SpongeKnob, die Hauptfigur aus dem gleichnamigen Porno
Alle Bilder mit freundlicher Genehmigung von WoodRocket
Sex

Diese Menschen machen deine Lieblings-Kinderserien zu Pornos

Die Produktionsfirma WoodRocket hat SpongeBob und Pikachu zu Pornostars gemacht. Wir haben mit den Machern und Darstellerinnen gesprochen.
07 April 2020, 3:00am

Missy Martinez ist komplett lachsrosa angemalt. Die Farbe reicht bis in die Innenseite ihrer Vulva, selbst ihre Rosette ist lachsrosa. Auf ihrem Kopf trägt sie einen kürbisähnlichen Wust, der beim Lecken und Fingern mit Szenenpartnerin Brenna Sparks immer wieder verrutscht. Aber Martinez, ganz Profi, macht einfach weiter.

Martinez spielt Vagin Buu, die Pornoversion von Majin Buu aus Dragon Ball Z.

Im Mai 2019 beendete Martinez nach zehn Jahren ihre Karriere als Pornodarstellerin. Aber ein Jahr vor ihrem Abschied drehte sie für das Studio WoodRocket den Film Dragon Boob Z.

"Irgendwann hast du keinen Bock mehr darauf, die sexy Stiefmutter oder die Babysitterin zu spielen", sagt Martinez. "Man sollte Pornos nicht immer so ernst nehmen. Sex soll Spaß machen. Wenn du dabei nicht lachst, machst du etwas falsch."

Auch wenn die Sexszene wie eine verlorene Wette anmutet, ging für Martinez als _Dragon Ball Z_-Fan damit ein kleiner Traum in Erfüllung. Inklusive lachsrosa Ganzkörperbemalung.

"Als sie meine Genitalien geairbrusht haben, dachte ich mir nur 'Ooooh, nein …'", sagt sie.

Mit diesem Gefühl ist Martinez nicht allein. Alle, die durch die WoodRocket-Maske sind, erzählen mir von diesem Augenblick: dem Punkt ohne Wiederkehr.

Das Studio WoodRocket aus Las Vegas hat sich in den vergangenen acht Jahren einen Namen mit Pornoparodien gemacht. Wenn du von einem Sexfilm mit SpongeBob oder Legofiguren hörst, handelt es sich dabei ziemlich sicher um einen Film von WoodRocket und seinem Gründer Lee Roy Myers.

Ende der 90er arbeitete Myers in einer Videothek, als er sich Edward Penishands anschaute – eine Parodie von Edward mit den Scherenhänden. "Edward hatte diese unfassbar riesigen Dildo-Arme. Es war widerlich, abgedreht und witzig. Ich wusste vor allem nicht, welche Stellen lustig gemeint waren", sagt Myers über den berüchtigten Pornoklassiker von Regisseur Paul Norman. "Aber ich habe ihn nicht mehr aus dem Kopf bekommen. Ich träumte davon, selbst so etwas zu machen."

Jahrelang hangelte sich Myers von einem Job zum nächsten. In seiner Zeit bei Filmproduktionen und als Chef einer Pay-per-View-Firma knüpfte er Verbindungen in die Pornoindustrie. So auch zu Scott Taylor, den Gründer des Pornostudios New Sensations. 2008 wollte das Studio eine Comedy-Richtung einschlagen. Myers bekam den Auftrag für eine Parodie über den Büroalltag. Er lieferte The Office: An XXX Parody, die erste von neun Parodien, die er für New Sensation 2009 drehen sollte.


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Myers, der in der Pornoindustrie bereits den Wechsel von VHS zu DVD miterlebt hatte, stand 2012 vor der nächsten großen Veränderung. Wegen des Internets waren immer weniger Menschen bereit, für Pornos zu zahlen. Schließlich gab es jetzt zahlreiche kostenlose Tube-Seiten voll mit geklauten Clips und ganzen Filmen.

Anstatt dagegen anzukämpfen, überlegten sich Myers und seine Geschäftspartner, wie man die Flut von Gratis-Content ausnutzen und genug Geld verdienen kann, um weiterhin Darstellerinnen, Crew und Technik zu bezahlen. 2012 gründete Myers das Studio WoodRocket mit dem Ziel, alberne Pornos für den Mainstream zu produzieren und umsonst ins Internet zu stellen.

