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Durfte Alexander Stepanyan nicht promovieren, weil er schwul ist?

Obwohl er einer der besten Doktoranden der St. Petersburger Uni war, konnte Alexander nicht promovieren. Er ist sich ziemlich sicher, dass das politische Gründe hat, und erzählt uns exklusiv seine Geschichte.

Alexander in Berlin

Alexander Stepanyan war Politologe an der Staatlichen Universität St. Petersburg und arbeitete dort bis vor Kurzem an seiner Promotion über Entscheidungsprozesse in den Ausschüssen des deutschen Bundestages. Seine Dissertation war bereits fertiggestellt, der letzte Schritt wäre die Verteidigung gewesen. Alexander war schon immer politisch aktiv und nicht unbedingt als großer Freund Putins bekannt. 2006 wurde er in St. Petersburg bei einer Aktion für die Moskau-Helsinki-Gruppe festgenommen, der damals von Putin vorgeworfen wurde, vom britischen Geheimdienst finanziert zu werden. 2012 veröffentlichte er einen regierungskritischen Kommentar in der NZZ, der die Runde durch die Presseschauen der Botschaften machte.

Ebenfalls 2012 wurde zunächst in St. Petersburg und schließlich im Juni 2013 in ganz Russland das sogenannte Gesetz gegen homosexuelle Propaganda erlassen, das verbietet, vor Jugendlichen unter 18 anzudeuten, dass es auch normal sein könnte, homosexuell zu sein.

Alexanders Uni untersteht direkt der russischen Regierung und ist als Präsidentenuni bekannt, an der sowohl Medwedew als auch Putin studiert haben. Und Alexander ist schwul. Seiner Doktormutter, Leiterin des Lehrstuhls und zugleich Mitglied des Wissenschaftsrates der St. Petersburger Universität (SPBGU), Olga Popova, wurde das zugetragen, und sie begann laut Alexander prompt, seine Promotion zu sabotieren. So lange bis er im Juli 2013 seine Exmatrikulation überreicht bekam, einen Monat, nachdem das Gesetz in Kraft getreten war. Wir haben versucht, sie zu erreichen, damit sie Stellung zu dieser Geschichte nehmen kann. Leider war sie dazu nicht bereit und beendete das Telefonat, nachdem sie uns erklärte, dass Alexander einen Formfehler begangen habe.

Seit diesem Jahr promoviert Alexander wieder, diesmal an einer deutschen Uni. Er hat exklusiv für VICE seine Geschichte erzählt.

Universität St. Petersburg, Foto von Tobias Kruse

Ich habe lange gezögert, diesen Vorfall öffentlich zu machen. Noch vor zwei Jahren wären die Ereignisse, zu deren Spielball ich teils freiwillig, teils unfreiwillig geworden bin, so nicht möglich gewesen. Die politische Atmosphäre heute unterscheidet sich wesentlich von der damals.

Mai 2012. Einmal im Jahr schreibt die Galina-Staravoitova-Stiftung russlandweit einen Wettbewerb für wissenschaftliche Arbeiten aus, teilnehmen können Studenten und Doktoranden. Bei diesem Wettbewerb ist es meine Aufgabe, die Jurysitzung zu moderieren. Die Jury tagt nicht öffentlich und kommt nur einmal zusammen. Ihr gehören acht renommierte Wissenschaftler an, Professoren der führenden Universitäten, Leiter von Forschungszentren, darunter Frau Prof. Popova, zu deren Forschungsgebiet übrigens auch Gender Studies gehört. 

Eine der in diesem Jahr eingereichten Forschungsarbeiten beschäftigt sich mit dem Problem der Exklusion sexueller Minderheiten im Zusammenhang mit den Menschenrechten in Russland. Prof. Popova bewertet die Arbeit als Einzige mit einer schlechten Note, die anderen Jurymitglieder stufen sie als wissenschaftlich hochwertig ein. Aufgrund von Prof. Popovas Bewertung erzielt die Arbeit keinen der ersten Plätze. Es entbrennt eine hitzige Diskussion—mit dem Ergebnis, dass einige der Jurymitglieder Prof. Popova homophob nennen.

