dachte, ich muss sterben, und das Spiel hatte noch nicht einmal begonnen. Doch dann merkte ich, dass der Typ rotzenvoll war. Er kam ein paar Schritte auf mich zu, rutschte auf dem nassen Beton weg und stolperte gegen einen anderen Papuanesen, der noch größer als er war. Er packte den Idioten am Genick und schleuderte ihn gegen den Zaun, woraufhin die Menge begeistert applaudierte. Mein Retter gab mir ein High-Five und ich beruhigte mich ein wenig.

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Seit der verlorenen Wahl von 1969 haben die Neuguineer schwere Zeiten durchmachen müssen. Zunächst fand die „Operation Penisfutteral“ statt, ein außergewöhnlich bescheuerter Versuch, die traditionellen Neuguineaner zu zwingen, „normale“ Kleidung zu tragen und ihre Kinder in indonesischen Schulen unterzubringen. Und 2004, z.B., wurden Filep Karma und Yusak Pakage in Jayapura zu 15, bzw. 10 Jahren verurteilt, da sie eine Flagge der papuanischen Unabhängigkeitsbewegung hissten.   In all dieser Zeit floss Geld aus West-Neuguinea in die Schatzkammern der Zentralregierung in Java, außerdem wird die außerordentlich fragwürdige „Transmigrasi“-Strategie weiterhin durchgeführt. Diese Strategie sieht die Umsiedlung der überbevölkerten und verarmten Bevölkerung Indonesiens vor. Die Einheimischen sehen hier drin bloß den verschleierten Versuch einer Invasion.

Das Spiel war mittlerweile im Gange. Es war absolut leidenschaftlich. Das Verhältnis von zahlenden Gästen zu Fans, die über die Zäune ins Stadion gekommen sind, war ungefähr ausgeglichen, was bedeutete, dass es langsam gefährlich voll wurde. Einige Fans wollten unsere brenzliche Lage wohl noch dadurch erhöhen, dass sie die indonesische Polizisten stichelten. Diese wirkten, als würden sie seit Beginn ihrer Schicht nur auf einen Anlass warten, den Fans die Köpfe einzuschlagen. Die Situation spitzte sich zu. Ein stattlicher Neuguineer mit einem witzigen Schnurrbart und einem neongelben „Ich war in Thailand“-Shirt wollte dann das Ganze wieder beruhigen. Er versuchte tapfer, die Betrunkensten nach hinten zu den Ständen zu bringen und einige Straßenkinder—die Unmengen an Klebstoff dabei hatten—zu dem Loch, durch das sie sich ins Stadion gestohlen hatten, zu scheuchen. Die Menge schwankte, Persija traf, der Mann, der an der Punktetafel stand, wurde angegriffen, bloß weil er das Tor gewertet hatte, aber dann nahm der Kapitän von Persiwa einem persijanischen Mittelfeldspieler „mit viel Körpereinsatz“ den Ball ab. Nach einer schönen Flanke traf ein Stürmer mit dem Kopf. Ekstase! Das Stadion explodierte förmlich und meine Füße lösten sich vom Boden, als die wogende Masse zum Zaun des Spielfeldrands drängte.

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Im Zuge der Transmigrasi hat sich die Organisation für Neuguineas Freiheit (Organisasi Papua Merdeka—oder OPM) gegründet. Ein bewaffneter, aber schlecht ausgerüstet und unorganisierter Zweig, der aus der Freiheit-für-Neuguinea-Bewegung entsprang und laut indonesischer Regierung gefährlicher ist als al-Qaida. Die OPM hat der Regierung den perfekten Grund geliefert, dem gesamten Gebiet Repressionen aufzuerlegen. Ausländische Journalisten wurden des Landes verwiesen, die Beweglichkeit der Touristen ist eingeschränkt und das alles wird von schlecht informierten indonesischen Soldaten überwacht, die nach Neuguinea geschickt worden sind und nun die Befehle der Militärs entgegen nehmen müssen. Rate mal, was passiert ist? Es kam zu erheblichen Menschenrechtsverletzungen, zu solchen, die das Land seit dem missglückten Versuch, das Gebiet um Osttimor weiter an sich zu binden, nicht gesehen hatte. In diesem Gebiet findet sich das schlechteste Bildungs- und Gesundheitssystem von ganz Indonesien. Aber mit West-Neuguinea bekam Indonesien ein Gebiet, in dem es sehr viele natürliche Ressourcen gibt. Derzeit wird der indonesische Staatspräsident Susilo Bambang Yudhoyono dafür gelobt, dass er die weltweit größte islamische Nation so vorbildlich führt.