Myers ist Kanadier und bezeichnet sein Stil als "schauriges Amateurfernsehen". Seine Sets sind sehr Low Budget. Sie bestehen meist nur aus einem Raum. Masken und Kostüme sehen aus, als hätten sich etwas überambitionierte Mitglieder einer Theater AG ausgetobt. Im Januar 2013 veröffentlichte WoodRocket seinen ersten Film SpongeKnob SquareNuts – komplett mit Pressemitteilung, einem jugendfreien Trailer und dem Link zum kompletten Porno auf WoodRocket.com.

Nur eine Stunde nach der Veröffentlichung des Films brach die neue Website unter den vielen Seitenaufrufen zusammen.

Der immense Erfolg des ersten Films des Studios war in zweierlei Hinsicht schockierend. Squarenuts gilt bis heute als "das Abgefuckteste", was Myers und seine Crew gemacht haben. Das gigantische Quadratkostüm, ein Karton mit aufgeklebtem Dämmschaum, stammte von Tom Devlin, der bis heute Kostüme für WoodRocket macht.

"Es war einfach nur gruselig", sagt Devlin. "Der Darsteller konnte sich darin kaum bewegen. Was die Parodie noch absurder gemacht hat."

"Er sah aus wie ein Monster", sagt Myers über SpongeKnob. "Und das war witzig – zumindest fanden wir es witzig. Die Leute liebten oder hassten es. Aber sie schauten es sich an."

Devlin und Myers teilen die gleiche Arbeitsphilosophie: Denk nicht zu viel darüber nach, wie die Darsteller abliefern. Mach die Kostüme und schau, was sie damit anstellen. Die Menschen, die mit WoodRocket drehen, wissen, worauf sie sich einlassen.

Darstellerin Rizzo Ford ist eine davon. Ihre Rolle als Dikachu in Strokémon XXX ist unvergesslich. Sie sieht aus wie eine überfahrene Cartoon-Maus. Sie hat einen leichten Buckel. Der gelb-schwarze Latexklumpen in ihrem Gesicht versperrt ihre Nase. Sie kann nur noch durch den Mund atmen. Ihre Augen bekommt sie nicht mehr ganz auf.

"Dikachu! Dikachu, Dikachu", ist das einzige, was sie sagt. Als sie und Szenenpartnerin Fisty – das Schamhaar passend zu ihren restlichen Haaren neonorange und zu einem dünnen Streifen gestutzt – anfangen, Gash einen zu blasen, mache ich mir ernsthaft Sorgen, ob Ford genug Luft bekommt.

"Für mich sollten Comedy und Porno Hand in Hand gehen", sagt Ford. "Sex ist albern. Wir machen ständig komische Geräusche mit unseren Mündern und Körpern. Dinge, die uns peinlich sind, wenn sie uns mit neuen Sexualpartnern passieren, werden so normalisiert."

Obwohl Ford mehrmals duschen und baden musste, bis das gelbe Make-up runter war, würde sie jederzeit wieder mit WoodRocket drehen.

Von oben nach unten: Aladdick, Dragon Boob Z, Mr. Rimjob's Neighborwood, The Loin King, Red Dead Erection

Als der WoodRocket-Gründer Myers den Darsteller Will Tile für Aladdick in die Maske schickte, ging dieser davon aus, dass "die mich nur ein wenig aufhübschen". Stattdessen wurde er eine halbe Stunde lang von der Hüfte aufwärts hellblau angesprüht.

Tile, der erst 2018 ins Pornogeschäft eingestiegen war, hatte ursprünglich gedacht, dass er "einer dieser großen, einschüchternd aussehenden Schwarzen Darsteller" werde – eine Rolle, die ihn in der Branche quasi anonym gemacht hätte. Aber Aladdick änderte alles. "Danach war alles im Arsch", sagt Tile.

Jetzt kann er kaum noch bei einem Set auftauchen, ohne dass ihn jemand auf seine Rolle als Genie, Bulle, Simba oder als Reptilienkreatur aus Ten-Inch Mutant Ninja Turtles anspricht.

Sogar seine Mutter hat Tile schon blau und halbnackt in einem Porno gesehen.

Tile ist Ex-Marine und Ex-Waldbrandbekämpfer. Zurzeit lässt er sich zum Notfallsanitäter ausbilden. Bei seinem Pornodarstellerjob muss seine Familie das erste Mal nicht um sein Leben bangen.

Temperaturen von knapp 40 Grad machen den Pornosex in aufwendigen Kostümen zur sportlichen Höchstleistung.

