Ein Ausflug nach Libyen: Parkplatzparty in Ben Jawad

Kriegsjournalismus ist ein bisschen wie surfen: 99% auf’s Meer rauspaddeln und dann 1% auf der Welle reiten, die dich jederzeit zerschmettern kann. Die neueste Gerüchte besagen, dass Gaddafis Heimatstadt Sirte bereits gefallen ist. Die ganze Horde Journalisten rannte also aus ihren Hotels. Im Moment ist alles möglich, ein guter Grund, mir doch noch Helm und Splitterschutzweste zu organisieren. Komischerweise tragen fast immer nur die Fernsehjournalisten solche Schutzkleidung. Vielleicht suchen sich die Print-Typen den einfacheren Weg in ihrem harten Geschäft – oder TV-Journalisten stehen einfach auf die Ausrüstung und den dramatischen Effekt, während sie eingeschüchtert vor der Kamera posen. Die älteren Journalisten, mit denen ich unterwegs war, boten ihre Ausrüstung deshalb dem Fahrer an. Es ist fast immer die Person, die Reporter durch’s Land fährt, die am Ende erschossen wird.

Mein Freund, der mich während des Trips begleitetet hatte, war heute nicht mit dabei. Er packte seine Sachen, kam zum Wagen, ging noch mal für irgendeinen Scheiß meditieren und in sich, und kam dann zurück. “Nein”, sagte er, und schüttelte den Kopf, während er seine Tasche wieder aus dem Geländewagen zog. Er hatte ordentlich Angst. Er war fast die ganze Nacht wach geblieben und hatte versucht, den Grund für die ungewöhnlich vielen Schüsse und Leuchtsignale in Bengasi rauszufinden. Wahrscheinlich gab es gar keinen Grund – aber damit fühlte er sich auch nicht wirklich besser.

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Wir ließen Ajdabiya gerade hinter uns als wir merkten, dass wir kaum noch Benzin hatten. Also drehten wir um und reihten uns vor einer Tanksäule ein. Das Benzin gibt es fast umsonst – du musst nur einen Ort finden, an dem du das Zeug nicht mit der Hand aus einer Wanne schaufeln musst. Wir tankten auf und machten uns endlich auf den Weg. Es war sonnig. Wir sahen endlos viele Typen in Tarnanzügen und jede Menge lächelnder Teenager, die uns mit dem “V” Zeichen begrüßten.

Wir erreichten unser Ziel, das El Fadeel Hotel in Ras Lanuf. Unser Mittelsmann hatte uns gesagt, er hätte dort gewohnt als es von Rebellen  übernommen worden war. Es war ein Schlachtfeld: zerschmetterte Fenster, arabische Graffitis an den Wänden, Typen in abgerissenen Tarnanzügen liefen mit ihren Waffen herum. Wir bahnten uns unseren Weg nach oben in den zweiten Stock und zogen in ein Zimmer mit Meerblick. Es gab keinen Strom aber die Toilettenspülung funktionierte, Gott sei dank.

Auf dem Weg nach draußen trafen wir einen 23-Jahre alten Typen namens Mohammed, der gerade auschecken wollte. Er kam aus San Francisco aber sein Vater war halb Ägypter und seinen Mutter halb Libyerin. Mohammed erzählte uns, dass er sein Auto verkauft und Kontakte zu AP und CNN hergestellt hatte, bevor er in das nächste Flugzeug gesprungen war als die Lage in Libyen ausser Kontrolle geriet, weil er sich dem Land seiner Mutter verbunden fühle. Er erzählte auch, dass  er sich mit einem französischen Kollegen (der nach seiner Beschreibung eine schrecklicher Nervensäge gewesen sein musste) direkt in einen Hinterhalt manövriert hatte. Sie wollten die vorhin erwähnten Gerüchte über Sirte in Nafoora überprüfen, was direkt oberhalb von Ben Jawad liegt. Als sie die Stadt erreicht hatten, sahen sie viele grüne (pro-Gaddafi) Flaggen und dann wurden sie aus zwei Richtungen mit Raketen, Kugeln und Granatwerfern beschossen. Sie sind aus dem Wagen gesprungen und gerannt. Als sie später wieder zum Auto kamen, waren die Fensterscheiben voller Einschusslöcher. Mohammeds Story reichte nicht aus, um uns abzuschrecken – wir beschlossen loszufahren und in der Nähe des Ortes anzuhalten, wo er in Schwierigkeiten geraten war.

