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Du gehst bald reisen? Vielleicht solltest du dein Smartphone zu Hause lassen

Von der Kontrolle, die bald an jeder Grenze möglich sein wird, hätte Big Brother nur träumen können.

Foto: West Midlands Police | FlickrCC BY-SA 2.0

Stell dir vor, deine Freundin oder dein Freund fragt dich nach dem Passwort für dein Smartphone. Vielleicht würdest du es ihm oder ihr geben, weil ihr euch vertraut und eigentlich nichts voreinander zu verbergen habt. Aber jetzt stell dir vor, dieselbe Person würde verlangen, mal eben den gesamten Inhalt deines Handys herunterladen zu dürfen, um in aller Ruhe sämtliche Fotos, E-Mails, Messenger-Nachrichten und Suchmaschinenverläufe zu durchstöbern? Wahrscheinlich würdest du dich weigern – und dich ziemlich über diese Frechheit ärgern.

Genau das könnte aber bald Routine sein, wenn du eine Grenze überqueren willst. Glaubst du nicht? Dabei passiert es jetzt schon. Drei Fälle, aus drei verschiedenen Ländern, die uns zu denken geben sollten:

1. USA

Sidd Bikkannavar ist US-Bürger und arbeitet als Forscher für die NASA. Ende Januar zogen US-Grenzschützer ihn am Flughafen von Houston aus der Schlange, als er gerade aus dem Urlaub in Argentinien zurückkehrte. Die Grenzer stellten ihm nicht nur eine Reihe Fragen – sie verlangten auch, dass er ihnen das Passwort zu seinem Handy verrät. Bikkannavars Einwand, dass sich darauf vertrauliche Daten seines Arbeitgebers befänden, interessierte sie nicht. Stattdessen machten sie ihm klar, dass sie ihn festhalten würden, bis er den Code verrät. Als der Forscher dem Druck schließlich nachgab, verschwanden die Beamten für eine halbe Stunde mit dem Telefon. Die NASA versucht jetzt zu rekonstruieren, was in der Zeit alles von dem Handy heruntergeladen wurde.

2. Deutschland

Die deutsche Regierung hat einen neuen Gesetzesentwurf beschlossen, wodurch es den Behörden erlaubt sein soll, Daten auf den Handys von Flüchtlingen auszulesen – auch gegen deren Willen. Das soll helfen, die Identität der Flüchtlinge festzustellen. Und die Methode soll nicht nur sporadisch angewendet werden – aktuell geht das Innenministerium davon aus, dass letztes Jahr 50 bis 60 Prozent der Asylbewerber für das Verfahren in Betracht gekommen wären. Deshalb sollen die Behörden mit Technologie ausgestattet werden, die bis zu 2.400 Datenträger pro Tag auslesen kann.

3. Kanada

Im März 2015 wurde der Kanadier Alain Philippon bei der Wiedereinreise nach Kanada festgehalten. Auch von ihm verlangten die Grenzschützer, seinen Zugangscode zu verraten. Als er sich weigerte, wurde er wegen Behinderung von Grenzbeamten angeklagt. Um der hohen Geldstrafe oder sogar einer Haftstrafe zu entgehen, plädierte Philippon schließlich auf schuldig und zahlte 500 Dollar Strafe. Sein Handy hat der kanadische Zoll jedoch einbehalten.

Klar: Im Moment ist das noch Spekulation. Noch gibt es nirgends eine systematische Durchsuchung von Smartphones bei der Einreise. Aber ein anderes Beispiel aus den USA zeigt, dass wir davon vielleicht gar nicht mehr so weit entfernt sind: Der amerikanische Heimatschutzminister John Kelly hat vor Kurzem angekündigt, dass seine Behörde Einreisende bald nach den Passwörtern für ihre Social-Media-Accounts fragen könnte. "Wenn jemand in unser Land möchte, wollen wir ihn zum Beispiel fragen: Was für Websites besuchen Sie?", erklärte der neue Minister. "Geben Sie uns das Passwort. So können wir sehen, was Sie im Internet machen." An alle potentiellen Verweigerer hat Kelly eine einfache Botschaft: "Wenn Sie nicht kooperieren wollen, kommen Sie nicht rein."

John Kelly gefällt nicht, was du gestern Abend gegoogelt hast | Foto: imago | UPI Photo

Auch der deutsche Fall zeigt, dass Regierungen bereit sind, die systematische Auswertung von Tausenden Smartphones anzuordnen, wenn sie es für die Sicherheit für nötig halten. Technisch ist das schon heute möglich, sagt Nico Müller zu VICE, Geschäftsführer von DigiFors, einer auf "mobile Forensik" – also das Auslesen von Smartphones – spezialisierten Firma. Er erklärt auch, welche Informationen man auf diesem Wege aus dem Smartphone gewinnen kann: "Im Prinzip alles, was man auch auf dem Telefon sehen kann: Locationdaten, aber auch SMS-Nachrichten oder Whatsapp-Nachrichten, gelöschte Fotos und gelöschte Kommunikation."

