Niklas Liebetrau und seine Oma
Fotos: Annalena Thielemann
Menschen

Wie es ist, seine Oma während der Pandemie zu pflegen

Corona hat uns so nah zusammengebracht wie nie zuvor – aber was, wenn ich ihr das Virus ins Haus trage?
08 April 2020, 9:02am

Unter der Heizung in der Küche von Oma steht ein Glas Kakao. Ich kann es vom Spülbecken aus sehen, wie es da steht, ohne jeglichen Sinn. Kurz vorher fand ich ihre Lesebrille im Schrank zwischen den Konserven und die leere Kaffeekanne in der Mikrowelle.

Mit Plastikhandschuhen wasche ich die Reste von Nudeln von den Tellern. Es ist Nachmittag, zwischen weißen Gardinen mit roten Blumen scheint tief die Aprilsonne durchs Fenster. Marianne, meine Oma, sitzt hinter mir an ihrem winzigen Tisch. Bei der Lesebrille und der Kaffeekanne habe ich noch nachgefragt. "Ja, wer macht denn so einen Quatsch?", hat sie geantwortet und den Kopf geschüttelt. Ja, Omi, wer? Beim Kakaoglas frage ich nicht mehr.


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Oma ist dement. Sie kann sich nicht daran erinnern, ob sie etwas gemacht hat oder nicht und schon gar nicht warum. Auch heute noch, mit ihren fast 88 Jahren, ist sie eine große Frau, mit kurzem, grauem, schwungvoll gekämmtem Haar. Jeden Tag zieht sie sich allein an. Heute trägt sie eine Jeans und darüber eine blaue Fleecejacke. Die Schuhe schnürt sie im Stehen. Ihr Körper ist so beweglich wie der einer 60-Jährigen. Ihr Kopf wie der eines Kleinkindes.

"Guten Morgen" – Kuss-Emoji – "die Tagespflege von Omi ist ab morgen geschlossen" – Emoji mit genervtem Blick zur Seite. Am Mittwoch, dem 18. März erreichte mich um 08:51 Uhr diese Nachricht meiner Mutter.

Corona! Ich rief sie an und sagte, dass wir das schon hinkriegen. Seitdem fahren meine Mutter und ich jeden Mittag für drei Stunden zu Oma, immer abwechselnd. Wir bringen ihr Tupperdosen mit Gemüselasagne und gebratenen Wirsing, gehen spazieren, erzählen ihr von Dingen, die sie gleich wieder vergisst. Am Ende stellen wir ihr immer einen Kakao hin, den trinkt sie lieber als Wasser. Es ist für uns nicht weit zu ihr. Wegen Corona wohne ich im Haus meiner Mutter und sie bei ihrem Freund.

Zur Tagespflege geht Oma Marianne seit etwa zwei Jahren. Sie hat damit einen von rund 75.300 Tagespflegeplätzen in Deutschland. Die alten Menschen bekommen dort etwas zu essen, kriegen die Nachrichten vorgelesen, es wird gebastelt oder musiziert. Am Anfang ging Oma nur einmal die Woche, mittlerweile geht sie alle zwei Tage. Für sie ist das Struktur und geistige Fitness. Für meine Mutter ist es Entlastung. War es Entlastung.

Jetzt sind alle Tagespflegestätten in Berlin geschlossen. Wegen Corona ist bei der Pflege nun wieder die Familie gefragt. Und meine Mutter und ich stecken in demselben Zwiespalt wie wahrscheinlich viele in diesen Tagen: Eigentlich sollten wir uns von Oma fernhalten, um sie nicht mit einem Virus zu infizieren, von dem wir nicht wissen, ob wir ihn in uns tragen. Aber sie deswegen sich selbst überlassen? Wir fahren hin, mit Plastikhandschuhen und Desinfektionsmittel. Eine Atemschutzmaske haben wir nicht. Wir hoffen einfach, dass alles gut wird.

"Das find ich schön, dass du zu mir kommst. Du bist so lieb." So nett, so warm, so freundlich. Wie oft höre ich Sätze wie diese von meiner Oma in ihrer Sprache, die immer weniger Worte kennt. Ich weiß nicht, wie oft sie mich fragt, wo meine Mutter ist, wenn ich statt ihrer da bin. Oder sie spricht immer wieder von ihrem verstorbenen Mann, meinem Opa Teo.

"Kanntest du den auch?", fragt sie in rheinischem Singsang.

"Ja, natürlich", antworte ich und erzähle ihr, wie ich mit Opa Teo oft in den Wald gefahren bin, um Rehe zu füttern. Mit trockenem Brot, das meine Oma uns immer in einer Tüte mitgab. "Erinnerst du dich daran?", frage ich.

Sie nickt. "Nein, ich habe et mir irjenwo aufjeschrieben." Mit dem Finger zeichnet sie etwas auf das gehäkelte Tischdeckchen.

Ihre kleine freundliche Zwei-Zimmer-Wohnung ist penibel aufgeräumt. Sie putzt die fast 50 Quadratmeter allein, räumt alles weg. Meine Oma ist so ordentlich, dass sie auch schmutzige Handtücher fein säuberlich gefaltet in den Schrank legt. Automatismen einer vergangenen Zeit.

Oma weiß nichts von Corona. Sie weiß auch nichts von ihrer Tagespflege, oder davon, dass die geschlossen ist. Sie weiß nicht, dass ich erst vorgestern da war, oder dass es schon vier Jahre her ist, dass sie von Krefeld nach Berlin zog, weil dort nichts mehr war, was sie hielt. Sie weiß all das schon lange nicht mehr. Driftet immer weiter in ihre eigene neblige Welt. Und doch vergisst sie eine Sache in diesen Tagen nicht.