In ihrer Stellungnahme zu dieser Arbeit schreibt Prof. Popova: „Ich würde es verstehen, wenn Homophile mit dem ‚Schlagstock’ des Strafgesetzes verfolgt würden, wenn ihnen Gefängnisstrafen und Verbannung (...) drohen würden, wie dies in sowjetischen Zeiten üblich war. Doch dem ist nicht so. Es gibt nicht einen einzigen Artikel im Strafgesetzbuch, der die Besonderheiten dieses Lebensbereiches behandeln würde. Nach offiziellen Angaben der Mediziner gibt es bis zu 3% Homosexuelle als Folge biologischer Entwicklung—eine Laune der Natur. Doch nach Forschungsdaten sind etwa 10% der Bevölkerung in homosexuelle Beziehungen eingebunden als Folge von Propaganda und der bewussten Entscheidung nach Kontakten im jugendlichen und jungen Erwachsenenalter. Sind Homosexuelle etwa nicht sichtbar? Heutzutage schickt es sich schon nicht mehr, so scheint es, heterosexuell zu sein. Heterosexuelle aber fordern aufgrund IHRER sexuellen Orientierung nicht den Schutz ihrer Menschenrechte. Hinzu kommt, in Bezug auf Homosexuelle sprechen wir über BESONDERE, ZUSÄTZLICHE Rechte, als ob die Rede von Invaliden oder indigenen Völkern ist???!!! Muss man sie schützen??? Vielleicht sollten wir es einfach nicht begünstigen? Freiheit schließt auch eine andere Seite mit ein—Verantwortung, Rechte, Verpflichtungen. Aber was sehen wir im vorliegenden Text? Der vorliegende Text und sein Titel stellen Fortschritt und Demokratie mit ungerechtfertigt an die allgemeine Öffentlichkeit gezogenen Erklärungen sexueller Besonderheiten gleich. Freiheit und Demokratie hingegen schließen ein öffentliches ‚Waschen der Schmutzwäsche’ nicht ein. Es wundert mich, dass es jemanden gibt, der dies nicht versteht.“

Prof. Popova, die mir offenbar verübelt, dass ich nicht für ihre Position Partei ergriff, schickt mir eine E-Mail: „Alexander, was soll das??? Was ist das für eine Art und Weise??? Wo habt Ihr die [gemeint sind die Jurymitglieder] ausgegraben???? Wieso muss ich solcherlei Beleidigung von fremden Leuten ertragen!!!“ Ich antworte, dass ich als Moderator nicht befugt bin, mich in die Arbeit der Jury einzumischen. 

Wenig später lädt das Organisationsgremium der Stiftung, dem ich angehörte, Prof. Popova und die anderen Jurykollegen dazu ein, die aufgetretenen Spannungen zu klären und Fragen der wissenschaftlichen Ethik zu erörtern. Zwei Versammlungen finden hierzu statt.

Prof. Popova blieb beiden fern.

Foto von Tobias Kruse

Juni 2012. Das Sekretariat meines Lehrstuhls ruft an und informiert mich darüber, dass meine Abschlussprüfung—die wichtigste Prüfung vor der Promotion und die letzte vor der Verteidigung meiner Doktorarbeit—auf den nächsten Tag festgesetzt wurde. Davon höre ich zum ersten Mal, schließlich war im Februar auf der Versammlung des Lehrstuhls öffentlich angekündigt worden, dass meine Abschlussprüfung im Herbst stattfinden soll. Mein Name ist, wie sich später herausstellt, auf alleinige Initiative meiner wissenschaftlichen Betreuerin Prof. Popova und, ohne mich rechtzeitig zu benachrichtigen, an das Prüfungsamt weitergeleitet worden.

Auf meine Bitte willigt sie ein, die Prüfung um eine Woche zu verschieben, so dass ich eine minimale Vorbereitungszeit habe. Die Abschlussprüfung begleitet sie dann mit emotionalen Ausbrüchen. Schließlich—ich habe die Prüfung bestanden und wir sind nur noch zu zweit im Raum—zerreißt sie das Prüfungsprotokoll, das bereits von den anderen Prüfern unterschrieben wurde. Zehn Minuten später verlangt sie, das Protokoll neu auszufertigen und unterschreibt es nun. Die Note bleibt dieselbe.

Unsere bis jetzt gute zwischenmenschliche Beziehung musste durch etwas erschüttert worden sein. Ich frage sie, was ihre Haltung mir gegenüber so plötzlich verändert hat. Sie antwortet: „Das werde ich Ihnen nicht sagen.“

Zunächst beziehe ich dieses Erlebnis auf unsere Differenzen in der Juryarbeit. Später erfahre ich, dass ihr ein Mitglied der Jury von meiner Homosexualität berichtet hat. Von diesem Teil des Privatlebens ihres Doktoranden ahnte sie bis dahin offenbar nichts. Noch im September 2012 hatte ich Teile ihres Kurses geleitet.