Zurück zum Spiel. Immer mehr Straßenkinder kletterten durch ein Loch im Zaun. Die Mehrheit von ihnen obdachlos. Früher wären sie in die großen Stammesgemeinschaften aufgenommen worden, aber diese traditionellen Strukturen wurden in den vergangenen 20 Jahren aufgebrochen und existieren quasi nicht mehr. Heute sind sie auf sich allein gestellt. Ein ungefähr 10-jähriger Junge lehnte sich an einen Zaun. Unter seinem T-Shirt konnte ich eine kleine gelbe Flasche Klebstoff der Marke Aibon erkennen. Das ist ihre Lieblingsdroge und auch der neue inoffizielle Name dieser Menschen hier. Unter seinem Shirt sammelte er die Dämpfe und atmet tief ein, seine Augen verdrehten sich nach innen, auf seinem Gesicht erschien ein breites Grinsen und dann rutschte er den Zaun runter auf den Boden. Woanders lief ein Junge, der nicht älter als 15 war, durch die Menge. Er trug ein Filzhut mit einer kleinen Feder an der Seite. Er tippte sich mit dem Zeigefinger leicht an die Rückseite seiner Hand, dabei zog er seine Augenbrauen hoch und schaute vielsagend zu einem älteren Mann in der Menge.

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„Das ist ein Zuhälter“, erklärte mir ein Kerl neben mir. „Oh“, antwortete ich und suchte nach Worten. Der Typ sah lächerlich aus. Mehr wie ein „Held in Strumpfhosen“ als ein Don „Magic“ Juan. Er ging zurück zum Loch im Zaun und es kamen drei junge Mädchen herein. Ich habe mich während eines Fußballspiels noch nie so deprimiert gefühlt. Die HIV/AIDS-Rate in West-Neuguinea ist heutzutage höher als sonst irgendwo in Indonesien. Eine vor Kurzem vorgenommene Untersuchung zeigte, dass die Hälfte aller Straßenkinder in der Kleber-Hochburg angesteckt sind. Ein großes Problem ist, dass viele Einheimische denken, Kondome seien ein Mittel der indonesischen Regierung, die Population auszurotten. Der Kinderschutz scheint nicht grade eine Priorität der Politik zu sein.

Das Spiel wurde immer spannender. Persiwa traf schon wieder und der Typ, der mich vorhin schon so angemacht hatte, kletterte nun über die Absperrung auf das Spielfeld. Uns wurde ein köstliches Katz- und Maus-Spiel geboten. Auf der einen Seite war ein Mann, der eigentlich zu betrunken war, um zu stehen, und auf der anderen Seite Soldaten, die wegen ihrer sperrigen Kampfausrüstung und ihren M16s unfähig waren, sich zu bewegen. Schließlich setzte sich mein Freund selber KO, indem er über seine eigenen Füße stolperte. Danach wurde er über das Spielfeld gezerrt und des Stadiums verwiesen.

Das Fußballspiel ist mittlerweile in den Hintergrund getreten und keiner achtete mehr wirklich darauf. Irgendwie ist alles mehr wie eine Party. Genau wie bei uns dient der Fußball auch hier dazu, mal Dampf abzulassen und einen lustigen Abend mit seinen Freunden zu haben. Das Entscheidende beim Fußball in Neuguinea ist, dass die Bevölkerung hier eine Möglichkeit bekommt, einen 90-minütigen Protest gegen das Regime zu veranstalten. Es geht hier zwar ziemlich chaotisch zu, kann aber eine Menge Spaß machen.

Schlusspfiff. Persiwa hat noch zwei weitere Tore gegen den einstigen Meister erzielen können. Zum Schluss stand es also 4-1 und alle gingen glücklich nach Hause. Am nächsten Morgen schaute ich mir die Highlights der indonesischen Super League an. Das Spiel wurde nicht erwähnt. Es fühlte sich eher so an, als hätte es nie stattgefunden. Dann wurde die Tabelle gezeigt, Persiwa konnte einen Platz gut machen.