Nachdem ich abgewaschen habe, schlage ich ihr vor, einen Spaziergang zu machen. "Dürfen wir das denn jetzt überhaupt noch?" Sie schaut erschrocken. Und ich erstaunt. Hat sie das wirklich behalten? "Ja Omi, wir müssen aufpassen, wegen des Virus. Aber wenn wir nur zu zweit gehen und Abstand halten, ist das OK", sage ich. Sie nickt, steht auf und schaut aus dem Fenster auf die Straße. "Ich glaub, ich möchte das nicht, guck mal: Der Mann dahinten, der steht da die ganze Zeit und schreibt etwas auf." Ich trete zu ihr und sehe einen Jungen mit Mütze und weißen Kopfhörern im Ohr, er tippt etwas in sein Handy. "Nicht, dass du noch eins auf die Rübe bekommst", sagt sie und lächelt mich an.

Demenzkranke sind äußerst sensibel, wenn es um die Wahrnehmung von Stimmungen geht. Sie können sehr gut spüren, wenn jemand Angst hat oder nervös ist, und das verunsichert sie, obwohl sie den Grund nicht verstehen. Vielleicht spürt meine Oma meine unterschwellige Sorge. Denn ja, ich mache mir Sorgen.

Vor ein paar Tagen war in den Nachrichten zu sehen, wie Särge aus dem Wolfsburger Hanns-Lilje-Heim geschoben wurden. Mittlerweile sind dort 31 Demenzkranke an oder mit Corona gestorben, sicher werden es noch mehr. Auch meine Oma könnte in einem solchen Sarg liegen. Meine Mutter sagt oft: "Sie hatte ein wundervolles gelebtes Leben." Und dann stimme ich ihr zu. Aber wie wäre es jetzt, in dieser Zeit? Wenn sie stürbe und einsam begraben werden müsste, weil öffentliche Beisetzungen verboten sind? Würden wir uns Vorwürfe machen, weil wir es waren, die das Virus mit in ihre Wohnung brachten? Das kommt mir surreal vor. Meist kommen diese Gedanken, wenn ich im Auto auf dem Weg nach Hause sitze. Ich versuche, sie wegzuwischen. Gelingen tut es mir nicht immer.

Das erste Mal, als ich vor zweieinhalb Wochen bei meiner Oma klingelte, erkannte sie mich nicht. "Wer sind Sie? Was möchten Sie?", fragte sie und schaute barsch durch den Türschlitz. Es dauerte ein paar Minuten, bis sie verstand. Im Laufe des Nachmittags schwankte ihr Gesichtsausdruck zwischen Freude und Verdutzen. Einmal bot sie mir das Du an: "Also ich bin die Marianne." Davor hatte sie mich ein dreiviertel Jahr nicht gesehen.

Zu meiner Oma habe ich eigentlich ein sehr gutes Verhältnis. Ich hab sie lieb und sie mich auch. Besucht habe ich sie trotzdem selten. Warum? Ich habe eben wenig Zeit. Das wäre die einfache Antwort. Schwieriger ist es zu sagen: Ich hatte einfach keine große Lust, zu ihr an den Rand von Berlin zu fahren. Für sie war ja auch gesorgt. Und für mich gab es immer etwas Wichtigeres. Meine Oma würde doch eh alles wieder vergessen.

Als ich Anfang des Jahres Berlin verließ, aufbrach, um mit dem Journalismus durchzustarten, dachte ich, es könnte gut sein, dass ich sie nie wieder sehen würde. Es schmerzte mich, aber etwas daran geändert habe ich auch nicht, fand mich vielleicht sogar damit ab. Erst das Virus, das zu allen Menschen Distanz einfordert, hat uns wieder näher zusammengebracht. Vielleicht so nah wie nie zuvor.

Meiner Oma tut das extrem gut. Seit ich sie besuche, so scheint es mir manchmal, erinnert sie sich an mehr. Sie fragt nach meiner Freundin, obwohl sie sie nur zweimal gesehen hat, und wiederholt sich ein bisschen weniger oft. Wenn ich heute bei ihr klingele, erscheint da nicht das barsche Gesicht. Sie strahlt und sagt: "Mensch, du kommst aber oft." Für sie ist Corona ein Glücksfall. Jeden Tag verbringt ein Familienmitglied mehrere Stunden mit ihr. Davor war das nicht so.

Doch was ist, wenn es so nicht weitergeht? Es gibt nämlich auch die anderen Tage, an denen sich zeigt, dass diese Krankheit in Schüben kommt und geht. Heute rief mich meine Mutter an. "Omi ist wieder so tüdelich", sagte sie. Sie wolle sich nicht waschen lassen, sei richtig garstig gewesen. Das könne sie ja wohl noch allein, habe sie gesagt. "Wenn ich mir vorstelle, dass das noch bis September so gehen könnte ..." Ich höre Verzweiflung in der Stimme meiner Mutter.

Und dann sei auch noch das Wasser in den Blumenvasen ganz braun gewesen. Sie lacht. "Das ist auch schon fast wieder lustig, Omi hat den Blumen Kakao gegeben." Auch ich muss lachen. "Am besten begegnet man dem Ganzen wohl mit Humor", sage ich und überlege insgeheim schon, wo der Kakao morgen sein könnte. Wenn ich wieder zu Oma fahre.

Dieser Text ist in Kooperation mit der Reportageschule Reutlingen entstanden. Mehr Texte von den Schülerinnen und Schülern findet ihr auf vid-magazin.de.

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