Ein Kommentar im Tagesspiegel vertritt die These, dass es eine "notwendige Zumutung" für Flüchtlinge sei. Aber natürlich reisen längst nicht alle Terroristen als Flüchtlinge ein – auch in Linienflügen können potenzielle Gefährder sitzen. Wenn man dieser Logik folgt, wäre es also nur konsequent, diese Kontrolle so bald wie möglich auf alle Einreisenden auszuweiten – wie es John Kelly in den USA ja schon angekündigt hat. Je mehr die Angst vor Terrorismus wächst, desto größer wird auch die Versuchung für die Regierungen, mittels dieses einfachen Schritts genauer zu kontrollieren, wen sie in ihre Länder lassen. Wer nicht mitmacht, kommt dann eben nicht rein.

Das könnte schnell weltweit gängige Praxis werden. Was soll die Behörden in Russland oder China daran hindern, dieselbe Forderung zu erheben? In Israel zum Beispiel ist es schon länger gängige Praxis, Zugang zu E-Mails von ausgewählten Reisenden zu verlangen. "Wir erleben gerade, dass jeder auf dem Weg durch den Zoll geschnappt und gezwungen werden kann, den kompletten Inhalt seines digitalen Lebens auszuhändigen", schreibt der Informatiker Quincy Larson auf Medium – und zieht für sich die Konsequenz: "Ich werde mein Handy nie wieder auf einen internationalen Flug mitnehmen. Und du solltest das auch nicht tun."

Dein Telefon enthält dein gesamtes Leben

Denn die Daten auf deinem Smartphone können an der Grenze schneller zu einem Problem werden, als du denkst. Kannst du garantieren, dass keiner deiner Kontakte je in Konflikte mit dem Gesetz gekommen ist? Was, wenn die Grenzschützer das Foto verdächtig finden, das du auf dieser einen Demo gemacht hast? Oder das "ACAB"-Graffiti, das du in der Berliner U-Bahn fotografiert hast? Aber auch harmlosere Details aus deinem Leben können dir die Reise versauen: Einem deutschen VICE-Autor wurde einmal die Einreise in die USA verweigert, weil er vorhatte, in einer Bar für ein Abendessen Musik zu machen – die Grenzschützer interpretierten das als illegalen Arbeitsaufenthalt und schickten ihn zurück nach Deutschland. Und in den Kommentaren zu Quincy Larsons Artikel berichtet eine Leserin, dass die kanadischen Grenzer ihr die Einreise verboten haben, weil sie in einem Chat mit einer Freundin einen Witz darüber gemacht hatte, in Kanada leben zu wollen.

Ein weiteres Problem, wenn sich diese Praxis etablieren sollte: Was passiert mit deinen Daten, wenn sie erstmal abgesaugt und kopiert wurden? Im Prinzip können die Behörden jedes Landes damit verfahren, wie sie wollen. Je nach der örtlichen Gesetzeslage könnten sie die beliebig durchsuchen, speichern, vervielfältigen und eventuell sogar an andere Behörden weitergeben. Und je weiter die Daten verbreitet werden, desto eher wächst die Gefahr, dass Hacker deine Daten anzapfen.

Was tun?

In den USA hat sich ein breites Bündnis aus über 50 Bürgerrechtsorganisationen gegen die Pläne des Heimatschutzministeriums formiert und eine Erklärung abgegeben. "Eine Politik, welche die Herausgabe von Passwörtern zur Bedingung für das Reisen macht [...] verursacht einen intensiven 'Chilling-Effekt' auf die freie Meinungsäußerung", heißt es darin. Damit ist gemeint, dass Menschen sich genau überlegen, was sie überhaupt noch digital kommunizieren. "Die Meinungsfreiheit, die Pressefreiheit, der Zugang zu Informationen, die Vereinigungsfreiheit und die Religionsfreiheit sind durch so eine Politik gefährdet."

Auch in Europa sollte sich schnellstmöglich Widerstand gegen jeden Versuch formieren, die Privatsphäre auf so massive Art zu verletzen. Wer denkt, dass das neue Gesetz der Regierung nur Flüchtlinge angeht, macht einen Fehler. Wenn wir nicht entschieden dagegen protestieren, müssen wir uns vielleicht bald darauf einstellen, bei jeder Auslandsreise unser komplettes Leben offenzulegen – oder in Zukunft nur noch ohne Smartphone zu verreisen.

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