Ein Ausflug nach Libyen: Der vollständige Rückzug

Wir haben heute das Hotel verlassen, weil überall Gerüchte zu hören waren, dass sich die Front um Ajdabiya verschoben hatte. Gerüchte sind hier an der Tagesordnung. Wir hörten libyschen Metal und die Nationalhymne. Im Kofferraum hatten wir zwei Benzinkanister und das war ein sehr beruhigendes Gefühl. Als wir die Stadt erreicht hatten, buchten wir ein Hotel und fuhren weiter.

Ein Freund hatte letzte Nacht angerufen und mir gesagt, dass in Ras Lanuf Scharfschützen auf ein paar Journalisten gefeuert hatten, als sie an diesem Morgen das Hotel verlassen wollten. Die Frontlinie verläuft jetzt irgendwo östlich zwischen Ras Lanuf und Brega. Ich bin froh, dass wir rechtzeitig rausgekommen sind. Unsere neue Herausforderung ist, die sich ständig verändernde Frontlinie im Auge zu behalten, da wir uns sonst in ernsthafte Gefahr bringen würden, direkt in einem Gaddafi-Checkpoint zu landen. Ich nehme grün (Gaddafis Farbe) mittlerweile als Warnung, verdammt schnell die  Richtung zu wechseln.

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Wir fuhren nach Brega – eine Geisterstadt. Da waren keine Rebellen, keine Checkpoints und wir konnten absolut nicht sagen, wo die Frontlinie sein könnte. Als die ältere Journalistin sagte: “Ich muss einfach dahin”, hätte ich mich gern zu ihr nach vorne gelehnt, um ihr auf den Kopf zu hauen. Aber irgendwas muss sie wohl richtig machen – sie war schon in vielen Kriegsgebieten – läuft aber immer noch herum und sucht den nächsten großen Konflikt.

Wir fuhren an den Fernsehjournalisten in ihren blauen Spitterschutzwesten am westlichen Tor von Brega vorbei. Rebellen sagten, sie hätten Explosionen in Al-Uqayla gehört, der Stadt, die gerade vor uns lag. “Wo ist Sarkozy?”, fragte einer der Rebellen. Die Rebellen hier haben vielleicht zu wenig Training und Waffen, aber sie haben wahnsinnig viel Enthusiasmus. Die ältere Journalistin fragte, ob ich in klarkommen würde und bereit wäre, weiter zu machen. Ich murmelte etwas in mich hinein und wir fuhren weiter.

Krankenwagen, gefolgt von Pick-ups, ausgestattet mit Maschinengewehren, zogen an uns vorbei, als wir Richtung Osten unterwegs waren. Ich wollte nicht weiter fahren aber umdrehen wollte ich auch nicht. Ich war sehr misstrauisch geworden, als es darum ging, anzuhalten und mit den Rebellen da draußen zu sprechen – aber das war genau das, was wir taten. Es war fast eine Art Schwanz-Vergleich mit der älteren Journalistin – und es war die ganze Zeit ziemlich offensichtlich, dass sie einen besonders großen abgekriegt hatte.

Die Rebellen redeten auf die gleiche Weise, wie all die anderen, die wir bisher getroffen hatten: “Wir können sie nicht sehen –  aber wir hören die Bomben”, sagte Tahar Araft.

Raketen flogen Richtung Süden durch die Wüste und schlugen hinter uns ein. Eine weitere Gruppe Fahrzeuge fuhr zurück Richtung Osten an uns vorbei und blockierte dabei beide Seiten der Straße. Wir sprachen mit einigen spanischen Fotografen, die Gaddafis Truppen ca. 15 km von uns entfernt vermuteten, sodass ihre Bomben und Raketen im Umkreis von ca. drei km Entfernung um uns herum landen würden. Die Bomben waren laut und die Rebellen wichen auf ganzer Linie zurück. Die Begeisterung und der Glaube daran, dass die Rebellen bis nach Sirte vorrücken könnten, war zerschlagen. Ein Rebell rief uns aus dem Fenster zu, dass wir uns zurückziehen sollen. Wir rannten zurück zum Wagen und diskutierten, wer die Splitterschutzweste und den Helm als nächster tragen sollte. Wie immer wollten wir sie dem Fahrer geben, aber er wollte nicht.

Zu diesem Zeitpunkt fuhr niemand mehr nach Westen. Wir fuhren in einer Kolonne, die auf einer zweispurigen Straße mit 100 km/h nach Osten unterwegs war. Wir fuhren an Brega vorbei. Die Rebellen verloren erschreckend schnell an Boden. Ich musste pinkeln, also dachte ich an die beiden Hotelzimmer, für die ich heute Nacht bezahlte hatte, um meinen überladenen Kopf von meiner vollen Blase und den ganzen anderen unangenehmen Sachen abzulenken.

Ajdabiya war zur neuen Rückzugsposition geworden. Wir hielten an und sahen einen Blitz mit lautem Krach auf einer Anhöhe, ca. drei Kilometer entfernt. Gaddafis Truppen schienen sich im gleichen Tempo zu bewegen wie wir. Wir rasten in die andere Richtung zurück.

Ich verlor wahnsinnig schnell den Gefallen an dem ganzen Scheiß hier. Ich sah einen Pick-up, der am Straßenrand geparkt war. Daneben kniete ein Mann und betete in Richtung Wüste. Direkt neben ihm pinkelte ein Kind an einen Stacheldrahtzaun.

Als wir wieder im Hotel in Ajdabiya angekommen waren, sprach ich mit einer Journalistin von Al-Jazeera. Sie beschrieb, wie es ist, ins Kreuzfeuer zwischen Rebellen und Loyalisten zu geraten. Sie lag auf dem Boden ihres Vans und verfluchte ihren Job: “Warum machen wir das?”, fragte sie.

Wir aßen kalte Hühnchen-Sandwiches und matschige Pommes im Hotel. Der Fahrer fuhr los um Benzin zu organisieren und ich legte mich eine Weile hin. Es gab keinen Strom, aber die ältere Journalistin spielte immer noch geistesabwesend mit ihrem Fernseher. Sie dachte darüber nach, noch mal für eine Weile zurück zur Front zu fahren – aber dann kam doch wieder Strom aus der Steckdose. Ich sah mir irgendwas über Drake und Nicki Minaj an – Drakes schockierend dünner Haaransatz, Minajs beeindruckende Brüste und ihren schwingenden Kopf.

Ich war fast eingeschlafen, als ich Stimmen aus dem Flur hörte. Journalisten verließen das Hotel. “Sie sind an den westlichen Eingängen”, sagte ein Typ während er seine Ausrüstung vorbeischob. Wir packten unser Zeug und gingen nach draußen. Rückzug war offensichlich die einzige Option.

Zuvor auf Viceland erschienen:

EIN AUSFLUG NACH LIBYEN: BLUT UND MONOTONIE IN AJDABIYA

EIN AUSFLUG NACH LIBYEN: DIE GEFANGENEN

EIN AUSLFUG NACH LIBYEN: BENGASI

EIN AUSFLUG NACH LIBYEN: DIE GRENZE

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