Später kamen wir zu irgendwas, das wie ein Checkpoint des Ben Jawad Hospitals aussah. Dann stellte sich heraus, dass es eine Rebellen-Parkplatzparty war. Wie üblich wurden willkürlich und konstant Waffen abgefeuert. Die Rebellen riefen “Allahu Akbar” in die Kamera, ein Junge in einem Leihwagen fuhr am Checkpoint vorbei und parkte in einem Müllberg neben der Straße. Sobald er aus dem Auto sprang, wurde er von einem anderen Jungen, der den Checkpoint besetzt hatte, gejagt. Es war wie eine Prügelei nach der Schule – nur, dass jeder eine AK-47 hatte. Einige Schüsse wurden abgefeuert und jeder schubste jeden herum. Es war ein Haufen falscher Rebellen, die sich nur aufzuspielen wollten. Ich machte ein paar Fotos und ging zu einem brennenden Bus. Ich hatte keine Ahnung, wie oder von wem er in Brand gesteckt worden war – es interessierte mich auch nicht. Die Hitze war angenehm und die Flammen züngelten in einem hübschen orange.

Wir fuhren bald nach den Krawallen zurück. Als wir im Hotel ankamen, waren die Leute gerade dabei abzureisen. Es war dunkel und die Rebellen führten sich auf wie Hooligans. Ich sah einem Kerl zu, der einen Fernseher aus dem Hotel trug. Sehr negative Schwingungen begleitete unsere Journalisten-Kollegen, während sie einer nach dem anderen das Hotel verließen. Die älteren Reporter wiesen uns an auch zu gehen. Dann merkten wir, dass wir nicht genug Benzin hatten, um es bis nach Ajdabiya zu schaffen. Anfängerfehler.

Wir hatten schon unsere Rucksäcke, Kekse und Wasserflaschen im Wagen verstaut aber dann merkten wir, dass der Tank fast leer war, und mussten in unsere Zimmer zurück. Einer der Rebellen hielt ein Huhn kopfüber an den Beinen. Es schrie den fiesen Hühner-Todesschrei, bevor er ihm die Kehle durchschnitt. Das Blut tropfte ins Foyer und floss auf den Gehweg. Ich weiß nicht, warum er das nicht hätte woanders machen können. Irgendwo außerhalb meiner Sichtweite zum Beispiel.

Ein Fotograf unterhielt sich mit mir über die schwächelnde Frontlinie und die ganzen Idioten mit Gewehren. Einige davon wollten mit der älteren Journalistin Grass rauchen. Der Fotograf dachte, sie wollten mit ihr ein Baby machen. Dann schoss irgendjemand ein paar Leuchtsignale in den Himmel – sie sahen aus wie Sternschnuppen, als sie wieder herunter kamen. Noch mehr Macho-Angeberei. Drinnen hörte ich, wie von einigen der falschen Rebellen Glas zerschmettert wurde. Die Sache wurden langsam hässlich.

Ich machte mir ein kleines bisschen Sorgen und rief meinen Bruder von einem Satellitentelefon aus an. Er war auf der Arbeit. Wir unterhielten uns eine Weile und er betete für mich. Ich legte auf und fühlte, wie mir die Angst zu Kopf stieg. Ich sagte mir, das sei alles nur Einbildung – und, dass Jesus bei mir wäre. Ich ging zurück ins Auto und kämpfte gegen den Wunsch an, den Fahrer zu schlagen, weil er so entspannt war, und die ältere Journalistin zu erwürgen, weil sie sich beschwerte, dass sie ihren Bericht nicht eher würde schreiben können.

Zum Glück tat ich es nicht und sie schaffte es, uns etwas Benzin zu besorgen. Wir holten noch einmal unser Zeug aus unseren Zimmern und sahen zu, dass wir endlich von hier wegkamen. Wir waren mehrere Stunden von der Zivilisation entfernt – aber irgendwie verschwand meine Angst wieder und ich träumte von dem Hamburger, den ich auf dem Weg nach Bengasi gegessen hatte. Es war nicht mal ein wirklich guter Hamburger – aber das war egal.

Wir fuhren an einem großen Feuer am Straßenrand vorbei, das aussah, als käme es direkt aus dem Boden. Die Flammen leuchteten orange und die Rebellen lagen in Decken eingewickelt um das Feuer herum. Überraschenderweise ballerte niemand wie wahnsinnig in die Luft. Was auch immer passieren würde – morgen werden wir nicht zur Frontlinie fahren – aber wir werden es bald noch mal versuchen.

Zuvor auf Viceland erschienen:

EIN AUSFLUG NACH LIBYEN: DER VOLLSTÄNDIGE RÜCKZUG
EIN AUSFLUG NACH LIBYEN: BLUT UND MONOTONIE IN AJDABIYA
EIN AUSFLUG NACH LIBYEN: DIE GEFANGENEN
EIN AUSLFUG NACH LIBYEN: BENGASI
EIN AUSFLUG NACH LIBYEN: DIE GRENZE

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