Weitere merkwürdige Ereignisse folgen. Im Zuge der Vorbereitungen zu meinem Forschungsaufenthalt an der Universität Potsdam soll ich für meinen Visumsantrag eine offizielle Bestätigung meines Doktorandenstatus im Hauptgebäude der Universität abholen. Auf meinem Weg zum Ausgang stoße ich im Korridor auf einen Fremden, der mich überraschend mit Namen anspricht: „Alexander, wir gratulieren Ihnen zum Erhalt des Stipendiums. Wir wünschen Ihnen einen erfolgreichen Aufenthalt in Deutschland und nach Ihrer Rückkehr eine erfolgreiche Verteidigung Ihrer Dissertation hier! Bitte, beschäftigen Sie sich ausschließlich mit wissenschaftlichen Tätigkeiten …“ Ich verstehe sofort: Dies ist eine erste Warnung. Vermutlich eine Reaktion auf die Veröffentlichung meines Artikels vom 03. August 2012 in der Schweizer Zeitung NZZ. Dieser steht—das weiß ich mit Sicherheit—auch in den Presseschauen mehrerer Botschaften und Konsulate Russlands, der Schweiz und Deutschlands. Ein hoher Beamter der Universität, dem ich die Episode später erzähle, kommentiert dies mit folgenden Worten: „Alexander, was denken Sie, die Kontora arbeitet … immer noch.“ Kontora (das Büro) ist eine Bezeichnung für den Geheimdienst FSB, die Nachfolgeorganisation des KGB.

Universität St. Petersburg, Foto von Katharina Weser

April 2013. Rückkehr von einem mehrmonatigen Forschungsaufenthalt in Deutschland. Wieder in Petersburg, stelle ich zunächst den Bericht über meinen Forschungsaufenthalt an der Universität Potsdam fertig. Anschließend will ich am Lehrstuhl mit Prof. Popova den weiteren Verlauf meiner Dissertation besprechen. Da sie anlässlich einer Konferenz in einer anderen Stadt weilt, spreche ich mit einem Mitarbeiter der Fakultät (um ihn zu schützen, nenne ich ihn nicht). Er teilt mir den Grund des Verhaltens von Prof. Popova mit und setzt mich über ein Gespräch zwischen ihr und dem Leiter einer Unterabteilung der Fakultät in Kenntnis. Es hatte meine Sexualität „als Stipendiat der Regierung der Russischen Föderation“ zum Thema gehabt.

Sie wurde wahrscheinlich schon seit Längerem wegen meines politischen Engagements unter Druck von der Uni-Leitung gesetzt, aber versuchte, mich zu schützen, bis sie erfahren hat, dass ich schwul bin.

Ich beschließe, mit Prof. Popova nicht über meine Dissertation zu sprechen, solange ich nichts Genaueres über ihre persönliche Motivation weiß. Schließlich—so meine Überlegung—kann ich es mir nicht leisten, meine Dissertation vor einem wissenschaftlichen Betreuer zu verteidigen, der aufgrund meiner sexuellen Orientierung eine fundamentale Abneigung gegen mich empfindet.

So beginnt eine sich über Wochen hinziehende und im Sinne der Sache am Ende sinnlose E-Mail-Korrespondenz. Immer wieder bitte ich Prof. Popova, mir die sich zuspitzende Situation zu erklären. Ich bitte sie darum zu bestätigen oder zu dementieren, dass meine Sexualität Gegenstand von Erörterungen war. Ich bitte sie, mir die Gründe ihres Missmuts gegen mich zu nennen. Ich erhalte nur eine trockene Rückfrage, wie weit ich mit meiner Arbeit bin und wann sie den Text einsehen könne. Es ist offensichtlich, dass sie die Gesamtsituation nicht besprechen will. Hartnäckig schreibe ich E-Mails mit der Bitte—später Forderung—, sie möge mir erklären, warum meine Sexualität sie störe. Ich will wissen, warum ich gegen eine unsichtbare Wand laufe, weshalb dieser respektlose Umgang ...

Die Exmatrikulation als beglaubigte Übersetzung

Anfang Juli 2013. Ich erfahre bei einem Telefongespräch mit einem Mitarbeiter der SPBGU, dass ich von der Universität ausgeschlossen wurde. Ich wende mich an das Büro für Doktoranden, wo mir die Exmatrikulation bestätigt und eine beglaubigte Kopie der Exmatrikulationsanweisung ausgehändigt wird. Ich bin nun also kein Doktorand mehr. Offenbar wurde dies durch Prof. Popova veranlasst, die ich einmal für einen aufrichtigen Menschen und eine professionelle Wissenschaftlerin gehalten hatte.

