Ein Ausflug nach Libyen: Blut und Monotonie in Ajadabiya

Es ist einfach, an einem Ort wie diesem seine persönliche Frustrationsgrenze zu erreichen. Wir haben gestern mindestens acht Stunden in einem Auto verbracht – und  heute noch mal vier. Wir sprechen mit Leuten, die eigentlich nur die politischen Phrasen ihrer jeweiligen Lager wiederkauen. Wir wohnen in Hotels, in denen auch die anderen Journalisten untergebracht sind und fahren dieselben Strecken, wie die anderen Journalisten auch. Es ist ein bisschen wie eine Pauschalreise. Wir versuchen Antworten und Erklärungen aus unserem Fahrer rauszukriegen, während wir uns Mühe geben zu enträtseln, was hier wirklich los ist und was die Libyer in Wahrheit denken. Das ist wie, als würden sich Touristen dem Ort, an dem sie gerade Ferien machen, verbundener fühlen, weil sie sich mal mit den Reiseleitern unterhalten haben. Der Unterschied, soweit ich das erkennen kann, ist, dass Thomas Cook keine Pauschalreisen anbietet, bei denen konstanter Kugelhagel und brennende Wrackteile inklusive sind.

Unser nächster Halt war das Krankenhaus in Ajdabiya. Ein Medizinstudent, der in dieser Notaufnahme-ähnlichen Einrichtung arbeitete, erlaubte mir, ein paar Fotos von dem Blut auf dem Boden zu machen – die Hinterlassenschaft zweier Unfallopfer. Einer erholte sich, der andere würde bald begraben werden. Der Medizinstudent erzählte uns, dass die Gaddafi-Loyalisten das Krankenhaus überfallen, und Patienten erschossen hätten. Dieselbe Geschichten waren auch durch den Irak gegeistert, als die Krise dort eskalierte. Wer verbreitet dauernd solche Geschichten? Ich habe keine  Zweifel daran, dass Gaddafis Schergen die Patienten und Angestellten in dem Krankenhaus schikaniert haben – aber mit welchem Grad an Gewalt?

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Ein Wachmann namens Mohammed Issa (übrigens ist “Issa” die arabische Übersetzung von Jesus) zeigte uns sein Bein, das einige Granatsplitter abgekriegt hatte. Es blieb unklar wann, wo und warum der Angriff stattgefand – oder ob die Geschichte des Medizinstudenten docht stimmt. Er sagte, er hätte Schüsse gehört. Ach, wirklich? Schüsse? Jetzt grade? In Libyen? Na, so was!

Uns wurde gesagt, dass es im Krankenhaus brechend voll und sehr chaotisch gewesen sei während der letzten zwei Wochen – aber während unseres Besuchs schien alles ruhig. Ich konnte sogar die Vögel draußen vor dem Fenster zwitschern hören. Zum Schluss machten wir uns auf den Weg in ein Zimmer, wo viele Leute zur Erholung untergebracht waren. Der Raum war in grünes Licht getaucht, das das getönte Glas und die Vorhänge durchdrang. Es sah irgendwie sakral und jenseitig aus – aber irgendwie war das alles auch enttäuschend. Ich wollte den Krieg fühlen, mit Übelkeit und allem. Ich wollte nicht die Art Krieg erleben, bei dem die Körper weggebracht werden, bevor ich am Ort des Geschehens ankomme. Immer wenn ich Typen in grün zur Treppe rennen sah, war ich in höchster Alarmbereitschaft – aber dann passierte nicht wirklich etwas.

Der Junge, der auch Granatsplitter in seinem Bein hatte, erzählte uns, dass er getroffen wurde als er Wasser zu einigen lokalen Rebellen bringen wollte. Er hätte auch immer die Sandwiches für sie gemacht. Er saß da und starrte die Wand in dem grün-gebadeten Raum an. Ein kleines Mädchen saß auf dem Bett neben ihm und sah verweint aus. Ihr Bruder und Cousin hatten eine Granate gefunden – von der sie dachten sie sei entschärft – und damit gespielt. Sie lagen falsch. Ihr Bruder starb und sie hatte Granatsplitter in der Brust. Getrocknetes Blut klebte an ihrem gelben Shirt. Sie zupfte ihren geblümten Hijab zurecht und sah aus, als würde sie jeden Moment weinen, während sie langsam mit uns sprach. Ein paar Minuten später beschlossen wir zu gehen.

Unten kamen die Verletzten an. Ich stand an der Tür, als mein Journalisten-Kollege mit einigen Männern sprach. Ein mental eingeschränktes Kind tauchte neben mir auf und zog die Flasche Wasser aus meiner Tasche. Ich holte mir die Flasche reflexartig zurück – aber dann gab ich sie ihm doch wieder. Sein Vater wollte sie ihm weg nehmen um sie mir zu geben, aber der Junge fing an zu schreien. Ich gab ihm zu verstehen, dass er sie behalten solle. Die Rebellen in Tarnanzügen, die in der Nähe standen, sahen mich erst skeptisch an – aber als sie meine Handzeichen verstanden, nickten sie. Das Kind gab mir die Flasche Wasser zurück und ich gab sie seinem Vater. Noch einmal nickende Zustimmung um uns herum.

Nichts davon macht Sinn, sagte der ältere Journalist neben mir.

Als wir das Krankenhaus räumten, sah ich kurz einen Typ mit Kopfverletzung. Ich schlief den ganzen Weg zurück.

Fotos und Text: Jeremy Relph

Zuvor auf Viceland erschienen:

EIN AUSFLUG NACH LIBYEN: DIE GRENZE

EIN AUSFLUG NACH LIBYEN: BENGASI

EIN AUSFLUG NACH LIBYEN: DIE GEFANGENEN

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