"Zwei Jahre lang hatten sie Angst, dass ich in einem Sarg zurückkomme – wenn überhaupt. Und als ich als Brandbekämpfer anfing, hatten sie Angst, dass ich verbrenne oder stürze und sterbe", sagt er. "Jetzt war ihre Reaktion: 'Oh, Pornos? Ja, das ist OK.'"

Tommy Pistols erigierter Penis ragt aus einem grünen Spandex-Ganzkörperanzug hervor. Er stöhnt unter einer massiven Alienmaske und zittert erregt mit seinen labberigen Gummifingern, während April O'Neil und Lauren Phillips ihn und sich gegenseitig befummeln und liebkosen. Alien-Pistol liegt auf einem Operationstisch. Seine Drehpartnerinnen sehen aus, als wären sie gerade vom Coachella-Festival gekommen, komplett mit Glitzer im Gesicht.

Pistol und Myers sind Freunde, seit sie sich 2010 beim Dreh einer _Sex and the City_-Parodie für New Sensations kennenlernten. Seitdem hat der Pornodarsteller in etlichen von Myers Filmen mitgespielt, oft in gänzlich unerotischen Ganzkörperkostümen.

Was den Dreh erschwert: WoodRockets Studio befindet sich in der Wüstenstadt Las Vegas. Weil sie zu laut ist, muss die Klimaanlage während der Drehs ausbleiben. Temperaturen von knapp 40 Grad machen den Pornosex in Ganzkörperbemalung und aufwendigen Kostümen zur sportlichen Höchstleistung.

"Ich war voll dabei, als ich merkte: Ich bin kurz davor, ohnmächtig zu werden", erinnert sich Tile an seine Rolle als Simba in The Loin King. Er und Darstellerin Kira Noir trugen beim Dreh dicke Fellmützen und Handschuhe. "Ich dachte mir nur, OK, ich werde am Pornoset zusammenbrechen. So sieht also mein Ende aus." Aber er hielt durch und drehte die Szene fertig. Trotz dieser Erfahrung will er unbedingt weiter mit WoodRocket drehen.

Auch Kleber und Farbe kommen bei den Studiotemperaturen an ihre Grenzen. Bei Dragon Boob Z mussten sie einige Einstellungen mehr als fünfmal drehen, weil sich die Kostüme zu lösen begannen. "Gerade wenn ich mitten im Orgasmus oder kurz davor war, hieß es öfter 'Cut! OK, gleiche Intensität. Uuuund los!'", erinnert sich Martinez. Das sei nicht nur körperlich, sondern auch mental anstrengend gewesen.

"Ernsthaft, das rettet mir nach so vielen Jahren im Geschäft den Verstand." – Tommy Pistol

"Wir wissen, dass es nicht leicht ist, egal, wie sehr man sich anpasst", sagt Holly Myers. Sie ist Lee Roys Frau und steht seit Kurzem auch hinter der Kamera. "Porno ist nicht wie echter Sex. Es geht darum, seinen Körper so zu positionieren, dass Kamera und Licht freie Bahn haben. Jemand hat es mir mal als 'um die Ecke ficken' beschrieben."

Aber es braucht auch besondere Darstellerinnen und Darsteller, die unter solchen Umständen trotzdem gut arbeiten können. Pistol sagt, Sex in diesen Kostümen fühle sich "absurd natürlich" für ihn an. "Ernsthaft, das rettet mir nach so vielen Jahren im Geschäft den Verstand", sagt er. "Lachen ist meine Therapie. Mir ist schon klar, dass nicht jeder beim Wichsen zu Hause loslachen will. Aber Comedy-Pornos reißen Grenzen ein."

Natürlich gibt es Menschen, die die WoodRocket-Seite besuchen, weil sie ihren Lego-Fetisch befriedigen wollen. Doch Humor war immer schon ein Teil von Pornos. Sex macht Spaß und ist oft selbst spaßig.

"Humor und Pornos haben viele Gemeinsamkeiten", sagt Sexhistorikerin Hallie Lieberman. "Das Ziel von beiden ist, eine körperliche Reaktion auszulösen: einen Orgasmus oder Gelächter."

Und wie sieht die Zukunft für das Studio aus? Myers sagt, es gebe nur drei Dinge, die er nie machen werde: eine Parodie, die absichtlich nach unten tritt, also auf Schwächere; Filme, in denen die Figuren eindeutig minderjährig sind, und irgendwas mit Donald Trump. "Ich habe es so leid", sagt er. Das war es aber auch.

"Manche Leute lieben uns, andere hassen uns. Andere finden uns widerlich. Aber ich glaube, alle sind sich einig, dass wir ihnen ihre Kindheit versaut haben."

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