Einige Wochen nach meinem Rausschmiss. Als ich am Bankautomaten Geld abheben will, stelle ich fest, dass mein Konto leer ist. Alle Doktorandenstipendien, die ich eingeworben hatte, sind annulliert, einschließlich des speziellen Stipendiums der Föderalen Regierung, das ich für außerordentliche Leistungen an der Fakultät für Politikwissenschaft der Staatlichen Universität St. Petersburg erhielt. Auf diese Weise sind zugleich meine wissenschaftlichen Verdienste „annulliert".

Die Exmatrikulation im Original

Die ganze Prozedur meiner Exmatrikulation—das bestätigen mir auch viele meiner Kollegen an der Universität—war regelwidrig. Dass ich ein anerkannter Excellence-Doktorand war, dass ich alle Prüfungen mit Bestnoten bestanden hatte, dass mir für meine Gesamtleistung die höchste Auszeichnung zuerkannt worden war—all das wurde mit einem Federstrich ausgelöscht. Eine mögliche Exmatrikulation war mir nie angekündigt worden. Eine Sitzung des Lehrstuhls, bei der mein Fall hätte besprochen werden können, fand nicht statt. Viele Dozenten des Lehrstuhls wussten nicht einmal, dass ich kein Doktorand mehr war. Prof. Popova, die meine wissenschaftliche Arbeit durchgängig geschätzt hatte, hatte meine Exmatrikulation im Alleingang und in direkter Absprache mit der Administration betrieben. Es ist gut möglich, dass sie unter Druck gesetzt wurde.

Ende August 2013. Nach dem Sommerurlaub treffe ich mich mit Prof. Popova. Ich komme ohne einen Termin in ihr Büro. Sie sagt ganz trocken, dass sie keine Zeit für mich hat, ich sei kein Doktorand mehr und wir hätten keinen Grund zu sprechen. Ich spreche auch mit zwei wichtigen Personen aus der Universitätsverwaltung. Diese Gespräche haben privaten und vertraulichen Charakter. Ich erfahre, dass meine Aktivitäten als kritischer Wissenschaftler, meine Publikationen in der europäischen Presse, meine Kommentare im eigenen Blog Anstoß erregt haben. Man wolle verhindern, dass sich in den Augen der Bundesbehörde der Name eines angehenden Oppositionspublizisten mit dem Namen der „Präsidentenuniversität" verbindet. Da erinnere ich mich an die Begegnung mit dem Fremden im Universitätskorridor.

Herbst 2013. Ich berate mit Juristen die Perspektive eines Gerichtsverfahrens. Ergebnis: Die homophobe Motivation der Professorin oder eine politisch-motivierte Entscheidung der Universität vor Gericht zu beweisen, wäre unmöglich, besonders im heutigen Russland. Eine gerichtliche Prüfung der Rechtmäßigkeit und der Beachtung aller formalen Prozeduren bei der Entscheidung meiner Exmatrikulation kommt aber auch nicht in Frage. Warum nicht? Bestenfalls würde ich—wenn nämlich das Gericht zu meinen Gunsten urteilte—wieder immatrikuliert werden, doch dann müsste ich damit rechnen, dass Professoren und Administration sich rächen würden, besonders bei der Verteidigung meiner Dissertation. Denn vor Gericht müsste ich nicht nur gegen meine Professorin, sondern gegen Fakultät und Universität—also gegen eine ganze Institution—antreten.

Der formale Grund, der meiner Exmatrikulation zugrunde liegt: Die Dissertation wurde dem Lehrstuhl nicht vorgelegt. Was aber war der Grund für diese Entscheidung? Persönliche Ängste der Professorin im Zusammenhang mit dem Konkurrenzkampf der Lehrstühle? Oder rationale Berechnung der Universitätsadministration aufgrund der aktuellen politischen Stimmung?

Aus meinem Dialog mit dem Chef einer Abteilung der Universität: 

- Alexander, erwähne bitte nicht alle Details von unserem Gespräch. 

- Selbstverständlich.

- Es ist vertraulich. 

- Gut.

- Wir wollen nicht unsere Jobs verlieren.

- Verstehe.

- Alexander, ich wünsche dir viel Erfolg! Vielleicht kannst du versuchen, deine Dissertation woanders zu verteidigen.

- An einer anderen Universität?

- In einer anderen Stadt ...