Menschen

Social Media im Lockdown: Warum ich mich nicht mehr mit anderen vergleiche

Zwischen Büchern, Zimmerpflanzen und verschneiten Straßen ist kein Platz für Neid oder die Angst, etwas zu verpassen.
8.2.21
Frau liegt auf dem Bett mit Handy in der Hand, während des Lockdowns hat sich das Social Media Verhalten geändert und ich vergleiche mich weniger online
Symbolfoto: imago | Westend61

An Freitagabenden vor einem Jahr habe ich mich manchmal nach einem Arbeitstag hingelegt, mir einen Wecker gestellt und mich dann nach einer Stunde fast schon widerwillig aus der Decke geschält, um mich vor einem Club in eine Schlange zu stellen und betrunkenen Touristen dabei zuzusehen, wie sie vor ein Taxi kotzen. Das alles nur, um nichts zu verpassen, um mindestens eine genauso geile Nacht zu haben wie alle anderen in dieser Stadt. 

Gerade gibt es nichts zu verpassen. Zumindest nicht für uns. Während sich Influencer das Ziel gesetzt haben, das Coronavirus auf jede noch so kleine Insel zu bringen, müssen alle, die keine Gucci-Slippers besitzen, das tun, was wir immer tun müssen: durchschnittlich und verantwortungsvoll sein. Mein Instagramfeed zeigt genau das. Wahrscheinlich weil jeder Idealist nach fast einem Jahr Pandemie nun endgültig desillusioniert ist, sehe ich den populären Ausruf des ersten Lockdowns "Stay the fuck home!" kaum noch. Trotzdem habe ich das Gefühl, dass sich Leute daran halten. Wir teilen Throwbacks von einem Damals mit Sonne, Menschen und richtigen Haarschnitten. Viel Spannendes haben soziale Medien nicht mehr zu bieten. Aber das mag ich. Ich klick mich durch die Stories und freu mich über jedes Spiegelselfie mit unaufgeräumtem Hintergrund. Vielleicht haben wir alle ein bisschen aufgegeben. 


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Eigentlich sind soziale Medien nur dazu da, damit wir beneiden und beneidet werden. Doch statt Neid oder den Drang, mich über andere zu erheben, spüre ich nur so einen kitschigen Zusammenhalt. Ich habe dieses Gefühl, das uns amerikanische Filme vermitteln wollen, wenn sich die Protagonisten am Ende umarmen und die Credits über den Bildschirm rollen.

Eigentlich bin ich chronische Vergleicherin. Wahrscheinlich sind wir das alle. Früher wollte ich sein wie Winona Ryder. Damit meine ich nicht, dass ich Schauspielerin werden wollte, sondern It-Girl für ungekämmte Männer mit Augenringen, möglichst obskurem Musikgeschmack und Bücherstapeln neben dem Bett. Ich verglich ihren Kleidungsstil mit meinem, kopierte ihr Make-up. Und ich wusste: Früher oder später muss ich Kleptomanin werden.

Doch so eifrig kann ich mich nicht mehr vergleichen, wenn die Welt gerade untergeht. Mit einem gewissen Wohlwollen scrolle ich durch die langweiligsten Feeds, als würde ich mir ein Kindergarten-Theaterstück anschauen, bei dem niemand den Text kann. Plötzlich fühle ich mich mit allen mehr verbunden. Die meisten User, mit denen ich über soziale Medien im Kontakt stehe, kenne ich gar nicht so gut. Wir stehen uns nicht nahe, aber trotzdem scheinen wir gerade dasselbe Leben zu leben. Online sehen sie zumindest genau gleich aus. Zwischen Büchern, Zimmerpflanzen und verschneiten Straßen ist kein Platz für Neid oder die Angst, etwas zu verpassen.

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Peter Vorderer, Medienpsychologe und Professor für Medien- und Kommunikationswissenschaft an der Universität Mannheim sieht das anders. 

"Menschen haben generell ein starkes Bedürfnis, sich mit anderen zu vergleichen, um Informationen über sich selbst zu bekommen. Das postuliert die sogenannte Theorie der sozialen Vergleichsprozesse bereits seit den 1950er Jahren." Anhand von Vergleichen definieren wir uns also ein Stück weit. 

"So wie in anderen Lebenssituationen auch, gibt es wohl auch unter diesen Pandemiebedingungen das ständige Bedürfnis, sich zu vergleichen. Eine mögliche Frageperspektive könnte sein: Wie gehen meine Freunde mit dieser Situation um? Ich würde nicht sagen, dass durch Corona grundsätzlich etwas an diesem Mechanismus anders geworden ist."

Irgendwie bin ich dann doch froh, dass er meinen Versuch, der Pandemie auch positive Seiten abzugewinnen, schnell wieder zunichte macht. Wahrscheinlich hat er recht. 

Ich bin ja eigentlich schon mit einem Vergleich in den Text eingestiegen. "Vor Corona" zu sagen, klingt nun schon so eklig vertraut. Viel zu oft habe ich es schon gesagt und gedacht. Das Davor bestätigt nur das Jetzt, macht es realer. Trotzdem kann ich nicht aufhören, daran zu denken, wie es mal war. Vielleicht habe ich aufgehört, mich immer zu vergleichen. Aber das Jetzt und das Davor vergleiche ich jeden Tag. Ich will endlich mal wieder Angst davor haben, etwas zu verpassen.  

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Ich bin ja eigentlich schon mit einem Vergleich in den Text eingestiegen. "Vor Corona" zu sagen, klingt nun schon so eklig vertraut. Viel zu oft habe ich es schon gesagt und gedacht. Das Davor bestätigt nur das Jetzt, macht es realer. Trotzdem kann ich nicht aufhören, daran zu denken, wie es mal war. Vielleicht habe ich aufgehört, mich immer zu vergleichen. Aber das Jetzt und das Davor vergleiche ich jeden Tag. Ich will endlich mal wieder Angst davor haben, etwas zu verpassen.  

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